“Eine, aber nicht alleine”: Du sagst mir

meinung

von Katrin Anna

Du sagst mir: „Das Kind kann nix dafür, wenn du deine Beine einfach offenlässt. Und danach jammern. Jetzt musst du durchhalten und dem Kind deine ganze Zeit und Liebe und Geduld geben. Basta.“

Du sagst mir: „Tapp bitte nicht in die Teilzeitfalle, denk an dein Pensionskonto! Willst du, wie so viele andere Mütter in Armut alt werden?“

Du sagst mir: „Willst du ab nächstem Jahr Vollzeit arbeiten?“

Du sagst mir: „Vollzeit? Das Angebot kannst du unmöglich annehmen, oder?! Dein Kind ist doch noch klein und die Zeit kommt nicht wieder!“

Du sagst mir: „Wir bitten darum, die Kinder bis spätestens 16 Uhr abzuholen. Der Tag ist schon sehr anstrengend und dann gibt es immer Unruhe und Fragen und die wollen Sie sich und den Kindern doch sicher ersparen.“

Du sagst mir: „Ich habe mit Null begonnen und es zu etwas gebracht, weil ich fleißig und sparsam war. Warum soll ich das mit jenen teilen, die Arbeit für ein Übel halten und deshalb nicht arbeiten?“

Du sagst mir: „Denk auch an dich, an Erholungspausen, glückliche und entspannte Mütter haben glückliche und entspannte Kinder.“

Du sagst mir: „Da musst du jetzt durch, werd‘ erwachsen und beiß die Zähne zusammen.“

Du sagst mir: „Es ist ein Glaubenssatz, dass man ein freies, selbstbestimmtes Leben mit Kind nicht führen kann. Die Grenzen sind nur im eigenen Kopf.“

Du sagst mir: „Vielleicht ist das wie mit dem Urlaub. Manche brauchen drei Wochen, andere können es genießen, wenn sie mal einen Nachmittag frei haben. Das ist alles eine Frage der Einstellung.“

Du sagst mir: „Geh raus! Lern Menschen kennen! Es braucht ein Dorf, um ein Kind groß zu bekommen. Alleinerziehen ist immer eine eigene Entscheidung. Es ist deine Entscheidung, ob du dir dein Dorf baust oder nicht.“

Du sagst mir: „Vernetz dich, Digitalisierung und soziale Medien machen das ja heute so einfach. Das ist echt eine Chance für Gleichberechtigung und Teilhabe.“

Du sagst mir: „Häng‘ nicht so viel am Handy rum. Was bist du nur für ein Vorbild für dein Kind.“

Du sagst mir: „Das Problem ist, dass ihr immer so viel jammert. Wer nur jammert, wird halt auch wie ein Opfer behandelt.“

Du sagst mir: „Du, wenn du mir sagst, was ich wann tun kann, dann helfe ich dir gern.“

Du sagst mir: „Das weiß man doch vorher. Genau aus den Gründen habe ich keine Kinder bekommen.“

Ich sag‘ dir: „Ich gebe alles, was ich habe. Aber es gibt Grenzen, die auch mit Selbstliebe, Auflösung von Glaubenssätzen, Achtsamkeitstraining etc. nicht weggehen.“

Du sagst mir: „Tja, man kann halt nicht alles haben. Irgendwo muss man Abstriche machen. Das ist der Ernst des Lebens.“

Ich sag‘ dir: “Ich hab‘ es satt. Ich hab‘ es satt, dass du immer alles besser weißt. Ich hab‘ es satt, dass mein Körper, mein Leben, meine Wünsche nicht mehr mir zu gehören scheinen. Sprich mit mir, nicht über mich! Und erzähl mir nie wieder etwas vom Ernst des Lebens, wenn du es nicht schaffst, dich selbst, geschweige denn mich, ernst zu nehmen.”

Because it takes a fool to remain sane. 

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Katrin, *1980, ein Kind (*2012), leben seit Beginn der Schwangerschaft zu zweit. 40+ Stunden-Job im Sozial-/Bildungsbereich. Schreibt, wenn sie nicht während dem Vorlesen einschläft und wäre gerne auch im offline Leben wieder politisch aktiver.

Beitragsbild (c) Katrin Anna

Hier gibt es mehr von #eineabernichtalleine auf umstandslos.

4 Replies to ““Eine, aber nicht alleine”: Du sagst mir”

  1. Katrin sagt:

    Danke Katrin!
    Von Katrin.
    Ähnliche Geschichte, gleiche Erwartungen, gleiche Vorwürfe.

  2. Nathalie sagt:

    The Ark <3

    Grandios geschrieben, finde mich 100% in deiner Aggression wieder 😉

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