Ich wünschte, wir könnten füreinander da sein…

 

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Wenn M. darüber schreibt, wie sie nach dem Tod ihres ungeborenen Kindes an ihre Oma denkt, die vor vielen Jahren zwei Kinder verloren hat und uns dadurch einen so tiefen Einblick in ihr Gefühlsleben gibt, in dem alles vorkommt – Trauer, Schmerz, Sehnsucht, Mitgefühl, Fassungslosigkeit, Verbundenheit, Miteinander – dann ist das golden. Weil Brücken geschlagen werden und Verschwesterung statt Abgrenzung zwischen den Generationen stattfindet und weil M. Umstände, Fakten und Informationen in poetischer Sprache schildert. (Catherine)

von M.

Die Hände voller Erde, der Balkonkasten in froher Erwartung von Radieschen, Kresse und Salat, denke ich an meine Oma.

Was hätte ich sie fragen wollen? Was hätte ich ihr gern gesagt? Vor allem hätte ich sie gern in den Arm genommen und mit ihr um unsere Kinder geweint.

Irgendwann in den frühen 1950er Jahren in einem bayrischen Dorf, eine junge Frau bringt zu früh Zwillinge auf die Welt. Der eine Junge ist schon tot, der andere stirbt aufgrund der fehlenden medizinischen Möglichkeiten dieser Zeit und dieses Ortes.

Irgendwann im Frühjahr 2016 in einer norddeutschen Stadt, ich bringe in der 29sten Woche meinen Sohn zur Welt, er ist da schon vier Tage tot. Es gibt keine medizinischen Gründe für seinen Tod.

Ich stehe zwischen meinen Blumentöpfen, gieße hier, zupfe da und denke an diese junge Frau. Wie war das, auf dem Dorf im Nachkriegsdeutschland Kinder in der späten Schwangerschaft zu verlieren? Das, was ich über meine Mutter weiß, klingt nach totalem Horror. Ich habe gehört, dass meine Oma vor dem Verlust ihrer Kinder eine andere war, fröhlicher und heiterer. Sie muss mutig gewesen sein, in einem konservativ-muffigen Dorf, gegen den Willen der Familie einen armen und schwer kriegsversehrten Flüchtling zu heiraten. Auf den wenigen Fotos aus dieser Zeit sieht sie ausgelassen und glücklich aus. Glücklicher als die Familie sie seit „dem“ und bis zu ihrem Tod erlebt hat. Ich wünsche mir, dass ich trotz der Trauer um meinen Sohn wieder glücklich und ausgelassen sein werde, dass sich Geschichte innerhalb der Familie nicht 1:1 wiederholt.

Ich weiß schon recht lange, dass meine Mutter eigentlich noch zwei ältere Brüder hätte, das war nie ein Familiengeheimnis oder ein Tabuthema zwischen den Generationen. Da ich noch zu jung war, als meine Großeltern/die Eltern der beiden toten Kinder starben, gab es das als Thema zwischen der Großeltern/Enkelinnen-Generation nicht, ich hätte wahrscheinlich auch nicht viel damit anfangen können als Kind. Einen Erinnerungsort für die Brüder im Haus der Großeltern gab es nicht, nur das Bild der Oma in meiner Erinnerung, die immer im Garten arbeitet.

Ich kann erst seit drei Monaten ansatzweise verstehen, wie es dieser jungen Frau, meiner Oma, ergangen sein muss, wie fundamental es ihr das Herz gebrochen haben muss. Und ich kann verstehen, dass sie ihr Leben „danach“ im Garten zwischen Salatbeeten und Obstbäumen verbracht hat. Ich habe gerade, entgegen allem vorherigen Freizeitverhaltens, den totalen Gärtner*innenfimmel und verbringe viel Zeit mit dem Gemüse und Obst auf dem Balkon. Es tut gut zu sehen, dass sich aus einem kleinen Kern wie durch ein Wunder etwas Schönes und Lebendiges entwickelt, wenn man selbst gerade nur Tod denken kann. Für mich ist das Pflanzen und Hegen und Pflegen des Grünzeugs einer von vielen Orten, an denen ich um mein Kind trauern und Kraft sammeln kann.

