Für eine Verlängerung nach § 15 (3) Bafög wegen Schwangerschaft sind Sie leider nicht schwanger genug

meinung

oder: Überleben mit Kindern unter Bürokrat*innen

von Lou Ka

Passend im gleichen Monat wie ich von der Schwangerschaft mit meinem zweiten Kind erfahre, beschließt der Bundesregierung höhere Bafögleistungen. Zufälle gibts, denk ich und bin guter Dinge. Wegen der Übelkeit, die mich wochenlang arbeitsunfähig macht, kann ich mein letztes Mastersemester nicht wie geplant durch Arbeiten finanzieren. Ich beantrage also ein letztes Semester Bafög-Verlängerung nach § 15 (3) Bafög wegen Schwangerschaft. In dem Semester will ich meine Masterarbeit abschließen, anschließend ein Jahr in Elternzeit gehen, um dann, in der Blüte meiner 30 Jahre, dem Arbeitsmarkt als ambitionierte Geisteswissenschaftlerin mit zwei Kindern, voller Tatendrang für die nächsten 35 Jahre meine Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen. Sozialversicherungspflichtig angestellt, selbstverständlich. So weit, so illusorisch.

Never trust a bureaucrat

Die nette Bafög-Sachbearbeiterin am Telefon ist allerdings der Meinung „Für eine Verlängerung nach § 15 (3) Bafög wegen Schwangerschaft sind sie leider nicht schwanger genug.“

Ich daraufhin: „What?!“ Meine Biolehrerin in der 9. Klasse hatte sie mit Sicherheit nicht alle beieinander, aber in einem hatte sie doch wohl recht: Bisschen schwanger gibts nicht.

Die nette Bafög-Sachbearbeiterin erwidert: „Die Schwangerschaft muss URSÄCHLICH für ihre Verzögerung sein. Und wenn sie erst in der 6,7,8,9 Woche sind, kann das ja gar nicht URSÄCHLICH für die Verzögerung sein.“

Ein paar Emails und Telefonate, in denen ich erkläre, wie das so ist, als schwangere Studentin mit Pflegeverantwortung und, dass diese paar Monate Bafög-Verlängerung für mich gerade die Welt bedeuten, Negativbescheid.

Ich lerne also erneut: Bürokrat*innen können keine Menschen sein. Wirklich, ich bin mir sicher und fühle mich, als wäre ich Momo und von den grauen Herren gekidnappt. Als dann das Argument „der Sozialstaat hat auch Grenzen“ durchs Telefon schwappt, muss ich wirklich herzhaft lachen. Ja, es ist sicher von Vorteil für den Sozialstaat, wenn ich mein Studium nicht abschließen kann, keinen Job finde, meine Schulden nicht zurückzahlen kann und meine Kinder als Dauergäste im Jobcenter aufwachsen. Besser so, als eine Verlängerung, für die es einen extra Zusatz im Gesetz gibt, das man nur dementsprechend auslegen müsste. Er muss ein Schlauberger sein, dieser Sozialstaat.

Ciao Chancengleichheit, ciao Gleichstellung

Alle Jobcenter- (oder noch schlimmer) BAMF-geplagten Eltern werden an dieser Stelle abwinken und sagen Erzähl mir was Neues. Aber ich finde, hieran werden ein paar elementare Dinge deutlich.

Recht hat die nette Sachbearbeiterin, dass tatsächlich die Schwangerschaft, bis auf ein paar Wochen, nicht allein URSÄCHLICH für meine Studienverzögerung ist. Ursächlich war der Hexenschuss nach dem ersten Semester Studieren mit Kind, der mich drei Tage in Stufenlagerung gezwungen und mir gezeigt hat, dass mit einem voll gestillten Säugling, nicht das gleiche Tempo zu fahren ist, wie ohne Kind. Es war also die Entscheidung, meine psychische und körperliche Unversehrtheit, von der ja nun auch ein kleiner Mensch abhing, als wichtig zu erachten. Und zwar so wichtig, dass ich kürzer getreten bin.

Kaum eine Gruppe ist so vulnerabel für Erschöpfungszustände, Depressionen und Schlafstörungen, wie Mütter. Laut Müttergenesungswerk ist die Zahl der psychisch erkrankten Mütter in den Jahren zwischen 2004 und 2012 um ein Drittel gestiegen. „Vor allem wachsender Zeitdruck, die Doppelbelastung in Beruf und Familie und mangelnde Anerkennung ihrer Arbeit mache den Frauen zu schaffen.

Und kaum eine Gruppe ist so gefährdet in Armut abzurutschen, wie Mütter. In diesem reichen Land wird Kinderkriegen mit Armut bestraft. Das bedeutet in Zahlen, dass Mütter nach der Geburt des ersten Kindes im Schnitt 61 Prozent weniger als im letzten Jahr vor der Geburt verdienen, und zwar auch noch Jahre später. Was daraus folgt? Vor allem Altersarmut. Die Rente für Frauen in Deutschland liegt bei weniger als der Hälfte, als der von Männern, weil die über Jahre, wegen der Kinder weniger oder gar nicht lohngearbeitet haben.

Alleinerziehend zu sein, stellt dabei, und das sollte jetzt wirklich niemanden mehr überraschen, mit Abstand das größte Armutsrisiko dar. In Zahlen liegt das Armutsrisiko für Alleinerziehende bei 44 Prozent. Denn ein Vollzeitjob und alleinige Kinderbetreuung sind schlichtweg nicht vereinbar. Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) betrifft dies aber nicht nur Alleinerziehende. Selbst 16 Prozent der Familien mit zwei Erwachsenen mit nur einem Einkommen, leben unterhalb der Armutsgrenze. 

