Liebe, Sex & Co. Oder: Feministische Aufklärungsliteratur für jedes Alter

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Die Blogger*innen von “buuu.ch – Diverse Kinderbücher” stellen für umstandslos empfehlenswerte Aufklärungsliteratur vor – und weisen auf Aspekte hin, für die diese fehlt. Wichtige Auswahlkriterien sind u.a. eine unaufgeregte Darstellung der Diversität von Geschlechtern, Körpern und sexuellen Vorlieben, ohne in die heterosexuelle Matrix zurückzufallen, außerdem eine positive Einstellung zu Sexualität.

Vom buuu.ch-Kollektiv

Aufklärungsbücher gibt es viele am Markt, und auch, wenn diesbezüglich einiges Furchtbares dabei ist, so ist doch im Mainstream angekommen, dass vertrauensvolles Sprechen über Sexualität nicht erst mit den ersten Pickel einhergeht. Denn Kinder haben meist schon früh Fragen zu Babybäuchen und wie das denn so geht. Außerdem, und hier greift seit Jahren der (alte, aber gute) feministische Diskurs zu Gewaltprävention, ist Kern jeder emanzipatorischen Aufklärung das Wahren der eigenen Körpergrenzen sowie eine Stärkung betreffend Nein-Sagen bis hin zur Abwehr von Übergriffen. Das Bussi von der Omi muss kein Kind mehr geduldig über sich ergehen lassen, denn jedes noch so kleine Menschlein hat ein Recht darauf, sich Körperkontakt – zu wem auch immer – aussuchen zu können.

So weit, so klar. Und auch wenn konservative Kräfte von Kirche über rechte Parteien diese Tatsachen zu leugnen versuchen, so sind sich doch die meisten darüber einig, dass regelmäßige und kindgerechte Gespräche inklusive Benennung der Geschlechtsorgane spätestens ab dem Zeitpunkt angebracht sind, an dem das Kind danach fragt.

Was also macht feministische Aufklärungsbücher so besonders?

Für uns ist es jedenfalls die unaufgeregte Darstellung einer Diversität von Geschlechtern, Körpern und sexuellen Vorlieben, ohne in die heterosexuelle Matrix zurückzufallen. Eine positive Einstellung zu Sexualität und zum eigenen Körper vermischt mit Empowerment, Selbstliebe und der Lust, sich damit auseinanderzusetzen, machen jedenfalls wichtige Teile der feministischen Essenz aus.

Was wir mögen

Wir haben für euch unsere Lieblingsaufklärungsbücher zusammengesammelt, wobei wir für die ganz Kleinen ab ca. einem Jahr keine wirklich passenden Pappbilderbücher gefunden haben. Mein erstes Buch vom Körper blendet z.B. Geschlechtsorgane zur Gänze aus. Es scheint so, als ob es hier eine zu füllende Lücke gibt. Denn nackige Menschen würden sich zumindest unsere Kleinen schon ganz gern ab und zu anschauen.

Bücher, die sich speziell nur an Mädchen oder Burschen richten (“Was Jungs wissen wollen”), lassen wir außen vor. Denn wir finden: Alle Fragen und Themen gehen alle was an. Diese Form der Wissensaufbereitung fördert den Gender-Gap und ist nix, was wir auch nur irgendwie toll finden.

Bei ca. 3 Jahren setzt “Wie entsteht ein Baby” an und erklärt, was passiert, wenn sich Ei und Samenzelle treffen. Am Ende steht kein Abbild einer glücklichen heteronormativen Kleinfamilie, sondern die Fragen: „Wer hat dabei geholfen, dass die Eizelle und die Samenzelle zusammenkamen, aus denen du entstanden bist? Wer war glücklich, dass ausgerechnet DU dabei entstanden bist?“

Ein schönes Beispiel dafür, dass Aufklärung ohne Geschlechtszuschreibungen möglich ist.

Lulu und Kacki

Zwischen 2 und 3 Jahren ist auch das Thema “Aufs Klo gehen” und keine Windeln mehr brauchen zu verorten. Dazu gibt es eine Fülle von Kinderbüchern. In den allermeisten geht es um den Kot an sich (“Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hatte”– kennen und lieben alle…) oder um schlichtes Töpfchentraining ohne auch nur Vulva, Penis oder After als Begriffe für die eigenen Ausscheidungsorgane zu benennen. Das Lulu wird runtergespült, das Kind wird “rein”. Hier erkennen wir einen klaren Nachholbedarf für feministische Zugänge. Denn zum einen haben windelfreie Kinder zu Lulu und Kacki andere Fragen, und zum anderen ist der ganze Diskurs rund um “Sauber werden” getragen vom Belohnungssystem und einem fraglichen Hygienediskurs, der wenig auf die Bedürfnisse von Kleinkindern (und den Menschen, die mit ihnen leben) eingeht.

