„Kinderkotze, Politik und Liebe“: Lieber den Eisbecher als den Arbeitsdruck

meinung

Kolumne von Maren Hpunkt

Ich will das gute Leben verdammt. Ich will nicht nur zwischen Care-Arbeit und Lohnarbeit mäandern. Ich will gemütlich mit dem Kind im Planschbecken dümpeln, ganz für mich allein mein Buch weiterlesen und vielleicht auch ein Eis essen mit Freund*innen.

Was mich schon seit Wochen beschäftigt, aber es nicht aufs Papier schafft, ist der Text „Lasst euch nicht zu Hausfrauen machen“ von Charlotte Roche in der Süddeutschen, in Kombination mit Erlebnissen aus Alltag, Umfeld und Internet. Zusammengefasst: Frauen sollen sich Männer für die Kinder/Care-Arbeit suchen und schnell wieder arbeiten gehen. Wer das nicht schafft oder will, ist selbst schuld, wenn das mit der Gleichberechtigung nix wird. Mich graust es bei dem suggerierten Bild der coolen emanzipierten Mutter, die alles daransetzt, schnell wieder viel lohnzuarbeiten und sich dort selbst zu verwirklichen.

Wann ist es eigentlich passiert, dass Lohnarbeit auf einmal extrem cool und erstrebenswert ist?

In diversen Diskursen geht es um die Kritik am Selbstoptimierungszwang, den 12-Stunden Tag und dem gesellschaftlichen Druck, über den Erfolg in ihrer/seiner Lohnarbeit als Mensch definiert zu werden.

Aber bei Müttern ist arbeiten gehen auf einmal das Allheilmittel für alle Fragen der Emanzipation. Wenn Männer mit kleinen Kindern voll arbeiten sind sie scheiße, wenn frisch Mutter gewordene Frauen voll arbeiten, sind sie cool. Hä?

Es steht außer Diskussion, dass es aus diversen Gründen notwendig ist, als Frau/Mutter finanziell möglichst unabhängig zu sein. Finanzielle Not stinkt und macht Ekelhaftigkeiten in Beziehungen, der monatlichen Miete und dem Leben an sich. Im Kapitalismus ist es leider ziemlich zentral, eigenes Geld zu verdienen. Keine Debatte hier.

Aber ist das besonders toll? Nein!

Als wäre automatisch die endgültige Gleichberechtigung erreicht, wenn nur alle Frauen und Mütter arbeiten gehen.

Dabei geht doch da meist die ganze ungleiche Scheiße weiter.

In all den Appellen „Frauen/Mütter geht arbeiten“ wird vollkommen ausgeblendet, dass Lohnarbeit an sich etwas fremdbestimmtes und meist sehr Mühsames ist. Das gilt ganz besonders für Frauen und Mütter, denen es (neben vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen) ziemlich schwer gemacht wird in der Welt der Lohnarbeit, so sie denn überhaupt einen Job bekommen. Frauen/Mütter, mit Migrationshintergrund, mit Behinderung, ältere Arbeitssuchende, Arbeitsmigrant*innen werden mit jedem *ism strukturell mehr benachteiligt. Eine nette und ausreichend bezahlte Lohnarbeit mit der nötigen Kinderflexibilität ist keine Selbstverständlichkeit. Es hat Gründe, dass viele Frauen/Mütter irgendwann hinschmeißen und sich ins Private zurückziehen, wenn sie es sich leisten können. Der reine Spaß an Care-Arbeit wird es meist nicht sein. Lohnarbeit als Antwort auf Fragen der Emanzipation? Eher ein Gruß aus der schönen neoliberalen Welt.

Oder, um Emma Goldman zu zitieren:

„Wie viel Unabhängigkeit ist erreicht, wenn die Masse der arbeitenden Frauen und Mädchen […] den Mangel an Freiheit zu Hause eintauschen gegen […] den Mangel an Freiheit in der Fabrik, […] im Kaufhaus oder Büro?“ [1]

Die realen Verhältnisse, in denen Frauen/Mütter arbeiten oder Lohnarbeit suchen sind das eine. Das Bild der direkt wieder glücklich lohnarbeitenden Mutter blendet auch völlig aus, dass nicht alle Schwangerschaften, Geburten und Babymonate sorgenfrei sind. Die hippe alternative Mutter, die ihr Leben mit Kind rockt und in allen Lebensbereichen voll dabei ist, als wäre nix passiert, steht einer Realität gegenüber, in der manche Familien, Mütter und Kinder mehr Zeit, Support und Ruhe brauchen. Es muss okay sein, mehr Zeit zu benötigen für sich, für das Baby, für die Familie, zum Klarkommen. Und das beginnt ja nicht erst mit der Geburt. Wie oft ich schon im Umfeld gehört habe, dass im Job subtil aber unheimlich fies Druck auf Schwangere ausgeübt wurde, bis zum letzten Tag voll zu leisten. Wo ist da die Freiheit?

Aber irgendwie wird in all dem „Geh arbeiten, dass macht dich zu einer emanzipierten coolen Frau“ auch davon ausgegangen, dass Schwangerschaft, Geburt und Babyhaben immer easy und fluffig ist.

