Über Büffel in Zeiten geteilten Sorgerechts. Erzählung

kultur

In einer literarischen Erzählung schaut Steven Solbrig von einem Nebenschauplatz – der letztlich nicht so abseitig ist, wie anfänglich angenommen werden könnte – auf die #metoo-Debatte. Die Hauptfigur verzweifelt nach dem Scheitern der Beziehung mit einer Alleinerziehenden an der verlorenen Verbindung zu deren Kind. Der leibliche Vater, der, so erfahren die Leser_innen, gewalttätig gegen Frau und Kind gewesen sein soll, unterbindet diese. Nicht zuletzt plagt den (vermeintlich männlichen) Ich-Erzähler die Frage, ob er selbst nicht auch übergriffig den beiden gegenüber gewesen ist. Aber wohin mit all den MaleTears, wenn selbst die eigene Therapeutin süffisant darauf hinweist, dass im patriarchalen System auch nur Männer in der selbstverantworteten Not das Opfer im Wolfspelz mimen könnten? Solbrig beschreibt seine literarischen Reflexionen als Text „über die Suche nach Halt, nach einer Liebesbeziehung auf Augenhöhe, nach einer familiären Struktur zwischen non-binären und heteronormativen Polen“.

von Steven

Oben auf dem Berg, da wohnt ein Schwein, das möchte so gern, etwas anderes sein. – 17 Hippies „Schweinchen Bunt“

Señorito, jetzt wo der Büffel schon lang weg ist, wirst du dich zweifellos noch nicht einmal an meinen Namen erinnern. Längst wirst du auch Heike vergessen haben; diese aufgeblasene Kuh, die ungeladen zu deinem Geburtstag im Sommer auf dem Kühlschrank graste. Oder die Lebkuchen, die Weihnachten noch von der Küchendecke wuchsen, sind ganz sicher in ihre Einzelteile verstaubt. Ebenso lässt sich gewiss der viel zu verfrühte Brief vom Nikolaus, mit den preußischen Häkchen und Schleifen meiner Patentante Trude in den Buchstaben, nirgends mehr finden. Hoffentlich mag all das für dich vergessen sein, jedenfalls das aus dem Jahr, in dem deine Mutter zu Roja wurde und das auch noch mit sich machen ließ. – Vielleicht ist gerade dies das Problem, also alles in seiner Summe, von vorn bis hinten und alles verworren.

In Hamburg war es gerade knapp vor richtig Herbst, als deine Mama und ich uns vor vier Jahren das erste Mal in der U3 trafen. Es musste kurz *Püsch! gemacht haben, als ich Roja zwischen den Pendler*innen und Touris an der Tür der U-Bahn gelehnt sah. Also so, wie wenn der Absatz eines Frauenschuhs auf ein platt getretenes Gummitierschweinsgesicht tritt und die Luft aus der Gelatine entfleucht. Heimlich suchte ich ihr Spiegelbild in den Scheiben der Bahn. Spiegelverkehrt strich sie sich in jenem Moment das pechschwarze Haar hinter das Ohr. Wieder machte es *Püsschh! nur ein wenig länger. Es kam nicht von der Bahn, aus dem U-Bahntunnel oder von sonst wem. Es kam aus mir. Das macht es immer, wenn ich ganz ganz doll aufgeregt bin, du weißt. Und jedes Mal ist es mir voll peinlich. Wer will schon ein billiger Abklatsch von Nino aus der fabelhaften Welt der Amélie sein? Deshalb wollte ich auch an der Uhlandstraße schleunigst so tun, dass ich irgendwas, jedenfalls irgendwohin müsste, also nicht stehen bleiben könne, schon gar nicht vor ihr. Ich versuchte, so wie alle Feierabendler*innen auszusehen. Also erledigt, bis auf die Augenringe wie Tante Renate, wenn sie aus ihrem Imbissstand auf der Messe kommt oder so kurz angebunden wie Nachbar Mirkovics Spitzterrier, den du wegen seiner verkniffenen Augen, seiner ständig hetzenden Zunge und wegen „Ice Age“ mit Sid verwechselt hast. Jetzt bloß nicht auffallen, dachte ich. Und das eigentlich nur, weil jeder Blick auf deine Mutter alles in mir sprachlos machte. Na ja, außer eben dieses *Püsschh!

Roja musste es gehört haben. Zumindest behauptete sie dies ein halbes Jahr später. Und, dass ich überhaupt gar nicht wie ein Gummtierschweinsgesicht ausgesehen hätte. – Jedenfalls, als sich die Türen der Bahn schlossen, diese anfuhr und uns passierte, da blieb nach dem Ausstieg am Mümmelmannsberg deine Mama. Die bestand quasi darauf, dass ich mich von ihr auf ein Glas Bio-Cider einladen ließ. Sie sei sowieso gerade auf der Suche nach geeigneten Trinkkumpan*innen, anlässlich ihres ersten kindfreien Abends nach über zweieinhalb Jahren. Die Brücken der Außenalster versprechen diesbezüglich immer Erfolg. Doch ob sie mit einer Apfelweinflasche, die sie prompt, ohne meine Antwort abzuwarten aus der Wickeltasche zog, wirklich weit gekommen wäre, weiß ich nicht, Señorito. Jedenfalls, schwuppdiwupp, liefen ich, meine unterdrückte Aufgeregtheit und ihre Fürzchen neben ihr durch einen Herbstabend, Edition Postsommervibes.

