„Eine, aber nicht alleine“: Meine Arbeit ist deine Kindheit

meinung

Kolumne von Katrin Anna

Um 6:00 Uhr klingelt der Wecker. Fünf Minuten vorher ist Kiddo aufgewacht: „Maaaama! Wann stehst du auuuuf?!“

06:01 Uhr, schlaftrunken: „Hmmm??!“

06:01:15 Uhr: „AUFWACHEN!!! Ich hab HUUUUNGER!“

Guten Morgen. Wie jeden Morgen.

Es ist mittlerweile 06:15 Uhr und ich habe die emotionale Arbeit für einen ganzen Tag erledigt. Wut, Trauer, Neugier, Freude, Hunger, Durst, Pipi, Liebe, Kuscheln … was eins nicht alles in gut zehn Minuten erledigen kann.

Ich stehe also auf. Wackelig. Erste gedankliche Überprüfung des Tagesplans bereits erledigt. Heute ist nicht nur ein normaler Arbeitstag, heute ist ein früher Termin. Allerdings kein Arbeitstermin, sondern vor der Lohnarbeit noch Kinderärztin. Denn die Institutionen sind rigide. Kindergartenbeginn spätestens 9 Uhr. Arbeitsbeginn: eigentlich auch 9 Uhr, maximal 10 Uhr, je nach Terminen und Dringlichkeit, das Büro wieder zu verlassen. Also immer dringlich, denn der Kindergarten hat ebenso rigide Schließzeiten. Die Abholgewohnheiten und was das mit Kiddo macht, verstärken diese Rigidität zusätzlich. Das bedeutet Stress. Gleitzeit hin oder her. Wie lange werde ich warten müssen, wann komme ich dann aus dem Büro um Kiddo vom Kindergarten abzuholen? Ach halt, heute muss ich eh lange arbeiten, der Babysitter holt Kiddo, denn ich habe einen Arbeitstermin bis 19 Uhr (mindestens). Und der Kindergarten schließt um 17:30 Uhr (schon Luxus, im Vergleich zu anderen!). Also noch eine kurze Rückversicherungsnachricht an den Babysitter und überlegen, was entsprechend noch alles vorzubereiten ist. Rucksack packen, Schlüssel …

„Maaaammmaaaa! Ich! hab! HUNGER!!!“

Working mum‘s death“ und Mandalas.

Dieses Textfragment liegt schon Wochen und Monate auf meiner Festplatte. Ich wollte einen Text über Elternsein und Arbeiten schreiben. Und bin – wieder einmal – so in Erwerbs-, Care-, emotionaler und gedanklicher Arbeit ertrunken, dass ich alles gemacht habe, aber nicht weitergeschrieben. In meinem letzten Text habe ich darüber geschrieben, dass ich mich trotz alleinverantwortlichen Elternseins eingebettet in eine wunderbare (Wahl-)Familie fühle. Und trotzdem pfeife ich aus dem letzten Loch. Keine fröhlichen Melodien. „Mutterschaft geht häufig mit verringertem mentalem Wohlbefinden einher“, so der Titel einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Konkret geht es um „mentalen Stress, sozialen Rückzug, depressive Verstimmungen und Angstgefühle als psycho-emotionale Risiken von Mutterschaft“, insbesondere in den ersten sieben Lebensjahren des Kindes. Und ja, das beschreibt es ziemlich gut. Grundsätzlich betrifft dies alle Mütter, denn die Klischees von „Karrieremüttern“ (positiv wie negativ), „Rabenmüttern“ und entgegengesetzt „Mutterschaftsideal“ treffen in überwältigender Mehrheit weiblich gelesene Menschen. Ebenso das „caring stigma“ bzw. die „motherhood penalty“. Daraus ergibt sich in Summe ein „normenbezogenes Spannungsfeld, welches unerreichbare Erwartungshaltungen an Mütter formuliert“, wie die DIW-Studie zusammenfasst. Denn, so die Studie weiter, diese gesellschaftlichen Mutterschaftsideale bzw. deren Spannungsfeld sind es, die das eigentliche Hauptproblem sind. Diese Ideale, eingebettet in Sprache, gesellschaftliche Institutionen, Steuersysteme, Beziehungen, uvm. bauen unendlichen Druck auf und schränken massiv ein.

In Deutschland gibt es für die unzähligen erschöpften Mütter eine eigene Institution: Das Müttergenesungswerk. Dort können Mutter-Kind-Kuren beantragt werden, um Mütter und Kinder wieder fit für die Leistungsgesellschaft zu machen. Und für zwischendurch empfiehlt das Genesungswerk Mandalas zu malen, verpackt als Gewinnspiel. Ich weiß jetzt nicht, ob das ernst gemeint oder sarkastisch war, jedenfalls ist mir dazu dann auch nichts mehr eingefallen. Mandalas malen als Präventionsmaßnahme gegen Burnout aufgrund von Idealen der Leistungsgesellschaft als kompetitives Angebot an die Mütter Deutschlands. Alles klar.

