„widerständig“: Warum sind hier Kinder?

meinung

Kolumne von Emma G.

In diesem Text geht es um Vielerlei. Um unseren Sommerurlaub, um die Vereinbarkeit von politischen Projekten, kleinen Kindern und einer gewissen Kontinuität, um Kinderfeindlichkeit an (scheinbar) emanzipatorischen Orten mit diversen Ansprüchen und was das alles miteinander zu tun hat.

Im Sommer waren wir auf einem Festival. Gut, da wurde schon gefragt: Muss das denn sein? Warum macht ihr das? Und wir antworteten: Nun ja, vielleicht passt das nicht für alle Festivals, aber dieses hier ist nicht so groß und wir werden nicht im Party-Space der übrigen Besucher_innen campen. Das fast 2-Jährige Kind liebt Musik, wir auch, außerdem besitzen wir einen guten Gehörschutz und es ist ein Festival mit einem hohen Anteil an Straight Edge-Leuten. Das bedeutet, dass sich dort mindestens ein Drittel der Menschen Drogen aller Art verwehrt, was stimmungsmässig nette Auswirkungen auf das Ambiente hat. Es ist kein Novarock und kein Frequency, es laufen keine miesen Typen rotzefett mit Sexpuppen rum, es hat einen linken DIY-Anspruch und ein politisches Workshop-Programm. Und ein riesiges Schwimmbad ums Eck.

Festival des Grauens?

Vielleicht waren wir naiv und blauäugig. Vielleicht hätten wir auf die Stimmen hören sollen, die meinten: “Es wird sich alles ändern und ihr habt dann nicht mehr die gleichen Interessen wie vorher. Was für euch zählen wird, ist einzig das Wohl des Kindes.” Vielleicht hätten wir dann eingesehen, dass ein Festival nichts für ein Kleinkind ist. Dass unser egoistischer Wunsch dort gemeinsam zu sein, im Moment nicht gelebt werden kann. Vielleicht wären wir dann zuhause geblieben, hätten uns jede Menge Stress erspart, eine Augenverletzung, Hitze-Schweiß und Verzweiflungs-Tränen, zwei Krankenhausbesuche, Tekkno bis 3 in der Früh vor unserem Zelt, vorwurfsvolle Blicke, totale Erschöpfung, unzählige Streitereien, eine nervenaufreibende An- und eine noch viel anstrengendere Heimreise.

Und ich hätte den für mich sehr prägenden Moment verpasst, als eine Festivalbesucherin vorwurfsvoll mit Blick auf mein Kind zu ihrer Freundin meinte: “Warum sind hier Kinder??? Ich dachte, zumindest hier hätte man seine Ruhe.” Ich sagte nichts, ich war unfähig zu reagieren, erschöpft vom Ausflug ins Schwimmbad, entsetzt und sprachlos. Ich wollte mich so gern wohlfühlen, keine Lohnarbeit, endlich Ferien, nur Abhängen, Entspannen, gute Musik und nette Gespräche. Mit meinem Kind, mit Freund_innen, irgendwie unter Gleichgesinnten, unter Leuten, die Teil einer Subkultur sind, die dagegen ist: Gegen das herrschende System, gegen den tödlichen Kapitalismus, für eine bessere Welt. Solidarisch, fair, liebevoll. Punkrock.

Offenbar lag ich falsch. Ich fühlte mich fremd, nicht zugehörig, isoliert und so verletzlich. Das Taschenmesser unauffindbar? Ich verzweifelte. Den Kindermückenschutz verloren? Ich weinte. Ein Wolkenbruch? Ich verlor die Nerven und schrie herum. Unsere Freund_innen vor Ort bemühten sich und gaben ihr Bestes, trotz 35° im Schatten und schlimmen Hang-Overs. Doch zu diesem Zeitpunkt konnte ich weder Hilfe annehmen noch akzeptieren, dass eben nicht alles so läuft, wie man es gern hätte. Mir fehlten schlicht die Worte und die Nerven. Zwar gab es auch andere Menschen mit Kindern am Festival, doch die Kontaktaufnahme zu ihnen wollte uns nicht recht gelingen, zu sehr benötigte ich die Energie, um meine Emotionen irgendwie unter Kontrolle zu halten. Die Erkenntnis, dass ich nicht hier sein wollte, hielt sich die Waage mit dem unendlichen Wunsch dabei zu sein, Spaß zu haben, Bands anzuschauen und mit dem Kind über das Gelände zu tollen.