Chapeau, die ist schon ganz schön tough!, dachte ich anfangs. Doch noch vor dem ersten Ciderschluck wollte sie klar gestellt haben, dass sie nicht so eine wäre, zumindest nicht mehr sei und das wahrscheinlich seitdem deine Tante Shirin ihr zu ihren 25sten Namenstag die schönste Liebesgeschichte eurer Familie erzählte: Vor vielen, vielen Jahren verloren sich Rojas Urgroßmutter und Urgroßvater in einer Gewitternacht im Elburs-Gebirge. Über fünf Jahre suchten sie sich in allen Ecken der Welt, bis sie sich schließlich in Deutschland wiederfanden. Vielleicht gibt es das ja wirklich, also, dass ein Mensch wirklich nur einen anderen Mensch liebt, nahm auch sie einen Schluck.

Dabei erinnerte sie mich in ihrem senfgelben Pulli und der roten Baskenmütze an eines dieser Models aus den Katalogen. Du weißt schon, aus denen, in denen du heimlich immer versucht hattest, den Models gelbe und rote Striche wie Zungen an ihre Münder zu malen. Nur war Roja aber in echt und mit einer Stimme, als hätte Laura Veirs ein Ferienhaus in ihrem Kehlkopf airbnbt. Dabei wanderten in den Gesprächspausen ihre Finger stets in der Weltgeschichte. Das machen die immer. Ständig griffen sie nach unsichtbaren Tönen, an der Haltestange der Metro, auf ihrem Unterarm beim Warten darauf, dass das Nudelwasser endlich kochte, oder sanft zwischen deinen Locken, wenn sie dich allein zu Bett brachte. Das sei aber quasi alles, was ihr vom Klassik und Jazz/Pop-Bachelorstudium übrig geblieben sei, eine Art Marotte. Auch Singen täte sie nicht mehr. Roja wüsste schon lang nicht mehr was. Und während wir versuchten, wahrscheinlich aus Verlegenheit (in jedem Fall aber deswegen, wie sie betonte), uns aus deinem roten Lieblingsbecher zu betrinken, schien mir Roja unter den bunten Laubblättern an der Alster selbst ein wenig blätterig, ein bisschen wie hingefallen: Ihr linkes Augenlid fing immer dann wie im Wind an zu tanzen, wenn sie über Dinge sprach, die Menschen sich bei solch ersten Treffen besser nicht erzählen.

Schwangerschaftsbauch Hand Doppelbelichtung Vögel blaue, kalte Farbtöne

Nur, was können alleinerziehende Mütter beim ersten Date eigentlich von sich erzählen? Für viele klingt es eher traurig, wenn sie über Dinge sprechen, die andere Menschen nicht tun: Zum Beispiel wundern sie sich, wann sie das letzte Mal im Kino, bei einem Sonnenuntergang oder in der Sauna waren? Aber ernsthaft jetzt, was soll eine Mama wie deine ottonormalen Singles schon erzählen? Dass sie zu blöd war und sich ein Kind von einem Kind „andrehen“ hat lassen? – Andrehen. Wie ich wenig später feststellen sollte, ist dies sehr wohl noch immer eine gängige Lesart in Bezug auf das so genannte Schicksal von Alleinerziehenden, auch in unserer Zeit. – Jedenfalls beschloss ich ihr den Zwinker-Tick nachzusehen. Musste sie sich diesen in den drei Jahren mit Bo Bobo angeeignet haben. Der, so erzählte sie, war einst in einer Anwaltskanzlei Baumpfleger und Heavy-Bass-DJ in Schieder-Schwalenberg, um dem Umweltschutz den Sound zu liefern, den seine Lobby bräuchte. Na ja, eigentlich aber nur, um alles zu vögeln, was bei drei nicht auf den Bäumen war. Wenn das nicht mal ein Statement ist!, dachte ich und muss kurz doch bitter versucht haben, über ihr Wortspiel zu lachen. So wie ich es immer tue, wenn mir Dinge irgendwie bekannt vorkommen.

Ich wollte ihr vorerst verschweigen, dass ich bereits von den Abenteuern deines Vaters gehört hatte, wir uns auch flüchtig kannten. HH ist manchmal ein Dorf auf einer Insel. Jedenfalls sei ihr Leben gerade, abgesehen von den zwei Semestern an der HfMT und ein mehr und minder verstaubtes Violoncello, ein Alltag des Hinterherräumens, Putzens, Kochens, Windelns und des Dich-Liebens – und trotz allem ein Alltag mit Bobo irgendwie auch. Sie versuche alles und alle zusammenzuhalten. Dabei hätte die gemeinsame Wohnung längst kein Kinderzimmer mehr. Der bräuchte seinen eigenen Raum, wenn er morgens aus dem Dackel käme. Sonst würde ihm manches schnell zu viel und er könne furchtbar laut werden. Zudem führe er, ohne Einverständnis deiner Mama, eine offene Beziehung mit ihr. Seit ihrer Schwangerschaft fände er deine Mama einfach nicht mehr anziehend. Gelegentlich würde sie deshalb die eine oder andere seiner Frauen fragen, ob das für sie eigentlich okay wäre. Doch eine Wahl hätte sie nicht. Ausziehen wolle dein Papa in keinem Fall, weil es dir nicht gut täte, getrennt von ihm zu sein. Und was hatten Rojas Freundinnen über Bo Bobo ihr nicht alles erzählt, viele von ihnen waren vorher seine Geliebten. Eine hatte sogar seinetwegen das Land verlassen. Same shit! Different story! – Nur wieder einmal schade für die freie Liebe!, nuschelte ich in deinen Becher und nahm einen süß-saueren Schluck.