Im über 30 Jahre alten Bilderbuch “Wo kommen die kleinen Kinder her?: Ein Aufklärungsbuch für junge Menschen”, das ab ca. 3 Jahren vorgelesen werden kann, ist als eines der wirklich wenigen Kinderbücher ein Orgasmus beschrieben. Ansonsten ist es recht klassisch heterosexuell geprägt, sorgt aber nach wie vor in konservativen Kreisen für totale Auszucker wegen der Offenheit, mit der Sexualität besprochen wird. Ganz frisch in diesem Kontext erschienen ist das sex-positive Aufklärungsbuch Ach so ist das!” mit liebevollen Geschichten für Kindergartenkinder, das uns ziemlich gut gefällt, wenn es auch kleine Minuspunkte für die stereotypen “Mädchen- und Bubensachen” und die sehr weiße Bildsprache gibt.

Sehr umfangreich informiert das Buch „Total normal“, geeignet ab etwa 8 Jahren zum Vor- oder Selberlesen, über Körper und Sexualität. Im ersten Teil „Was ist Sex?“ geht es darum, was Geschlechtsverkehr ist, wie Fortpflanzungsorgane funktionieren, welche unterschiedlichen Formen von Sexualität und Geschlechtlichkeit es gibt oder welche Gefühle möglich sind. Weitere Kapitel beinhalten Themen wie Gesundheit, Verhütungsmittel, Gewalt und Verantwortung für den eigenen Körper; ein perfektes Nachschlagewerk zum immer wieder Lesen, Rumblättern und Diskutieren.

WAS machen?

„DAS machen?“ von Lilly Axster und Christine Aebi spricht sehr unterschiedliche Fragen an und bietet spannende Ansätze, mit Kindern im Volksschulalter über Sexualität zu sprechen – die Autorinnen empfehlen es ab ca. 8 Jahren. Es wird auf die Gefühle der Kinder geachtet, es werden Grenzen gezogen, es können ohne Angst oder Scham Fragen gestellt werden, die Vielfalt von Menschen und deren Sexualität wird angesprochen. Beim Lesen bekommen wir einen Einblick in eine Woche Sexualerziehung in einer vierten Klasse Volksschule. Die Kinder haben ganz unterschiedliches Vorwissen, manche sind verunsichert, andere schon gut informiert, andere wollen sich gar nicht beteiligen. Und das ist eine besonders wertvolle Stelle im Buch: Wenn ein Kind nicht über „solche Sachen“ reden will, dann muss es nicht. Obwohl das Projekt schon einige Jahre am Buckel hat, ist es noch immer eins der schönsten Bücher zum Thema. Coolerweise gibt es dazu mittlerweile ein Vorlesevideo, ein Spiel und Unterrichtsmaterialen in verschiedenen Sprachen – alles online und frei zugänglich.

Für Jugendliche ab ca. 12 empfiehlt die Sexualpädagogin Conny Lindner Make Love – Ein Aufklärungsbuch”, das mit expliziten Fotos nackter Menschen punktet. Es ist recht nah dran an jugendlichen Lebenswelten und gibt einfache Tipps, die sich Jugendliche betreffend Körper und Co oft wünschen. So werden Themen wie Selbstbefriedigung, erster Sex, Verhütung, Sexstellungen und vor allem auch Pornos angesprochen, was nach wie vor eine Seltenheit darstellt. Dabei wäre gerade eine offene Auseinandersetzung mit dem Thema so wichtig, denn viele Jugendlichen holen sich ihre Infos aus frei zugänglichen Online-Pornoseiten und nehmen das Gesehene nicht selten für bare Münze. Was oft zu Stress führt, zu Scham über den eigenen Körper, da dieser nicht so zu sein scheint, wie im Film, und zu vielen weiteren Fragen zum angesammelten Pornowissen, das nur selten von Erwachsenen vertraulich und in Augenhöhe beantwortet wird.