Kinder sind zum Hassen da

Es gibt wenig Orte, an denen Kinder uneingeschränkt willkommen sind. Zu meinem Leidwesen sind selbst linke, emanzipatorische, vielleicht sogar feministisch definierte Orte nicht offen für Kinder, ja oft strahlen diese eine Kinderfeindlichkeit aus, dass einer das Kotzen kommt. Kinder nerven, Kinder sind anstrengend, Kinder stinken, Kinder sind laut. All das trifft auf Erwachsene auch zu, nicht immer auf alle, aber auf Festivals irgendwann schon. Wer sagt “Ich mag keine Kinder.”, sagt eher nicht “Ich mag keine alten Leute.” oder “Ich mag keine behinderten Menschen.” Das wäre fies und gemein, einfach nur menschenfeindliche Scheiße. So was will niemand von sich geben.

Bei Kindern sehen das viele anders: Kinder darf man hassen, das gehört in manchen Kreisen fast schon zum guten Ton. Und mich jetzt bitte nicht falsch verstehen: Ich finde auch, dass es Orte gibt, an denen Kinder nichts verloren haben, die speziell Erwachsenen vorbehalten sein sollten, z.B. an der Schnapsbar oder auf der Diskoparty. Um das geht es auch gar nicht. Es geht vielmehr darum, dass Kinderhass Elter(n), aber vor allem Mütter* aus der Öffentlichkeit verdrängt, und somit auch aus politischen Zusammenhängen, die vorgeben für eine andere Welt einzutreten. Und weil ohnehin schon alles so anstrengend ist, warum sich also noch die Streitereien mit den Leuten geben, die finden, dass du mit deinen Kleinkindern besser zuhause bleiben solltest, statt aufs Plenum zu gehen oder aufs Festival. Wer nicht mit Kindern zusammen lebt oder engmaschigen Kontakt pflegt, hat keine Ahnung, was Alltag für uns bedeutet, wie wertvoll unsere Zeit ist, wie wenig Verständnis ich z.B. für die Unpünktlichkeit anderer aufbringe. Immerhin schaufle ich mir extra Zeit frei und muss dann auf Leute warten, die (zumindest in meiner Zuschreibung) davon genug haben.

Eine gewisse Kontinuität in Projekten klappt dann, wenn Leute gleichberechtigt daran partizipieren können. Da aber nicht alle gleich sind, sondern aus den unterschiedlichsten Momenten heraus politisch agieren (wollen), brauchen die einen mehr Unterstützung und Verständnis als die anderen. Egal jetzt ob sie mit einem Schreibaby das Bett teilen, unter chronischem Geldmangel oder einer körperlichen Einschränkung leiden. Nur so kann es gelingen, dass Menschen dabei bleiben und aus dem Akt der Involviertheit Kraft schöpfen können.

Ich hatte zu jenem Zeitpunkt, als das “Ich hasse Kinder!” ertönte, keine Kraft mehr auf die Auseinandersetzung. Mein Kopf war leer und ich fühlte mich ausgebrannt und vollkommen fehl am Platz. Zuhause wollte ich nicht sein, ein langweiliges Kleinfamilienleben interessiert mich wirklich gar nicht, aber in diesem Moment (und in einigen weiteren, die seit dem Sommer kamen) wünschte ich mir nichts anderes als normal zu sein, angepasst, zufrieden mit der Welt und im Reinen mit dem System. Weil es so einfach wäre, so gemütlich.

Schnapsidee mit Festival-Charakter

War es falsch mit Kind aufs Festival zu fahren? Wir sind uns diesbezüglich nicht sicher. Direkt danach war meine Antwort drauf: Fix, was für ne Schnapsidee, was für ein Irrsinn. Nun hat sich das Erlebte ein bisschen gesetzt, die ganz so furchtbaren Erinnerungen werden bereits von den schönen Momenten überlagert, die Antwort fällt diverser aus und ich überlege schon, wie wir für das kommende Festival einen Kinder-Space aufziehen könnten.

Wir wissen nicht, ob es richtig oder falsch war. Wir sind Menschen, die Fehler machen und das Beste aus unserem Leben rausholen wollen. Vor allem dann, wenn es sich richtig für uns anfühlt. Das Kind hatte am Festival sicher den größten Spaß, viele Menschen, viel Musik, als es zu heiß wurde, zog es sich einfach splitternackt aus und tanzte übers Gelände. Wäre nicht das Drumherum so anstrengend gewesen, wäre es vielleicht ein großes, lustiges Abenteuer geworden. Doch Kinder sind nun mal verdammt anstrengend und unseres speziell, das hätten wir vielleicht vorausschauender planen können.