In diesem Moment mussten sie die Hafenschleuse geöffnet haben. Zumindest sollte deine Mutter nicht mehr aufhören zu schluchzen. Sie wäre dafür einfach nicht gemacht, also für zu verteilte Gefühle und dass es Momente in ihrem Leben gäbe, in denen sie scheinbar kein Mensch verstehe, Bo sowieso nie, auch nicht die Mütter auf dem Spielplatz, selbst ihre eigene Mutter nicht. Dabei ist deine Oma die klügste Frau auf der Welt. Aber manchmal helfe einfach nix und niemand. Die gemeinsamen Freund*innen wüssten, dass Bo nicht immer einfach sei, aber sie ja auch nicht. Wieder versuchte ich bitter zu lachen. Hin und wieder wäre sie so einsam, dass es sie so wütend mache, dass sie ihnen allen im Traum mit einer Schere so nah käme, dass es an dieser Stelle eine Triggerwarnung bräuchte. Doch am meisten littest du unter allem, was da war und was fehlte. Du wärst zu still und vor Männern hättest du große, also wirklich große Angst.

Vielleicht verglühte am Ende unseres ersten Dates deshalb dieser Meteor. Für deine Mama, für deine Oma und für den Spielplatz. In jedem Fall wünschte sich Roja in diesem Augenblick Dich. So wie sie es jeden Tag seit deiner Geburt tut und weswegen sie deinen Vater bis dahin noch immer nicht verlassen hatte – für das Stückchen heile Familie, zum Wohl für dich. Und wie sie so nach oben schaute, plötzlich aus den Tränen lächelte, da muss ich mich trotz oder gerade wegen allem schon ein bisschen in sie verknallt haben.

Wahrscheinlich habe ich mir damals nur gewünscht, dass alles irgendwie anders werden würde. Für Roja, für dich, für deine Oma und für den Spielplatz. Trotz all der Mistkerligkeit dieser Welt.

Und als Roja bei unserer ersten Umarmung mit dem Kopf abrutschte, ihre Lippen meinen Hals sanft streiften, ich kurz dachte, dass ich mit ihr eigentlich nie wieder Sternschnuppen bräuchte, sie sich entschuldigte, bedankte und schließlich verabschiedete, da roch ihr Haar nach Apfelwein und alles war für einen Moment unwirklich. Darum hatte ich sie noch gefragt, ob ich sie Roja nennen dürfte. Denn an Romantik sei immer etwas Wahres dran. – Sie lächelte und ging zu dir und Bobo.

’ne Alleinerziehende! Warum hast du die nicht einfach gevögelt und dich verpisst, Mann? Besorge dir doch eine 26-Jährige und mach‘ mit der lieber dein eigenes Kind!, kneipensprüchlerte Greenpeace-Jochen neben meinem letzten Bier am Ende des Abends im Ahoi. Ich hatte mich beinah daran gewöhnt. Schon als ich mich das letzte Mal verliebte und sich herausstellte, dass mein Schwarm nicht auf cis Männer stand, da hatte ich den Fehler gemacht und Greenpeace-Jochen davon erzählt. Versuch sie doch zu „bekehren“!, hatte er die Krähenfüsse in die Luft gesetzt. Natürlich sei das nur ein Scherz! Trotzdem oder gerade deswegen fühlte ich mich in der Kneipe so einsam und fragte mich, ob sich vielleicht auch Roja manchmal genau so fühlte, nur andersherum. Jedenfalls stellte ich wieder einmal bedrückend fest, dass mir zu solch‘ Mann scheinbar einfach etwas fehlt, auch wenn es die meisten Menschen nicht sehen. Roja hatte es sofort gemerkt und mich vielleicht deshalb umarmt. Doch auf dem Grund meines Glases in der Kneipe plätscherte plötzlich die Frage: Alleinerziehend? Kinder? Ja und?! Damals hatte ich gedacht, ich hätte zumindest eine Ahnung, was das bedeutet, oder dass ich es zumindest lernen könnte – und vor allem, dass ich es lernen wollte. Deshalb stellte ich das leere Glas auf die Theke und verabschiedete mich: Schluss mit dem Kindergarten!

