Maternidades Subversivas – Die feministische Postporn-Aktivistin Maria Llopis über Mutter- und Elternsein als politischen Zustand

kultur

In den aktuellen feministischen Debatten im deutschsprachigen Raum stellen Themen rund um Mutter- und Elternschaften eher Randerscheinungen dar. Als wäre der Rückzug ins Private auch in feministischen Kreisen mit dem Übergang ins Elternsein unvermeidlich. Und als gäbe es ihn, den unpolitischen Raum des Elternseins. Völlig zu Recht stehen linke und feministische Lesarten von Mutter- und Elternschaft retraditionalisierenden Tendenzen gegenüber. Doch wie weiter? (Queer-)Feministische Arbeit hört mit Elternschaft nicht auf, ganz im Gegenteil, sie fängt hier für viele erst richtig an. Und es gibt sie: Lesarten von Elternschaft, von Körperlichkeit und von Selbstermächtigung, die Raum schaffen für Elternschafts- und Familienentwürfe außerhalb der – ach so ’natürlichen‘ – heteronormativen Kleinfamilienordnung. Einen großartigen Beitrag hierzu leistet die valencianische Künstlerin Maria Llopis mit ihrem (leider nicht auf Deutsch erschienenen) Buch ‚Maternidades Subversivas‘. Lena Saenger und Louisa Kamrath vom feministischen Frauenzentrum Schokofabrik in Berlin haben eine Lesung mit ihr veranstaltet. Für umstandslos haben sie Llopis zum Gespräch gebeten und erzählen exemplarisch anhand einzelner Aspekte aus dem Buch von deren feministischem Zugang zu Elternschaft.

von Lena Saenger und Louisa Kamrath

Maria Llopis ist Postporn-Aktivistin, Schriftstellerin, Doula und Mutter. Sie arbeitet unter anderem in verschiedenen Künstler*innen-Kollektiven wie Girlswholikeporn und hält Vorträge auf internationalen Festivals und Kongressen wie dem Center for Sex and Culture in San Francisco oder dem Post Porn Politics Symposium in Berlin. 2015 erschien ihr Buch Maternidades Suberversivas, zu deutsch „Subversive Elternschaften“ [1].

Maternidades Subversivas umfasst 18 Interviews der Künstlerin mit Menschen, deren Lebensrealität zeigt, dass Elternschaft vieles sein kann – sie ist aber immer auch eines: immanent politisch. Die Themen, die Maternidades Subversivas aufgreift, umfassen Körperlichkeit, Sexualität, Identität und Machtstrukturen rund ums Thema Elternschaft. Konkret erzählt Llopis von ekstatischen Entbindungen, von Mutterschaft und Pornografie, von Co-Elternschaft, queerer Kindererziehung und transhackfeministischer Mutterschaft, von Ursprüngen und Philosophie der traditionellen Hebammenkunst und Gynäkologie, sowie von Laktivismus und Ko-Stillen. Außerdem schreibt sie über postkoloniale Perspektiven auf Elternschaft, Ökofeminismus und kreative Care-Arbeit.

Subversive Elternschaft: Was heißt das?

Die Frage, was subversive Elternschaft eigentlich ist, lässt Maria Llopis offen. Aber die einzelnen Interviews sprechen für sich und ergeben ein Ganzes, das bei dem*der Leser*in Raum zum Interpretieren und für das Hinzufügen eigener Erfahrungen lässt.
Llopis gibt ihren Interviewpartner*innen Raum zu sprechen, über ihre Erfahrungen, Lebensrealitäten und Hürden. Was ihr hierbei gelingt, ist nicht nur das Hinterfragen der eigenen festgefahrenen Überzeugungen und Werte. Sie entblößt gleichzeitig die dahinter liegenden Machtstrukturen, seien sie ökonomischer, patriarchaler oder sexistischer Natur.

Gewalt in der Geburtshilfe: Grüße vom Patriarchat

Wer über Elternschaft spricht, kommt am Thema Gewalt in der Geburtshilfe kaum vorbei. So erzählt auch Maria Llopis, dass ein respektloser, invasiver Umgang mit Gebärenden in der spanischen klinischen Geburtshilfe Alltag ist. Ihre Entscheidung, ihr Kind Zuhause zur Welt zu bringen, erntet Reaktionen, als wolle sie es umbringen.

