Widerständig mit Kind 

Emma hat kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes auf umstandslos einen Text darüber geschrieben, was es für sie bedeutet, als politische Aktivistin und Feministin schwanger zu sein. Die Diskurse und Projektionen in ihrem Umfeld haben viel Kraft von ihr abverlangt, diese Zeit selbstbestimmt zu gestalten. Mittlerweile ist das erste Babyjahr um und sie resümiert für uns, wie ihr das gewünscht widerständige Leben mit Kind bislang gelungen ist.

von Emma Goldbitch

Es ist nun mehr als ein Jahr her, dass ich mein Kind zur Welt gebracht habe, dass die Schwangerschaft endlich vorbei war und das Mutter-Sein beginnen konnte.
Und auch, dass ich diesen Text hier geschrieben habe, der – mehr als erwartet – Menschen aus meinem persönlichen Umfeld vor den Kopf gestoßen hat, verärgert hat und zu vielen weiteren Diskussionen geführt hat.
Vielleicht war mein Artikel großmäulig, arrogant, aggressiv oder eingebildet. Vielleicht war ich zu streng mit all den Leuten, die es eh nur gut meinen und zu stur, um zu erkennen, dass ein Leben mit Kind doch mehr verändert, als ich das zulassen wollte.
Weil es aber immer wieder positives Feedback und Nachfragen zu einem Follow-up über mein eventuell doch nicht mehr ganz so widerständiges Leben mit Kind gab, hier nun ein paar Eindrücke und Überlegungen dazu.

Die „gestohlene“ Geburtserzählung

Die Geburt war ein aufregender und verrückter Kraftakt, 40 Stunden lang und hat nicht so geendet, wie ich mir das ersehnt hatte. Es wurde ein Notkaiserschnitt mit Vollnarkose, ich habe trotzdem keine Sekunde lang damit gehadert. Wir hatten eine wundervolle Hebamme an unserer Seite und eine weitere Fast-Hebamme, die beide alles gegeben haben, ihre Fähigkeiten, Tricks und Zuversicht, viel Spaß und Abenteuer im Kampf um die Hausgeburt, die es dann doch nicht wurde, viel Geduld, ein Baby, dessen Herztöne stets tadellos waren und jedenfalls viel Vertrauen in die Situation und in meinen Körper.
Absurderweise begannen bald Menschen von meiner Geburt als Qual, schlimme Sache oder „heftiger Scheiß“ zu erzählen. Eine Wortwahl, die ich niemals vorgegeben habe und – wenn, dann war der „heftige Scheiß“ durchaus im positiven Sinn zu begreifen. Ich widersprach, klärte auf, warum die Geburt für mich trotz Länge und Kaiserschnitt schön und ein wahnsinnig aufregendes Erlebnis war. Doch irgendwie wollten das nur wenige hören oder gar verstehen. Juhu, die Fremdbestimmung kann also lustig weitergehen, dachte ich.
Das Kind war da, es war wunderschön und wir verbrachten unsere erste gemeinsame Zeit mit Anstarren und Sich-Wundern, was das für ein Wunder ist.

Bis das Schreien begann.

Meist begann es am frühen Nachmittag und endete gegen Mitternacht, oft ging es auch schon früher los. In den meisten Fällen vor allem dann, wenn wir das Baby auch nur eine Minute aus dem Arm legten. Wir Eltern waren geduldig und oft ungeduldig, erschöpft, müde, verunsichert und gestresst, wir trugen, schaukelten, sprachen, sangen, spielten auf der Gitarre, hüpften, tanzten, Cranio Sacral, Beratungen, Gespräche mit Eltern anderer Schreibabys, wir beschäftigten uns mit Geburtsaufarbeitung, fuhren an einem Samstag vier Stunden mit dem Auto herum, um einen Hängesessel aus einem anderen Bundesland zu besorgen, weil sich das Kind darin einmal beruhigt hatte und ähnliche Verrücktheiten.