Gute Nacht, Roja!, tippte ich als letztes gen Altona und stellte mir vor, wie sie dort wahrscheinlich Violoncello spielte, so ganz leise, ein bisschen kitschig, neben dir. Der Nachtteil an so einer Schnuppe ist aber doch, dass deren Stern dann am Himmel fehlt. Und vielleicht lässt sich deshalb jetzt so einfach sagen, dass wir von Anfang an wohl unter keinem guten Stern standen. Was aber auch schon so eine bürgerliche Metapher, so Blankenese ist. Jedenfalls sollte am nächsten Morgen, beim gespielten Spiegelei, Bo versuchen, Roja zu warnen. Er hätte gehört, dass dies meine Masche sei, und dass sie sich besser vor mir vorsehen sollte. Außerdem würde er gern zukünftig mehr Tage mit dir allein, Señorito, zugeteilt bekommen. Doch Warnungen, Prognosen oder Gerüchte hätten ohnehin nicht geholfen. Zwei Wochen und drei Dates später sollten Roja und ich uns in Übergangsjacken an der Lombardsbrücke gestehen, dass wir uns längst ineinander verliebt hatten. Du weißt, worauf du dich einlässt?, hatte mich deine Mama plötzlich ernst gefragt. Ja und nein, wer kann das schon wissen? Ich wollte es und das zählte. Nur konnte ich bis dato nicht wissen, wie eifersüchtig Väter manchmal sein können. Ich sollte es jedenfalls bald herausfinden, nachdem du und ich uns das erste Mal getroffen hatten, nachdem ich dir den Büffel geschenkt hatte.

Doch, Señorito, der Büffel ist längst weg und du wirst nicht mehr an mich denken. Und wenn doch, dann würdest du jetzt ganz sicher protestieren, dass das Vieh mit der Artikelnummer 14714 und mit den Maßen 11x5x7,5 cm für 6,99 Euro sowieso kein Büffel, sondern ein Bison gewesen sei.

Vor allem aber gibt es in dieser Stadt gar keine Bisons, noch nicht einmal im Zoo, und wie soll das überhaupt gehen, dieses Sich-gleichzeitig-in-zwei-Personen-Verlieben, also in Señorito und ‚Roja‘, mh?!, fragte Frau Dr. Dr. Langener wie immer. Das tat sie nicht wirklich, auch nicht in der letzten Sitzung vor ihren Ferien. Das konnte ich am gewohnten Augenrollen in ihrer Stimme hören und an den Füßen, gehakt in die Luft, sehen. Sie hatte sich über das Jahr, das wir uns jetzt kennen, angewöhnt, jedes Mal, wenn sie Rojas Namen erwähnte, diese mit der Geste der zu zwei Krähenfüße gebogenen Zeige- und Mittelfinger zu markern. So wurde aus Roja, so schön als hätte Zalando „Frida Kahlo“-Wochen, allmählich ‚Roja‘, zwei halbe Anführungszeichen auf dem Papier, ein paar unsichtbare, gestützte Engelsflügel in der Luft, bis diese ihr irgendwann zu schwer sein sollten. Ich würde erst später merken, warum Frau Dr. Dr. Langener das tat, und dass sie Recht hatte.

Eigentlich schienen mir die beiden ja auch immer wie zwei in einem viel zu großen Käfig in der Farm World von Schleich, in der Bo, die Familienaufstellung orakelte, mit der unbändigen Kraft eines verletzen inneren Kindes!, pochte mein mittlerweile altbekanntes Helfersyndrom. Frau Dr. Dr. Langner hatte sich im Augenblick meines Ausrufezeichens energisch den Ehering bis zum Anschlag des Fingers gestoßen. Das tut sie immer während der Sitzungen. Sie schiebt ihn hoch und runter, über den für den Urlaub stets vorgebräunten Finger. Auch jenes Mal hatte sie versucht meiner sich anbahnenden seelischen Beratungsresistenz zuvorzukommen. So hob sie wie gewöhnlich die Terrakotta-Schale mit Joghurt-Früchtchen vom Beistelltischchen der Tiefentherapiesitzung, oommhte mit der gesalbtesten Stimme ever: Wollen Sie ein Joghurt-Gum? – Kommen Sie schon, nehmen Sie doch erst einmal ein Joghurt-Gum! Sie kreiste die Schlüssel so meditativ vor meinem Gesicht, dass ich dachte, sie hätte mich mit ihrem Hypnose-Termin verwechselt. Ich wünschte mir in jenem Moment so sehr, dass alle Pendel fallen würden. Sie gab schließlich zu entnervt für eine Psychologin auf: Wissen Sie, Sie sind mein letzter Patient vorm Urlaub. Und jetzt reden Sie sich wieder mit den Wurmsätzen weg. Wir waren doch schon so weit!

Mit jedem Joghurt-Gum, mit jeder Therapiestunde mehr, hatte ich also zu glauben begonnen, dass es wirklich nötig sei, dass ich immer dienstags mit Frau Dr. Dr. Langener zu sprechen versuchte. So hatte es mir Bernhardt aus der Männergruppe prophezeit, als ich drohte, in meinem Zimmer zu Ted Mosby in Endschlossschleife zu werden. Dabei war der Zug mit ‚Roja‘ und dir von Farhampton abgefahren.

Ich hätte mich nach allem nur gern angemessen von dir verabschiedet.