Am Ende bin ich doch allein.

Aber betrifft dies alle Mütter gleichermaßen? Nein. Denn auch wenn ich letztens für mehr Solidarität unter Eltern egal welcher Lebensform plädiert habe, hier sind Ein-Eltern-Familien deutlich stärker bedroht. Denn wir, genauer gesagt ich:

  • arbeite mich dumm und dämlich. Damit ich all das ausgleichen kann, was an schlechteren Bedingungen real ist. Damit mein Kind zumindest finanziell vergleichbare Chancen hat. Denn es ist wunderbar und es kann nichts für mich und die Gesellschaft, in die ich es geboren habe.
  •  bin damit auch Arbeitgeber*in, denn ohne Babysitting zusätzlich zu der vielen gratis Unterstützung, die ich erhalte durch Freund*innen und Familie, geht bei mir nichts.
  • habe 50% der Pflegefreistellungstage im Vergleich zu Paar-Eltern-Familien. Weil Kinder mit einem Elternteil nur halb so oft krank werden? Ich zumindest werde weniger krank. Zumindest offiziell, denn ich kann es mir schlicht und ergreifend nicht leisten.
    Denn ich:
  • hänge 100% an meinem Einkommen, 100%.
  • habe denkbar geringe Chancen, dass ich eine neue Anstellung finde, sollte ich meinen aktuellen Arbeitsplatz verlieren. Weil ich, geläufige Denke, unflexibel bin und nicht 100% leistungsfähig.

„An alles allein denken zu müssen und alles allein machen zu müssen, macht Stress.“ schreibt Mareice Kaiser in „Das Unwohlsein der modernen Mutter.“ Davon, dem berühmt-berüchtigten „mental load“ sind wir alle betroffen. Und manchmal, eigentlich oft, halte ich mich damit über Wasser, dass ich wenigstens immer schon für alles zuständig war. Da war und ist niemand, um etwas zu delegieren. Hinfällig auch die Frage, ob die To-Do-Liste der*des Partner*in abgearbeitet ist, als ein weiteres To-Do auf meine Liste. Am Ende bin ich damit immer, aber zumindest erwartbar, allein.

Das macht Angst. Existenzangst. Denn was ist, wenn ich nicht mehr kann? Was ist, wenn das Kind krank wird? Oder – noch schlimmer – wenn ich krank werde? Fragen, die mir nicht nur ich als Familienerhalterin, also Arbeitnehmer*in, stelle, sondern auch Arbeitgeber*innen. Mit jedoch anderen Schlüssen. Soweit so klar, ist doch die Perspektive eine andere. Aber ist sie das wirklich? Muss das alles so sein? Immer funktionieren, alles durchgetaktet, früh aufstehen, früh in Kindergarten oder Schule, früh an den Arbeitsplatz, arbeiten, arbeiten, arbeiten, am besten noch länger, schnell Kindergarten/Schule, Kind abholen, andere Familien treffen, „Nein, heute noch Spielplatz geht sich leider nicht aus, nächste Woche vielleicht?“, einkaufen, heim, kochen, nebenbei „spielen“ („“, denn wer kann ernsthaft die zehn bis 20 Minuten, die mir in der Regel ohne Zweit- oder Drittbeschäftigung nebenbei bleiben, spielen nennen), essen, bettfertig machen, lesen, schlafen, Wäsche waschen, Wäsche aufhängen, Lego aus dem Weg räumen, zumindest an strategisch wichtigen Stellen, Vorbereitungen für morgen treffen, To-Dos auflisten, zu wenige abhaken, beschließen, jetzt ist Schluss, ich brauche was für mich, Text schreiben wollen, auf der Couch vor dem Laptop einschlafen, Ende. Repeat.

Wo bleibt mein Flugzeug, um Kiddo vom Kindergarten abzuholen?

