Carpe Fucking Diem. Fotografien von Elina Brotherus.

kultur

Die finnische Künstlerin Elina Brotherus hat ihren jahrelangen Versuch, schwanger zu werden, fotografisch begleitet. Die Bilder sind in dem 156-seitigen Fotobuch „Carpe Fucking Diem“ erschienen. umstandslos hat darin geblättert.

 

(c) Elina Brotherus "Carpe Fucking Diem" | Kehrer Verlag

(Kehrer Verlag, 2015)

von Cornelia

Im Hintergrund eine verschwommene Silhouette. Vorne peitscht Regen auf das sich aufbäumende Meer. Gleich das erste Bild des Fotobuches „Carpe Fucking Diem“ von Elina Brotherus ist eine starke und eindringliche Metapher für das Tabuthema, das die Künstlerin mit den Arbeiten dieser Monografie aus der Privatheit holt: Die Fotografien, die zwischen 2008 und 2015 in den USA, Finnland, Kambodscha und Frankreich aufgenommen wurden, dokumentieren ihren unerfüllten Kinderwunsch.

Annonciation © Elina Brotherus

Annonciation © Elina Brotherus

Es sind eindringlich-poetische Bilder, in deren Zentrum Brotherus Körper steht. Man blättert sich durch die wechselnden Seelenlandschaften, die sich darin widerspiegeln. Frustration. Wut. Resignation. Hoffnung. Traurigkeit. Enttäuschung.

Carpe. Fucking. Diem. Der Titel ist ein schönes Wortspiel. Nutze den Tag. Diesen verdammten Tag. Eigentlich: den fruchtbaren Tag. Sex wird Mittel zum Zweck.

Begleitet wird die fotografische Selbstinszenierung von der visuellen Aufzählung der Gegenstände und Momente dieses als recht einsam geschilderten Weges: ein Spritzen-Durcheinander, ein Berg Medikamente, handgeschriebene Protokolle, Zyklusaufzeichnungen, ein Schwangerschaftstest, Blut in der Toilette. Anklagende Stillleben.

Annonciation 29 © Elina Brotherus

Annonciation 29 © Elina Brotherus

Annonciation 5 © Elina Brotherus

Annonciation 5, Avallon © Elina Brotherus

Annonciation 25, Medication © Elina Brotherus

Annonciation 25, Medication © Elina Brotherus

Oysters © Elina Brotherus

Oysters © Elina Brotherus

Brotherus wechselt in ihren Selbstporträts zwischen gesichtslosen Darstellungen, bei denen sie den Betrachter_innen ihren nicht-schwangeren Körper vorzuführen scheint, und eindringlichen Nahaufnahmen, die auf ihre Mimik fokussiert sind. Eindringlich, verzweifelt, traurig, erschöpft, leer blickt die Frau darauf in die Linse. Einmal, ein zaghaftes, fast zufriedenes Lächeln.

Mirror Piece © Elina Brotherus

Mirror Piece © Elina Brotherus

Giraffe © Elina Brotherus

Giraffe © Elina Brotherus

Dazwischen finden sich auch Bilder, in denen Brotherus sich selbst als Teil eines sorgfältig komponierten Raumes inszeniert. Ins Tun, ins Denken oder ins Spiel vertieft. Abwesend. Ganz selten rückt die Fotografin den vermutlichen Partner ins Bild. Einmal, die Situation als Analogie zu gängigen Vater-Baby-Bildstereotypen fast karikierend, mit einem schlafenden Welpen am Schoß.

Annonciation 10 © Elina Brotherus

Annonciation 10 © Elina Brotherus

Sleeping Puppy © Elina Brotherus

Sleeping Puppy © Elina Brotherus

Die Leere in den Fotos der Anfangszeit ist beklemmend. Die Abwesenheit dieser Leere auf vielen Bildern der letzten Seiten wird so zum anschwellenden Statement. Ein Fuck-You an die ungewollte Kinderlosigkeit und den Ballast, der damit einhergeht. Eine neue, andere Hoffnung.

Marcello's Theme © Elina Brotherus

Marcello’s Theme © Elina Brotherus

My Dog Is Cuter Than Your Ugly Baby © Elina Brotherus

My Dog Is Cuter Than Your Ugly Baby © Elina Brotherus

 

Einzelne Bilder dieser autobiografischen Dokumentation sind übrigens noch bis 19. August 2018 in der Ausstellung „It’s not me, it’s a photograph“ im Wiener Kunsthaus zu sehen.

 


Beitragsbild: Annonciation 29, Lone © Elina Brotherus

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