Stattdessen starrte ich, wenn ich nicht die Selbsthilfegruppe besuchte, aus dem Fenster, während das HIMYM-Theme einem Backgroundrauschen glich. Allenfalls schnitt ich Zitate aus der „Missy“ aus. Ich suchte nach Antworten, fand keine und schämte ich mich allmählich in eine chronische Stille, in der ich besser nur noch mit mir selbst redete: Zu übertrieben? Zu bemüht? War ich zu sehr selbst ein Kind, als dass ich dir jemals in irgendetwas gerecht werden könnte? War ich vielleicht sogar so etwas wie „weird“, als ich sagte, dass ich mich auch in dich verliebt hatte, nur eben viel zu früh?

War ich im Grunde ein übergriffiges Monster?

Ein bisschen pädo! sei das alles schon, hatte jedenfalls Greenpeace-Jochen jedenfalls gesagt. Wenigstens in therapeutische Behandlung zu gehen, wollte er mir geraten haben. Nicht dass er so etwas bräuchte.
Als der ICE an mir am Rand der Trasse eines Nachts vorbeischoss und ein Sprung tatsächlich die letzte absolute Antwort auf eine verlorene Liebe x/÷/für zwei hätte sein können, hatte ich schließlich beschlossen, lieber Frau Dr. Dr. Langener anzurufen.

Señorito, zu früh, zu schnell, zu doll? Ja auch! Doch das wäre am Ende zu einfach, in seiner Summe. Du hattest mich jedenfalls durchschaut, weil du nun einmal emotional viel schlauer bist als „Missy“, als Greenpeace-Jochen, als deine Mama, als Bo Bobo, als alle. Das ist deine Gang eigentlich immer. Bis ihr schließlich nach und nach die Erfahrung macht, unfreiwillig auf irgendetwas drauf gesetzt zu werden, eigenhändig wieder davon runter zufallen und dabei mit dem Smartphone gefilmt zu werden. Ab da scheint vieles in dieser Welt einfach nur Verarschung zu sein. Und ab da merkt jede*r wahrscheinlich recht schnell, wie der Laden so läuft. Dafür muss *mensch nicht einmal Nadine Gordimer heißen. Die Frage ist nur, was wir mit dieser Erfahrung machen und wer uns den Lebensweg ebnet – bzw. uns letztendlich den besten Hustensaft gibt.

rote Farben Puppen Durcheinander Hand hält Kinderhand

Jedenfalls. Du hast immer gemerkt, was genau los war, auch bei mir, manchmal sogar, bevor ich es merkte. Wie toll ich dich dabei fand. Señorito, ich habe mir so sehr gewünscht, dass zwischen uns etwas wachsen würde, was in Nähe und Distanz wohl ausbalanciert wäre. Ich hoffte, dass alles irgendwann vertraut genug für dich sei, um uns irgendwann auf Augenhöhe nah oder fern sein zu können. Ohne vorgeschriebene Rollenbilder.

Nur, Augenhöhe ist bei Kindern schon so oft ein geflügeltes Wort und Rollenbilder lernt *mensch spätestens im Kindergarten: Noch spielt er mit Plastiktieren, dann kommen die Dinos und wenig später ist er dann schon ein Cowboy. So ist das eben mit den Jungs!, hatte deine Nadine aus dem Kinderladen gesagt, als ich dich das erste Mal allein abholen durfte. Und wenig später heißt es dann: Erst Punker, dann Master of … und schließlich dein Vadder!, hatte ich bitter versucht zu lachen.

Man hat eben aber auch nur eine Mama und einen Papa, btonte Frau Dr. Dr. Langener stets. Immer nickte ich und doch schien sie mir nicht zu glauben, dass ich deshalb von Anfang so vorsichtig sein, selbst später lieber ganz außen im Bett schlafen wollte, erst du und Bos Plüschlöwe, dann ‚Roja‘ und schließlich ich. Aber was bedeutet überhaupt „genug“? Wer weiß, wann sie*er für das, was andere längst einen „Job“ nennen, den sie „ein ganzes Leben lang“ machen, wann er*sie wirklich dafür bereit ist? Was, wenn er nicht weiß, ob er nicht lieber doch ein Cowgirl sein möchte? Kind hin, Kind her. – Vielleicht hätte es mit uns klappen können, hätten wir alle nur mehr Jesper Juul gelesen. Wie oft benutzen wir diese Flügel vor und nach Worten und was bedeuten die eigentlich?

Señorito, als ich dich das erste Mal traf, schwor ich mir, dass ich erst einmal nichts weiter als ein*e Freund*in für dich sein wollte. Nichts hätte schwieriger sein können. Denn abgesehen von all dem Battle um dich, den projizierten Ängsten und Abgründen vermeintlicher Fürsorge und Liebe, sind die Beziehungskonstruktionen und ihre Rollen unserer Zeit offensichtlich noch immer viel zu starr, deshalb so zerbrechlich. Nehmen wir zum Beispiel meinen schwäbischen Familienclan, der angesichts meines damaligen Beziehungsstatus endlich beruhigt aufatmete: Könne ich so doch nicht schwul sein. Was war ich, was waren sie mir endlich alle so nah, allen voran Patentante Trude. Auch wenn du ein wenig schwärzer als der Rest der Familie seist, wie sie meinte. Am Ende, als sie enttäuscht einsehen mussten, dass sie doch keinen Neffen, Enkel oder what the fuck bekämen, war Tante Trude sich dann aber doch ziemlich sicher, dass es an deinem südländischen Temperament oder am Alter von ‚Roja‘ gelegen hätte.