Auch die Situation in Deutschland zeigt, dass Gewalt in der Geburtshilfe kein Problem mit nationalen Grenzen ist. Geburtskliniken werden geschlossen, Hebammen können sich nicht versichern oder arbeiten unter unterirdischen Bedingungen. Ergebnis davon sind unnötige Interventionen in Geburtsverläufe, steigende Kaiserschnittraten und traumatisierte Mütter/Eltern. Dass Angst ein schlechter Geburtsbegleiter ist, sollte keine Neuigkeit mehr sein. Handelt es sich hier also womöglich um einen patriarchalen und kapitalistischen Machtmechanismus, der Frauen und als Frauen gelesene Menschen in ihren grundlegendsten Bedürfnissen einschränkt und ihnen von klein auf beibringt, die Disposition zur Sorgearbeit sei quasi in ihren Körper eingeschrieben, weil sie sich damit so prima ausbeuten und kontrollieren lassen?

Diesen Ansatz verfolgt die chilenische Hebamme und Aktivistin Pabla Pérez San Martín, die Llopis in Maternidades Subversivas interviewt. Pabla hat mehrere Bücher zum Thema ’natürliche‘ Gynäkologie und Hebammenkunde veröffentlicht und sieht den respektlosen und missbräuchlichen Umgang mit dem Körper von Frauen bzw. von als Frauen gelesenen Menschen insbesondere im Bezug auf Geburtshilfe als Teil eines hetero-patriarchalen Systems. Die Rolle der traditionellen Hebamme wird dabei durch eine hochtechnologische Medizin und – den Arzt – ersetzt.

Die Forschung der Aktivistin zur Rolle der traditionellen Hebamme bei der indigenen und ländlichen Bevölkerung Südamerikas zeigt die unterschiedlichen Ebenen, auf denen Geburtshilfe hier praktiziert wird, seien sie körperlicher, spiritueller oder psychologischer Art. Die traditionelle Hebamme nimmt dabei die Rolle einer ganzheitlichen Pflegerin ein. In diesem Setting von Vertrauen und Ruhe, können Geburt und Elternwerden ein transformativer Weg der Heilung sein.

Laktivismo statt Monogamie der Brust

Ein weiteres Thema, das Maternidades Subversivas aufgreift, ist der Still-Diskurs. Im deutschsprachigen Raum scheint dieser durch zwei Fronten gekennzeichnet: Auf der einen Seite stehen dabei Stillverfechter*innen, die gute Mutterschaft mit der Notwendigkeit des Stillens verknüpfen. Auf der anderen Seite steht das feministische Anliegen, Frauen (bzw. als Frauen gelesene Menschen) aus der körperlichen Begrenzung des Stillens zu befreien, die oft mit großer Erschöpfung einhergeht und die ständige Präsenz der Mutter fordert. Diese Abhängigkeit wird schließlich nicht selten als vermeintliche Natürlichkeit gelabelt, aus welcher die Mutter dann als primäre Bindungsperson hervorgeht.

Nicht zu stillen, ist nicht immer eine freie Entscheidung. Stress, Erwartungen, Medikamente, Brustentzündungen oder Transelternschaft machen das Stillen für viele unmöglich. Alternativ wird die Milch dann abgepumpt oder (teure) Säuglingsmilch muss her. Eine möglicherweise naheliegende Idee, dass das Kind zeitweise von anderen Menschen gestillt wird, kommt dabei gar nicht erst auf. Während in anderen Zeiten die Amme gang und gäbe war, lassen die soziale Isolation im Wochenbett oder bestimmte Hygiene- und Bindungsvorstellungen dies heute undenkbar erscheinen. In ihrem Interview mit Bárbara Iserte beschreibt Maria Llopis Reflexionen zu dem Thema: die geteilte Brust als antikapitalistischen Akt. Iserte übernahm das Stillen von Llopis Kind, als diese es aus medizinischen Gründen einige Zeit nicht konnte. Sie plädiert für ein Stillnetzwerk, ähnlich wie dem der Muttermilchbanken, wie es sie beispielsweise in Barcelona gibt. Diese würden Müttern/Eltern in Notsituation, etwa bei Medikation oder für Ruhepausen ermöglichen, das Kind weiter zu stillen und eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Mutterschaft und Sexualität: Eine be(un)ruhigende Gegenüberstellung?

