Working Mum’s Death. Über Arbeit, Mutterschaft und Erschöpfung

gesellschaftkultur

Die Berliner Autorin, Kuratorin und Fotografin Inga Selck hat für das Familia*Futura-Festival für Familien und Familienutopien, das kommendes Wochenende, 14. bis 16. September, in Dresden stattfindet, eine Fotoausstellung konzipiert, für die sie Menschen in einer Mutter-Kind-Klinik porträtiert hat, die durch Care- und Erwerbsarbeit krank geworden sind. Auf umstandslos zeigt sie vorab eine Auswahl der Bilder und erzählt von dem Projekt. Der Titel der Ausstellung >Working Mum’s Death< ist in Anlehnung an den 2005 erschienenen Dokumentarfilm >Workingman’s Death< des österreichischen Dokumentarfilmers Michael Glawogger entstanden, der Beispiele (männlich konnotierter) körperlicher Schwerstarbeit in Kohleminen, Schlachthöfen oder im Stahlkombinat unter extremen Bedingungen zeigt. Schwerstarbeit unter Extrembedingungen ist auch für viele Mütter Alltag, besonders potenziert durch alleinige Verantwortung, geringe Ressourcen und fehlende politische wie gesellschaftliche Anerkennung.

von Inga Selck

Christin, Vera, Carola, Mandy, Theresa, Alexandra, Judith, Anja und Jutta sind Frauen aus allen Teilen Deutschlands, die sich im August 2018 für drei Wochen zusammen in einer brandenburgischen Kleinstadt in einer Klinik aufhalten. Sie haben unterschiedliche Berufe, Lebens- und Beziehungsformen, Familiengeschichten und kommen aus unterschiedlichen sozialen Milieus.

Was sie eint, ist die Erschöpfung, die sie in Folge ihrer Mutterschaft erlitten haben. Drei Wochen können sie sich jetzt erholen, in einer so genannten „Mutter-Kind-Kur“, die eigentlich „Eltern-Kind-Kur“ heißt. Aber keiner nennt sie so. Es gibt das Angebot auch für Väter, aber die Wirklichkeit in Deutschland sieht anders aus. Die meiste Care-Arbeit, also Betreuungsarbeit für ihre Kinder oder Angehörige, machen zusätzlich zur Lohnarbeit hierzulande immer noch die Mütter.

Laut Müttergenesungswerk haben derzeit rund 90 Prozent der in Kuren behandelten Mütter ein Erschöpfungssyndrom bis hin zu Depressionen. Die meisten leiden zudem unter Schlafstörungen und Rückenbeschwerden, viele auch unter Kopfschmerzen und Atemwegsbeschwerden.

In Mutter-Kind-Kliniken arbeiten Ärzt*innen, Psycho- und Physiotherapeut*innen mit viel Fürsorge und viel Engagement daran, dass Frauen sich in der kurzen Zeit von drei Wochen ein kleines bisschen erholen können. Ein wunderbares Beispiel dafür ist die Mutter-Kind-Klinik „Waldfrieden“ in der Märkischen Schweiz. Schwimmbad, Sauna, Seezugang, Natur und Wertschätzung. Das ist ein wichtiges und kurzzeitig wirksames Angebot, das seit vielen Jahrzehnten Frauen hilft, kurz zu verschnaufen, dem Alltag zu entkommen, Selbstfürsorge zu lernen und sich mit anderen Müttern auszutauschen.

Gesamtgesellschaftlich gesehen ist diese kurze Zeit aber Symptombehandlung statt Ursachenbekämpfung. Schöner wäre ja, Frauen kämen gar nicht erst in die Situation, sich behandeln lassen zu müssen. In den Interviews, die vor Ort geführt werden konnten, wird deutlich: kostenlose qualitativ hochwertige Betreuungsplätze in Kita und Hort, angemessene monetäre Ausstattung von Alleinerziehenden, eine Entkopplung von Einkommen und Elterngeld, ein faireres Steuerrecht, bezahlbarer Wohnraum, härtere Strafen für Unterhaltsverweigerer und ein Bewusstsein über Frauen als Opfer von Gewalttaten könnten helfen, Erschöpfungssituationen nicht auch noch strukturell und politisch zu begünstigen.

Häufig werden die Frauen von ihren Hausärzt*innen auf die Möglichkeit einer Kur hingewiesen und bei der Antragstellung unterstützt. Die Zahl der genehmigten Kuren schwankte in den vergangenen Jahren zwischen etwa 110.000 und 135.000. Viele Frauen kennen die Möglichkeit nicht, diese Krankenkassenleistung in Anspruch zu nehmen. Wer eine Kur beantragt und wer nicht, ist schwer zu sagen. Soziologische Forschung zur Müttergenesung ist kaum vorhanden. Dass Kliniken mit Programmen zur „Interkulturellen Öffnung“ werben, ist ein Hinweis darauf, dass Women of Color unterdurchschnittlich oft in Kurkliniken anzutreffen sind. Dieser Begriff allein verweist schon auf ein exkludierendes System.

Über die Fotoserie

Die Fotoausstellung zeigt Porträts der Frauen mit oder ohne ihre Kinder – eine Momentaufnahme aus einer schwierigen Situation in ihrem Leben. Oft kostet es Überwindung, um Hilfe zu bitten, denn in ihrem Alltag sind sie die Starken, die Fürsorgerinnen, die Auffängerinnen, die Höchstleisterinnen – nur ohne die monetäre Entlohnung.

Working Mum's Death

(c) Inga Selck

 

Working Mum's Death

(c) Inga Selck

 

Working Mum's Death

(c) Inga Selck

 

Working Mum's Death

(c) Inga Selck

 

 

Working Mum's Death

(c) Inga Selck

 

Working Mum's Death

(c) Inga Selck

 

Working Mum's Death

(c) Inga Selck

 


 

ÜBER DIE FOTOGRAFIN: Inga Selck (*1984) arbeitet als feministische Forscherin, Autorin, Kuratorin, Fotografin und Riot-Mum in Berlin. Sie hat Medienwissenschaft und Soziologie in Siegen und Bonn studiert und ist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Forschungsprojekt ‚Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945-2005‘ an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf.

ÜBER DAS FESTIVAL: FAMILIA*FUTURA ist ein Festival für Familien und Familienutopien. Es findet am Wochenende vom 14.-16.09.18 im riesa efau. Kulturforum Dresden und im Zentralwerk Dresden statt. Die Organisator*innen dazu: ‚Wir gründen ein temporäres soziokulturelles Zentrum und laden Familien, interessierte Bürger*innen, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Initiativen zu einem kreativ ausgestalteten Dialog ein. Ziel ist es, gemeinsam neue Strategien des Zusammenlebens zu entwickeln, die Familien ökonomisch, sozial und emotional entlasten.“ Hier geht’s zum Programm: ein Festival der Utopien.

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