Da waren sie, die Greenpeace-Jochens, die Steppenwölfe, die Singles über 30, die mich von da an, natürlich nur im Scherz, mit: Hey, Motherfucker, wie geht es dir? begrüßten. Zum Geburtstag bekam ich plötzlich Familienkalender und „Papa ist der Beste“- Bücher geschenkt. Und wie bitter hatte Greenpeace-Jochen knapp ein Jahr später geschmunzelt, als ich nach der Trennung einsehen musste, dass ich mich in Bezug auf dich und deine Mama scheinbar doch „Typisch Mann!“ benommen hatte, trotz allem „Laissez faire non-binär“.

Da waren sie, die gut gemeinten Ratschläge: Du darfst Kinder nie spüren lassen, dass du nicht safe bist. Die sind wie Hunde. Die spüren deine Unsicherheit sofort und gehen dann auf Abstand!, so Yoga-Janis, als ich ihm erzählte, dass du oft weintest, ich es nicht ertragen könnte und mich fragte, ob ich mich vor mir selbst fürchten sollte. Wo überhaupt seine Expertise für Hunde herkäme, war er doch lediglich Vater von zwei Kindern und überhaupt nix mit Hund war?

Ob alle Menschen so etwas durchmachen, die eine Beziehung mit alleinerziehenden Person eingehen? So oft fühlte ich mich jedenfalls nicht verstanden, selbst nicht von den Vätern, die das Tragetuch völlig unprätentiös trugen und die ich am ehesten hätte sein wollen. In der selbstverantworteten Not das Opfer im Wolfspelz zu mimen, das können im patriarchalen System eben auch nur Männer. Fragen Sie einmal Señoritos Vater!, auch Frau Dr. Dr. Langener hatte wahrscheinlich Butler gelesen. Auch ich wurde laut, verdammt. Denn wohin nur mit all der Bedürftigkeit angesichts der Lage und der Angst. Ambivalenzen machen oft aggressiv!, konstatierte Frau Dr. Dr. Langener und verschrieb mir anfangs einen Sandsack. Dabei wünschte ich mir eigentlich nur eine Umarmung, aber von wem, von Patentanten Trude oder von Yoga-Janis?

Je mehr Zeit ich mit euch verbrachte, umso mehr wurde Hamburg schließlich zu einem noch kleineren Dorf auf einer Insel. Zuerst wurde Herr Smalltalk auf der Straße zu bösen Blicken, obwohl die mich, vor allem dich und mich niemals wirklich zusammen erlebt hatten. Irgendwann begannen sie dann demonstrativ die Straßenseite zu wechseln. Und genau die werden jetzt sagen, dass ich versuche, mich auf diesem Weg vor dir zu rechtfertigen, zu entschuldigen, für jede einzelne Träne, die über deine und ‚Roja’s Wangen kullerte, für jedes Partikelchen Putz, das rieselte, als ich mit dem Kopf durch die Wand neben dem Türrahmen deines Zimmers wollte, weil auch ich spürte, dass wir allmählich bei all den Mutmaßungen, Anschuldigungen und Gerüchten von außen nicht mehr wussten, wer wir waren oder geworden sind. Doch es gibt Dinge, für die können sich so genannte erwachsene Menschen nicht entschuldigen, also ich auch nicht. Darum kann ich mir die letzten Jahren noch immer nicht verzeihen.

Wie gern hätte ich dir erspart, dass dein Vater dich von ‚Roja‘ viel zu doll wegzerrte. Und das, weil deine Mama angeblich zu fest an dir klammerte. Oder wie gern wäre ich für dich da gewesen, als die großen antiautoritär erzogenen Kinder dir im Tobezimmer des Kinderladens grässlich weh taten, dir erzählten, dass alle Tiere sich irgendwann fressen würden. Und dass vor allem auch wir Tiere sind. Wie sehr habe ich gewollt, dass du dich eben nicht von mir allein gelassen fühltest und mich deshalb nicht mehr sehen wolltest!

