Nationalsozialismus und Holocaust in der Kinder- & Jugendliteratur

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[Bildausschnitt aus: “Kinder mit Stern”, Martine Letterie mit Bildern von Julie Völk, Seite 98]


 

Wie mit Kindern über den Holocaust reden? Wie vom nationalsozialistischen Genozid an rund 6 Millionen Jüdinnen und Juden erzählen? Wie geht das? Bücher helfen uns Eltern auch bei diesem so schweren und furchtbaren Thema dabei, Unsagbares ein Stück weit sagbar(er) zu machen. Viki vom buuu.ch-Kollektiv hat für umstandslos dieses Mal eine mit sehr persönlichen Gedanken und Erinnerungen ergänzte Literaturempfehlungsliste zusammengestellt. 

von Viki (buuu.ch-Kollektiv)

Zugegeben: ein etwas sperriger und wenig aussagekräftiger Titel, doch thematisch mag mir nichts Plakatives in den Sinn kommen. Zu verwoben sind die eigenen Zugänge mit Aspekten der persönlichen Berührungspunkte mit Überlebenden und der lebenslang andauernden Auseinandersetzung mit einer Erinnerungskultur, die regelmäßig reflektiert und auf ihre Aktualität hin geprüft werden muss. Sowohl auf individueller als auch auf politischer Ebene ist das ein bedeutender Teil meines antifaschistischen Grundverständnisses.

Daher nun an dieser Stelle eine etwas länger ausgefallene Einleitung zum Themenkomplex, ein kurzer Abriss meiner eigenen Annäherungen zum Nationalsozialismus, und erst gegen Ende kommen wir auf die Kinder- und Jugendbücher zu sprechen, derer es nicht genügend geben kann. Denn so vielseitig und divers die Menschen waren, die im mörderischen System der Nazis ihr Leben lassen mussten, so wichtig ist jedes einzelne Schicksal, jede Biografie und somit auch die Erinnerung daran.

Gedenkstättenbesuch

Die Frage, wie man Kindern Nationalsozialismus samt Holocaust sinnvoll erklären kann, ist eine, die mich seit langem beschäftigt. Nicht erst, seitdem ich selber ein Kind habe, sondern weit davor, als mich auf einem Kinderferiencamp ein 12-Jähriger nach der KZ-Gedenkstätte Mauthausen fragte, die nicht weit davon entfernt war. Ich, damals 22, hatte viel und intensiv darüber gelesen, vor allem in Sachbüchern für Erwachsene, denn in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren waren wenige explizite Kinder- und Jugendbücher zur Shoah erhältlich. Zumindest nicht auf Deutsch in meiner Stadtteilbibliothek, auf die ich aus finanziellen Gründen so sehr angewiesen war. Auch hatte ich zum damaligen Zeitpunkt einige Zeitzeug*innen kennengelernt und ehemalige Lager besucht, durch die noch Überlebende geführt haben. Diese besondere, sozusagen aus erster Hand erfahrene, geschichtliche Annäherung und die eindrücklichen Emotionen haben mich sehr erschüttert. Das direkte Gespräch mit ehemaligen KZ-Häftlingen war für mich ein Fundament jeder späteren Auseinandersetzung.

Als ich dann im Rahmen des Feriencamps selbst eine kleine Führung durch die Gedenkstätte Mauthausen auf die Beine stellte, staunte ich nicht schlecht über die vielen Fragen, die die 12- bis 14-jährigen Teilnehmer*innen an mich richteten. Diese waren klug und stellten Verbindungen zum aktuellen Zeitgeschehen her. Die jungen Leute beschäftigten sich noch Tage später mit der Thematik.

Wir waren eine kleine Gruppe von zehn Personen, und ich erinnere mich an ein Mädchen, das im Steinbruch unten darum bat, eine Zigarette rauchen zu dürfen. Sie war sichtlich emotional aufgewühlt, und als wir alleine waren, stellte sie die Frage, die alle Menschen mit Herz und Empathiefähigkeit irgendwann einmal haben: “Warum? Warum machen Menschen so etwas?” Wir standen vor dem kleinen See im Wiener Graben, so heißt dieser Ort, schauten aufs Wasser und ich wusste keine Antwort auf ihre Frage.

Ein Auftrag an nachfolgende Generationen

Die Beschäftigung mit dem Holocaust und der lebenslängliche Auftrag “Niemals vergessen!” spielt als österreichische Angehörige einer Täter*innen-Generation eine wichtige Rolle betreffend der eigenen, höchstpersönlichen Verantwortung als auch in der Bereitschaft, sich mit nachfolgenden Generationen aktiv damit auseinanderzusetzen. In der Jugendarbeit ist Erinnerungsarbeit oder Holocaust-Education ein wichtiges Schlagwort, das es mit antifaschistischem Inhalt zu füllen gilt, damit es nicht bei bloßen Lippenbekenntnissen bleibt.

