Loslassen

Die erste Reise ohne Kind unserer anonymen Autorin sollte eine Reise „nur für mich“ werden, ein Abschließen mit dem Alltag und ein (vorübergehendes) Ausbrechen. Schließlich wurde daraus auch eine Reise in die Vergangenheit.

von anonym

Eigentlich hatte ich ja anderes vor. Herumreisen, ein bisschen Wandern, viel Fotografieren. Es sollte mein erster Urlaub ohne Kind sein. Das Kind war mit dem Papa, dem Ex-Partner zu Oma und Opa unterwegs, die weit weg wohnen. Eine Chance, die nicht so schnell wieder zu kommen schien. Eine Woche nur ich. Und genau das war vermutlich auch die Crux. Denn mit meiner Vergangenheit, hatte ich ganz und gar nicht abgeschlossen…
Als M. und ich uns vor einigen Jahren begegneten, fühlten wir uns beide wie Teenies. Ich kam gerade von einer längeren Reise zurück und wollte nirgends Wurzeln schlagen, am liebsten immer Backpacken und die Freiheit genießen. Er wiederum hatte eine haarsträubende Lebensgeschichte, war ein paar Jahre jünger als ich, hatte diesen leicht traurigen Blick in seinen dunklen Augen und eine lange Mähne. Wenn er Colorblind von Counting  Crows auf seiner Gitarre spielte, verlor ich mich darin. Wir hörten Radiohead und Paris von Hans Unstern im Dauerlauf. Zeit hörte auf zu existieren und wir konnten kaum mehr ohne einander sein. Ich verliebte mich in die Art, wie seine Locken sich im Schlaf ringeln, den Schwung seiner Ohrmuschel, sein Schlüsselbein und die Mulde, die an seiner Taille entstand, wenn er auf der Seite lag. Es gab nur uns.

Bald zogen wir zusammen und teilten uns ein WG-Zimmer. Die dunklen Wolken wurden dunkler, aber wir trotzten ihnen. Wir wollten unbedingt zusammen sein. Unbeirrt gingen wir den steinigen Weg immer weiter. Schafften uns zauberhafte Momente zwischen kräfteraubenden Phasen. Nicht aufgeben. Nicht aufgeben. Die Wolken verzogen sich. Wir bekamen ein Kind. Der Himmel zog wieder zu aber wir gaben nicht auf. Wir kämpften und kämpften gegen die Hydra, aber es waren einfach zu viele Köpfe. Solange, bis wir vor Erschöpfung zusammenbrachen. Aus.
Einen Sommer später verstehen wir uns gut. Wohnen getrennt. Wollen nicht mehr zusammen sein aber teilen uns die Elternschaft. Manchmal ist das leichter, manchmal komplizierter. Aber gut. Es läuft gut.
…Und dann bin ich allein auf Urlaub oder Reise oder was auch immer. Nur ich mit mir und die Vergangenheit holt mich ein. Ich sitze in einem Café in einer fremden Stadt und fühle mich so sehr zu Hause. So sehr, dass ich nach zwei Nächten Campingplatz außerhalb der Hauptstadt beschließe, zurückzukehren in dieses Café. Da sehe ich ihn. Gefühlt nicht mal zwanzig und ich Mitte dreißig. Dieselben rehbraunen Augen. Dreads und Stirnfransen. WTF? Während ich noch überlege, ob er nicht viel zu jung für mich ist, und wie „alternativ“ (um es schön zu formulieren) er doch aussieht, versuche ich auf Englisch so etwas wie einen Milchkaffee zu bestellen. Nichts auf der Karte klingt so. Wir scherzen und schmunzeln und sehen es kommen. Ich kann die dunklen Wolken hinter seinen Augen sehen, obwohl wir uns nur über Kaffee unterhalten und grenzdebil lächeln. Jeden Tag werde ich in dieses Kaffee gehen. Morgens und abends. Und warten bis er wieder Dienst hat. Wenn ich nachts allein im Zelt liege und meine Hand in meine Hose wandert, muss ich an ihn denken. Wie magnetisch fühle ich mich angezogen. Dazwischen mache ich Sightseeing, gehe in Bars, schaue mir Bands an, tanze, lerne Leute kennen, denke an ihn, fotografiere.

