“Kinderkotze, Politik und Liebe”: Mütterliche Trotzphase

meinung

von Maren Hpunkt

„Brrrrrrrrrrrrrwwwwww“ macht das Kind und fährt stundenlang in brummender Glückseligkeit schrammelige Matchbox-Autos durch die Wohnung. Für den Mittagschlaf müssen die Autos aus der kleinen schwitzigen Hand gewunden werden. Das glücklichste Aufwachen bescheren wir dem Kind, wenn die Autos schon ordentlich geparkt bereitstehen. „Brrrrrrrrwwwwww“ – all day, every day.

Je nach gesellschaftlicher Couleur und Geschlecht des Kindes freuen sich die stolzen Eltern nun: Der Mainstream so „Yeah, es ist ein richtiger Junge!”, die queerfeministischen Linken so „Yeah, es ist ein cooles Mädchen, was auf Gender-Normen scheißt!“.

Und wenn es andersherum ist!? Tja … dann wird’s interessant.

„Ein cooler Junge spielt nicht mit Autos“ ist ja keine Lösung. Mist.

Während sich gesamtgesellschaftlich extrem auf Blau und Rosa, auf „Jungs-“ und „Mädchensachen“ zurückgezogen wird, fürchte ich, in die linke Trotzphase zu geraten.

Die queere Utopie

In einer besseren Welt wäre alles für alle und alle Kinder würden in ihren Teenagerjahren eine „gender reveal party“ schmeißen, und erst dann erfährt die Welt die selbstgewählte Geschlechteridentität. Oder noch besser, die globale Überwindung heteronormativer- und homonormativer Strukturen und Rollen. Hach, toll. Und damit gäbe es auch eine Erziehungsfrage weniger. Wie die meisten Feministinnen habe ich mir meine Standpunkte und Werte durch jahrelanges Lesen, Diskutieren, Lernen, In-Frage-stellen und bewusstes „Anders-machen“ erkämpft. Und nun ist da ein kleiner Mensch, der sich gerade nichts Schöneres vorstellen kann, als maximal viele Autos. Und ich?

Wie cool bin ich in der Realität damit, dass mein Kind aktuell kein Tutu tragender Einhorn-Fan ist, sondern mittwochs sehnsüchtig auf das Müllauto wartet?

In der Kinderliteratur gibt es mit Janoschs „Löwenzahn und Seidenpfote“ oder Helme Heines „Foxtrott“ nette Erkenntnisschellen für Eltern. Kinder verhalten sich meist nicht so, wie die Eltern sich das vorgestellt haben, und das ist gut so. Oder wie es Heiko von Schrenk vor Ewigkeiten in der Jungle World schrieb: „Kinder sind nicht links“.

Die Rapperin Sookee sagt dazu in einem aktuellen Interview im Spiegel (paywall): „Kinder wurden schon immer instrumentalisiert, um die Träume ihrer Eltern zu verwirklichen. Warum sollte das nicht auch für Queerness gelten?“

Erwischt!

Wie sinnvoll ist es, dem Blau- und Rosa-Mainstream ein Rosa- und Blau-Diktat entgegenzusetzen?

„Und überhaupt ist es heute schwer […], sein Kind so zu kleiden, dass nicht jeder dessen Geschlecht schon an der Mütze erkennt. Da müssen linke Eltern sich richtig Mühe geben: Bruno hat schulterlange blonde Locken und Lara ihren ersten Iro. Der wird natürlich mit der rosafarbenen Barbie-Bürste frisiert. Während Bruno erklärt, er sei ein Wikinger.“

Sätze wie dieser von Anton Landgraf bringen mich zum Schmunzeln oder in tiefe Sinnkrisen (je nach aktuellem Schlafdefizit). Denn die Welt ist leider auch nicht links. Sie will mein Kind in eine bestimmte Rolle bringen. Autos, Maschinen, Haie mit scharfen Zähnen, dies das. Wie gehe ich damit um? Werde ich trotzig und kaufe meinem Kind nur Puppen, Handtaschen und kleine süße Ponys? Wird sich mein Kind später nicht trauen, sich die Ritterrüstung oder den Trecker-Rucksack zu wünschen, weil es fürchtet, Mama wird wieder einen ideologisch-belehrenden Vortrag dazu halten oder verurteilend die Augenbraue heben?

