Nachtarbeit

Ich bin froh, dass mir die Goldene Ausgabe den Anstoß gab, noch einmal durch alle Texte von des nächtens. zu gehen und dabei diesen Beitrag von Antonia wieder zu entdecken. Viele Details haben sich mir persönlich erst jetzt, wo ich in zwei verschiedenen Jobs arbeite, auf einer ganz anderen Ebene erschlossen. Gut recherchierte historische Hintergründe und gleichzeitig Antonias persönlicher Zugang zu unterschiedlichen Nacharbeiten machen den Text zu meinem persönlichen Favoriten dieser Ausgabe. (Anna Lisa)

von Antonia

Das Einschlafgeräusch meiner Kindheit war das Surren der Nähmaschine meiner Mutter. In meiner Erinnerung hat es mich jede Nacht in den Schlaf begleitet. Bin ich nachts aufgewacht, hat es mir geholfen wieder einzuschlafen.

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(c)flickr/Josh Garrett/(CC BY-SA 2.0) Ausschnitt

Meine Mutter hat nicht gearbeitet als wir Kinder klein waren. So jedenfalls sagt es die Familiengeschichte. Nicht gearbeitet, schon gar nicht nachts. In der Nacht hat sie Kleidung für mich und meine Geschwister und viele andere aus ihrer Großfamilie genäht. Währenddessen war mein Vater oft nicht da. Er musste arbeiten. Nachtschicht. Mit den Kindern alleine zu Hause, meine Mutter hasste das.

Nachtarbeit war zu dieser Zeit Anfang der 1980er Jahre für Frauen in Österreich verboten.

Das Frauennachtarbeitsverbot wurde ca. 100 Jahre zuvor 1885 eingeführt. Während einer wirtschaftlichen Depression änderte sich die Einstellung zu weiblicher Erwerbstätigkeit und die Forderungen nach Ausschluss von Frauen aus bestimmten Arbeitsbereichen (um die Arbeitslosigkeit der Männer zu verringern, dieser Zusammenhang liegt jedenfalls auf der Hand) wurden lauter. 1885 wurde eine Novelle der Gewerbeordnung erlassen. Das Nachtarbeitsverbot für Frauen wurde eingeführt, war allerdings mit behördlicher Erlaubnis in vielen Bereichen zulässig. Für viele Industriezweige (Textilindustrie, Papier- und Halbzeugherstellung, Zuckerfabriken, Konservenfabriken, Bettfedernherstellung) wurde das Nachtarbeitsverbot für Frauen von vornherein durch generelle Ausnahmeverordnungen aufgehoben. Zur Geschichte des Frauennachtarbeitsverbots in Österreich möchte ich auf die Publikationen von Sabine Schäffer-Ziegler an der JKU Linz hinweisen.

Die gesetzlichen Regelungen, die die Nachtarbeit von Frauen verbaten, wurden in den folgenden Jahrzehnten immer strenger. 1906 wurde eine internationale Konvention über das „Verbot der Nachtarbeit der gewerblichen Arbeiterinnen“ auch von Österreich unterzeichnet. Sie führte zu einer weiteren, umfangreicheren Einschränkung der Frauennachtarbeit. Ab 1911 untersagte ein neues Gesetz (RGBL Nr. 65/1911) die Beschäftigung von Frauen in der Nacht in allen Produktionsbetrieben ab zehn Beschäftigten und schränkte die möglichen Ausnahmen stark ein.

Auch die Frauen der sozialdemokratischen ArbeiterInnenbewegung forderten zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen spezifischen Arbeitnehmerinnenschutz, den sie vor allem mit der Mutterrolle der berufstätigen Frauen begründeten. Die sozialdemokratische Politikerin und Autorin Emmy Freundlich betonte in ihren Publikationen wiederholt, warum für die ArbeiterInnenbewegung ein spezifischer Arbeiterinnenschutz und dazu gehörte auch das Nachtarbeitsverbot, aus ihrer Sicht notwendig war.

„Wenn die Sozialdemokraten aller Länder einen weitgehenden Schutz für die Arbeiterin fordern, geschieht dies nicht, weil wir von der Anschauung ausgehen, das weibliche Geschlecht sei weniger leistungsfähig und minderwertig, wir verlangen vielmehr einen besonderen Arbeiterinnenschutz, weil wir die Fähigkeit der Frau, Mutter zu werden und Mutter zu sein vor jeder Gefahr schützen wollen. Es kann nicht oft genug betont werden, daß Arbeiterinnenschutz gleich Mutterschutz ist. In dem jungen Mädchen schützen wir schon die Mutter, wenn wir ihren Körper vor schädlichen Einflüssen bewahren. Die Frau als Mutter war das Ideal aller Zeiten und ist auch heute das Ideal der bürgerlichen Gesellschaft (Freundlich, zitiert nach Gröss, Maria (1986): Die Anfänge des Nachtarbeitsverbotes für Frauen in Österreich. Arbeitsschutz für weibliche Arbeitnehmerinnen in der Gewerbeordnung von 1885. Diplomarbeit. S. 59)“.
An diesem Zitat aus dem Jahr 1908 wird deutlich, dass die Sozialdemokratie und mit ihr die sozialdemokratische Frauenbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts in der Frage der Notwendigkeit eines spezifischen Frauenarbeitsschutzes, die Position der Konservativen übernommen hatte und das Ideal der Frau als Mutter propagierten.