Welch Wunder, ich treffe ihn wieder in besagtem Café. Sogleich bekomme ich die Kaffeevariation serviert, ohne mich auch nur erklären zu müssen. Er hat es sich gemerkt. Ich lese und trinke und schreibe meinen Freundinnen via Handy, dass dieser Kellner doch wohl kaum älter als 19 sein kann. Er arbeitet derweil an der Theke. Zwischendurch treffen sich unsere Blicke. Bei der nächsten Gelegenheit lädt er mich zur „Betriebsfeier“ an diesem Abend ein, die direkt im Café stattfindet. Abends legen hier oft DJs auf. Die Kollegenschaft ist recht groß. Viele jungen Menschen aus allem möglichen Ländern arbeiten hier für einige Zeit. Die werden auch bei der Feier sein. Okay. Ich sage zu.

Die staff party ist amüsant. Wieder lerne ich alle möglichen Leute kennen. Es fällt nicht auf, dass ich nicht dazugehöre. Er kellnert bist zur Sperrstunde. Wir reden nicht viel. Er schenkt mir ordentlich nach. Diesmal wird kein Kaffee getrunken. Gut so. Wir sind aufgeregt. Wohin dieser Abend führen soll, ist offensichtlich. Mit einer größeren Runde beschließen wir schließlich gemeinsam weiter zu ziehen. Doch der erste Club spielt nicht gerade Musik nach unserem Geschmack. Ein Getränk. Dann wieder weiter. Nur wir zwei. Wir lachen, scherzen, fragen uns wie alt wir sind. 23. Pfuh, ich bin erleichtert. Und ich? 34. Was echt? Ja. „Ältere“ Frauen mit Kind scheinen ein Faible für ihn zu haben, meint er. Er ist Musiker. Hat sein Studium abgebrochen. Physik. Alles typisch. Alles mein Schema. Mein jüngeres Ich fühlt sich unglaublich aufgehoben. Mein 34jähriges Ich hat gerade Pause. Der nächste Club, das nächste Getränk, die Tanzfläche, der erste Kuss. Was heißt Kuss? Es ist mehr ein gegenseitiges Auffressen. Das Warten und Sehnen und sich am liebsten an Ort und Stelle ausziehen – alles liegt darin. Vielleicht bleiben wir 10 Minuten. Dann brechen wir wieder auf – in die WG, in der er hier wohnt. Hätten wir auch gleich machen können. Aber wo wäre die Spannung geblieben. Und so laufen wir in der Kälte Hand in Hand zurück wie zwei übermütige Teenies. Die Stufen hoch, in die Wohnung, ins Zimmer. Der Matratzenüberzug fehlt. Wie gut kenne ich diese halben Sachen. Ich sehe den offenen Koffer. Alles erinnert mich an M. und an die Zeit als wir uns kennenlernten. Diese Haut. Sie ist so unglaublich weich. Und die Tätowierungen, die so deutlich zeigen, dass er einfach auf alles scheißt. Wer lässt sich sonst wohl ein Motiv eines Kinderklassikers aufs Schambein stechen? Auf dem Knöchel ein Kätzchen. Ein Anarchiezeichen auf der Brust und zwei Herzen dazu. Und vieles andere mehr.

Die Küsse schmecken gut. Ich mag es wie er mich berührt und fühle mich erleichtert, dem Sehnen nach seinem Körper nachgehen zu können. Ich fühle mich sicher. Das passiert mir selten. Leidenschaftlich und geil ist es. Der beste One-Night-Stand seit langem. Seinen kleinen Hintern, den die Sonne nicht erwischt hat, könnte ich ewig anschauen und streicheln. „I saw this coming“, sagt er. Wir unterhalten uns nach dem Sex über die dunklen Wolken. Er erzählt mir von seiner Punkband und seiner Liebe zu Drogen. Ich erzähle ihm, dass mich der Sommer triggert und ich mich deshalb für tiefere Temperaturen entschieden habe. „The summer is innocent“, meint er. Ja eh. Nachts wache ich öfter auf. Ich bin unruhig wie immer in fremden Betten. Morgens müssen wir früh raus. Er hat zwei Jobs hier. Kontosanierung.

