„Kinderkotze, Politik und Liebe“: Was wir uns wert sind

meinung

Kolumne von Maren Hpunkt

Mutterschaft macht Frauen in Deutschland aktuell statistisch eher unglücklicher. Und nun? Ich möchte mein Kind gern behalten und die steigende Geburtenrate sagt, andere haben auch Lust auf ein Leben mit Kind(ern). Wie also können Mütter glücklicher werden?

Kaffee mit Beyoncé

Wie sieht dein perfekter Tag aus, wenn alles, wirklich alles möglich wäre?

Aufwachen bei 27°C im tropischen Strandhaus neben Ryan Gosling? Mittags mit gutgelaunten Kindern Ponyreiten in den Bergen? Den Nachmittag im Café verbringen mit Simone de Beauvoir und Beyoncé? Oder allein im Bett mit Netflix und sehr, sehr guter Schokolade?

Stell dir vor, ALLES ist möglich.

Die Frage nach dem perfekten Tag ist Teil der Paradiesübung, einer dieser komischen Selbstfindungsübungen, die aber Spaß macht und bei der ich etwas über mich und meine Bedürfnisse lerne. Und beim Nachdenken über das perfekte Frühstück kann ich sehr gut einschlafen. Allerdings nicht immer. Das Kind zahnte. Neulich Nacht zwischen trösten und Dentinox-Suche im Dunklen musste ich über eine L’Oréal-Werbung nachdenken. Mich fasziniert der Claim:

Weil ich es mir wert bin“ oder auch abgewandelt in Versionen von „Wir sind es uns wert“.

Mal abgesehen davon, dass ich kein Interesse am Volumenboostmascara XXL habe und Kapitalismus eh schwierig ist, guter Spruch.

Trotz Schlafmangel und Kinderkotze immer schön fuckable

Was sind wir uns wert als Mütter, die so viel mehr können und sein sollen als ein Mensch realistisch leisten kann? Für welche kleinen und großen Bausteine unseres perfekten Tages kämpfen wir in der Wochenplanung, im Familienbudget, gegenüber dem Arbeitgeber und den herrschenden Verhältnissen?

Der tolle Text von Mareice Kaiser hat mich sehr berührt. Sie beschreibt darin die Probleme, die (Über-)Forderung von Müttern und den Stress, den die Gesellschaft Müttern macht.

Wo und wie leben wir, dass es so vielen Müttern so oft so zum Heulen ist? Den Stress mache nicht das Kind, sondern die Verhältnisse und die an Mütter gestellten Ansprüche, wie Mareice Kaiser schreibt und das Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) die Zahlen dazu liefert. Mütter sollen alles können: Brei nur selbstgekocht aus Bio-Pastinake, erfolgreich in einem hippen Vollzeitjob, trotz Schlafmangel und Kinderkotze am Shirt immer schön fuckable.

Und dann geht’s irgendwann vor lauter Selbstoptimierung in den Burn-Out.

Von Glück und Gleichheit

Heute auf der Bahnfahrt habe ich es geschafft, eine Zeitschrift fast komplett zu lesen. Denn klein N. wurde zwei von vier Bahnfahrstunden vom Papa betreut. 50/50 Yeah! Passend zu fair verteilter Bahnfahrfreizeit erfreut die neue Ausgabe der „an.schläge“ (07/2018) mit dem Thema „Glück & Gleichheit“. Besonders lesenswert der Text „Her mit dem schönen Leben“ von Lea Susemichel. Sie thematisiert darin, dass Geschlechtergleichheit und soziale Gerechtigkeit sehr viel mit dem Glücklichsein einer Bevölkerung zu tun haben. Oder anders gesagt: Ungleichheit und Ungerechtigkeit machen unglücklich und krank. Aktuell machen die neben anderen Gruppen vor allem Mütter krank – langfristig aber leiden alle in einer ungerechten und ungleichen Gesellschaft.

