Eine, aber nicht alleine: Ein Antrag auf Namensänderung

meinung

Im ersten Teil ihrer neuen umstandslos-Kolumne (herzlich willkommen!) stellt Katrin Anna einen Antrag auf Namensänderung und erzählt uns, warum sie nicht länger als die „Alleinerziehende“ bezeichnet werden möchte.

von Katrin Anna

Es gibt eine Diskussion in der wunderbaren Welt der Online-Elternforen, die mich regelmäßig aus diesen vertreibt. Was ziemlich schade ist, da mein hauptsächlicher Sozialraum sehr oft eben dieses ist. Zumindest ab 20 Uhr abends. Denn ich bin alleinerziehend, schätze aber die Einsamkeit nicht besonders und diskutiere gerne. Es ist einer meiner gefürchtetsten Schauplätze der sogenannten „Mommy Wars“: „Quasi-Alleinerziehend“ versus „Richtig-Alleinerziehend“. Und ich möchte ihm heute gerne das „Michael Jackson isst Popcorn“-Gedächtnis-Gif verleihen und eine Namensänderung beantragen. Das hat ein bisschen etwas damit zu tun, dass ich liebender Rabe bin und mit dem Wort Erziehung nicht ganz so viel anfangen kann. Und das hat ganz viel damit zu tun, dass beide Seiten für sich recht haben und die einzigen, die bei dieser Diskussion gewinnen, Politiken sind, denen es nicht um Familien geht, sondern um traditionelle Ehebilder.

Alleinerziehend, aber keine Familie.

Seit dem letztem Wahlkampf in Österreich sind Alleinerziehende vermehrt auch in der Öffentlichkeit Thema. Es ging vor allem um eine Reform der Unterhaltsregelung. Da hoben der Jetzt-Kanzler und der Jetzt-Vize-Kanzler und alle anderen, die jetzt Opposition sind, in einer Puls4-Sendung ihre Ja-Taferl. Und ich Patscherl dachte mir „Ja! Endlich!“. Falsch gedacht. Selbstverständlich. Denn nur wenige Tage später wurde zurückgerudert. Mittlerweile gibt es den Familienbonus. Und was mich dabei gar nicht wundert: Die Alleinerziehenden wurden erst einmal vergessen. Nicht nur, weil das Familienbild der aktuellen Regierungsparteien immer noch dem Idealbild der verheirateten Kleinfamilie anhängt. Sprache schafft Wirklichkeit. Und in dieser sprachlichen Wirklichkeit sind Alleinerziehende keine Familie. Es ist also nur konsequent, dass die österreichische Regierung – wie auch viele andere – entsprechend Ehepolitik macht, statt Familienpolitik. Wird doch ein großer Teil der Familien schlicht und ergreifend nicht als eine solche anerkannt. Der Familienbonus, den sich – besonderes Schmankerl – laut Jetzt-Kanzlers erstem Vorschlag die Mütter von den Vätern zurückholen sollten (genau, also die, die jetzt rein statistisch betrachtet mehr verdienen und trotzdem keinen Unterhalt zahlen) ist da nur ein aktuelles Beispiel. Die gerade wieder neu angefachte Debatte um das Steuersystem in Deutschland, insbesondere das Ehegattensplitting und die fragwürdige Besteuerung Alleinerziehender ein anderes.

Was politisch problematisch bzw. problematisierbar ist, ist es wenig verwunderlich auch im Privaten. Und die Lösung – oder zumindest meine Lösung – liegt nicht in der Diskussion darüber, wer es denn nun schwerer hat im Leben mit den Kindern. Es liegen auch schon längst alle statistischen Tatsachen auf dem Tisch. Die Lösung liegt in der Herstellung von Solidarität. Unter Eltern, die alleinerziehend sind. Und Eltern, die oftmals allein gelassen werden mit der Erziehung ihrer Kinder. Und deswegen spreche und schreibe ich nicht mehr von alleinerziehend.

Wie wäre es, wenn wir künftig von Ein-Eltern-Familien sprechen würden?

Geht es nach dem Kind, sind wir die beste Familie der Welt. Da sind Oma, Opa, die Tante, L. und V., K. und C., M., H. und Y., die als enge Freund*innen ebenfalls seine Familie sind. Und sie alle singe ich in unserer adaptierten Patchworkversion von „Schlaf, Kindchen, schlaf.“ seit Jahren in den Schlaf. Manchmal kommen Ergänzungswünsche („Schlaf, Traktor, schlaf…“), aber diese Menschen, seine Familie, sind immer mit dabei. Ich bin als Elternteil manchmal schrecklich einsam mit meinen Entscheidungen und meiner Verantwortung. In unserer Familie gibt es ein Einkommen und keine auch nur theoretische Möglichkeit auf ein zweites. Am Arbeits- und am Mietmarkt bin ich Risikoperson und vermeide tunlichst, meinen Familienstatus zum Thema werden zu lassen. Steuerliche Vorteile haben wir (in Österreich und weil ich zum Glück und dank Vollzeitjob einigermaßen verdiene) die gleichen wie Alleinverdiener*innenhaushalte, bei halben Pflegefreistellungstagen. Und und und. Aber ich bin nicht alleine. Schon gar nicht in der „Erziehung“ des Kindes. Da gibt es Menschen in unserem Leben. Wir sind viele und wir sind eine Familie.

Andererseits gibt es viel Eltern, vorrangig Mütter, wie auch bei den Ein-Eltern-Familien, die in ihrer Partner*innenschaft alleine gelassen werden. Die sich mit einem Zuviel an Erwartungen, Ansprüchen und Druck herumschlagen, bei einem gleichzeitigen Zuwenig an Unterstützung. Und die noch dazu eine*n Partner*in haben, die*der das doch eigentlich alles mittragen sollte. Die in einer Beziehung alleine erziehen, aber mit „alleinerziehend“ nicht gemeint sind. Für die kein Begriff zur Verfügung steht, um ihre Situation prägnant zu beschreiben, die dann oftmals „quasi-alleinerziehend“ verwenden, was dann wiederum die „richtigen“ Alleinerziehenden – mich sehr lange Zeit auch – ärgert.

Und ja, es ist etwas anderes. Und ja, der Begriff ist (noch) wichtig für politisches Lobbying und Verwässerung durch ein „quasi“ ist da nicht hilfreich. Aber: Wir sind alle manchmal allein (gelassen) und diese Realität anzuerkennen und diskutieren ist wichtig. Die sprachliche Trennung in „Familien“ und „Alleinerziehende“ finde ich dabei nicht hilfreich. Denn ich bin Eine, aber nicht alleine. Und ich beantrage hiermit eine Namensänderung.

_____________________________________________

Katrin, *1980, ein Kind (*2012), leben seit Beginn der Schwangerschaft zu zweit. 40+ Stunden-Job im Sozial-/Bildungsbereich. Schreibt, wenn sie nicht während dem Vorlesen einschläft und wäre gerne auch im offline Leben wieder politisch aktiver.

Foto (c) Katrin Anna

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.