Gender? Neutral?

Dank Herzogin Meghan Markle und Prinz Harry erklärt nun sogar die BILD-Zeitung „Gender-neutrale Erziehung“ zum neuen Trend.

Im Internet finde ich von allen großen deutschen Magazinen, Fernsehsendern, Elternseiten und diversen Blogs eine Meinung zu „genderneutraler Erziehung“. Der Mainstream macht sich auch Gedanken. Und, wow, schon in den ersten angeklickten Texten werden die konservativen Extreme wie auch die radikalsten Gegenentwürfe ausgepackt. Von Gehirnwäsche und Genderwahn ist zu lesen, aber auch vom Wunsch, das Kind ganz ohne Geschlechterzuschreibung zu erziehen. Für jede Meinung von ganz rechts bis ganz links gibt es einen passenden Text. Ich frage mich, wo ich mich verorten möchte.

„Neutral“ ist so ein abstrakter Begriff, und gibt es „neutral“ überhaupt? „Freiheit“ gefällt mir besser. Anstatt mein Kind weg vom Blau und hin zu Rosa zu zerren, möchte ich ihm zeigen, dass es frei in seiner Wahl ist. Oder wie Sookee es so schön im Spiegel sagt: „Ich bin dafür, jede Art von Scham und Vorurteil bei der Kindererziehung rauszunehmen: Jedes Kind soll alle Geschlechterklischees erfüllen dürfen, die ihm begegnen. Es sollte aber genauso lernen, dass es das nicht muss.“

Und für mich ist es eine Chance, meine Begeisterung für männlich definiertes Spielzeug zu entdecken. Ich freue mich jetzt auch schon, wenn das Müllauto blinkend in unsere Straße einbiegt.

Hausarbeit teilen – das queere Riesenprojekt

Mein Kind ist nicht links und wird es vielleicht nie werden. Dafür habe ich die Wahl, wie ich als Mutter sein möchte. Ich möchte meinem Kind einen Ort schaffen, wo Werkzeugkästen genau wie Nagellack “open to all gender” sind. Wo es lernt, dass alle Erwachsenen trösten, kochen, den Spielzeugtrecker reparieren und im Jackett auf Dienstreisen gehen können. Oder um noch einmal mit Sookee zu sprechen: „Das Queerste, was Eltern tun können, ist die Haushaltsarbeit gerecht zu verteilen.“

Das Kind nicht in eine Richtung zu (er-)ziehen, sondern ihm die Freiräume und das Selbstbewusstsein zu schenken, damit es selbst wählen und sich immer neu begeistern kann – mit diesem Vorsatz kann ich meine Trotzphase überwinden und den Trotz dem Kind überlassen.

 


Die bisher erschienen Texte der Kolumne: “Kinderkotze, Politik und Liebe.

Maren, Mitte 30, Mutter von 2016 geborenem Sternenkind J. und dem 2018 geborenen kleinen N., lebt mit Herzensmensch/Vater der Kinder im Norden Deutschlands, versucht sich jetzt mal nicht am WG-Leben mit Kind und lohnarbeitet im internationalen Bereich.

Beitragsbild (c) Maren Hpunkt

Zum Weiterlesen: Das Auto-Geschlecht (umstandslos-Autorin Katja reflektiert über kindliche Vorlieben, die – zu ihrer lieben Not – perfekt ins Stereotyp der motorisierten Jungenwelt passen. Zufällig. Aber wie zufällig sind solche Zufälle? Und wie geht eine Feministin damit um?)

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