“widerständig”: Kleinfamilie zerschlagen

meinung

Kolumne von Emma G.

Achtung!
Im Text gibt es eine kurze Schilderung von Gewalt. Das kann mitunter unangenehme und vielleicht verdrängte Erinnerungen an eigene Gewalterlebnisse auslösen und zu Überforderung, Angst oder anderen psychischen Stresszuständen führen.

Die Kleinfamilie, traditionell bestehend aus Vater – Mutter – Kind, ist seit jeher vielen emanzipatorischen Bewegungen ein Dorn im Auge. Kein Wunder, gilt sie doch als kleinste Keimzelle des Staates, in der das schwächste Wesen, das sind in der Regel die Kinder, vom Vater als Oberhaupt der Familie lernt, was Gehorsam ist, und wie Autorität eben nicht in Frage zu stellen ist. Ich erspare mir an dieser Stelle Ursprung und geschichtlichen Hintergrund, diese können wahlweise bei Marx und Engels oder auch bei anderen bekannten TheoretikerInnen der Linken, oder in feministischen Werken von Beauvoir, Goldman oder auch Butler, nachgelesen werden.

Die patriarchale Institution „Kleinfamilie“ dient – stark verkürzt, aber kurz auf den Punkt gebracht – vor allem Staat und Kirche als wichtigstes Instrument der Kontrolle und Unterwerfung unter die vorgegebene (biologistische, sexistische…) Moral. Konservative Kräfte stellen die Familie unter ihren persönlichen Schutz, wobei hier wiederum ausschließlich (weißer) Vater, Mutter, Kinder gemeint sind, und nicht unterschiedliche Formen oder ein Mix aus diversen Protagonist_innen.

Spannend in diesem Kontext ist der lateinische Ursprung des Begriffs “Familie”. “Famulus” ist der Diener, “familia” in der Mehrzahl die Gesamtheit der Dienerschaft, und bezeichnete somit eine Herrschaftsbeziehung mit dem “Pater familias“, also dem Hausherren an der höchsten Stelle. Klar, Begriffsbezeichnungen verändern sich im Laufe der Zeit, und doch ist die Idee der Wurzel, der Vater herrsche und lenke uneingeschränkt als wichtigster Kopf der Familie, für viele genau das, wohin der Begriff der Familie auch heute noch zurückkehren soll.

Patriarchale Gewalt

Ich bin so aufgewachsen, klassisch patriarchale Kernfamilie, Vater, Mutter, kleine Schwester und ich. Eine Katze gab es auch. Mein Vater war der Prototyp des dominanten, gewalttätigen Vaters, der zwar nicht Kinder, aber doch Frau und Katze schlug, misshandelte, trat oder beschimpfte, wenn ihm was nicht passte. Wurde beim Mittagstisch über ein Thema diskutiert und gingen die Wogen hoch, schlug mein Vater mit der Faust auf den Tisch und schrie: “Keine Diskussion mehr. Ich habe das letzte Wort.” Mein Vater war ein einfacher Mann, er hatte kaum Bildung erlangt und leider auch nie gelernt, was Empathie oder Solidarität bedeutet, da sich niemand ihm gegenüber so verhielt. Noch heute glaubt er, dass ihm die ganze Welt Schlechtes will, und dementsprechend unfreundlich behandelt er sein Umfeld. Als Heimkind in den frühen 50er Jahren aufgewachsen, war sein Leben massiv von Gewalt geprägt, worüber aber nie gesprochen wurde, selbst dringliche Nachfragen meinerseits werden nicht beantwortet. Aufgrund der Gewalt und weil diese immer unerträglicher wurde, plante meine Mutter jahrelang die Trennung und zog sie dann irgendwann auch durch – da war ich 13 und erlebte wie sie, unsere persönliche Zerschlagung der Kleinfamilie als absolute Befreiung.

Und nun, mehr als 25 Jahre später bin ich selber Teil einer Familie, die in meiner Wahrnehmung nichts, aber auch wirklich gar nichts mit der Horrorvorstellung einer wertkonservativen Kleinfamilie im alten patriarchalen Muster zu tun hat. Sag ich so. Weiß ich so. Denn, wie wir leben, unseren Alltag strukturieren, unsere Beziehungen zueinander pflegen, wie Reproduktionsarbeit oder Geld verteilt wird und wo wir unsere Prioritäten in Freizeit- und Wochenendgestaltung setzen, das wissen die wenigsten. Von außen bekommt man nämlich hierzulande sehr schnell den Stempel der Kleinfamilie aufgedrückt. Da wird einer das Pickerl mit der himmlischen Familie als lustig gemeinte Provokation unter die Nase gehalten, auf dem “Für die Zerschlagung der Kleinfamilie!” steht, und im gleichen Atemzug von irgendwelchen Veranstaltungen geredet, die zu Zeiten beginnen, an denen ich mit Kind ohnehin nicht teilnehmen könnte. Und wenn, dann nur, weil meine Ursprungskleinfamilie ihre Zeit und Nerven opfert, um mein Kind zu hüten. Und wie wir leben, wollen ohnehin die meisten nicht wissen. Das sind dann die sogenannten Kleinfamilien-Belange, mit denen wir sowohl als langweilig als auch spießig gelabelt werden. Danke für Nichts.