Immer im Mai finden die alljährlichen Befreiungsfeiern in den ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagern statt. 1995 war ich auf meiner ersten in Mauthausen, was maßgeblich zu meiner Politisierung und meinem Verständnis von Antifaschismus in allen Facetten beitrug. Die international angereisten Überlebenden während des gemeinsamen Einzuges durch das Lagertor, die daran mit ihren Kindern und Enkeln teilnahmen, haben mich tief bewegt und sind unvergesslich geworden.

Doch die Zeit steht nicht still. Auch Überlebende sterben irgendwann. Das ist bitter und traurig und muss thematisiert werden. Deshalb war es mir wichtig, heuer wieder einmal zur Befreiungsfeier nach Mauthausen zu fahren, gemeinsam mit meiner Tochter, die bald drei wird. Auch wenn es vielleicht keine direkte Erinnerung an diesen ersten Besuch geben wird: Sie war dort. Sie lief herum, stellte Fragen, hörte zu, freute sich über “Bella Ciao”, die vielen Fahnen und die Menschen, die sie anlächelten. Sie war gemeinsam an diesem Ort mit den wenigen, sehr alten Überlebenden, die noch einmal, und vielleicht zum letzten Mal, gekommen sind.

Gedenkfeier KZ Mauthausen

Befreiungsfeier KZ Mauthausen (c) privat

Um uns daran zu erinnern

Auf ihre Frage, wo wir hinfahren und warum, erklärten wir ihr in wenigen Worten und sehr simpel: “Wir fahren an einen schrecklichen Ort, an dem sehr viele Menschen gestorben sind. Wir fahren hin, weil es wichtig ist, uns daran zu erinnern. Damit diese Menschen nicht vergessen sind. Und weil es unsere Aufgabe ist zu verhindern, dass so etwas wieder passiert.” Logisch kann ein Kind mit knappen drei Jahren nicht rational begreifen, was eine Gedenkstätte ist, und was dort früher einmal passiert ist. Aber es ist Teil unserer Erinnerungskultur und somit unseres Lebens. Uns ist es wichtig, dass es irgendwann einmal auch Teil ihrer Kindheit wird. Und vielleicht eine bewusste Erinnerung, so wie wir uns an Geburtstage, Urlaube oder schöne Feste erinnern.

Es trägt dazu bei, dass die Antwort auf die anfänglichen Frage “Wie kann man Kindern und Jugendlichen begreiflich machen, was damals passiert ist?” um eine Facette reicher wird: Ein konkreter Bezugspunkt, ein Ort oder ein Gedenkstein zum Anfassen macht Vergangenes realer, greifbarer. Auch, wenn ich es nach wie vor selbst nicht ganz verstehen kann. Wenn ich noch nicht einmal selbst weiß, wie es dazu kommen konnte. Also natürlich weiß ich Bescheid, auf der faktischen Ebene. Es gibt Fotos, Berichte, Bücher, jede Menge Literatur, Videos, Dokus, Filme. Emotional ist es oftmals ein großes Fragezeichen. Ein Unverständnis. Einen Teil davon geben wir durch das Aussprechen dieses beklemmenden “Ich weiß es nicht” an unsere Kinder weiter. Auch das gehört dazu.

Daher gibt es keinen richtigen oder falschen Weg, wie man mit Kindern und Jugendlichen über den Holocaust sprechen soll, kann oder darf. Jedes Kind ist anders, lernt und begreift auf unterschiedlichen Ebenen. Ein Buch ist – weder für Kinder noch Erwachsene – nie genug, es braucht eine Fülle, eine große Bandbreite aus unterschiedlichen Erzählungen und Berichten. Weil es so viele Sichtweisen gab, Schicksale, Berichte, Beobachtungen, Strategien zum Überleben, Widerstand in der kleinsten Handlung. Jede einzelne Geschichte ist es wert, gehört zu werden, und wird somit Teil der kollektiven Erinnerungskultur.

Klassiker: Anne Frank & das rosa Kaninchen

Mein persönlicher Erstkontakt mit dem Thema war tatsächlich “Das Tagebuch der Anne Frank”, eine Biografie über die Geschwister Scholl und der Film “Die weiße Rose” aus dem Jahr 1982. Andere Jugendbücher, die ich davor gelesen hatte, handelten vor allem von den allgemeinen Schrecken des Krieges, wie “Lena – Unser Dorf und der Krieg” von Käthe Recheis oder “Sadako will leben” von Karl Bruckner. Alle diese Bücher sind nach wie vor Teil der klassische Schulliteratur inklusive vorhandener Unterrichtsmaterialien und schöne Beispiele klarer antimilitaristischer Haltungen.

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl” ist ein weiteres Werk, das für viele eins der ersten Bücher überhaupt war, das sie mit dem Nationalsozialismus in Berührung brachte. Empfohlen wird es ab ca. 12 Jahren und es begleitet die Flucht einer jüdischen Familie aus Berlin. 1974 erschien es in der deutschen Übersetzung, und gilt auch heute noch als das “Standardwerk zur Einführung in die Themen Drittes Reich und Flüchtlingsproblematik”. Im Dezember 2019 wird dessen Verfilmung auch in den österreichischen Kinos zu sehen sein. Wir dürfen gespannt sein.

