Ein mögliches Leben. Kinderbuchautorin Luzie Loda im Gespräch über Intersexualität.

gesellschaft

„Alle Kinder sind richtig, genau so wie sie geboren werden“, betont Lucie Veith vom deutschen Verein „Intersexuelle Menschen“. Nächsten Donnerstag ist Intersex Day of Solidarity. Aus diesem Anlass möchten wir euch heute ein besonderes Kinderbuch zu dem Thema und seine Autorin vorstellen. Die Berliner Medienwissenschafterin Luzie Loda hat sich auf die Kunst- und Kulturvermittlung für eine junge Zielgruppe spezialisiert. Wir haben sie in Wien getroffen und mit ihr über „PS: Es gibt Lieblingseis“, Widerstände, Begrifflichkeiten und den Kampf um Sichtbarkeit rund um Intergeschlechtlichkeit [1] gesprochen.

von Cornelia

Wieso hast du dich entschieden, ein Kinderbuch über Intergeschlechtlichkeit zu gestalten?

LUZIE LODA: Ich bin auf das Thema zum ersten Mal in Zusammenhang mit Magnus Hirschfeld [2] bei einem Schulbesuch im Jüdischen Museum gestoßen. Ich erinnere mich, dass mich das damals sehr irritiert hat. Warum habe ich das nicht im Biologieunterricht gelernt? Dennoch hat das Thema zunächst keine weitere Rolle in meinem Leben gespielt. Zu Beginn meines Medienwissenschaftsstudiums hatte ich Kontakt zu einer Erzieherin, die ein intergeschlechtliches Kind in ihrer Gruppe betreute. Sie hat mir ein Kinderbuch zu dem Thema empfohlen, was den Anlass bot, mich zunächst auf theoretischer Ebene näher mit Intergeschlechtlichkeit zu beschäftigen.

… und der Kreis hat sich geschlossen?

LUZIE LODA: (lacht) So ungefähr. Ich hatte zum Studienabschluss auch die Möglichkeit, eine praktische Arbeit zu machen, und das Ergebnis davon ist eben das Buch „PS: Es gibt Lieblingseis“. Tatsächlich gibt es fast kein Kinderbuch, das sich ausschließlich mit Intergeschlechtlichkeit befasst. Das Thema nur am Rande zu streifen, hat natürlich auch seine Berechtigung. Ich wollte das Thema aber gern in den Mittelpunkt des Buchs stellen. In meinem Buch war es mir zudem wichtig, generell Vielfalt zu zeigen. Das betrifft etwa die Vornamen, die Hautfarben und die Kleidung der Figuren in meinem Buch.

„Ich wollte keine Horrorgeschichte schreiben“, sagt Luzie Loda. (Bild: Frauke Witzler)

Je nach Definition sind bis zu 1,7 Prozent der Menschen intergeschlechtlich. Auch heute beinhaltet die Realität von vielen intergeschlechtlichen Kindern noch Zwangsoperationen. [3] Dein Buch erzählt von Bella, der in einem positiven und akzeptierenden Umfeld lebt. Seine Eltern unterstützen ihn auch dabei, seine Intergeschlechtlichkeit in der Schule zu kommunizieren.

LUZIE LODA: Ich wollte eine positive Geschichte zu erzählen. Intergeschlechtlichkeit kann durch die nach wie vor durchgeführten Genitaloperationen an kleinen Kindern ein schwieriges Thema sein. Zwangsoperationen werden meines Wissens nach nach wie vor nicht gerichtlich verfolgt. Den Eltern dieser Kinder möchte ich keinen Vorwurf machen. Es ist eine besondere Situation, ein Kind zu bekommen. Wenn Eltern nicht umfassend aufgeklärt werden, kann das zu unglücklichen Entscheidungen führen. Aus meiner Sicht wäre es sehr wichtig, mögliche Konsequenzen der Operationen darzulegen wie beispielsweise lebenslange Hormoneinnahmen oder möglicherweise Schmerzen beim Sex durch die Veränderung der Genitalien.