Während des ersten und auch während des zweiten Weltkrieges wurden die Arbeitsverbote für Frauen aufgrund des Arbeitskräftebedarfs vermehrt aufgehoben. Entgegen der Vorstellung der NS-Ideologie, die Frauen ihren Platz bei Heim, Herd und Kind zuwies, waren 1940 im Gebiet des heutigen Österreichs sehr viele Frauen in der Industrie beschäftigt und Nachtarbeit war keine Ausnahme.

Nach dem zweiten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus vergingen noch viele Jahre, bis das Nachtarbeitsverbot für Frauen aufgehoben werden sollte. Erst durch den Beitritt zur europäischen Union waren die österreichischen Gesetzgeber gezwungen die europäischen Rechtsvorschriften umzusetzen und auf dem Gebiet des Arbeitnehmer_innenschutzes spezifische Schutzbestimmungen für Frauen und eben auch das Nachtarbeitsverbot aufzuheben. Dies passierte schließlich 2002.

Für mich zeigt die Geschichte des Frauennachtarbeitsverbots, die ich hier nur angerissen habe, wie die Erwerbsarbeit von Frauen schon seit jeher von den Zugeständnissen des Patriarchats abhängig war. Wo es billige Arbeitskräfte brauchte und/oder es von Männern kein Interesse gab die Arbeit zu leisten, wurden Ausnahmeregelungen geschaffen. Wo es gute Bezahlung und auch Schicht- und Nachtarbeitszulagen gab, blieben Frauen sehr lange ausgeschlossen. Mit dem Argument, dass sie aufgrund ihrer familiären Verpflichtungen, häufig begründet mit dem Muttersein, besonderen Schutz bräuchten.

Ich hatte bisher unterschiedliche Beziehungen zum Thema Nachtarbeit. Während meines Studiums habe ich nachts als Kellnerin gearbeitet oder auch meine Arbeiten für die Uni, lernen, lesen und schreiben erledigte ich großteils in der Nacht. Beides fühlte sich angenehm, selbstgewählt und frei an.

Ganz anders empfand ich die Nachtarbeit, die die Betreuung eines Säuglings mit sich bringt. Von so einem kleinen Wesen über lange Zeit nachts aus dem Schlaf gerissen zu werden und mit so vielen Versorgungspflichten konfrontiert zu sein, empfand ich als unerträglich und unfassbar fremdbestimmt.

kinderbett
(c)Flickr/kismihok/ (CC BY-SA 2.0) Ausschnitt
Jetzt wo die nächtliche Versorgungsarbeit für das Kind weniger geworden ist, hat sich dennoch viel Arbeit in die Nacht verlagert. Es wird aber nicht unter tags flaniert oder geschlafen und stattdessen nachts gearbeitet wie früher, sondern die Nachtarbeit kommt zur Tagabeit hinzu.
Wenn ich mir Gedanken über aktuelle Vereinbarkeitsdebatten mache, dann frage ich mich immer: „Wie machen das Eltern die Nachtschichten haben?“ Es gibt doch unglaublich viele Berufe in denen nachts gearbeitet wird. Bestehende Betreuungsangebote und Vereinbarkeitsdebatten gehen offenbar immer von „nine to five“ Bürojobs aus. Alle anderen Arbeitsverhältnisse sind einfach nicht vorgesehen.

In Österreich gibt es keinen 24 Stunden Kindergarten. Ein Telefonat mit der zuständigen Wiener Magistratsabteilung 10 bestätigt das noch einmal. „Seit ich hier arbeite, hat noch nie jemand danach gefragt. Offenbar gibt es keinen Bedarf.“ sagt mir ein Mitarbeiter am Telefon. Vereinzelte städtische Kindergärten haben bis 20:00 geöffnet. Was Eltern machen würden, die nachts arbeiten, frage ich ihn? „Die finden wohl privat eine Lösung.“

Beitragsbild: flickr /ardy 58/ nightshift (CC BY-SA 2.0)


Erschienen in: des nächtens.

Erschienen in: golden.

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3 Kommentare

  1. berit

    In Leipzig (ca 500.000 EW) gibt es genau einen Schichterkindergarten. Dabei haben wir im Umkreis Autowerke, einen Flughafen mit entsprechenden Logistikdienstleistern und einiges anderes an Industrie das nachts oder bis in die Nachtstunden auf hat. Wenn dann keine Verwandten in der Nähe sind, kann man nachts (und natürlich auch am Wochendende) schlichtweg nicht arbeiten. Habe ich meinem Chef auch von vornherein gesagt und Glück gehabt, das für mich eine Ausnahme gemacht wird und ich nur tagsüber arbeiten muss, statt im Drei-Schicht-System. Betreuung durch meinen Partner ist auch ausgeschlossen, da dieser nur nachts arbeitet und es nicht zielführend ist, wenn er wegen der Kinderbetreuung in die Arbeitslosigkeit gedrängt würde.

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