So schön wie die Zeiten nie waren. Eine Satire.

kultur

Weltweit sind autoritäre, autokratische und streng patriarchalische Positionen auf dem Vormarsch. Wir blicken auf sie im Zerrspiegel – eine Satire über das schöne Sandkastenspiel von Macht und Elternschaft.

von pitz

 

Chor, mit Panflöten ausgestattet

Die Mütter sind aus der Tiefe gekommen, aus dem Keller emporgestiegen. Sie haben Kompott in Einweckgläsern mitgebracht. Jetzt sitzen sie nebenan und arbeiten. Der Schlüssel steckt von innen, durchs Schlüsselloch hörst du, Treppchensteiger, ihr konzentriertes Murmeln, das Gleiten ihrer Stromstecker über die Einfassungen der Steckdosen, das Aufstützen ihrer Ellbogen auf Holz. Das Kreiseln der Schraubverschlüsse ihrer Wasserflaschen, gedämpfte Gespräche, ein Lachen. Hobel an der größten Werkbank, Hebel am archimedischen Punkt, Muskel an Sensenmanns Knochen, Faust an Charons Steuer: Öffne Du jetzt das Kompottglas!

Hitler, mit gerolltem R zu lesen

Zuerst habe ich mich natürlich gefreut, Kinder waren immer mein größter Traum und die Krönung meines Daseins! Aber dann kamen auch die Zweifel. Ich sag das hier offen und ehrlich, auch, wenn es vielleicht der einen oder anderen verpönt ist: Es fiel mir letzten Endes nicht ganz einfach, mich für die Kinder zu entscheiden. Auch, wenn ich letztlich durch die Gesetzeslage zum Ja gezwungen war. Würde ich nachmittags pünktlich heim ins Reich kommen? Würde ich weiter flexibel sein, sagen wir mal, spontan einen Blitzkrieg zu organisieren? Ich durchlebte schreckliche Konflikte, und es wurde deutlich besser, als Eva mir signalisierte, auch sie sei bereit, sich um die Kinder zu kümmern. Teilzeit kommt für mich nicht in Frage. Dass ich das hier so offen sage, kostet mich einigen Mut, denn man wird über mich herfallen, ich sei ein Rabenvater, und zu recht! Sind nicht ganze Heerscharen von deutschen Kindern verkrüppelte und gestörte Wesen, weil ihnen die rechte Vaterwärme fehlte? Aber: Organisation ist das Zauberwort, und wenn ich auf dem Weg in den Reichstag mal wieder knapp in der Zeit liege, übernächtigt bin, einen Schlechthaartag habe und Breireste am Revers – ich weiß, dass ich mich auf die väterliche Solidarität meiner Kollegen verlassen kann.

Gaddafi

Rühren ist das Zauberwort, nur dann entstehen keine Klümpchen. Mein Vater hat immer ewig gerührt, aber der hatte auch noch mehr Zeit dafür. Bei mir muss es schneller gehen, deswegen habe ich manchmal Klümpchen. Ich werd die Kinder schon trotzdem groß kriegen! Mit dem Kosten mache ich es immer so: ich nehme einen größeren Löffel, um Brei aus dem Topf zu holen, und davon lasse ich etwas auf einen kleineren Löffel tropfen, von dem ich dann koste. Ich bin etwas erkältet, und die Kinder sind gerade so schön stabil, ich darf sie nicht anstecken, sonst geraten wir total ins Hintertreffen. Als ich nach dem Vaterschutz sofort wieder einstieg, hatte ich echten Horror vor den Reaktionen. Anspruchsvolle Stellen seien nicht in vierzig Stunden getan, durfte ich mir anhören, und ich solle bloß aufpassen, dass ich kein Burnout bekomme, mich nicht zwischen Amtspflicht und Zimtzucker zerreibe, und dass den Kindern die Fremdbetreuung nicht schade. Insgesamt ist das schon machbar, den Eindruck, dass auch in der Politik ein echter Aufstieg für Diktatoren mit Kindern erschwert ist, habe ich aber noch immer. Meinen Perfektionismus musste ich auf jeden Fall ablegen, ich habe gelernt, mit den Klümpchen zu leben.

Hitler nochmal

Ich arbeitete auf einmal als Kunstmaler, fand mich beim Malen nach Zahlen wieder. Es kam mir vor, als müsste ich mit der Vaterschaft meinen IQ an der Bunkertür abgeben. Bei uns wird es einem sehr schwer gemacht, als Vater in einem wirklich erfüllenden Beruf weiterzuarbeiten. Ich fragte mich damals: Was kann ich? Was habe ich früher gerne gemacht? Ich habe Listen erstellt, eine eigene Stärken-Schwächen-Analyse, ganz pragmatisch. Die Entscheidung, Krieg zu machen, traf ich dennoch ganz intuitiv. Ich hatte schon immer was für martialische Inszenierungen übrig.