Wir verfluchten alle Eltern, die noch kurz vor der Geburt meinten, dass wir „ach so viele Filme“ sehen werden, „weil am Anfang eh alles noch sooo gemütlich ist“. Wir stellten andauernd unser Verhalten in Frage, unsere Art zu leben, suchten die Schuld für das Schreien bei uns, sorgten uns ins Unendliche, was mit dem Kind nicht stimmen könnte, was wir falsch gemacht hätten, wo der Fehler läge.
Um Silvester hörte das Weinen ziemlich auf, nicht nur, aber vor allem aufgrund der beginnenden Mobilität des Kindes, das sehr sehr früh begann sich zu drehen, herumzurobben, sich aufzusetzen – aber sich weiterhin und nach wie vor standhaft gegen das Einschlafen wehrte.

Ungefragte Schlaftipps und stille Vorwürfe

Schliefen wir auswärts bei Familie oder Freund_innen oder waren wir später am Abend noch unterwegs und bekamen andere unser brüllendes Kind live in Action mit, wurden wir mitleidig oder vorwurfsvoll oder beides gemustert. Wir mussten uns stundenlang Tipps anhören und erklären, dass das für uns mittlerweile keine Besonderheit, sondern alltägliche Routine geworden ist.
Bis heute ist Schlafen ein schwieriges Thema und noch immer haben neunmalkluge Besserwisser_innen Ideen für uns, was wir nicht alles machen könnten, dass das Kind nun doch endlich glücklich und vor allem einfach und ohne Drama ins Bett zu bringen würde. (An dieser Stelle NEIN NEIN NEIN. Bitte glaubt uns! Wir haben alles ausprobiert, wir kennen jeden Trick, jedes Buch, jede Theorie dazu. Wir brauchen keine weiteren.)
Neben dem Schreien war unser Baby vor allem wach und interessiert an der Welt. Passierte viel, war es entspannter, als wenn nichts passierte. Und so wurde gewandert und täglich an der frischen Luft spaziert, andere Babys besucht, Freund_innen getroffen, auf Demos gegangen, zu Vorträgen und Diskussionen – letzteres in ausgewählten Räumlichkeiten und auch nur bis mich eines Abends das schreiende Baby und 130 vorwurfsvoll dreinblickende Augenpaare aus dem Szenario sprichwörtlich rauskatapultierten. Kurz davor hatte ich noch im Stehen versucht, das wütend brüllende Baby zu stillen und war grandios gescheitert.

Achtung Zynismus – für den Kommunismus sein, aber nicht mal ’ner stillenden Frau einen Platz anbieten können, danke liebe Antifa für nichts. // Zynismus OFF: Niemals was gegen die Antifa, aber in diesem Moment hab ich sie alle gehasst.

Einpendeln im Alltagsleben mit Kind 

Filme sahen wir stückchenweise, in Häppchen á la 15 Minuten verteilt über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen, Mails schrieb ich nach Mitternacht, wenn überhaupt, geputzt hat vor allem die beste aller Mitbewohnerinnen, was mir bis heute leid tut, auch wenn nicht weiß, wie wir es anders hätten machen können.

Irgendwann dazwischen gab es ein klein wenig Sport, ein bisschen Freundinnen-Treffen, wir lohnarbeiteten, fuhren zu Verwandten-Besuch, „der Familie zuliebe“, hörten uns noch mehr blöde Ratschläge an, organisierten zusammen mit Genoss_innen ein mehrtägiges Polit-Festival inklusive Rahmenprogramm, besuchten regelmäßig Plena, waren in Berlin, in Prag, Kroatien und anderswo, haben gecampt und bei 40 Grad im Meer gebadet.
Hin und wieder starren wir noch immer das schlafende Kind an und können es kaum glauben, dass es da ist, ein kleines Wunder, das mittlerweile JA und NEIN sagen kann, geht und hüpft und durch die Wohnung randaliert, Aufmerksamkeit einfordert und herzallerliebst mit dem bösen Wolf spielt.

