Mein Körper nach der Geburt und die ständige Suche nach Selbstliebe

meinung

von Lisa

Aufstehen, Kind wickeln und schnell noch einen Kaffee trinken. Wir sind schon wieder zu spät für den Kindergarten. Also hopp, hopp. Ich ziehe mich an und da ist wieder dieser Moment:

Die Hose geht nicht zu.

Und auch sonst sieht es eher ungemütlich aus in meinem Kleiderschrank. Ich schau in den Spiegel und sehe all die „Fehler“ an meinem Körper. Mein Selbstwert-Gefühl verkriecht sich hinter das Bett. Egal. Meine Tochter schaut mich an und sofort fühle ich mich schuldig.

Warum bekomme ich das einfach nicht hin mit der Selbstliebe und der Selbstakzeptanz?

Ständig sitzt die innere Kritikerin auf meiner Schulter und flüstert mir ins Ohr „Du bist nicht gut genug.“ Dabei möchte ich meiner Tochter doch ein ganz anderes Bild vermitteln. Ich möchte, dass sie einmal davon überzeugt ist, jeder Mensch ist auf seine Art schön. Die Schönheitsbilder, die wir vermittelt bekommen, sind ein Konstrukt. Es gibt andere Werte, die viel bedeutender sind. Und in allem kann man etwas Schönes sehen. An manchen Tagen funktioniert das auch. Da tanzen wir im Wohnzimmer und ich fühle mich mit Jogginghose und fettigem Haar wohl in meiner Haut. Aber an anderen Tagen bin ich ganz weit weg von den Konzepten „Body Neutrality“ oder „Body Positivity“. Es sollte mir egal sein, wie ich aussehe. Ich möchte meinen Fokus darauf legen, gegen diese Normen anzukämpfen. Nach wie vor werden wir ständig mit absurden Schönheitsidealen konfrontiert. Vor allem Frauen werden weiterhin objektiviert und durch hegemoniale Körpernormen definiert. Wir sollten viel mehr offenlegen, wie menschenverachtend, sexistisch und verletzend dieses System ist.

Auf Mütter ist der Druck besonders groß.

Von Frauen mit Kind(ern) wird erwartet, dass sie liebevolle Mütter sind, den Haushalt meistern, Karriere machen und dabei natürlich noch gut aussehen. Das Konstrukt der „MILF“ der „Mother i‘d like to fuck“ ist eine eigene Kategorie auf Pornoseiten. Ganz nebenbei sollen Frauen den Spagat zwischen heiliger, unschuldiger Mutter und attraktivem Sexsymbol beherrschen. Dass der Alltag mit Kind stressig genug ist, und man meistens andere Sorgen im Kopf hat, ist klar. Dennoch nagt dieses Bild ständig an mir. Ich möchte trotzdem noch gesehen werden.

Im idealen Körper?

Als ich unerwartet schwanger wurde, habe ich mir nicht viele Sorgen über meinen Körper gemacht. Auch in Bezug auf die körperlichen Veränderungen durch die Schwangerschaft dachte ich mir: irgendwie wird das schon. Nach der Geburt, mit einem Notfallkaiserschnitt, erwartete mich dann folgende Realität: Eine fette Narbe am Bauch, 17cm lang und schief.

Durch das Stillen hängen meine Brüste, die Haut wurde komplett ausgeleiert. Mein Bauch zeigt dieselben Streifen und Dellen wie der Oberkörper. Selbst meine Arme sind während der Schwangerschaft dicker geworden und die Haut hängt jetzt herunter. Mein Becken ist breiter geworden und so geblieben. Durch die hormonelle Veränderung bekam ich Haarausfall. Oft hatte ich ganze Büschel in der Hand. Heute wachsen oft graue nach. Insgesamt wiege ich 10 kg mehr als vor der Schwangerschaft.

Das Konzept der Selbstliebe ist ein schönes Konzept, aber es übt auch zusätzlich Druck auf Frauen aus.

Nach einem Unfall oder einer anderen körperlichen Verletzung würde niemand erwarten, dass diese spurlos an uns vorübergehen. Warum sind wir bei Schwangerschaft und Geburt so viel kritischer? Neben den normalen Alltagswahnsinn mit Kind, bleibt selten Zeit für mich. Als ich mich im Herbst dazu entschied, dreimal die Woche zum Crossfit zu gehen, waren die Meinungen durchwachsen. Viele meiner Freund*innen ermutigten mich dazu, andere Stimmen fanden mein Verhalten sehr egoistisch als Mutter. Natürlich hat nicht jede Frau diese Ressourcen neben einem Kind. Vor allem am Anfang hab ich sehr zurückgesteckt. Hauptsache meinem Kind geht es gut. Meine Tochter ist jetzt 16 Monate alt und ich sehe bei weitem nicht mehr so aus wie vor der Schwangerschaft. Die Narbe und die Streifen machen mir weniger Sorgen. Doch Tatsache ist, in viele meiner Lieblingskleidungsstücke passe ich auch 16 Monate nach der Schwangerschaft nicht mehr rein. Und wahrscheinlich werden mir diese Hosen auch nie wieder passen.

Ich komme mir vor als wäre ich in einer zweiten Pubertät.