Alternativen zu Büchern

Kostenlose und wahnsinnig gute Aufklärungsbroschüren in Leichter Sprache für Menschen, die sich schwer tun mit Texten oder Lernschwierigkeiten haben, finden sich mittlerweile einige im Netz. Besonders erwähnt werden muss in diesem Kontext  “Frau.Mann. Und noch viel mehr.” vom Verein Leicht Lesen und der Hosi Salzburg. Die österreichischen Jugendinfos haben ebenfalls vor einiger Zeit die kostenlos bestellbare Broschüre “Erster Sex und große Liebe” herausgegeben, die ab ca. 12 Jahren Aufklärung anbietet und neben vielen anderen Themen wie Pornografie, sexuelle Gesundheit und Gewaltprävention behandelt. Außerdem wird sprachlich versucht, Diversität und Vielwahl betreffend Sex und Gender aufzuzeigen und kann aufgrund der verständlichen Sprache gut für Projekte in Schule, Jugendzentrum etc. eingesetzt werden.

Let’s talk about sex!

Übrigens: Sämtliche Aufklärungsbücher sind nicht dafür da, um sie Kindern oder Jugendlichen mit der Aufforderung “Lies das!” in die Hand zu drücken. Über Gefühle reden, über Wünsche, Unsicherheiten, Gedanken oder Fragen rund um das Thema Sex ist zentraler Bestandteil feministischer Forderungen. “Let’s talk about sex, Baby” bedeutet damit eine offene, vorurteilsfreie und lustvolle Auseinandersetzung – unabhängig vom Alter oder Erfahrungen. Redet drüber! Mit euren Kindern, Partner_innen, im Freund_innenkreis. Vertraulich, ungeschönt, ehrlich.

Tipps zum Weiterlesen

  • Silverberg, Cory/Smyth, Fiona: “Wie entsteht ein Baby? Ein Buch für jede Art von Familie und jede Art von Kind” – Mabuse Verlag
  • Thaddäus Troll: “Wo kommen die kleinen Kinder her? Ein Aufklärungsbuch für junge Menschen” – Atlantik
  • Harris, Robbie H./Emberley, Michael: “Total normal – Was du schon immer über Sex wissen wolltest” – Beltz & Gelberg
  • Axster, Lilly/Aebi, Christine: “DAS machen? Projektwoche Sexualerziehung in der Klasse 4c” – de’A Verlag
  • Ann-Marlene Henning/Tina Bremer-Olszewski: “Make Love: Ein Aufklärungsbuch” – Goldmann Verlag

And much more auf unserem Blog.

(Beitragsbild: buuu.ch)

4 Replies to “Liebe, Sex & Co. Oder: Feministische Aufklärungsliteratur für jedes Alter”

  1. Anna sagt:

    Danke für die guten Tipps! Ich hab ne Frage dazu. Habe meiner Tochter auch auf “make love“ gekauft. Nun hätte ich evtl gern ein Gespräch mit ihr (14J.) geführt, aber sie hatte es im Nu genommen und es ward nie wieder thematisiert. Nun muss ich gestehen, dass das Thema ernsthaft auch mir nicht so easy über die Lippen geht und ich auch ihr zugestehe, dass sie das (wie ich früher) lieber allein für sich oder mit Freund*innen erkundet. Und nun? Soll ich mich und sie überzeugen, doch mit ihr darüber zu sprechen?

    • Katja sagt:

      Liebe Anna,

      als Sexualpädagogin kann ich dir sagen, dass das ganz normal ist in dem Alter, wenn eine*r nicht mehr mit den Eltern darüber sprechen möchte. Super, dass du ihr Literatur besorgt hast. Außerdem, wenn es einem*r selbst so schwer über die Lippen kommt, über das Thema zu reden, wirkt das wenig authentisch, wenn du es erzwingst und wird vermutlich etwas krampfig.
      Was du aber machen kannst, ihr ehrlich sagen, dass du dir bei dem Thema nicht so leicht tust, froh bist, dass sie das Buch angenommen hat und wenn sie Fragen hat – weil eben auch nicht alles in Büchern steht -, dass du dann jederzeit für sie da sein möchtest, auch wenn es vl ein bisschen peinlich ist für euch.

  2. […] ersten Teil hat sie feministische Aufklärungsliteratur für jedes Alter gesammelt, im zweiten schreibt sie über ein ebenfalls bei uns sehr oft nachgefragtes Thema, nämlich wie man […]

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