“Eine, aber nicht alleine”: Women must dance

meinung

Kolumne von Katrin Anna

Wenn mich jemand fragt, wie es ist, über Jahre hinweg das Leben mit Kind völlig alleinverantwortlich zu stemmen, dann bemühe ich gerne das Bild der Notrufleitzentrale, in der es weder Kolleg*innen noch Schichtdienst gibt.

Wenn mich jemand fragt, wie es ist, über Jahre hinweg das Leben mit Kind völlig alleinverantwortlich zu stemmen, dann erzähle ich davon, wie es ist, einen Marathon zu laufen. Irgendwann laufen die Beine von alleine, wie sie das tun, wissen sie nicht. Aber sie tun es.

Wenn mich jemand fragt, wie es ist, über Jahre hinweg das Leben mit Kind völlig alleinverantwortlich zu stemmen, erzähle ich davon, was für ein unglaubliches Glück es ist, verantwortungslos zu sein. Keinen Plan zu haben. Jemanden zu treffen und zu schauen, was der Abend bringt. Morgen? Egal.

Wenn mich jemand fragt, wie es ist, über Jahre hinweg das Leben mit Kind völlig alleinverantwortlich zu stemmen, dann erzähle ich von meinen letzten vier kindfreien Tagen. Die einzigen vier kindfreien Tage, die ich 2019 haben werde, wie es derzeit aussieht. Als mir drei von vier Verabredungen absagten und ich wusste, es gibt eine gute Wahrscheinlichkeit, diese Menschen ohne Kind nach 20 Uhr und für mehr als maximal zwei Stunden erst nächstes Jahr wieder zu treffen.

Wenn mich jemand fragt, wie es ist, mein Leben, dann weiß ich nicht, was ich sagen soll.

Denn, wenn ich an schwierigen Tagen wie diesen, auch nur annähernd ehrlich antworte, passiert folgendes:

Also ich bewundere, wie du das schaffst, ich könnte das ja nicht.“

99 Prozent der Reaktionen lassen sich in zwei Kategorien teilen und beide laufen am Ende doch auf das Gleiche hinaus. Ein großer Teil setzt auf Selbstoptimierung. Noch besser anpassen. Noch mehr Arbeit an mir selbst. Yoga! Meditieren! Oder doch lieber eine Zeitmanagement-Fortbildung? Jedenfalls noch mehr individueller Ausgleich für das, was eigentlich schiefläuft: unser gesellschaftliches System. Denn, dass das so ist, wie es ist, wird nicht hinterfragt. Ein anderer Teil hinterfragt dieses System und antwortet mir mit hinter Hochachtung verstecktem oder gleich offenem Mitleid. Spannenderweise kommen ähnliche Lösungsvorschläge. Denn das gesellschaftliche System wird zwar angezweifelt, aber die individuelle Situation als ausweglos betrachtet. Beides ist keine Unterstützung.

Es braucht Ressourcen, zuverlässige Ressourcen vor allem. Jemand, die*der Schichten übernimmt. Aktiv, denn oft kommt zwar die Aussage „Wenn ich was tun kann, dann melde dich einfach.“ Aber es ist nicht einfach. Es erfordert Planungsarbeit, es erfordert noch mehr Überlegungen und – vor allem – ich gehe wieder ein Risiko ein. Was, wenn ich es schaffe, um die dringend notwendige Unterstützung zu bitten und es kommt ein Nein?

Und das kommt erstaunlich häufig.

Denn von den wohlmeinenden „Du kannst dich jederzeit auf mich verlassen, ich bin da“-Versprechen der ersten Zeit ist nicht viel übrig geblieben. Die Menschen, die nicht das Bitten und Fragen mir überlassen, sondern ‘mal von selbst machen, etwas mehr kochen und anrufen, wann sie denn mit der Lasagne und dem Rotwein vorbeikommen können, die kann ich an einer Hand abzählen. Dem Rest bleiben oft nur die altbekannten hohlen Phrasen. Mein Favorit, das besagte Hochachtungsmitleid: „Also ich bewundere, wie du das schaffst, ich könnte das ja nicht.“ Was soll mir das sagen? Wie soll mich so eine Aussage unterstützen? Ich habe keine Ahnung, wie ich das eigentlich schaffe. Ich schaffe es. Irgendwie. Und du würdest das auch. Irgendwie.