Und der Widerstand?!

Der Widerstand ist geblieben. Wütend bin ich noch immer. Das System, in dem wir alle leben müssen, ist neben Kapitalismus und Co ein Scheißort für Kinder. Es gibt kaum Orte, wo sie willkommen sind. Irgendwo wird indoor immer geraucht, ist es zu dreckig zum Krabbeln, liegen zu viele Tschickstummel herum, gibt es keinen Spielplatz oder wird einfach blöd geschaut, wenn ein Kind da ist.
Wo bleiben die öffentlichen Wickeltische, die Cafés ohne Konsumzwang? Warum gibt es nicht in allen Restaurants Kinderhochstühle und warum um alles in der Welt ist immer die Mutter schuld, wenn das Baby schreit oder depressiv, drogenssüchtig oder anders verkorkst wird?
In den letzten 14 Monaten hatte ich wahrlich hässliche Begegnungen mit den Menschen dieser Stadt. Vom Vorstadtbus, aus dem ich mithilfe sämtlicher Fahrgäst_innen gemobbt wurde, weil das Kind so schrie, dass mich alle für eine überforderte und herzlose Mutter hielten, bis hin zum ungebetenen Hinweis, ich solle doch bitte lächeln, damit ich genauso lieb drein schaue wie das Kind, war alles dabei. Einzig und allein beim Stillen ist mir nie wer am Oasch gegangen – vielleicht aber auch einfach, weil ich militant-verbissen nur so darauf lauerte, dass mich irgendwer blöd ansprach und ich deswegen in Dauerkampfbereitschaft war.

Ein Hirn wie Matsch und viele Kämpfe

Wir kämpfen jeden Tag um unseren Politkram, um ein bisschen Zeit für ein gutes Buch, um das eine Projekt abzuschließen und das andere zu beginnen, um einen kleinen Puffer für Dinge, die uns am Herzen liegen. Dann gehe ich aus und kenne die halbe Welt nicht wieder – oder sie kennt mich nicht mehr, je nach Blickwinkel. Anderen will man mit dem Babyalltag nicht auf die Nerven gehen und hat dann doch selbst nichts mehr, das man noch erzählen könnte. Das eigene Hirn fühlt sich an wie Matsch. Plötzlich fällt es schwer, sich daran zu erinnern, was man eigentlich gestern Abend gemacht hat, Dinge verschwinden und niemand weiß mehr, was man überhaupt gesucht hat.
Entferne ich mich für kurze Zeit von meinem Leben als Mutter, fühle ich mich seltsam beschwingt. Alles scheint aufregend und neu und ich bin gierig nach einer Welt abseits von Windeln wechseln, Pappbilderbuch anschauen und dem täglichen Spielplatzbesuch.

Ich vermisse die Stadt an lauen Sommerabenden, wo man lang nach Mitternacht ohne Deadline draußen abhängen kann – der warme Beton und kaum mehr Menschen unterwegs, wenn alles ruhig wird und schön. Ich vermisse das Radfahren zu jeder Tages- und Nachtzeit, die versoffenen Diskopartys im liebsten Keller meiner Wahl, das Ausschlafen, das Egoistisch-Sein und das „Nur an sich selbst und niemand anders denken“-Müssen.
Enttäuscht hat mich im vergangenem Jahr mein soziales bzw. familiäres Umfeld, das sich mehr in die Betreuung des Kindes einbringen wollte und noch vor der Geburt von Unterstützung und Kümmern gesprochen hat, sich dann aber nicht mehr blicken ließ und kein Verständnis für das stressiges Leben von uns Jungeltern übrig hatte.

