Gefangen im Übungszyklus (Vorabdruck)

kultur

Im Oktober 2018 erscheint der Sammelband „Nicht nur Mütter waren schwanger – unerhörte Perspektiven auf die vermeintlich natürlichste Sache der Welt“ im Verlag edition assemblage. Er will im Alltag überhörten Stimmen zu Kinderwunsch, Schwangerschaft und Eltern-Sein Raum geben. Themen wie Fehlgeburt, Abtreibung, Reproduktionsmedizin und Pränataldiagnostik werden genauso verhandelt, wie altersuntypische oder queere Kinderwünsche, trans Schwangerschaften und Erfahrungen mit Krankheit oder Rassismus. Die Künstlerin Pia Eisenträger gestaltet das Buch mit Fotografien und Zeichnungen.

Wir danken Alisa Tretau, die den Sammelband initiiert hat, uns einen ihrer Texte daraus bereits vorab zur Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen. In „Gefangen im Übungszyklus“ erzählt dieTheaterregisseurin und Performerin von Fruchtbarkeitstänzen und vom Besuch bei einer Wahrsagerin, von Schwangerschaftstests und Globuli, von Internet-Foren und Springkraut. Während es nach außen hin ein manchmal verbissenes, manchmal verzweifeltes Tun und Machen ist, machen sich in ihrem Inneren hässliche Gefühle breit – allen voran die Scham.

Nicht nur Mütter waren schwanger | edition assemblage | Alisa Tretau

von Alisa

In den letzten drei Jahren habe ich über 100 € für Schwangerschaftstest ausgegeben. Die Testschleife läuft immer wieder gleich für mich, und ein Klick in die einschlägigen Mami-Portale zeigt mir, dass ich nicht die Einzige bin, die in ihr gefangen ist: Zunächst kommt die Phase des Eisprung-Ermittelns mit Hilfe von Urintests oder Temperatur messen, mit Cervixschleim- oder Traumanalyse.

Ist der Zeitpunkt der potentiellen Empfängnis gekommen, schließen sich moralische Fragen an: Sollte ich, wenn ich weiß, dass ich an Tag X Eisprung habe, lieber nicht verreisen? Lieber früher nach Hause kommen, um noch empfangen zu können? Woher weiß ich, ob ich gerade aus Lust oder aus Kinderwunsch Sex habe und wenn letzteres, darf ich das?

Die Online-Community rät Zwiespältiges: Zum einen ja, solle ich es einfach tun, wenn ich weiß, jetzt ist die Zeit, in der es klappen könnte. Zum anderen wird es wahrscheinlich eh nichts, wenn ich es, also die Schwangerschaft, zu sehr will. Und auch die Nachsorge – Hilft es, im Bett eine Kerze zu machen und eine halbe Stunde nicht zu pinkeln, um das Sperma zu seinem Ziel zu transportieren? – bewegt sich im Rahmen des Mythos und Hören-Sagens.

In der Testschleife, im Fachjargon „Übungszyklus“ genannt, schließt sich an den Eisprung das Warten und Hoffen an. Diese Phase ist für mich immer die Schwierigste. Der Wahn, jedes Anzeichen körperlicher Veränderung als schwangerschaftstypisch zu deuten, nimmt mich in Geiselhaft, zugleich muss ich warten warten warten, bis ich die Bestätigung per Urintest bekomme. Die Foren versüßen mir die Zeit, ich überlege, welchen Schwangerschaftstest ich diesmal kaufen soll, zwinge mich, nicht gleich zum erstmöglichen Zeitpunkt (Tag 8 nach ES, d.h. Eisprung, Testgenauigkeit hier je nach Teststäbchen um die 50%), sondern wirklich erst an Tag 14 nach ES, Genauigkeit 99%, zu testen.

Mit den verklemmten Versuchen, eine erneute Schwangerschaft herbeizuvögeln, und der monatlichen Illusionszerstörung, tritt die Scham in mein Leben.

Eigentlich teste ich immer einen oder zwei Tage vor diesem Stichtag, meist aus einem konkreten Anlass, z.B. um zu wissen, ob ich mich am nächsten Abend aus Frust betrinken oder glücklich glühend mein Geheimnis mit mir herumtragen sollte. Und dann ist der Test immer negativ. Einmal habe ich sogar auf einen geblutet, weil im gleichen Moment die Regel kam, die alles wieder zunichte macht und die Testschleife auf null setzt. Ein neuer Übungszyklus kann beginnen.

Diese Zeit des „Alles-wieder-ungeschehen-machen-Wollens“ nach meiner ersten Fehlgeburt bleibt mir stärker im Gedächtnis als die wenigen Wochen des Glücks, als ich tatsächlich schwanger war. Mit den verklemmten Versuchen, eine erneute Schwangerschaft herbeizuvögeln, und der monatlichen Illusionszerstörung, tritt die Scham in mein Leben. Ich schäme mich für das Versagen meines Körpers, erneut schwanger zu werden. Die Verbissenheit meines Vorhabens ist mir peinlich.