Mitleid, so gut es auch gemeint sein mag, ist keine Ressource. Ich verstehe, dass eins sich hilflos fühlen kann, ob der vermeintlichen Ausweglosigkeit der Situation anderer. Aber ganz ehrlich? Ich habe weder Kraft, noch Lust, mich auch noch um die Hilflosigkeit meines Gegenübers zu kümmern.

Bedrohte Freundschaften, bedrohliche Vereinsamung

Es braucht zuverlässige Ressourcen, aber auch in dem Sinne, dass mitbedacht wird, dass Freundschaften fragil und Freund*innen nicht jederzeit und einfach verfügbar sind. Dass mitbedacht wird, dass die Absage einer Verabredung für mich nicht einfach nur eine Absage ist. Die Wiederholung ist nämlich ganz und gar nicht einfach. Irgendwer muss in dieser Zeit nämlich die Stellung halten in der Notrufleitzentrale. Und die Freiwilligen stehen nicht gerade Schlange. Oder sind selbst zu beschäftigt, zu erschöpft, zu was auch immer. Wenn ich für etwas Verständnis habe, dann ist das Erschöpfung und der Wunsch nach Pause. Aber ich werde zunehmend ratlos.

Es hat lange gut funktioniert bei mir, aber es bröckelt. Freundschaften brauchen auch Treffen ohne Kinder. Freundschaften brauchen Verbindlichkeit. Freundschaften brauchen wache Menschen, die sich nicht nur sehen wollen, sondern auch können. Wenn das schon theoretisch nur alle heiligen Zeiten mal geht und es dann praktisch ausfällt, dann hat das für mich eine bedrohliche Konsequenz, und es ist völlig egal wie gut und wichtig die Absagegründe sind: Vereinsamung. Die Spirale dreht sich immer weiter abwärts. Wie ich das aufhalten soll, ist mir ein Rätsel. Ebenso, wohin ich mit der Wut soll, die dann unweigerlich kommt. Ich will sie nicht. Und doch muss ich mit ihr umgehen. Ich sehe mir voller Verständnis beim Vereinsamen zu und weiß nicht, wem die Wut jetzt eigentlich gehört, für die ich am Ende auch noch Verständnis erarbeiten muss. Ich resigniere. Ich greife zurück auf die Lieblingsformel aller Eltern „Es ist nur eine Phase.“ Und ich hoffe, darauf, dass am Ende dieser Phase noch jemand übrig ist, mit der*dem gemeinsam ich wieder herausfinden kann, wer ich eigentlich bin, abseits von Arbeit und Elternsein.

Wenn mich jemand fragt, wie es ist, über Jahre hinweg das Leben mit Kind völlig alleinverantwortlich zu stemmen, dann frage ich mich, wem soll ich davon erzählen, dass ich bei jeder Absage Angst habe, dass das die nächste Freundschaft ist, die einen schleichenden Tod stirbt. Dass ich weiß, dass meine Möglichkeiten, sie zu erhalten oder gar neue abseits von Kindergarten-/Spielplatzbekanntschaften zu schließen, extrem beschränkt sind. Wem soll ich das umhängen, wo es uns doch allen ähnlich geht? Es aber unter bestimmten Umständen – meinen Umständen – nochmals deutlich bedrohlicher wird. Weil es ein „Lass uns auf nächste Woche verschieben“ einfach nicht gibt.

Wenn mich also jemand fragt, wie es ist, über Jahre hinweg das Leben mit Kind völlig alleinverantwortlich zu stemmen, dann erzähle ich mittlerweile nicht mehr davon, wie es mir wirklich geht. Because woman must dance.

 


Katrin, *1980, ein Kind (*2012), leben seit Beginn der Schwangerschaft zu zweit. 40+ Stunden-Job im Sozial-/Bildungsbereich. Schreibt, wenn sie nicht während dem Vorlesen einschläft und wäre gerne auch im offline Leben wieder politisch aktiver.