Wir sehen uns wieder im Café. Er trägt ein Spice Girls-T-Shirt. Hätte ich bislang noch nicht mit ihm geschlafen, würde ich es jetzt wollen. Wir wissen nicht so recht, wie wir miteinander tun sollen, um nicht zu verdächtig zu wirken. Abends gehe ich noch auf Konzerte, er nach der Sperrstunde ins Bett. Geschafft von der Doppelschicht. Ich soll vorbeikommen. Mache ich. Dann liegen wir da in diesem 90 cm breiten Bett ganz eng, ich in seinem Arm. Viel zu müde ist er für Sex. Ich wundere mich, was ich hier mache und schlafe trotzdem auf der Stelle ein. Als ich in der früh aufwache, reißt es mich abrupt hoch mit der Erkenntnis, dass ich tief und fest geschlafen habe. Tief und fest, neben jemanden den ich nicht wirklich kenne. Aber der sich anfühlt wie M. – damals. Morgens schlafen wir noch einmal miteinander. Meine letzte Nacht ist zu Ende. An diesem Tag fliege ich zurück.
Als wir uns später wieder im Café treffen, kommt eine Ex-Kellnerin vorbei. Same style, nur 10 Jahre jünger als ich. Mir ist sofort klar, dass die beiden was laufen hatten. Sie setzt sich neben mich. Ich kann ihm ansehen, dass es ihm unangenehm ist und er nicht so recht weiß, wie er jetzt tun soll. Innerlich schmeiße ich mich weg vor Lachen. Äußerlich bleibe ich total cool und tue so, als würde ichs nicht bemerken. Was ich so mitbekomme von ihrem Gespräch, ist sie selbst so eine troubled soul. Na eh. Und täglich grüßt das Murmeltier – für uns alle. Unseren Bindungsmustern kommen wir nicht aus – und schwupps ist da diese magische Anziehung…. Einmal gehen wir noch nach draußen. Er dreht sich eine Zigarette, wir quatschen. Viel fällt uns nicht mehr ein. Reden über facebook, dass er mal in meiner Stadt ein Konzert gespielt hat.

Irgendwann holt mich das Taxi ab und bringt mich zum Flughafen. Am nächsten Tag werde ich mein Kind wiedersehen. Seltsam. Kilometer für Kilometer und mit einer Nacht dazwischen begibt sich mein jüngeres Ich zurück in mein Herz und die erwachsenere Version kommt wieder zum Vorschein.
M. zeige ich noch einen Link zu den Lyrics der Band meines Lovers. Es ist, als hätte sie sein jüngeres Ich geschrieben. Wir müssen lachen. Reinszenierung ist schon ziemlich krasser Scheiß. Aber es ist vorbei. Die nächste Woche verbringe ich bei einer Freundin gemeinsam mit meinem Kind und ich bin einfach nur Mama und 34 und glücklich mit der Person, die ich heute bin. Der Lover rückt in den Hintergrund. In meiner Stadt lasse ich mich wieder auf eine ernsthaftere Variante von Beziehung ein. Diesmal im selben Alter. Kein Musiker.

Prolog:
Ein halbes Jahr nach dieser Reise in meine Vergangenheit verbrenne ich Fotos, die ich noch von mir und M. besitze. Wir sind seit fast eineinhalb Jahren getrennt. Ich bin eigentlich gerade madly in love. Die neue Liebe rückt mittlerweile so nah an die alte ran, dass mir bei der Schlussentspannung vom Yoga letztens plötzlich die Tränen die Wangen runterkullerten. Unaufhörlich. Es ist vorbei und es tut noch immer weh. Ich schreibe diesen Text und höre Colorblind, Paris, Reckoner und all die anderen Sachen, die M. für mich gespielt hat. Ich verbrenne alte Fotos von uns im Griller auf dem Balkon und weine bitterlich. Das Facebook-Profil meines Lovers klicke ich noch einmal durch und löse die Freundschaft auf. Es ist wirklich vorbei. Mehr Platz für die neue Liebe schaffen.

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erschienen in: abschließen
Beitragsbild (c) Alper Çuğun via flickr (Zuschnitt und Rahmen umstandslos) CC BY 2.0

 

One Reply to “Loslassen”

  1. Koukou sagt:

    Es kann so schmerzhaft sein aus einem Traum aufzuwachen und zu spüren, dass es immer nur ein Traum war – knapp vorbei an der Wirklichkeit. Aber für die hat es eben nicht gereicht. Für die war es nicht richtig genug und hatte zu viele Lichter und Schatten.
    Ich musste verstehen, wer ich bin und sein kann, um die passende Liebe zu finden.
    Aber der Schmerz ist als Nachklang bis heute geblieben.
    Wär doch cool gewesen.

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