Und selbst wenn alles mehr oder weniger easy und fluffig ist. Ich habe gerade einen kleinen Menschen geboren, verdammt. Jetzt soll ich in allen Lebensbereichen performen, als wäre nichts passiert. Dabei ist jetzt alles anders. Ich brauche Zeit, meinen Körper wieder kennen zu lernen, mit dem neuen Leben klar zu kommen, die psychischen und physischen Veränderungen von Schwangerschaft und Babyhaben zu verarbeiten, mein Kind kennen zu lernen, meine Beziehung neu zu gestalten und einfach mal in Ruhe ein Eis zu essen. Und warum habe ich eigentlich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen!?

Väter/weitere Eltern haben sich genauso oder mehr um ein gemeinsames Kind zu kümmern, absolut und ohne Diskussion. Aber in der babyfreien Zeit würde ich meine Energie gern in die Dinge stecken, die mich entspannen, mich interessieren oder sogar glücklich machen.

Statt Lohnarbeitsleistungsmaximierung wäre doch eine Maximierung des guten und selbstbestimmten Lebens viel schöner. Können sich die meisten aber nicht leisten.

Was wirklich revolutionär wäre:

Alle homoheteroqueertransintermigrantischen Mütter und Familien haben die Chance, finanziell abgesichert (Grundeinkommen, einkommensunabhängiges Elterngeld oder, oder) frei zu entscheiden, wie sie diese besondere Zeit im Leben gestalten wollen, abseits von Arbeitsdruck und Geldsorgen.

Fordern wir von Frauen, alles schaffen zu müssen, oder fordern wir vom System, eine echte Wahl haben zu können?  Eis und ein Planschbecken für alle, statt sich selbstoptimiert aufzureiben zwischen Herd und Schreibtisch!

Wärmstens Empfohlen zum Weiterlesen:

Laurie Penny in ihrem Buch „Bitch Doctrine“ (2017) oder hier:

https://www.newstatesman.com/politics/feminism/2015/10/women-can-t-have-it-all-because-game-rigged

Und der Text „Having It All Kinda Sucks“ von Amy Westervelt:

https://www.huffingtonpost.com/amy-westervelt/having-it-all-kinda-sucks_b_9237772.html?guccounter=1

[1] Emma Goldman, Frauen in der Revolution, Bd. 2, Berlin 1977, S. 9-18; amerikanische Erstveröffentlichung in: Emma Goldman, Anarchism and other Essays, New York 1911

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Foto (c): Wiebke Black

Maren, Mitte 30, Mutter von 2016 geborenem Sternenkind J. und dem 2018 geborenen kleinen N., lebt mit Herzensmensch/Vater der Kinder im Norden Deutschlands, versucht sich am WG-Leben mit Kind und lohnarbeitet bald wieder im internationalen Bereich.

5 Replies to “„Kinderkotze, Politik und Liebe“: Lieber den Eisbecher als den Arbeitsdruck”

  1. Karolin sagt:

    Das ist auch eines meiner ganz großen Themen und der Grund mich zu fragen ob ich mich wirklich als Feministin bezeichnen soll, denn immer wieder begegnet mir gerade dort dieser Streit. Meine Meinung beeinhaltet u.a. das es dem Kind gut geht und das grade kleine Kinder die Mutter brauchen, ich hab diese Themen hier auch schon in meinen Texten angedeutet. Ich weiß als DDR Kind wovon ich rede. Leider arbeitet die Politik total dagegen und seit der Wiedervereinigung wächst die frühe Betreuung immer mehr und wird auch noch gefördert. Lieber werden Erzieher*innen bezahlt als die Mütter, das geht für mich gar nicht. Wir brauchen eine Förderung für ein gutes aufwachsen der Kinder und das heißt eine Förderung eben dieses angesprochenen Raumes – und vorallem auch eine Förderung für Frauen (ich denke dabei auch an die vielen Alleinerziehenden).
    Dieser Arbeitsfetisch ist in meinen Augen einfach nur krank, und wird gerade von Feministinnen immer wieder verteidigt und als Selbstverwirklung dargestellt. Deine Darstellung finde ich erheblich realistischer – gerade wenn ich mir all die Mütter aus meinem Umfeld anschaue.
    Diese gehen eigentlich alle nur früh wieder arbeiten weil das Geld nicht reicht, aber viel mehr haben sie dann auch nicht, dafür aber noch mehr Stress, denn zur Arbeit kommen ja auch Arbeitswege und die Organisation der Betreuung usw. Das Leben besteht nicht nur aus Lohnarbeit, die oft ja auch sinnfrei ist, wenn wir mal genau hinschauen. Die ersten Jahre mit dem Kind sind ganz schnell vorbei und das Fundament was in dieser Zeit für das Leben des Kindes gelegt wird kann dann nicht mehr geändert werden.
    Jeder Frau muß es möglich sein mit ihrem Kind zuhause bleiben zu können und versorgt zu sein, mindestens 3 Jahre oder mehr. Denn jedes Kind ist anders, und auch jede Frau. Sich ausruhen, Pausen machen usw. das sollte selbstverständlich sein, das gehört zum Leben dazu.
    Diese ganze Lohnarbeitsdebatte geht auch immer wieder nur von Normen aus die unheimliche viele Menschen ausgrenzen, die eben nicht dieser mind. 40 Stunden Arbeistwoche-Norm entsprechen können. Unsere Arbeitswelt braucht da viel mehr Flexibilität und Integration.

  2. […] Unabhängigkeit”. Auf Umstandslos bezieht die Autorin klar Stellung in ihrem Text “Lieber den Eisbecher als den Arbeitsdruck”. Ich persönlich kann dem nur voll […]

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