Körperliche Veränderungen nach einer Geburt sind tiefgreifender als das Konzept „After-Baby-Body“ suggeriert.“ schreibt Josephine Apraku im Missy Magazine und ich finde mich in diesem Satz wieder. Ich muss mich selbst wieder finden. Meine eigene Identität neu entdecken. Und zwar nicht nur äußerlich sondern auch innerlich. Ich habe zwar die neue Rolle der Mutter bekommen, aber gleichzeitig besteht meine Identität aus so vielen weiteren Facetten.

Sollte ich meinem Körper nicht dankbar sein, egal wie er nun aussieht?

Apraku schreibt in ihrem Artikel auch, dass es in unserer Gesellschaft nur zwei mögliche Narrative zum „After-Baby-Body“ gibt. Entweder du hasst ihn, oder du liebst ihn mit all seinen “Makeln”, denn er hat ein Baby erschaffen. Ich beobachte mich eher bei zweiterem und denke mir gleichzeitig, dass es da aber viel differenziertere Erzählungen braucht. Ja, ein neues Leben ist in mir entstanden und gewachsen. Ich habe sie ernährt und ihr Schutz gegeben. Sie unzählige Nächte getröstet und getragen, die Energie dafür habe ich aus meinem Körper bekommen. Ich bin fasziniert davon, was Mütter alles damit leisten können. Ein wahres Wunder. Ich sollte stolz darauf sein, was mein Körper alles vollbringen kann und mich nicht für mein Aussehen schämen. Neben der üblichen Gewichtszunahme und den Dehnungsstreifen, gibt es natürlich noch gravierende körperliche Veränderungen. Jede dritte Frau hat nach der Geburt Schwierigkeiten ihre Blase zu kontrollieren. Die wenigsten Gebärenden wissen, wie wichtig ein gesunder Beckenboden für ihr Alter ist. Geburtsverletzungen sind oft ein Tabuthema und viele Menschen haben nach einer Geburt nicht nur beim Sex Schmerzen. Eine ausführliche Aufklärung ist hier dringend notwendig. Die Gesellschaft kann die Verantwortung nicht nur bei den Müttern lassen. Der Druck nach einer Schwangerschaft wieder ein (von wem auch immer definiertes) Idealgewicht zu erreichen steht fast immer im Vordergrund, auch der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Ganz nach dem Motto, wenn eine wieder das Gewicht hat, wie vor der Schwangerschaft, dann geht es ihr auch wieder, wie vor einer Schwangerschaft. Dabei sind die Zusammenhänge doch etwas komplexer.

Vielleicht braucht die Selbstliebe mit Kind einfach mehr Zeit.

Und das ist auch in Ordnung. Als junge Mutter muss ich mich erst noch zurechtfinden. Mal gelingt es mir besser, mal schlechter. Aber ich kann mich immer wieder daran erinnern, dass mein Körper jeden Tag vieles leistet. Schönheit, wie wir sie lernen, ist immer vergänglich und nur ein soziales Konstrukt. Ich bin so viel mehr als das. Ich bin eine Mutter, die jeden Tag Unglaubliches leistet. Und darauf möchte ich stolz sein.

Lisa Martha Janka (24) lebt mit ihrem Partner und ihrer 16-Monate alten Tochter in Wien. Nebenbei studiert sie Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien und versucht gesellschaftspolitische Tabuthemen zu erörtern.

One Reply to “Mein Körper nach der Geburt und die ständige Suche nach Selbstliebe”

  1. Anna sagt:

    Du triffst mit Deinem Text den Nagel auf den Kopf. Für mich geht es jedoch noch weiter. Du hast erst ein Kind bekommen, die meisten Frauen haben spätestens mit dem zweiten Kind (oder nach einer Mehrlingsschwangerschaft) mit unwiederbringlichen zu kämpfen. Unser sogenanntes “Powerhouse”, wie es beim Yoga und Pilates immer so schön genannt wird, ist so gezerrt, gedehnt und auseinandergebracht, dass eine Rectusdiastase nach jedem Essen oder am Ende des Tages dafür sorgt, dass das Aussehen dem einer im sechsten Monat Schwangeren ähnelt. Mich macht es wütend, damit leben zu müssen. Wieso ist das Diktat, alles aushalten und ertragen zu müssen, ausgedehnt auf den eigenen Körper? Wir tragen doch die Kinder schon aus, und gern auch bis zu ihrem fünften Lebensjahr Tag und Nacht an und bei uns. Wer sagt, dass der Rest des ausgeleierten Bauches mit Überhang dann auch noch ein “Abzeichen” sein soll? Es sorgt doch eher dafür, dass wir uns auch noch schlecht fühlen müssen dafür, dass wir nicht nur unser ganzes Sein einem neuen Leben widmen, sondern auch unser Körper danach noch “stolze Zeichen” dieser unglaublichen Bürde tragen soll/darf. Ist es nicht okay, dann irgendwann dafür zu sorgen, dass diese Schäden repariert werden? Für mich ist es ein Akt der Selbstliebe, mir meinen Körper wieder zueigen zu machen, sofern es in meiner Macht steht. Das dürfen unsere Kinder gern von uns lernen!

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