Eine, aber nicht alleine: #staythefuckstrong

meinung

von Katrin Anna

Ein-Eltern-Familie in Zeiten von COVID19. Wie mache ich das und wie geht’s mir?

Ich bin stinkwütend.

Ich gehe einkaufen und sehe Frauen, die im Supermarkt und in der Apotheke arbeiten. Ich telefoniere mit der Lehrerin des Kindes, die erzählt, dass nur wenige Kinder in der Betreuung sind, die, deren Mütter (!) im Krankenhaus oder im Einzelhandel arbeiten. Ich spreche mit einer Bekannten, die bei einer Helpline arbeitet und deren Leitungen nie aufhören zu klingeln (häusliche Gewalt). Ich sitze alleine mit meinem Kind in der innerstädtischen Innenhofwohnung ohne Balkon und rotiere.

Ich habe schon Nackenschmerzen über die Unvorbereitetheit nicht nur meines Arbeitgebers und danke ihm gleichzeitig von Herzen, denn ohne Home Office oder mit technisch richtig gut ausgestattetem Home Office, mit Videocalls oder Firmenhandy, könnte ich gar nicht mehr arbeiten. Wie auch. Kund*innengespräche während ich Kinderlieder singe, Tiergymnastik mache oder Bügelperlenbilder lege? Undenkbar. Von unterrichten rede ich da noch gar nicht, aber zum Glück unterrichtet sich das Kind bisher tatsächlich selbst. Ich schreibe Mails, übernehme für Kolleg*innen To Dos, schreibe Prozessabläufe neu, strukturiere, wasche die Wäsche, das Geschirr und zuletzt auch mich. Ich unterhalte, baue auf, gebe Hoffnung, stärke. Ich verbinde. Abläufe und Menschen. Ich organisiere so viele Gesprächskanäle mit Kolleg*innen ebenso wie Freund*innen, wie möglich. Weil Krise bei mir Dauerzustand ist und ich daher so richtig gut darin. Weil ich vor Einsamkeit jetzt schon einzugehen drohe. Und weil viel zu viele nicht sehen, wie schnell diese Einsamkeit da ist und daher nicht so schnell auf die Idee kommen, dagegen etwas zu tun.

Ich ignoriere die grantigen Blicke der Hipstertypen, die durch die Straßen radeln, wenn ich mich einmal, ein einziges Mal diese Woche mit einer anderen ebenfalls 100% Alleinerziehenden am Donaukanal treffe, damit wir nicht nur via Messenger mit einer anderen Person sprechen können, die nicht 7 Jahre alt ist.

Ich schaue aus dem Innenhoffenster und sehe/höre andere Mütter, die Fenster putzen, das Telefon am Ohr (ein Arbeitsgespräch), das Kind dahinter im Zimmer. Ich schreibe mit anderen Eltern in einer Gruppe, in der darüber diskutiert wird, dass sie jetzt zur Sicherheit nicht mehr im Garten spielen, das Haus sei ja groß genug und es sei schlicht unverantwortlich, wenn sie andere sehen, die noch unterwegs sind, selbst zum einkaufen, es würde ja schon lange angeraten, Vorratshaltung zu betreiben. Ich danke mir und dem einen Vermieter, der mir eine Wohnung gegeben hat für das unfassbare Timing des Wohnungswechsels, denn die alte wäre sehr klein und von Schimmel befallen gewesen.

Ich danke mir auch für das unfassbare Timing des Jobwechsels, denn mein jetziger ist zum Glück gut abgesichert, im Gegensatz zum alten, prekären, emotional herausfordernderen im Sozialbereich. Während viele andere jetzt ihren Job los sind und zusätzlich zu all dem oben in ihren noch (viel) kleineren Wohnungen alleine mit Kind/Kindern sitzen und nicht einmal mehr wissen, wie sie die nächste Miete zahlen sollen.

Ich lächle, wenn ich lese, dass hochrangige Politiker*innen jetzt mit Streamingdienstvorständen verhandeln, dass die Datenqualität heruntergefahren wird, da die Netze überlasten und Leute darob ausrasten. Denn alles. Aber bitte nicht Netflix! Und dennoch wundere ich mich, wenn ich in Facebookgruppen im besten Fall Unverständnis ernte ob meiner Frage, wie mit Kindern die aktuelle politische Ausnahmesituation besprochen wird. Wenn der überbordende Klassismus und Autoritarismus dieser Tage nicht einmal ansatzweise problematisch, von manchen überhaupt nicht wahrgenommen wird.


Ich bin solidarisch. Ich bleibe zuhause. Aber wenn ich noch ein einziges Mal
#staythefuckhome insbesondere von einem männlichen und/oder auch sonst privilegierten Menschen lese, kann ich für nichts mehr garantieren.

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Katrin, *1980, ein Kind (*2012), leben seit Beginn der Schwangerschaft zu zweit. 40+ Stunden-Job im Sozial-/Bildungsbereich. Schreibt, wenn sie nicht während dem Vorlesen einschläft und wäre gerne auch im offline Leben wieder politisch aktiver.

Beitragsbild (c) Katrin Anna

Hier gibt es mehr von #eineabernichtalleine auf umstandslos.

One Reply to “Eine, aber nicht alleine: #staythefuckstrong”

  1. Stephanie sagt:

    Endlich. Danke!
    Diese ewigen “Wie schön, ich lern endlich mein Kind besser kennen”-Artikel in den Zeitungen sind kaum auszuhalten.
    Ich rotiere ebenso. Mit 2 Kleinkindern und Mann, beide im Homeoffice. Mein Respekt vor AlleinerzieherInnen ist in dieser Zeit noch größer.

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