Eva Corino. Das Nacheinanderprinzip.

von Catherine

In ihrem Sachbuch Das Nacheinander-Prinzip argumentiert die Journalistin Eva Corino für eine Entzerrung der sogenannten Rush hour des Lebens und für das, genau, Nacheinander anstelle von Gleichzeitigkeit.

Ausgehend für die Forderungen der Autorin ist die Beobachtung, dass Menschen zwischen dem 30. und dem 45. Lebensjahr scheinbar alles zu gleichen Zeit auf die Beinen stellen müssen: Hier werden Grundsteine für eine erfolgreiche Berufslaufbahn gelegt, außerdem Lebenspartner getroffen, Kinderwünsche erfüllt und gegebenenfalls alte Eltern versorgt. Dass dies einen riesigen Druck ausübt und viele Menschen, insbesondere Frauen, die sich zwischen Care- und Lohnarbeit aufreiben, unglücklich macht und ihnen das Gefühlt gibt, niemandem zu genügen, ist kein Geheimnis, sondern seit vielen Jahren gesellschaftliche Relität.

Corino erklärt im ersten Teil ihres Buch, dass sie Druck nehmen, das Leben verlangsamen und es somit Menschen ermöglichen will, jeweilige Lebensabschnitte zu geniessen oder zumindest so zu erleben, dass sie nicht ständig die Angst haben, dass andere Dinge zu kurz kommen. Und das Gefühl, dass Alles jetzt sofort passieren muss ersetzen durch das Gefühl, dass Alles zu seiner Zeit dran ist. Dass der Feminismus gerade der zweiten Welle den Druck auf Frauen erhöht hat und die Politik es fördert, dass Eltern schnell so viel wie möglich arbeiten, auch wenn die Kinder noch klein sind, lässt sie nicht unerwähnt. Sie plädiert ingesamt für einen individuellen, undogmatischen Ansatz, um Familienleben und Lohnarbeit zu organisieren und aufzuteilen, der sich vor allem durch das Nacheinander von Lebensabschnitten auszeichnet: ein Lebensabschnitt gehört der Familiengründung und der Kinderbetreuung, dann einer der Erwerbsarbeit, und dann vielleicht wieder einer der Pflege kranker Angehöriger.

Im zweiten Teil des Buches werden Beispiele für das Praktizieren des Nacheinander Prinzips genannt, Biographien von Menschen vorgestellt, die Kinder bekommen und sich ganz und gar um diese gekümmert haben, bis sie dann, die Kinder waren mehr oder weniger selbstständig, Karriere gemacht haben. Im dritten Teil zeigt Corino auf, wo Flexibiliserung und Nacheinander heute schon möglich sind, welche Rechte ArbeitnehmerInnen haben, was ArbeitgeberInnen tun, um Familien ein Zusammenleben und -wachsen zu ermöglichen. Den vierten Teil bildet eine Sammlung von Interviews mit Soziologen, einer Politikerin, einer Arbeitgeberin, in denen Corino abtastet, ob das Nacheinander Prinzip wissenschaftlich fundiert und gesamtgesellschaftlich umgesetzt werden kann. Im fünften Teil beleuchtet die Autorin wiederum an konkreten Beispielen den Wandel in Erwerbsbiographien und im abschliessenden sechsten Teil gibt es Handlungsappelle an Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und uns selbst, damit wir alle gemeinsam auf ein besseres Leben zugehen können.

Das Herzstück des Buches ist sicherlich der zweite Teil mit den biographischen Skizzen von Menschen, die erst das eine, dann das andere gemacht haben. Hier werden vor allem Menschen vorgestellt, die quasi allesamt gut bis sehr gut ausgebildet sind, sich in einer stabilen Partnerschaft befinden, die sie während ihrer „Familienauszeit“ finanziell absicherte und die später ohne Druck und Angst in einen Beruf einsteigen konnten. Diese Frauen haben ihr Leben gestaltet und in die Hand genommen, Chancen ergriffen und Dinge gewagt. Und das ist super. Aber. Es ist nicht beispielhaft und es schliesst aus – eben all jene mit wenig Geld, keinem Lebensplan, Leute ohne Partnerschaft oder sonstige emotionale Unterstützung. Und weil die vorgestellten Biographien so viel Raum im einnehmen, bleibt im ganzen restlichen Buch kaum Platz für eben diese. Es wird sehr wenig Platz verwendet um zu erklären, wie all die in den Interviews Erwähnten das Nacheinander Prinzip praktizieren können. Alleinerziehende werden auf unterstützende Blogs verwiesen (die super sind. Keine Frage. Nur die Miete bezahlt kriegt eins davon nicht), Menschen, die keine Akademiker oder Fachkräfte sind, kommen generell in Corinos Buch nicht vor. Und so richtig gerne liest eins das dann ziemlich bald nicht mehr, kommt noch dazu, dass die Autorin oft mit allzu marktfreundlichem Sprech daherkommt, wo Eltern angewiesen werden, die Soft Skills, die sie in der Erziehungszeit erworben haben, beim Berufswiedereinstieg auf jeden Fall in den Mittelpunkt zu bringen und ruhig und gerne auf Fortbildungen und Arbeitgebernähe praktiziert werden darf, obwohl eins sich doch gerade um die Familie kümmert.

Und so schrammt das Buch (mit dem wirklich entsetzlichen Cover) immer weiter weg von der eigenen Lebensrealität und von der Lebensrealität der meisten Eltern, die ich kenne. Es hält den neoliberalen Mythos von der Selbstverwirklichung durch Lohnarbeit aufrecht und erhebt keine wenigstens halb radikalen Forderungen, die es sämtlichen Menschen einer Gesellschaft ermöglichen könnten, frei und gleich zu leben und das zu tun, was ihnen Freude und Erfüllung bringt. Und zwar ganz unabhängig vom damit verbundenen Lohn.

 

 

Ein Rezensionsexemplar wurde uns vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Eva Corino: Das Nacheinanderprinzip. Vom gelasseneren Umgang mit Familie und Beruf. Suhrkamp. 16,95€


Beitragsbild: Suhrkamp Verlag

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