Manche Nacht habe ich Glück und die Erinnerung an dich ist wie ein Kribbeln. Es ist, als wäre es Weihnachten, als würde ein Fertigplätzchenteig mit dem Nudelholz behutsam auf der mehligen Tischplatte ausgerollt, nur eben in der Innenseite meines Bauches, weich und zimtig. Es ist ein Gefühl, so mega süß und doch so fade wie ein Knäckebrot mit Erdbeermarmelade, Honig und Frischkäse. Jedenfalls sehe ich dich durch den Türspalt bei deinem Einschlafritual, auf dem Schoß von ‚Roja‘, wie du mit ihr auf dem gelben Gymnastikball wippst. Manchmal ist es, als könne ich im Traum über mir dein Lachen hören, als würdest du mir vor Aufregung beim ersten Mal auf meinen Schultern gleich in den Nacken pupsen. Auch du hattest dich in mich verliebt, gib‘ es schon zu, vielleicht schon lang bevor du das erste Mal meinen Namen in den Hall eures Treppenhauses riefst. Ein paar Monate später, mit steigendem Fieber, hattest du dann: Ich hab dich lieb! geflüstert. Dieses eine Mal macht es nirgendwo Püsschhh! In jenem Moment hatte ich nur angefangen zu weinen, so berührt. Und noch immer ist es wie eine Art Phantomschmerz in mir. Noch immer kann ich deine kleine Hand auf meiner Brust in mancher Nacht wandern spüren, wie du auf einmal im Bett neben mir schlafen wolltest, aber nur mit dieser Stimme aus der BluetoothBox, dieser verdammt heteronormativ versaubeulten Conni. Zuerst noch einmal Conni!, hattest du gefordert. Wie hast du die gemocht, immer! Auch Zweieinhalbjährige brauchen eben ihre tägliche Portion Realitätsflucht, inklusive Salzstangen und den Früchten im Quetschbeutel. Vor allem, wenn ihre Eltern nur noch über ein Buch kommunizieren, das sie wie das Kind tauschen.

Doch wie kann ich mir erlauben zu urteilen, über etwas, was andere als ihren „Job “ ansehen, den sie vielleicht ihr ganzes Leben machen?

Wie sehr hab‘ ich mir jedenfalls gewünscht, dass beidseitig gewonnenes Vertrauen zu Kompromissen führt. Doch nach und nach verduftete der Geruch von Apfelwein in ‚Roja’s Haaren, weil wir uns immer öfter in den Warteräumen des Jugendamtes treffen sollten. Und du immer stiller wurdest.

Kind mit Fahrrad Doppelbelichtung Maschendrahtzaun schwarz-weiß

Ist da deshalb – also wegen allem, wegen des sprichwörtlichen Blutes am großen und kleinen Daumen so rot wie der Badeschaum von Tinti – dieses beklemmende Gefühl, bei dem ich mich unaufhörlich frage, ob ich mich für irgendetwas rechtfertigen müsste, seitdem Bobo gegen mich einen Platzverweis unter all den Dinos und Cowboys im „Villa Kunterbunt“-Kindergarten erwirkte?

Ich möchte gern glauben, dass ich mich für mein Verhalten gegenüber deinem Papa entschuldigen müsste, warf er mir doch sukzessive Grenzüberschreitung und ein Verhalten, alles andere als deeskalierend!, vor, seitdem er sich mit meinem Ex getroffen hatte. Offenbar hatte der mir immer noch nicht verziehen, dass ich mich eher als sein Versuchskaninchen, als Start-Up für angeblich unkonventionelle Beziehungsformen anstatt ein gleichberechtigter Partner*in geliebt sah und ihn vor deiner Mama verlassen hatte. Carlo ließ sich also die Gelegenheit nicht nehmen Bo bezüglich meiner zwischenmenschlichen Unzulänglichkeiten aufzuklären.

Du bautest jedenfalls gerade einen Schneemann mit zwei Hügeln, für die es sicher für manche an dieser Stelle eine Triggerwarnung bräuchte. Und wie ich die Karotte in den Schneekopf steckte, beichtete mir ‚Roja‘ mit feucht-schweren Augen, dass sie mit deinem Papa endlich offen geredet und sich so alles geklärt, endlich verändert hätte. Ich hatte kurz an die Sternschnuppe über der Alster gedacht. Immerhin, aber warum so traurig?!, knirschte ich die Nase an ihren Platz. Bobo hätte es am liebsten, dass ich weniger, bis gar keinen Kontakt mehr zu dir hätte. Ich lächelte bitter. Bei all dem neu gewonnenen Frieden zwischen beiden sah ich die Angst in ‚Roja’s Augen, die ich sehr wohl kannte. Sie fürchtete, dich zu verlieren. Was hätte eine verstummte Sängerin mit abgebrochenem Studium denn schon für das allgemeine Kindeswohl Angemessenes vorzuweisen? Und außerdem: Er ist nun einmal sein Vater und wird es immer bleiben! Jedenfalls scheint das noch immer Totschlagargument Nummer 1 zu sein, weswegen sich Väter mit ihren Gemeinheiten und ihrer eigenen Übergriffigkeit innerhalb der Familie nicht auseinandersetzen müssen, trotz oder gerade wegen all der Hashtags. Ganz ehrlich, auch mir ist schon einmal die Hand ausgerutscht! Aber nur aus Versehen. Das passiert!, hatte Yoga-Janis mir verraten, als ich ihm wieder einmal von der Angst vor mir selbst berichtet hatte. Strich drunter und abhaken!, meinte ‚Roja‘.