Der Gesellschaft ist es nicht wert, allen Müttern das Leben zu erleichtern

Mit steigenden Mietpreisen in Städten, Kürzungen der Sozialleistungen, unzureichenden Kinderbetreuungsangeboten und unfairen Lohnarbeitsverhältnissen wächst die Ungleichheit. Der Rechtsruck in Europa verschärft die Probleme für Frauen und Minderheiten, zementiert Ungleichheiten und Ungerechtigkeit. Unter diesen Umständen für die eigenen Bedürfnisse einzustehen und die schönen Bilder aus der Paradiesübung im realen Alltag einzubauen, fällt nicht leicht. Die kleinen Paradiese sind doch meist abhängig von finanziellen, (familien-)politischen und gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen. Und die (familien-)politischen und gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse sind ja gerade eher angsteinflößend. Kürzungen und fehlende Investitionen machen offensichtlich, dass es der Gesellschaft und Politik aktuell eben nicht Wert ist, allen Müttern das Leben zu erleichtern. Dass das am Ende niemanden glücklich macht, interessiert leider nicht. Denn die Sache mit „mehr Gerechtigkeit und Gleichheit = mehr Zufriedenheit und Glück für alle“, ist noch nicht angekommen, leider.

Und nun? Protestwellen starten?

Yeah, nur wann? Es wäre total super, wenn wir alle die Kraft und Zeit hätten, für mehr Gerechtigkeit und Gleichheit zu kämpfen. Aber solange der Alltag so zehrt, ist vielleicht Selbstfürsorge der erste radikale Schritt zur Besserung. Dann können wir auch für die mitkämpfen, die noch weniger die Chance auf erholsame Stunden haben, als jetzt ich zum Beispiel.

Ein Zimmer für mich allein

Denn endlich ist der Babyzahn da und ich sitze in meinem Zimmer mit genug Kapazität, all diese Gedanken abzutippen. Ich sitze in meinem Zimmer. Mein Zimmer. MEIN ZIMMER. Seit einer Woche habe ich ein eigenes Zimmer. Ein Zimmer für mich allein, in dem ich schreibe.

Es ist 2018 und das Thema so aktuell wie Virginia Woolf4 es schon 1929 forderte: „[] eine Frau muss Geld und ein eigenes Zimmer haben, um schreiben zu können“.

Nach fast einem Jahr WG-Zimmer teilen mit Baby und all dem Babygebimsel kann ich mich jetzt abends in MEIN Zimmer verkrümeln. Mein kleines Paradies.

Das Thema trieb Frau Woolf schon vor fast 90 Jahren um und ich finde es immer noch wahnsinnig schwierig, Dinge für mich einzufordern, die über „Zeit, um mal wieder zu duschen“ hinausgehen. Weil, den „ansozialisierten“ mütterlichen Aufopferungsmodus kann ich gut. Und ja, das Baby ist so niedlich und die Liebe zu ihm so viel und krass. Es gibt immer so verdammt viel Zeug zu tun mit Kind, Beziehung, WG, Lohnarbeit, Alltags-Orga, sozialem Umfeld und so weiter und so weiter. Während ich dies tippe, türmen sich Wäscheberge, ich bin dran mit Küche putzen, wir müssen Finanzen klären und aargh. Aber, zu meinem perfekten Tag gehört es, in meinem eigenen Zimmer am Schreibtisch zu sitzen und zu schreiben. Ich bin es mir wert, genau das gerade zu tun. Fuck the Ansprüche an mich als Mutter! Fuck the Wäscheberge!

Das Ringen um die kleinen oder großen Wohlfühl-Räume wird nicht aufhören, solange die Verhältnisse sich nicht ändern und die Ungleichheiten bestehen. Aber die Selbstfürsorge und ein gesundes „Fuck you, ihr abwegigen Ansprüche an Mütter“ sind auch eine Kampfansage. Wir sind es uns wert!

Und mein Kind lernt, dass auch Mütter Bedürfnisse haben und dass Virginia Woolf eine weise Frau war.

 

4 Virginia Woolf 1929: A Room of One’s Own


Foto (c) Maren Hpunkt

Maren Hpunkt, Mitte 30, Mutter von 2016 geborenem Sternenkind J. und dem 2018 geborenen kleinen N., lebt mit Herzensmensch/Vater der Kinder im Norden Deutschlands, versucht sich am WG-Leben mit Kind und lohnarbeitet  im internationalen Bereich.

zum Weiterlesen von Maren Hpunkt:

Kinderkotze, Politik und Liebe: Lieber den Eisbecher als den Arbeitsdruck

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