Menschen, die geblieben sind, und ein willensstarkes Kind

Das gilt logisch nur für einen Teil, der übrig gebliebene Rest ist präsent, mit Rat und Tat zur Seite und bringt sich ein – egal, ob zur psychischen Unterstützung via Nachricht am Handy oder körperlich durch Anwesenheit.
Da ist die Freundin, die innerhalb von einer Stunde zur Stelle ist und während eines dringenden Ärztinnen-Termins das Kind hütet, die wunderbare Mitbewohnerin, die nicht nur vom Kind heiß geliebt wird, die Schwester, mit der das Baby schon seit Monaten stundenlang allein sein kann, Freundinnen, die gleichaltrige oder ältere Kinder haben, regelmäßig da sind, zuhören, ohne zu werten, mit denen man sich austauschen und nach Ratschlägen fragen kann und diese auch bekommt im Wissen, dass es so richtig ist und anders auch. Meine Mama-Gang, die ich jede Woche treffe, während die Babys auf einen Haufen liegen oder krabbeln und mich entspannen lässt. Genoss_innen, die sich freuen, wenn das Kind mit am Plenum ist und einspringen, wenn gespielt, herumgetragen oder getröstet werden muss. Andere Mitstreiter_innen, die unsere Art mit dem Kind zu leben, gut finden, uns Feedback geben und wertschätzen, dass wir da und nicht in der Versenkung der Kleinfamilie verschwunden sind. Ohne diese Menschen würde es nicht gehen.

Dem Kind geht es gut. Es wächst und gedeiht. Es fordert uns heraus, jeden einzelnen Tag.

Es ist kein gemütliches Kind, das es langsam angeht, geduldig beobachtet, um sich dann vorsichtig selbst auszuprobieren. Es ist ein lautes, wildes Kind, das gern tanzt, auf Regale klettert, Mistkübel ausräumt, andere Kinder umarmt und abschmust, viel lacht und lieber 10-mal auf den Kopf fällt, als einmal stillzuhalten. Und es ist anstrengend. Sehr anstrengend. Und schön.
Eine Therapeutin meinte vor einiger Zeit, dass unser Kind starke Autonomiebestrebungen habe, einen eisernen Willen und unendliche Energie, womit sie verdammt recht hat. Ein klein wenig stresst mich das für die Zukunft und was es in weiterer Folge für mein Leben, meine Interessen und Kämpfe bedeutet. Aber vor allem macht es mich auch glücklich und stolz.


Beitragsbild: Emma Goldbitch
Beitrag erschienen in: abschließen.

3 Replies to “Widerständig mit Kind ”

  1. Jana sagt:

    Yeah! Das hört sich so authentisch, aufregend und gewöhnlich an, so wie das Leben eben ist! Ich wünsche euch und eurem zwerglein ein schönes miteinandersein 🙂

  2. Antje sagt:

    Was genau ist hier Widerständiges? Deine Beschreibung fässt natürlich die ganzen Nickeligkeiten, denen Mütter nun mal so ausgesetzt sind, gut zusammen. Trotzdem würde ich behaupten, Widerstand beginnt mit der eigenen Selbstermächtigung. Also, das nächste mal, wenn Du in einem überfüllten Hörsaal stillen möchtest, einfach mal den gemütlichsten, ruhigsten Stillplatz, an dem Du trotzdem was mitkriegst, ausgucken und den wahrscheinlich kinderlosen, rebellischen Mittzwanziger Platzbesetzer ganz freundlich bitten, Dir den Platz zu überlassen. Klappt sicher, denn wer will schon in diesen Kreisen als behäbiger Chauvi sitzen bleiben? Das Gleiche gilt für den Bus: eben nicht klein beigeben und sich rausmobben lassen, sondern in aller Selbstverständlichkeit weiter den Kleinen beruhigen, so gut es geht und versuchen eher die solidarischen Blicke anderer Mütter zu registrieren. Die gibt es, ganz sicher! So, mein Kleiner hat Hunger… Euch viel Power und bis bald.

  3. […] schreibt bei umstandlos darüber, wie für sie das erste Jahr widerständig leben mit Kind war. Sie hat vorher einen Artikel über widerständig schwanger sein geschrieben (der in […]

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