In dieser Zeit lese ich viel im Internet. Egal, was ich dort eigentlich suche, ich lande schlussendlich immer in einem der unzähligen Foren, in denen sich Hetero-Frauen mit Kinderwunsch austauschen. Hier fühle ich mich ein bisschen verstanden, und gleichzeitig gruselt es mich, die vielen verzweifelten Worte zu lesen, die Fragen ohne Antworten durchzugehen. Am Schlimmsten finde ich die in den Foren aktiven Mütter, die in ihren Kommentaren die Ungewissheiten der anderen als Albernheiten abtun.

Ich bin in der Testschleife gefangen und versuche, alles zu tun, um meinen Körper bei seiner Aufgabe, fruchtbar zu werden, zu unterstützen.

Vielleicht sind die Ratschläge, die ich von Freund*innen bekomme – „Entspann’ dich mal, das wird schon werden, die kleine Seele will einfach noch nicht zu euch kommen, habt ihr schon über Adoption nachgedacht?“ – nett gemeint, aber was nützen sie mir, denke ich, wenn ich mich erst entspannen kann, wenn ich schwanger bin? Beziehungsweise: Könnte ich mich vielleicht selbst überlisten, mir vorspielen, ich würde es nicht wollen, einfach so mein Leben leben, und dann passiert es? Einfach so? Nur in dieser Variante, als Trick an mir selbst, macht der Hinweis, den Druck rauszunehmen, für mich Sinn. Ich bin in der Testschleife gefangen und versuche, alles zu tun, um meinen Körper bei seiner Aufgabe, fruchtbar zu werden, zu unterstützen.

Ich investiere in naturheilkundliche und spirituelle Hilfsmittel. Ich mixe mir Tees aus zwölf verschiedenen Kräutern, einen für die erste Zyklusphase (um die Eizellenproduktion anzukurbeln) und einen für die zweite (um dem Ei beim Einnisten zu helfen). Ich nehme Springkraut, Sepia, Nux Vomica und andere Globuli, zunächst brav dosiert, dann immer wieder einfach so, wie als Beruhigungsmittel. Der Tiefpunkt ist ein Luna-Yoga-Kurs, bei dem ich ein Wochenende mit acht weiteren angeschlagenen Frauen „auf der Matte“ verbringe, mit einer Mischung aus einfachen Yoga-Übungen und angeblich „ursprünglich afrikanischen Fruchtbarkeitstänzen“, die sich eine weiße Choreografin auf ihren Reisen angeeignet hat. Meine Scham steigt und steigt.

Ich probiere Akupunktur (wo mir gesagt wird, mein außergewöhnlich langer Zyklus erschwere eine Schwangerschaft – da könne man nichts machen!), und gehe sogar zu einer Wahrsagerin, die mir offenbart, mein Kind stünde quasi um die Ecke und werde in den nächsten paar Monaten kommen – vielleicht werden es sogar Zwillinge sein? Ich freue mich, warte und werde enttäuscht.

Nachdem die drei Monate nach der Fehlgeburt ohne Schwangerschaft vergangen sind, bin ich am Boden zerstört. Mein Partner und ich fallen aus der Statistik. Wir schaffen es nicht, uns erneut zu befruchten. Er sagt: „wenn es Dich so belastet, dann hören wir auf mit dem Versuchen, bis es Dir besser geht“. Aber das ist das Letzte, was ich will! Ich verspreche, mich zu beruhigen, und traue mich kaum noch, meinen Kummer mit ihm zu teilen. Ich schäme mich nun noch mehr, wenn ich meine Regel bekomme, und weine, bis er mich doch in den Arm nimmt.


Alisa Tretau ist 32 Jahre alt und wohnt in Berlin. Sie arbeitet im Theaterbereich in unterschiedlichsten Funktionen, als Regisseurin, Performerin, Dramaturgin oder Lichttechnikerin. Die Motivation für das Buchprojekt „Nicht nur Mütter waren schwanger – unerhörte Perspektiven auf die vermeintlich natürlichste Sache der Welt“ ist aus ihrer eigenen Geschichte mit unerfülltem Kinderwunsch, Fehlgeburten und künstlicher Befruchtung entstanden. 

Weitere Autor*innen des Buches sind: Carrie McIlwainGiegold & WeißMareice KaiserJohanna MontanariKatti Jisuk Seo und Diana Thielen.

Damit der Sammelband realisiert werden kann, benötigt das Buch-Team Unterstützung: Eine entsprechende Crowdfunding-Kampagne läuft noch bis Dienstag, 12. Juni 2018, auf Startnext.

Beitragsbild: Pia Eisenträger (Zuschnitt: umstandslos)

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