Doch wie soll ich vergessen, wie im Januar draußen vor dem Fenster der Schnee so still fiel und ihr zitternd auf meinem Sofa kauertet – wie die beiden Katzen von Tante Shirin, also nur in traurig eben. Du hattest die Augen halb geschlossen. So wie es der Schlaf bei dir immer tut, wenn er so tun will, als ob du schläfst. Doch ‚Roja’s Augen schrien so, dass Bobo wieder einmal die Schwelle überschritten hätte, laut geworden wäre. Sogar ausgeholt haben soll er. Oh mein Gott!, dachte ich, Señorito. Nicht eingehaltene Absprachen, unterdrückte Anrufe, allgemein Herablassendes kannte ich bereits, seitdem ihr umgezogen ward. Doch damals fürchtete ‚Roja‘ sich vor deinem Papa mit ihrem ganzen Körper, so wie damals, als er sie in eurer alten Wohnung zu etwas zwang, so doll, dass es auch an dieser Stelle wieder eine Triggerwarnung bräuchte.

Ich schaute auf die Reste des Wochenmarktes auf dem „Schulterblatt“, auf kaputte Melonen, braune Äpfel und Bananen, die ein Schneepflug vor sich herschob und fühlte ich mich so hilflos. Haben Sie wirklich Widerstand geleistet? Musste Gewalt angewendet werden, um Ihren Willen zu brechen?, fragte die Polizistin mit Lippenstift. – Bitte, was?!

Von da an beschloss ich jede Bar, alle Clubs und alternative Zentren, in denen Bo Bobo regelmäßig auflegte, zu boykottieren, eher zu meiden. Denn wie ‚Roja‘ schon bei unserer ersten Sternschnuppe sagte, sie alle wüssten, dass dein Papa nicht einfach ist. Auch von gemeinsamen Bekannten halte ich mich seitdem fern, allein schon wegen meines Schuldgefühls. Und Frau Dr. Dr. Langener schiebt gerade in diesem Moment bestimmt ihren Ehering wie ein Stück nach oben. Da wo ‚Roja‘ weinte, wächst heute noch immer ein Krater im Sofa. Doch wie kann ich mir erlauben zu urteilen, über etwas was andere einen Hand- oder gar Blowjob nennen, den sie vielleicht ihr ganzes Leben machen? Señorito, wie viel Kraft ‚Roja‘ es wohl kosten musste, ihm alles zum Wohl von dir nachzusehen?

Ich wollte sie so gern verstehen. Dabei schrien ‚Roja‘ und ich uns in den letzten Wochen im November nur noch an. Viel häufiger schwiegen wir. Auch du, Señorito schwiegst immer mehr und mehr in dich hinein, aus Angst, ich könnte aus schierer Hilflosigkeit beginnen zu brüllen, verdammt! Wir vereinbarten deshalb, uns weniger zu sehen, auf die Bremse zu drücken. Schließlich wurden WhatsApp-Fotos, auf denen du mit Handschuhen Fahrradfahren lernst, das einzige, was mir von dir blieb. Im Hintergrund stand mit roter Pudelmütze immer dein Papa. Der hatte beschlossen, mich angesichts meines Widerwillen, des Argwohns und meiner Stringenz zu ignorieren. Es war nur eine Frage der Zeit. Und noch immer schmerzt es verdammt, wie du mit deinem neuen Fahrrad, dass der Weihnachtsmann gebracht hatte, um die Ecke schlittertest, mich sahst, dich zu deinem Papa umdrehtest, der versuchte, mich nicht anzusehen, und dann an mir vorbeifuhrst. Still, als gäbe es mich gar nicht.

Und Urgroßmutter hin, Urgroßvater her. Längst viel zu müde, sahen ‚Roja‘ und ich dem aufschimmernden Gewitter an unserem letzten gemeinsamen „kindfreien Abend“ und einem verspäteten Frühjahrsputz entgegen. Erst klang es, als würde der Büffel über den Himmel wiederkommen. Doch auch ein Jahrhundertunwetter würde uns nicht wieder zusammen bringen. Jedenfalls war mir dann, als ob ich dich auf der „Strese“ in den Pfützen juchzend hören könnte. So schaute ich stumm nach draußen, als die Böen mir das Küchenfenster entgegen schlugen und ‚Roja‘ beschloss, aufzuhören zu lächeln. Zumindest für mich: Sag nicht, ich hätte es nicht versucht! Danach sagte deine Mama nichts mehr, gab mir aber wenigstens die Hand zum Abschied.

Bevor ich eure Wohnung verließ, sah ich ein letztes Mal in dein Kinderzimmer. Zwischen neu gekauften Möbeln, lagen eine Kreissäge und Bretter für dein neues Bett. Die Tür schloss sich. Und bevor ich für immer eure Straße verließ, schaute ich noch einmal hoch zum geöffneten Fenster. Ich hörte ‚Roja‘ singen: Why oh Why? Why oh Why? Because, Because, Because, Goodbye! – Dann schaltete sie die Kreissäge ein.

 

Um die Entlastung der Sorge tragenden Elternteile – meist die Mütter – geht es im gesamten System herzlich wenig. Grundsätzlich soll es ums Kindswohl gehen. Ob das immer der Fall ist, ist aber fraglich. (Missy Magazine 06/17)

 


Steven Solbrig schreibt und fotografiert zu Themen wie Rassismus, Sexismus und Ableismus. Derzeit setzt sich Steven in seiner künstlerischen und aktivistischen Arbeit mit dem Blick auf Menschen mit Behinderung und der von ihnen geschaffenen Kunst auseinander.

Bilder: Steven Solbrig

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