Saddam Hussein

Nach mehreren Monaten mit nur ganz wenig Schlaf bin ich echt an die Grenze gekommen. An die Grenze von Kuweit. Ich war echt fix und fertig mit meiner Geduld. Dass das Leben mit Kindern anstrengend würde, wusste ich, das Ausmaß hat mich aber doch überrascht. Es wird immer gesagt: Kind oder Krieg, aber kann ich nicht beides haben? Meine Frau hilft mir sehr, und ich muss sagen, dass sie wirklich eine gute Mami ist. Am Anfang fällt es den Frauen ja doch ein bisschen schwerer, eine Bindung zu dem Baby aufzubauen, aber bei uns ging es nicht anders. Ich habe mich mit meinem Vater, meinem Cousin, meinen Brüdern, den Chauffeuren und den Foltermeistern unterhalten. Wir sind hier alle sehr fortschrittlich, keiner von ihnen hatte irgendwelche Vorbehalte gegen Frauen als Mütter. Die haben alle gesagt: Lass sie mal machen. Sie kriegt das ganz sicher hin. Bereite einfach den Kinderwagen vor, schau vorher nochmal, wie kalt es draußen ist, und dann schickst du sie los. Und sie soll nicht eher als in einer halben Stunde wiederkommen, sonst steht das Essen noch nicht auf dem Tisch. Sie hat ihre Ängste auch wirklich ganz schnell überwunden und ich konnte mich total auf sie verlassen. Und in der Zeit ein paar Schiiten einbuchten. Sie macht alles so gut wie ich, mein Vater ist auch sehr stolz auf sie.

Ceaușescu

Ja, offizielle Verlautbarungen verkünden immer, Kinder seien das höchste Gut und absolut wünschenswert. Aber bitte nur, wenn alles funktioniert! Abtreibung, Verhütungsmittel und Aufklärung habe ich ja verboten, deswegen musste einfach alles funktionieren. Ich hatte sofort Sorgen: wie sag ichs meinem Chef – also mir? Darf ich mit Kind weiterarbeiten? Und dann die ewige Sorge, abgesetzt zu werden. Da braucht man einen dicken Fellmantel, um die Sorgen und Bemerkungen wegzustecken. Ich habe dann allen befohlen, dass zwischen 17 und 20 Uhr die Arbeit landesweit für die Familie ruht, weil mein starker Arm es so will und weil sonst die Kinder seelisch gestört werden. Vater-sein heißt eben auch manchmal, zurückstecken zu müssen. Aber natürlich habe ich immer und immer Zweifel, allem gerecht zu werden.

Stalin

Ich bin derzeit fix und fertig. Die Nächte sind sehr schwer. Bis in die Morgenstunden brennt das Licht in den Kremlfenstern, und dann sehen alle, wie die Sorge um mein Land oder die Zähne der Kleinen mich wachhalten. Da ich hier ja im Homeoffice arbeite, kann ich meine Zeit relativ flexibel einteilen. Ich entscheide selbst, wann ich jemanden ins Arbeitslager schicke oder mir auch einmal einen freien Abend gönne. Das muss auch sein,Selbstfürsorge ist etwas, das ich erst lernen musste, mein Vater hat es mir nicht vorgelebt. Jetzt tariere ich jeden Tag neu aus, wieviel ich schaffe, und wann ich meine Grenzen übertrete. Nur wenn es dem Vater gut geht, kann es auch den Kindern gut gehen. Die haben freilich Vorrang: wenn es Unfälle, Tränen, Krankheiten gibt, habe ich ein rotes Notfalltelefon direkt auf meinem Schreibtisch, und wenn das klingelt, lasse ich alle Verräter, Kontrabandisten und Konterrevolutionäre stehen und liegen. Und hängen. Dann bin ich ganz Vater.

 

Text teilweise übernommen und abgewandelt aus mobil, Magazin der Deutschen Bahn, dem Forum von mamikreisel.de und spiegel.de

Die Satire ist erstmals in der Zeitschrift Frisches Ufo vor der Stadt erschienen.


 

Collage: umstandslos nach einer Idee von pitz (Fotos: gemeinfrei – Deutsches Bundesarchiv, из книги „Иосиф Виссарионович Сталин. Краткая биография“, 2-е издание, Москва – 1950, Romanian Communism Online Photo Collection, gamma)

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