Ganz ehrlich? Ich muss nicht leistungsfähiger und flexibler werden. Ich lache auch weinend über die Vorstellungen zur 60-h-Woche der Wirtschaftskammer Österreich (übrigens, wo bleibt mein Flugzeug?). Ich lebe die „Frag mich nicht wieviel Stunden“-Woche. Jeden verdammten Tag. „Schaun wir aufeinander“ heißt es im Video. Wunderbar! Das wäre doch mal eine echte Alternative. Denn eine Entlastung von Familien durch eine Veränderung gesellschaftlicher Regimes liegt nicht nur an der Politik, wie Mareice Kaiser schreibt. Die liegt auch und zu großen Teilen an der Wirtschaft, an Arbeitgeber*innen. „Es ist Zeit für Zeitumstellung!“ Ja! Oh ja! Wir sind effizienter, leistungsfähiger, konzentrierter und fokussierter denn je. Ich schaffe mit dem Smartphone in den 20 Minuten Öffi-Anfahrt zum Büro heute zum Teil mehr Arbeit, als früher an einem ganzen Vormittag. Und Präsenz kann in ganz vielen Berufen heute schon über digitale Anwesenheit gelöst werden. Wie viele Stunden werden heute bereits so, oft unentgeltlich, weil nebenbei, geleistet? Betrifft das alle Berufsfelder? Nein. Aber auch bei den Ausnahmen fänden sich sicherlich Lösungen, wenn es uns das wert wäre. Nach sechs Stunden sinkt die Konzentrationsfähigkeit rapide. Das wissen wir schon seit langem. Gerade in den, die Arbeits- und Präsenzzeit betreffend, sehr rigiden Berufsgruppen wie Pflege oder Bau/Industrie ist das problematisch und risikobehaftet. Nicht nur für die Arbeitnehmer*innen und ihre Familien – für uns alle. Und trotzdem gibt es jetzt in Österreich den 12 Stunden Tag (statt bisher maximal 10) respektive die 60 Stunden Woche, Elon Musk fantasiert sogar etwas von der 80-Stunden-Woche, um die Welt zu verändern, brauche es jedoch mehr, 100, eher 120h Stunden seien da realistisch.

Work-Life-Balance? Abgeschrieben. Aber ich mochte den Begriff ja noch nie. Denn Work ist mehr als Lohnarbeit. Und Balance funktioniert nicht als Einbahnstraße. Da muss von beiden Seiten im Arbeitsleben etwas kommen, damit Ausgeglichenheit hergestellt werden kann. Passen die Arbeitsbedingungen nicht, kann ich noch so viel Mandalas malen, Yoga machen, oder was auch immer so für Eltern als Ausgleich empfohlen wird. Solange die eine Seite nur fordert, aber die Forderungen selbst nicht umsetzt, wird das Hamsterrad für mich nie still stehen, ich kann nur weiterhetzen oder rausfliegen. Beides bedeutet hohe, zu hohe Kosten. Nicht nur für mich, für uns alle. Und besonders für Kiddo. Denn mein Alltag, mein Arbeiten, ist Kiddos Kindheit.

Mein weltverändernder #Arbeitgeberwunsch zu Weihnachten 2018 wäre also ein ganz anderer: Liebe Arbeitgeber*innen, gebt uns doch bitte die Flexibilität, Kreativität und Effizienz, die ihr auch von uns Arbeitnehmer*innen erwartet. Denkt nach über 30h Woche, Home Office, Jobsharing, flexible Arbeitszeiten, den Wert unserer Arbeit und entsprechende Entlohnung. Ihr bekommt das schon hin, wir schaffen es schließlich auch.

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Katrin, *1980, ein Kind (*2012), leben seit Beginn der Schwangerschaft zu zweit. 40+ Stunden-Job im Sozial-/Bildungsbereich. Schreibt, wenn sie nicht während dem Vorlesen einschläft und wäre gerne auch im offline Leben wieder politisch aktiver.

Beitragsbild (c) Katrin Anna

zum Weiterlesen:

Katrin Anna: „Eine, aber nicht alleine“: Ein Antrag auf Namensänderung

 

4 Replies to “„Eine, aber nicht alleine“: Meine Arbeit ist deine Kindheit”

  1. Sonja sagt:

    Liebe Katrin,

    dein Text ist stark, so wie du, und so wahr!

    Vielen Dank dafür und lieber Gruß,
    Sonja

  2. Eva-Maria Kropp sagt:

    Oh Mann, dein Alltag klingt wirklich hart, du stehst total unter Druck! Ich finde es muss endlich aufhören, dass Alleinerziehende auch sonst “allein“ sind und nicht mehr finanzielle Unterstützung vom Staat, von der Gemeinschaft, erhalten. Wir müssen als Gesellschaft endlich wieder mehr zusammenrücken, damit die, die Unterstützung brauchen (z.B. auch in der Betreuung, beim Haushalt, seelisch und moralsisch,…) sie auch bekommen. Wir sind alle Einzelkämpfer geworden, das ist nicht gut.
    Viele Grüße und noch viel Kraft!
    Eva

  3. […] (es scheint wirklich diesen Terminus Technicus zu geben!?) habe ich auf umstandslos gefunden: Meine Arbeit ist deine Kindheit. Ich habe mich an so vielen Stellen wiedergefunden – dieser Spagat zwischen Arbeit, Kind und […]

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