Wie war das für meine Oma, meine Großeltern? Wir durften unser verstorbenes Kind in einer achtsamen und würdevollen Weise zur Welt bringen. Das Krankenhaus hat viel gemacht, um uns zu unterstützen und es ermöglicht, dass wir die Zeit mit unserem Sohn leise, liebevoll und innig verbringen duften. Die Bestatterin hat wie eine Löwin gekämpft, damit wir möglichst offen und individuell unsere Trauer gestalten konnten. Der Priester hat uns geholfen, die Angst vor dem Umgang mit Tod zu mindern und tröstliche Bilder zu entwickeln. Hebamme und Trauerbegleiterin waren und sind bis jetzt da, um mich/uns im langen Trauerprozess zu begleiten. In der Stadt in der ich lebe, haben wir innerhalb von zwei Tagen ein professionelles Netzwerk gefunden, welches uns auf den verschiedenen Ebenen begleitet, damit wir nicht zerbrechen an der Trauer.

Ich schaue über die fröhlich sprießenden Buschbohnen und es zerreißt mir das Herz, mir die junge Frau vorzustellen, die im elenden Nazi-Nachkriegsdeutschland vielleicht ganz allein ist mit dem Tod ihrer ersten beiden Kinder. Ich weiß, wie elementar dieser Schmerz ist und wie verführerisch es scheint, den Kindern zu folgen oder sich dem Schmerz hinzugeben in den Wahnsinn. Es ist krass und bewundernswert, dass sie das überlebt hat ohne all die Hilfe, die ich in Anspruch nehmen kann. Ich möchte ihr sagen, dass ich stolz auf sie bin, dass sie nicht daran verrückt geworden ist und überlebt hat. Ich möchte ihr sagen, dass ich viel an ihre beiden Söhne und an sie denke.

Heute ist es so, dass totgeborene Kinder ab einem bestimmten Gewicht rechtlich als Person zählen, dass sie auf dem Standesamt eine Geburts-/Sterbeurkunde bekommen, dass Eltern sie bestatten wie alle anderen Verstorbenen auch. Ich habe Anrecht auf Mutterschutz nach der Geburt wie Frauen mit lebenden Neugeborenen. Mir wird zumindest in den thematisch geschulten Kreisen das Elternsein zugesprochen und die Trauer um unseren Sohn anerkannt. Es gibt Literatur zum Thema und Selbsthilfegruppen, wir können kostenlos bei ProFamilia zur Beratung kommen, wann immer wir es brauchen. Woran es oft fehlt, ist das Verständnis derer, die sich nicht vorstellen können, was die Trauer um sein Kind bedeutet und das diese nicht einfach nach ein paar Wochen vorbei ist. Wir scheinen so daran gewöhnt, dass nur sehr alte oder sehr kranke Menschen sterben, dass ein vorgeburtlicher Kindstod völlige Sprachlosigkeit auslöst. Wie war das in einem Dorf zu einer Zeit, als Kindstode schrecklicherweise noch viel häufiger waren? Gab es da eine Solidarität oder einen gemeinsames Mitfühlen über den Verlust unter den Müttern? Gab es eine hilfreiche Normalität im Umgang mit dem Tod? Einen allgemein gebräuchlichen Weg, über das Geschehene sprechen zu können? Gab es religiöse Riten oder Bilder, die tröstlich waren? Ich wünsche mir, dass es so war. Es ist ein ziemlich schlimmer Gedanke, mir vorzustellen, durch welche Hölle meine Oma als junge Frau höchst wahrscheinlich gegangen ist. Ich kann mir diese Hölle ziemlich gut vorstellen. Aber ich habe die Chance, die Trauer anders zu leben. Ich durfte mein Kind im Arm halten, es beweinen, in einer großen Trauerfeier verabschieden.

Ich wünschte, ich könnte durch die Zeit reisen. Ich wünschte, ich könnte dieser jungen Frau beistehen, sie in den Arm nehmen, mit ihr weinen, mit ihr einen Gedenkort schaffen. Ich möchte ihr sagen, dass sie noch zwei gesunde Kinder auf die Welt bringen wird und ihre vielen Enkel ihr nahe sein werden. Ich möchte ihr sagen, dass ihre beiden Söhne selbst jetzt noch erinnert und betrauert werden. Und vielleicht könnte auch sie mir sagen, welche Bilder sie getröstet haben und was ihr geholfen hat. Ich bin mir sicher, „im Garten arbeiten“ wäre eins davon.