(c) privat

Dein Buch ist recht pädagogisch angelegt. Am Ende gibt es Anregungen, wie man mit Kindern über Intergeschlechtlichkeit sprechen kann. Darüber hinaus wird es künftig auch Begleitmaterialien für Lehrkräfte und Pädagog_innen zum Thema geben. Eine Definition von Intergeschlechtlichkeit bleibt die Erzählung selbst aber schuldig, die körperlichen Komponenten sind ausgeblendet. Warum?

LUZIE LODA: Manche haben an dem Buch genau das kritisiert. Also, dass es zu pädagogisch sei oder dass ich Körperteile nicht konkret benenne. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie sich Intergeschlechtlichkeit zeigt, zum Beispiel durch die hormonelle oder chromosomale Veranlagung oder auch die äußeren und inneren Geschlechtsmerkmale, dass es keine so einfach zu fassende Definition gibt. Mir war es viel wichtiger, überhaupt anzusprechen, dass es Intergeschlechtlichkeit gibt, als diese genau zu definieren. Zumal Bella auch andeutet, was Intergeschlechtlichkeit, in seinem Fall bedeutet, eben dass er sowohl etwas von einem Mädchen als auch von einem Jungen habe. Gleichzeitig beinhaltet für mich der Begriff „Inter*“ aus meiner Sicht nicht ausschließlich die körperlichen Komponenten, sondern auch gesellschaftliche Geschlechterbilder. Ich denke, jede*r stößt oder überschreitet in seinem Leben gesellschaftliche Geschlechtergrenzen. Auch ich habe mich viel mit Rollenbildern auseinandergesetzt und habe da nicht immer reingepasst. Natürlich hätte ich mehr in die Tiefe gehen können, aber ich habe mich eben für einen anderen Zugang entschieden. Die Kritik an dem Buch zeigt zu einem gewissen Grad auch, dass es bisher nur ganz wenig zum Thema gibt. Deswegen wird von den wenigen existierenden Büchern vielleicht alles bzw. Vieles auf einmal erwartet. Außerdem wird im Begleitmaterial für Pädagog*innen und Lehrkräfte konkreter auf mögliche Formen von Intergeschlechtlichkeit eingegangen. Manche haben auch die Sorge geäußert, dass man inter und trans verwechseln kann. Aber so ein Buch kann meiner Meinung nach auch Anlass bieten, über diesen Unterschied zu sprechen.

Du schreibst von „Schüler*innen“, verwendest also das Gendersternchen. In Kinderbüchern ist diese Form sehr unüblich und ich bin selbst darüber gestolpert. Mein übliches „Schülerinnen und Schüler“ exkludiert den intergeschlechtlichen Bella, aber die Sprache gibt mir keine andere Möglichkeit. Wie empfiehlst du das Gendersternchen und damit auch intergeschlechtliche Menschen beim Vorlesen sichtbar zu machen?

LUZIE LODA: Es ist üblich, anstelle des Sternchens eine kleine Sprechpause zu machen. Schüler-[Pause]-innen. Doch es ist OK und gewollt, dass man beim Vorlesen darüber stolpert bzw. andere Schreibweisen kennenlernt.  D i e  Lösung für die deutsche Sprache habe ich nicht. (lacht) Leider. Da ist Schweden mit dem dritten Personalrponomen „hen“ beispielsweise bereits weiter. Ich bin aber schon glücklich, wenn die Diskussion über Intergeschlechtlichkeit überhaupt ins Rollen gebracht wird. Dass es zum Beispiel in Deutschland jetzt eine dritte Option im Personalausweis gibt [4], gehört genauso dazu. Vielen geht die Formulierung „divers“ dabei nicht weit genug, aber ich finde es grundsätzlich positiv, dass sich überhaupt etwas tut. Natürlich müssen in weiterer Folge jetzt auch etwa die Lehrpläne in den Schulen angepasst werden. Wir müssen der Realität, die eben nicht zweigeschlechtlich ist, ins Auge schauen und sie genauso wie damit verbundene Ambivalenzen aushalten. Für Irritationen sorgt übrigens immer wieder auch, dass meine Hauptfigur einen weiblichen Vornamen, aber ein männliches Pronomen hat. Das trifft natürlich nicht auf alle intergeschlechtlichen Menschen zu. Bella aus dem Buch ist einfach eine Möglichkeit, ein Leben.