Beitragsbild (c) Katrin Anna

Hier gibts mehr von #eineabernichtalleine.

7 Replies to ““Eine, aber nicht alleine”: Women must dance”

  1. Julia sagt:

    Was für ein großartiger, ehrlicher Beitrag, der mich wirklich ganz tief berührt hat. Wenn meine Situation auch nicht identisch war, trotzdem beschreiben deine Worte genau die Gefühle, die ich mit mir getragen habe. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft. Ich habe kapituliert.

    • Katrin sagt:

      <3
      Danke dir. Und ich wünsche dir alle Kraft der Welt, dass du aus der Kapitulation wieder raus kommst. Ich sehe, wie es passieren kann. Aber wir haben mehr verdient. Wir sind toll.

  2. Franziska Burkhardt sagt:

    Wir alt ist dein Kind? Kannst du es von anderen Menschen ausm Kindergarten abholen lassen? Kann es unter der Woche auch mal bei anderen Menschen mit Kindern schlafen? Kannst du dir vorstellen mit anderen Menschen zusammen zu leben, die Lust auf Kinder und Verantwortung haben um mehr Entlastung zu erfahren? Mit meinen Erfahrungen als Alleinerziehende würde ich von Anfang an vieles anders machen. Ich habe mich viel zu sehr auf „ich schaff das auch allein“ gestützt und weis heute das für
    Mich Ein Leben in einer Gemeinschaft oder einem Haus oder Freund*innen mehr Familie ist als das was ich gelebt habe. Ich habe ebenso kommuniziert das Elternabende in eine Zeit gelegt werden wo ich das Kind besser angeben kann als 20 Uhr jemanden zu Organisieren (ebenso bei vielen anderen Veranstaltungen).Aber klar ist das sich was auf politischer und gesetzlicher Ebene was änder. Muss. Es wird immer noch nach der klassischen Vorstellung von Familie entschieden oder geurteilt. Das muss sich ändern!

    • Katrin sagt:

      Der Punkt ist eigentlich ein ganz anderer für mich: Ich verliere meine Freund*innen. Weil alle fertig sind. Und weil Leben mit Kind und Leben ohne Kind vermeintlich nicht zusammen passen. Kiddo ist 6, und ja, das wird irgendwann alles wieder einfacher sein. Aber es macht mich fertig, dass ein Kind, ein ganz wunderbarer Mensch, bedeutet, dass ich viele Menschen verliere. Und das liegt nicht nur an den Menschen selbst. Da liegt einfach mehr im Argen.

  3. Issy sagt:

    Liebe Katrin, ja, so fühlt es sich an. Mal besser, mal noch schlechter. Ich bin 4 Jahre älter und mein Kind ebenfalls. Die Jahre vom ersten bis sechsten Geburtstag waren definitiv die schlimmsten, insofern wird bei dir ab jetzt alles besser! Sobald man dem Kind beibringen und zumuten kann allein zu bleiben, steigt der Freiheitsgrad ungemein! Heutzutage geht es mir sehr gut und ichbin viel zufriedener als in einer Paarbeziehung. Alles Gute!

  4. Nun … mal als alleinerziehender, berufstätiger Mensch gesprochen – von zwei schwerbehinderten jetzt erwachsenen Kindern: es bleibt am Ende keiner übrig. Die Schulzeit der Kleinen erledigt den Rest. Am Ende darf man … wenn die Kinder groß sind … seinen Freundeskreis ganz neu aufbauen. Falls man dazu überhaupt noch Lust hat – nach gefühlt einer Million Einladungen um halb Acht Abends in der Nachbarstadt, die man seit 2004 nicht mehr wahrnehmen konnte. Eine spannende Frage blieb jedoch übrig: waren das wirklich Freunde?

  5. Sonja Reinholdt sagt:

    Ey, genau so! Was für eine verrückte Welt, in der keine Zeit für das Wichtige bleibt, weil soviel wichtiges zu erledigen ist.

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