Und Armut, danke Agenda 2010, wird nicht als strukturelles Problem, sondern als individuelles Versagen bewertet und mit gesellschaftlichem Ausschluss geahndet.

Wie war das mit dem richtigen Leben im Falschen?

Wie also machen, das mit dem Kinderkriegen? Erstmal alles eintüten, Ausbildung, Festanstellung, richtigen Ko-Elter am Start, Häuschen gebaut und dann möglichst noch fertil sein? Ach ne, geht auch nicht, Arbeitgeber*innen stellen ja ungern Menschen mit Gebärmutter Anfang Dreißig ein, die könnten ja surprise schwanger werden. Und dann dieser Hustle mit den Hebammen und der Kitakrise; da kommen, behaupte ich, wirklich alle irgendwann an ihre Grenzen.

Ich habe mich mit Überzeugung eingerichtet, dass es in diesen falschen Strukturen keine richtigen Entscheidungen gibt. Aber ich hoffe, dass sich die Strukturen über kurz oder lang an das Lebensmodell, dass jede*r für sich wählt, anpassen müssen. Unverbesserliches Optimisten-Ich.

Nach dem letzten Telefonat mit der freundlichen Bafögsachbearbeiterin bin ich versucht, den Satz Sie wissen schon, wohin Bürokrat*innen dieses Land mal gebracht haben, weil sie REGELN und GESETZE befolgten, fallen zu lassen. Aber es hilft ja doch nichts. Wahrscheinlich besser für mich und mein Karma.


Beitragsbild (c): Viktor Talashuk

3 Replies to “Für eine Verlängerung nach § 15 (3) Bafög wegen Schwangerschaft sind Sie leider nicht schwanger genug”

  1. ich ueberlege und ueberlege, aber… dazu faellt mir einfach nichts mehr ein. dieser satz mit dem sozialstaat und den grenzen… heute morgen im hamburger abendblatt, ein bericht ueber eine neue promenade in der hafencity, jeder kilometer (jeder. einzelne.) hat etwas ueber eine mio. euro gekostet. kein witz. dafuer ist geld da. und fuer die elbphilharmonie. und was weiss ich noch, wofuer. das darf doch nicht wahr sein!! ein semester. ein lumpiges semester bafoeg. das, soweit ich weiss, ein darlehen ist, kein geschenk. ein weiteres semester bafoeg aus einem der besten gruende ueberhaupt. noch dazu bei einer frau, die es schon so weit geschafft hat, dass nur noch die abschlussarbeit ansteht (oder fast, jedenfalls macht sie ihren “job” als studentin offensichtlich sehr gut!). ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen koennte!!
    und nebenbei bemerkt: ich habe keine kinder und waere sehr damit einverstanden, wenn von meinen steuern vorrangig (werdende) eltern und eine gute, familienfoerdernde infrastruktur statt promenaden finanziert wuerden.
    ach kuck. jetzt ist mir doch noch was eingefallen, was veroeffentlichbar ist.

  2. ich muss da noch was korrigieren in meiner nachricht von vorhin:

    ich ueberlege und ueberlege, aber… dazu faellt mir einfach nichts mehr ein. dieser satz mit dem sozialstaat und den grenzen… heute morgen im hamburger abendblatt, ein bericht ueber eine neue promenade (ich korrigiere bzw. praezisiere: hochwasserschutzmauer, die promenade ist ein nebenprodukt) in der hafencity, jeder kilometer (jeder. einzelne.) (ich korrigiere: jede zehn meter kosten einskommadrei-x mio) hat etwas ueber eine mio. euro gekostet. kein witz. dafuer ist geld da. und fuer die elbphilharmonie. und was weiss ich noch, wofuer. das darf doch nicht wahr sein!! ein semester. ein lumpiges semester bafoeg. das, soweit ich weiss, ein darlehen ist, kein geschenk. ein weiteres semester bafoeg aus einem der besten gruende ueberhaupt. noch dazu bei einer frau, die es schon so weit geschafft hat, dass nur noch die abschlussarbeit ansteht (oder fast, jedenfalls macht sie ihren “job” als studentin offensichtlich sehr gut!). ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen koennte!!
    und nebenbei bemerkt: ich habe keine kinder und waere sehr damit einverstanden, wenn von meinen steuern vorrangig (werdende) eltern und eine gute, familienfoerdernde infrastruktur statt promenaden finanziert wuerden.
    ach kuck. jetzt ist mir doch noch was eingefallen, was veroeffentlichbar ist.

  3. Fee sagt:

    Liebe Lou!
    danke für diesen Beitrag! Jedes Wort so bitter wahr!
    Wir sind auf den Barrikaden am 11. Mai 2019 gegen Kinderarmut und Familienarmut, die durch Carearbeit verursacht wird.
    Die große Familiendemo in Berlin trifft sich am Samstag vor Muttertag ab 13:3= vor dem Neptunbrunnen und geht dann bis zum Brandenburger Tor zur Abschlusskundgebung mit Dietmar Bartsch (Die Linke und Sprecher des Netzwerkes gegen Kinderarmut), Sarah Lee Heinrich (Studentin, Grüne Jugend und Betroffene Tochter aus einer Harzt-IV-Bedarfsgemeinschaft)Maria Stern (Autorin, Sängerin und Vorsitzende der Partei.Jetzt/Liste Pilz uas Österreich, sowie Dr, Ulrich Schneider (GF des Paritätischen und Sprecher des Netzwerkes für Kindergrundsicherung) sowei Heinz Hilgers als Vorsitzender des deutschen Kinderschutzbundes.

    https://www.facebook.com/events/343188529587239/

    http://www.esreichtfuerunsalle.org/

    Vielleicht sehen wir uns!

    Beste Grüße
    Fee von #esreichtfuerunsalle

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