Hat Bella denn eine reale Vorlage?

LUZIE LODA: Ja. Es gibt eine Familie, die mich inspiriert hat. Die Eltern dieses intergeschlechtlichen Kindes haben sich wie Bellas Eltern gegen eine Operation entschieden, bieten ihrem Kind einen geschützten Rahmen und haben einen offenen Umgang mit dem Thema. In Kindergarten und Schule hat es nie ernsthafte Probleme mit dessen Intersexualität gegeben. Das liegt vielleicht auch an der selbstbewussten Art der Eltern. Aber, anfangs hat es ihr Denken schon auf den Kopf – schlichtweg weil sie Intersexualität nicht kannten.

Luzie Loda (PS: Es gibt Lieblingseis)

 

 


 

 

[1] „Intergeschlechtliche Menschen sind mit einer geschlechtlichen Diversität geboren, die mit den klassischen, medizinisch normierten Vorstellungen von ‚Mann‘ und ‚Frau‘ nicht übereinstimmt. Äußere oder innere Geschlechtsmerkmale, Geschlechtshormone und/oder Geschlechtschromosomen können sich von klassischen Idealen eines rein ‚männlichen‘ oder ‚weiblichen‘ Körpers unterscheiden.“ (Plattform Intersex)

[2] Magnus Hirschfeld, der sich in seiner Forschung mit „sexuellen Zwischenstufen“ beschäftigte, gilt als Begründer der modernen Schwulenbewegung und als ein Pionier der Sexualwissenschaft. Hirschfelds 1919 in Berlin gegründetes Institut für Sexual­wissenschaft wurde am 6. Mai 1933 von den Nazis vernichtet. Rosa von Praunheim hat das Leben des Arztes 1999 in das Filmdrama „Der Einstein des Sex“ gepackt. In den 1980er Jahren gab es eine kontrovers geführte Diskussion über die Rolle von Hirschfeld für die eugenische NS-Politik. Der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß weist den Vorwurf gegen Magnus Hirschfeld, er habe mit seiner Zwischenstufentheorie den eugenischen „Wahn“ genährt, als Geschichtsverdrehung zurück. Auf dem Blog zwischengeschlecht.info.com wird darauf hingewiesen, dass Hirschfeld „Genitalverstümmelungen an Zwitter“ durchgeführt habe. Einen ausführlichen Beitrag über Magnus Hirschfelds Positionen zum Hermaphroditismus (Intergeschlechtlichkeit) und ihre gutachterliche Umsetzung findet man auf dem Forschungsblog Männlich-Weiblich-Zwischen (Rainer Herrn).

[3] Bei diesen Operationen werden etwa eine große Klitoris verkleinert, ein kleiner Penis vergrößert oder sogar gesunde Organe entfernt, wenn sie nicht in die zweigeschlechtliche Norm passen. Die physischen und psychischen Auswirkungen dieser Eingriffe können fatal sein. In Österreich setzt sich die Plattform Intersex für einen menschenrechtsbasierten und entpathologisierenden Standpunkt ein. Die dortige Arbeitsgruppe „Medizin“ beschäftigt sich mit aktuellen Entwicklungen und befindet sich auch im Dialog mit Mediziner_innen sowie Entscheidungsträger_innen.

[4] 2017 hat das deutsche Bundesverfassungsgericht entschieden, eine dritte Wahlmöglichkeit im Personenstandsgesetz aufzunehmen. Dadurch können intergeschlichtliche Kinder künftig einen positiven Eintrag im Geburtenbuch erhalten. Der österreichische Gerichtshof hat in seiner Erkenntnis vom 15. Juni 2018 Intergeschlechtlichkeit als Geschlecht anerkannt und angewiesen, dies im Personenstandsregister entsprechend zu berücksichtigen. „Er hat damit Intergeschlechtlichkeit als Normvariante (…) bestätigt“, wie die Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen betont.

 

Anm.: Die Autorin hat umstandslos ein kostenloses Rezensionsexemplar von ,PS: Es gibt Lieblingseis‘ zur Verfügung gestellt.

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