Das liebevolle Umfeld

Denn das ist der Witz an der Sache. Noch als ich schwanger war, bekamen wir Angebote á la “Wenn euer Kind auf der Welt ist, werd ich Babysitter.” oder “Ich möchte mich dann mehr einbringen.” blablabla. Alles Bullshit gewesen, alles heiße Luft. Um unseren Alltag mit Lohnarbeit und Co auch nur irgendwie hinzubekommen, bin ich auf die massive Unterstützung von anderen angewiesen, und zwar regelmäßig und seit dem ersten Tag an, an dem das Kind auf die Welt kam. Lustigerweise sind das zuallerst meine Schwester und meine Mutter, die sich liebevoll, geduldig und ständig einsatzbereit um das Kind kümmern. Alternativen dazu sind nicht verfügbar. Zwar hätten uns in den letzten 3 Jahren manchmal Einzelpersonen (Frauen!) aus unserem Freund_innen-Kreis angesprochen und angeboten, sich um das Kind zu kümmern. Dazu gekommen ist es dann allerdings aus vielerlei Gründen nicht. Denn singulär “mal aufpassen” spielt sich eben einfach nicht. Damit unser Kleinkind Vertrauen fasst und mit einer für sie fremden Person allein bleibt, gehört weit mehr als Motivation für 3 Stunden Baby zu sitten. Das Geheimnis heißt Beziehungsaufbau und kostet leider leider sehr viel Zeit.

Ich würde auch gern die Kleinfamilie zerstören, ich brauche sie aber super-dringend. Und das ist in der Forderung nach der Auflösung der Kleinfamilie nicht mitgedacht. Wer erledigt dann die Care-Arbeit. Wer steht uns im Hier und Jetzt zur Seite, spontan, regelmäßig, in einer Beziehung mit dem Kind. Denn es ist ja nicht so, dass die Leute aus den Politkreisen Schlange stehen, um sich bei Babysitting und Co einzubringen. Im Gegenteil und noch weitaus schlimmer. Was ich seit Jahren kinderfeindlichen Müll um die Ohren gehauen bekomme, ist mir mittlerweile weder egal noch komme ich damit zurecht. “Du willst ein Kind???? Warum????”, “Wer Kinder kriegt, ist selber schuld.”, “Warum tut man sich das an?”, “Kinder kriegen ist unfeministisch, du machst dich zur Sklavin deines Nachwuchses.”, “Noch ein Kind mehr? Echt jetzt? Die Welt ist eh schon so überbevölkert…”, “Kinder sind scheiße.”, “Ich hasse Kinder.”, “Warum sind hier Kinder????”, “Kinder nerven doch nur…” und so weiter und so unendlich fort.

Ich hab ein sehr anstrengendes Kleinkind, ich lohnarbeite mindestens 4 Tage die Woche und machmal auch noch mehr – ökonomischer Zwang, wir kennen das. Und nein, ich möchte nicht aufs Land ziehen, um billiger wohnen zu können, und dafür im Austausch und vollkommen alleine einen Haufen konservativer Arschlöcher rund um mich erdulden zu müssen. Genau hier und genau jetzt ist es richtig so in dieser Stadt.