Maria Llopis betont neben dem politischen auch den sexuellen Aspekt subversiver Mutterschaft und damit die Anerkennung und Enttabuisierug von Schwangerschaft bzw. Mutterschaft als sexueller Status. Der gesellschaftliche Diskurs um die (Un-)Vereinbarkeit von Sexualität und Mutterschaft ist aufgeladen und voller Ambivalenzen. Da ist zum einen das Bild der asexuellen Mutter. Tatsächlich geht bei vielen in der ersten Zeit mit Baby die Libido erst mal deutlich zurück, was auf Schlafmangel, fehlende Zeit für Selfcare, aber auch hormonelle Veränderungsprozesse zurückzuführen ist. Die von Maria Llopis interviewte US-amerikanische FeministPorn-Darstellerin und Filmemacherin Madison Young hat einen Ratgeber zu dem Thema herausgegeben. In The Ultimate Guide to Sex Through Pregnancy and Motherhood: Passionate Practical Advice for Moms gibt sie praktische Ratschläge für mehr Sichtbarkeit und gegen eine Tabuisierung des Themas. Sie plädiert in ihrem Buch nicht nur für radikale Selfcare-Zeiten, sondern auch für eine gendersensible Erziehung, in welcher Kinder nicht bereits mit der Ansprache auf ein Geschlecht festgelegt werden.

Madison ist außerdem als (Porno-)Künstlerin aktiv, die mit ihren feministischen Pornos einen längst überfälligen Meilenstein und wichtigen Gegenentwurf zum Mainstream-Porno setzt. So wurde Madison unter anderem für das Foto ‚Becoming MILF‘ bekannt, auf dem sie mit ihrem Baby auf dem Arm als Madonna, sowie als Bitch performt. Tatsächlich könne die Pornokategorie MILF – Mother, I’d like to fuck ermächtigend sein, wenn Mütter sich selbst so bezeichnen, weil sie sich mit allen postpartalen Veränderungen ihres Körpers begehrend und begehrenswert erleben.

Dabei kommen Fragen auf, wer bestimmt, ob der mütterliche Körper, der geboren und gesäugt hat und somit nicht mehr jungfräulich ist, noch als begehrenswert gilt? Die Normen, denen der begehrenswerte Körper in der öffentlichen Wahrnehmung unterworfen ist, sind klar: Dünn, meist weiß, jung, hübsch, able-bodied und mit genügend Kapital ausgestattet. Nicht zu vergessen, dass er sich nur in serieller Monogamie und innerhalb von Hetero-Begehren bewegen darf – und auch nur, wenn das Kind anderweitig verstaut ist. Maria Llopis eröffnet hier den Diskurs um die Frage, in wie weit bestimmte Bilder von Mutterschaft mit der Verkörperung sexueller Lust und weiblicher Selbstverwirklichung kompatibel sind.

Unser Fazit: Maternidades Subversivas ist ein Plädoyer für eine Rückeroberung des Körpers, der Sexualität und für Solidarität mit und unter Müttern, Eltern und Bezugsmenschen.


[1] Das Buch gibt es bisher leider nur auf Spanisch. Da es im Spanischen kein entsprechendes Wort für Eltern gibt, das nicht bereits das generische Maskulinum – also Paternidades, was zugleich Vaterschaften heißt– beinhaltet, wählte Maria diesen Titel. In Absprache mit ihr haben wir den Titel damit eher sinngemäß, statt wörtlich übersetzt.

Bilder: privat, txalaparta

One Reply to “Maternidades Subversivas – Die feministische Postporn-Aktivistin Maria Llopis über Mutter- und Elternsein als politischen Zustand”

  1. KMU sagt:

    Interessant zu lesen. Vielen Dank. Weißt du, wird dieses Buch ins Deutsche übersetzt oder nicht?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.