Info: Eltern, deren Kind oder Kinder während oder kurz nach der Schwangerschaft versterben haben mehr Rechte und Freiheiten, als vielen bekannt ist. Leider ist das oft sehr (Bundes-)Länderabhängig.. Wichtige Rechte für mich waren/sind:

  • das Recht, unserem Kind einen Namen zu geben und das im Stammbuch der Familie eintragen zu lassen. Für uns hat das die Bestatterin zusammen mit dem Krankenhaus beim Standesamt erledigt. Das kann man auch machen, wenn der Verlust einige Jahre zurückliegt.
  • das Recht auf Mutterschutz nach einer stillen Geburt.
  • das Recht auf die Betreuung durch eine Hebamme während und nach einer Fehl- oder stillen Geburt.
  • das Recht, jederzeit unser totes Kind zu sehen und bei ihm zu sein. Nur die Eltern entscheiden! Wenn z.B. das Bestattungsunternehmen sagten würde, ich dürfe das Kind nicht sehen oder das wäre nicht gut für mich, dann ist es absolut das falsche Bestattungsunternehmen. Eltern haben das Recht selbst zu entscheiden, was ihnen gut tut. Es war wichtig für die Bewältigung unserer Trauer, unseren Sohn so lange zu sehen und bei uns zu haben, wie es für uns richtig war.
  • das Recht, unser Kind zu waschen und für die Aufbahrung einzukleiden.
  • das Recht, persönliche Dinge, Blumen, Babysachen und Gaben der Familie mit in das Moseskörbchen (so etwas wie ein Sarg aber in Kinderpassender) zu geben.
  • das Recht, die Trauerfeier oder Beerdigung nach eigenen Wünschen zu gestalten. Es ist rechtlich viel mehr möglich, als man so denkt. Es gibt alternative Bestattungsunternehmen, die ganz tolle Arbeit machen und eher die individuelle Findung der passenden Elemente begleiten als einfach alles „wie immer“ zu machen.
  • das Recht, eine Obduktion ihres Kindes zu verlangen und das Recht eine Obduktion ihres Kindes abzulehnen. Die Ausnahme bilden hier ungeklärte Todesursachen. Der plötzliche Kindstod zählt zu diesen Ausnahmen. Da muss sichergestellt werden, dass es kein Vorsatz war.
  • das Recht (leider sehr regional abhängig), das Kind nach Hause zu holen und sich dort in Ruhe im eigenen Raum zu verabschieden. Klingt vielleicht erstmal krass, aber kann total schön und ein wichtiger Schritt im Trauerprozess sein.

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Erschienen in: generationen.

Erschienen in: golden.

Bild: M. Rahmen: umstandslos.

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4 Kommentare

  1. madameflamusse

    Alle ersten Sätze die mir einfallen erscheinen mir unpassend, was sagt oder schreibt man da an Dich? Die Geschichte geht mir nah. Meine Oma hat auch Kinder verloren. Ich kenne Frauen mit so genannten Fehlgeburten. Unvorstellbar erscheint mir bei diesem Thema das es noch nicht lange her ist das die Eltern Ihre zu früh oder tot geborenen Kinder nicht zu sehen bekamen – wie sollte man das auch nur annäherend verarbeiten. Ich finde es auch wichtig genug Zeit für den Abschied zu haben, das geliebte Wesen aufzubahren.. auch bei älteren Menschen. Ich selbst war sehr froh das ich mich von meiner Oma noch verabschieden konnte Stunden nach Ihrem Tod. Und auch wenn es komisch klingt für mich war das mit meinem Kater auch wichtig das ich Ihn nochmal sehen konnte. Die Zeit des Abschieds ist so so wichtig.
    Ich glaube es kommen gerade mit dem Thema Kind und Tod nicht soviele Menschen in Verbindung….
    ich kann mir vorstellen das deine Oma auch Abschied nehmen konnte. Es gab früher da auch Traditionen…welche ja inzwischen auch wieder etwas mehr gelebt werden.
    Gegenüber von meinem Haus ist ein Friedhof, und seit einiger Zeit ist genau gegenüber meines fenster ein Platz für Kindergräber. Sie sind besonders geschmückt und meistens brennen Kerzen. Es ist schwer zu fassen wenn Leben, Geburt und Tod so nah beieinander liegen.
    Meiner Freundin habe ich damals ein Sternenkinderbuch empfohlen und Sie hat sich dann auch Zeit genommen. In unserer Gesellschaft braucht es mehr Raum und Zeit für die Trauer und für Abschiede. Mehr Verständniss und Zugeständnis. Danke für deinen Text. Herzensgrüße und alles Gute für Euch

  2. Kaja

    danke! Dein Text hat mich sehr berührt. Ich wünsche dir alles Gute!

  3. Meine Schwiegermutter hat mir und meinem Mann erst vor einem Jahr erzählt, dass er eigentlich noch einen kleinen Bruder gehabt hätte… deine Geschichte hat mich tief berührt, ich wünsche dir viel Kraft, um deinen Trauerweg zu gehen – mögen am Ende des Weges Glück und Leichtigkeit auf dich warten!🌈

  4. Pingback: Linkschau #8 – Coincidence

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