Was sich verändert hat

Ich bin politisch interessiert, involviert und nach wie vor dabei geblieben, und ich fordere vehement Zeit für meine Aktivitäten ein. Das bin ich und das war ich auch schon immer, das hat sich durch das Kind nicht verändert. Verändert hat sich mein Blick und dass aktuell mehr Leute Kinder bekommen – in einem Umfeld, in dem früher sehr wenige Kinder unterwegs waren. Gegenseitige Hilfe und Unterstützung bekommen wir übrigens von den anderen vermeintlichen Kleinfamilien mit Kind. Die, die sich mangels Alternative zusammengetan haben, weil uns vielleicht nur die Kinder einen und wie wir das Leben mit diesen gestalten wollen. Ich habe aktuell z.B. viel mit Leuten zu tun, die Kinder haben, und mit denen ich aus diversen Gründen ohne Kind niemals zu einer Freund_innenschaft gefunden hätte. Mit Bekannten, mit denen ich früher kein Wort geredet hätte, weil wir uns unsympatisch waren, verbindet mich heute die Elternschaft, die Erfahrung einer Schwangerschaft und Geburt, der Alltag. Plötzlich erscheinen alte Feindschaften lächerlich, man nähert sich an und erkennt, wie wichtig diese Allianzen sind. Wie viel uns der offene Austausch, die ehrlichen Rückmeldungen, die Gespräche ohne Konkurrenz oder Neid und Prahlerei bedeuten.

Ich treffe mein Umfeld vor allem am Kinderspielplatz, denn dort ist mein Kind happy und beschäftigt, und dort muss zwangsläufig auch ich sein. Klar gibt es die kurzen Phasen, in denen ich – danke Mama und Schwester – mal “frei” habe, aber das lässt sich nicht ständig auf die Beine stellen, da wir die beiden ja vor allem für die Organisation der Lohnarbeitszeit brauchen. Im Alltag bleibt somit sehr wenig Zeit, um “die anderen” Freund_innen zu treffen oder fürs Ausgehen – egal ob zur Party, Konzert, Demo oder Veranstaltung. Unser Wochenplan ist dicht, meist über ein Monat im Voraus geplant, da sich sonst nichts so wirklich ausgehen würde. Andere finden das furchtbar, uns gibt es die Freiheit bestimmte Dinge sehr konsequent zu verfolgen – Sport zum Beispiel. Zum Training gehen, Dampf ablassen, sich auspowern, vollkommen fertig nach Hause kommen, aber nicht fertig vom Alltag, sondern fertig von der körperlichen Verausgabung. Das ist etwas, was mir viel Energie gibt, und auf das ich egoistischerweise und auf gar keinen Fall verzichten mag.

Wen ich nicht mehr treffe

Also die Menschen ohne Kind(er), mit denen man weder Play Dates vereinbaren noch Ausflüge planen kann, die, die auf den Putz hauen wollen, erst ab 23 Uhr am Wochenende das Haus verlassen, um die Nacht zum Tag und den Tag zur Nacht werden zu lassen. Events, bei denen man früher gern dabei war, die heute aber kaum mehr denkbar sind, weil sie zu viel Solo-Zeit in Anspruch nehmen, und man irgendwie auch Besseres zu tun hat als stundenlang in Beisln oder Partyschuppen abzuhängen und am nächsten Tag verkatert zuhause. Die trifft man kaum noch. Denn wenn man sie trifft, sollte man ihnen nicht mit Geschichten vom Kind in den Ohren liegen (so viel gewachsen, so lustige Sachen gesagt, so anstrengend beim Einschlafen) oder sie mit dem beschwehrlichen Leben der Jungeltern belästigen, und so richtig tolle Gesprächsthemen hat man dann ja auch nicht mehr.

Es heißt, um ein Kind großzuziehen, braucht es ein Dorf. Ich hab kein Dorf, ich hab nur kinderfeindlichen Mist um mich rum, und keine Lösungsansätze, wie es gemeinschaftlich – abseits der Kleinfamilie – besser gehen könnte. Denn ich habe weder Geld, um mir eine noch größere WG (HA! Erkenntnis: Ich bin ja gar nicht Kleinfamilie. Ich lebe ja in einer WG!) oder ein kollektives Wohnprojekt anschaffen zu können, noch sehe ich rund um mich Menschen, die gern mit Kindern in eben so einem leben wollen würden. Daher sind meine Wünsche schon ganz klein: Mein Kind begrüßen, wenn es anwesend ist, anstatt so zu tun, als ob es nicht vorhanden wäre. Hallo sagen. zurückwinken, wenn es winkt. So einfach, so simpel.

Vor ein paar Wochen war ich aus. Party, Musik, Tanz und viel zu viel Rotwein. Eine Nacht wie schon lang nicht mehr – den größten Spaß hatte ich mit den zwei anderen anwesenden und gerade abgestillten Müttern. Denn die Gemeinsamkeit, die ein Leben mit Kind mit sich bringt, geht weit über die verhasste Kleinfamilie hinaus.

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Emma G. lebt und liebt in Wien, Bücher, heiße Sommertage, Schwimmbäder und Diskopartys am Sonntag Vormittag nach ausreichend Schlaf. Das bald dreijährige Kind zum Glück auch.

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Beistragsbild (c) Markus Spiske

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