Aufgrund der Vielfalt und Masse an Büchern, die in den letzten Jahren publiziert wurden, greife ich nun drei heraus, die ich für besonders gelungen halte und die sich dezidiert an sehr junge Kinder richten. An dieser Stelle sei auch auf die umfangreiche Broschüre des Jüdischen Museums Berlin hingewiesen, die “Lesenswerte Kinder- und Jugendbücherzu Nationalsozialismus und Holocaust” als Download kostenlos zur Verfügung stellt und eine wahre Fundgrube für Interessierte darstellt. Zu jedem Buch findet sich dort eine eigene kleine Rezension, die Altersempfehlung und wichtige Schlagworte für die Recherche. Nur leider gilt auch für diese Sammlung: Für Unter-10-Jährige ist kein Buch dabei. (Anm. der Red.: Auch auf buuu.ch werden immer wieder Bücher zum Thema rezensiert, darunter u. a. Kinder mit Stern, Sternkinder oder Alles über Anne Frank)

Was wir euch ans Herz legen

Daher ist eines unserer liebsten, weil so besonderen Kinderbücher ab ca. 6 Jahren “Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin” von Pei-Yu Chang, das die Flucht des Philosophen Walter Benjamin von Frankreich nach Spanien zum Thema hat. Solidarität und gegenseitige Hilfe spielen dabei ebenso eine wichtige Rolle wie die dieser Tage so viel zitierte Fluchthilfe. Das Bilderbuch ist gleichzeitig ein lebendiges Denkmal für die Wienerin Lisa Fittko, die als Widerstandskämpferin vielen Menschen das Leben rettete.

Auch ab ca. 6 Jahren kann “Anne Frank und der Baum” gelesen werden. In diesem Bilderbuch erzählt der Kastanienbaum aus dem Hinterhof des Amsterdamer Verstecks über seine Beobachtungen in den Fenstern und vorm Haus. Das klingt nun erst mal recht schräg, funktioniert aber sehr gut, weil nur klitzekleine Teilaspekte des nationalsozialistischen Terrors beschrieben werden. Und es endet mit dem Tod des Baumes, mehr als 80 Jahre später, wenn viele seiner Setzlinge auf der ganzen Welt weiterleben und so an das Leben und den Tod von Anne Frank erinnern können.

Jeff Gottesfeld Anne Frank und der Baum

“Peter in Gefahr” ist ab ca. 7 Jahren empfohlen und erzählt im Comic-Stil die wahre Geschichte eines jüdischen Jungen und seiner Familie, die den Zweiten Weltkriegs in Budapest in unterschiedlichen Verstecken und mit unfassbar viel Glück überlebt haben. Die Geschichte von sogenannten “U-Booten”, also jüdischen Menschen, die in Nazi-Deutschland in Verstecken versuchten, den Holocaust zu überleben, wird aktuell recht intensiv beforscht. Somit ist das Kinderbuch aus vielen Punkten sehr gelungen und überzeugt durch kindergerechte Sprache, die Darstellung vom Alltag im Versteck und einer eingängigen Schilderung über die Entrechtung, Vertreibung und drohenden Deportation jüdischer Menschen.

Helen Bate Peter in Gefahr

Erklären unmöglich?

Am Ende greifen wir noch einmal das Wort “Erklären” auf, das uns schlicht zu weit greift, denn finalisiert “erklärt” ist der Nationalsozialismus (weder für Kinder noch für Erwachsene) nach wie vor noch lange nicht. Jedes Jahr erscheinen Publikationen mit aktuellen Forschungsergebnissen, werden vergessene Gräueltaten bekannt oder neue Gedenk- und Erinnerungstafeln enthüllt.

Die Geschichte ist nicht fertig erzählt. Kann nie zu Ende erzählt werden angesichts der Millionen ermordeter Menschen.

Daher ist jedes “Begreiflich-Machen-Wollen” des nationalsozialistischen Horrors – egal ob für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene – immer nur ein Schritt, eine Annäherung. Einzelne punktuelle und immer auch unvollständige Teilaspekte einer unendlich grausamen Epoche der Menschheitsgeschichte werden dabei sichtbar und somit besprechbar. Und auch wenn wir es versuchen: Ganz verstehen werden wir wohl bestimmte Vorgänge nie.

 


Beitragsbild: privat (Reproduktion/Ausschnitt aus: “Kinder mit Stern”, Martine Letterie mit Bildern von Julie Völk, Seite 98)

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2 Replies to “Nationalsozialismus und Holocaust in der Kinder- & Jugendliteratur”

  1. Maja Bott sagt:

    Das beste Buch dazu, das ich je gelesen habe (zuerst mit 11 Jahren) ist: Ich bin David von Anne Holm

  2. […] im zweiten schreibt sie über ein ebenfalls bei uns sehr oft nachgefragtes Thema, nämlich wie man mit (kleinen) Kindern über den Holocaust reden kann und welche Kinderbücher dabei helfen k…. Worüber würdet ihr in einem nächsten Beitrag gerne […]

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