Wir suchen auf die Frage der Richtigkeit keine Antwort mehr. Es ist ok, wie es war. Wir sind gut so, wie wir sind, wir brauchen uns nicht mit anderen zu vergleichen oder uns an unseren Unzulänglichkeiten reiben. Wir reflektieren, uns, unser Leben, unsere Weigerung sich ins private Familienleben zurückzuziehen permanent. Wir hadern mit unserer Zeit und unseren Interessen, aber wir finden im Großen und Ganzen gut, dass wir noch immer da sind. Denn normal sein, das können die anderen.

Das Dorf bauen

Der Sommerurlaub wurde übrigens nicht besser. Er ging katastrophal weiter, selbst am unaufgeregten Kleinfamilien-Campingplatz in Kärnten gab es Magen-Darm-Erkrankungen, Bisswunden, Streitereien, nächtlichen Stress mit den Zeltnachbarn und täglich zweistündige Einschlafbegleitungen. Die besten, weil entspanntesten Tage waren die mit den Freund_innen und ihren Kindern, in deren Nähe wir zufällig gestrandet sind. Weil es für uns stimmig ist, dass man ein Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen. Und da wir kein Dorf haben, müssen wir uns eben eins bauen. Mit Menschen, die unterstützend sind, großherzig, liebevoll, solidarisch, Widersprüche stehen lassen, Chaos und Lärm ertragen können oder die abwertenden Blicke der anderen. Menschen, die einfach da sind und deren bloße Anwesenheit dafür sorgt, dass alles ein bisschen leichter wird.

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Foto (c) Alpha via Flickr CC BY-SA 2.0

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3 Replies to “„widerständig“: Warum sind hier Kinder?”

  1. Katja sagt:

    Ich glaub, es liegt auch ein bisschen am Alter. War heuer auf dem Accoustic Lakeside mit dem 5jährigen – da gibs auch einen Kidsspace. Wir haben die Decke ausgebreitet, er hat Lego gespielt und gleichzeitig konnten wir Konzerte anschauen/hören. Er wollte auch ganz nach vor zur Bühne (mit seinen Kopfhörern). Einmal hat er dabei nicht mehr zurückgefunden ist ist gleich von einem Bühnenmitarbeiter mitgenommen worden und sie haben mich ausgerufen und er hat derweil Sticker bekommen und war total vergnügt. Da haben so viele Kinder und schauen auf einander. Hat sich absolut wie ein Dorf angefühlt.

    Aber ich bin absolut bei dir. Es braucht grundsätzlich mehr Austausch zwischen Eltern und Nicht-Eltern, weil die Nicht-Eltern kaum Ahnung haben vom Familienalltag und auch weil es viel weniger Kinder in unseren Familien (und damit auch jüngere Geschwister) gibt. Eigentlich sollten alle Teil des Dorfes sein können. Aber gerade das Unwissen führt hier zu total unterschiedlichen Erwartungen und total wenig Empathie. Das finde ich total schade. Aber um so schöner, wenn es funktioniert – so wie am Accoustic Lakeside.

  2. Franziska B sagt:

    huhu. kenne ich alles was du schreibst.
    hier die seite http://www.wer-lebt-mit-wem.de/ ist zwar gerade im umbau, aber dort ging alles mit Kind. weil die Umgebung darauf eingestellt war und sich jede_r als Bezugsperson gefühlt und es sogar eine kinderbetreuung gab, falls du mal ruhe wolltest…LG

  3. Antje sagt:

    Danke für Deine Erfahrung und die Versuche, nicht im vermeintlich bequemen Familienidyll abzutauchen… ‚ich hasse Kinder‘ wurde mir neulich auch von einem Gewerkschafter gesagt, der damit einfach nur verdeutlichen wollte, dass sein Beruf ohne Kinder zu haben, einfacher auszuüben ist. Kein Wunder, dass die Berufswelt sich nicht ändert (und Gewerkschaften ihre Bedeutung verlieren…) Kinde4 müssen immer wieder versteckt, entschuldigt oder sonstwie angepasst werden. Ja, es braucht mehr öffentlichen Raum für gemeinsames Leben von Eltern und nicht-Eltern, es braucht ein Verständnis von Emanzipation, das den ganzen Menschen in allen Phasen seines Seins berücksichtigt und es braucht Politik, die alle partizipieren lässt, und nicht nur diejenigen, die es sich- immer noch oft genug auf Kosten ihrer Frau, Kinder und deren Bedürfnisse – leisten können, zu x-beliebigen Zeiten ihre Öffentlichkeit zu suchen.

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