Das Haus, in dem ich lebe

tu-rkis

Die Geschichte von Lisas Haus beeindruckt und bewegt mich sehr. Ohne Absicht, ohne Plan scheint ein so guter, sicherer Ort für eine Menge Menschen entstanden zu sein. Auf solch einen Ort jenseits festgelegter Familienkonzepte dürfen wir alle hoffen, hinarbeiten und uns zutreiben lassen. (Catherine)

 

von Lisa

Ich habe mit dem Text zu diesem Artikel nun schon mehrfach begonnen – abgebrochen, umgeschrieben, gelöscht und wieder neu begonnen. Dazwischen hatte ich auch schon eine Mail geöffnet, in der ich schreiben wollte, dass ich diesen Artikel nicht schreiben kann, weil er zu persönlich ist, weil er zu lange wird und ich nicht weiß, ob ich es schaffe, alle wichtigen Nuancen unterzubringen.
Ich konnte es aber nicht absenden, weil ich denke, dass ich das hier schreiben sollte. Ich bin mir sicher, diese Geschichte hat viel Potential zum weiter Denken, Grübeln, Reflektieren und selbst Experimentieren. Also schreibe ich sie jetzt auf – völlig subjektiv aus meiner Perspektive und ohne Garantie auf Vollständigkeit.

In dieser Geschichte geht es um das Haus, in dem ich wohne und wie wir das Leben hier organisiert haben und organisieren. 
Denn ich wohne hier schon mein ganzes Leben.
Mein Großvater hat dieses damals Sub-Standard Haus mit mehreren kleinen Wohnungen einige Zeit vor meiner Geburt günstig gekauft, damit seine Kinder in der Stadt einen Ort hatten, wo sie wohnen konnten.

Das Haus meiner Kindheit

Meine Kindheit begann ganz klassisch in der „Mutter-Vater-zwei Kinder“-Konstellation, bis meine Eltern sich trennten, als ich sechs Jahre alt war. Danach passierte etwas, das eher ungewöhnlich ist: 
Meine Eltern einigten sich zu unserem Wohl darauf, beide im selben Haus in unterschiedlichen Wohnungen wohnen zu bleiben.
Einige Zeit später hatten beide neue Partner_innen, die Freundin meines Vaters zog bei ihm ein und kurz darauf kamen meine beiden Brüder – und gleichzeitig Nachbarn – zur Welt.
Meine Schwester und ich haben sie immer Brüder und nie Halbbrüder genannt, denn – wie meine jüngere Schwester damals feststellte – kann Liebe niemals halb sein, sondern immer nur ganz.

Unser Haus

Gekauft hatte das damalige Substandard-Haus der Großvater. (Foto: Lisa)

Die Erwachsenen um uns herum waren ausgesprochen fair und diplomatisch zueinander und ich kann mich tatsächlich an keinen einzigen Streit zwischen ihnen erinnern. Wir feierten gemeinsam Feste, meine Mutter hatte das Babyphon, wenn mein Vater und seine Frau mal ins Konzert wollten und wir Kinder konnten uns relativ frei in dieser Konstruktion bewegen.
Ich hatte nie das Gefühl, durch die Trennung meiner Eltern jemanden verloren zu haben oder etwas zu vermissen. Ich hatte stattdessen Brüder bekommen und es waren alle hier ganz nahe um mich herum.

Natürlich war nicht alles nur schön und kitschig, sondern oft genug war es auch anstrengend, vor allem von dem Punkt an, als ich in die Pubertät kam und die Meinungen und Gedanken zum Teil weit auseinander gingen. (Aber das findet sich überall, auch wenn mensch noch so weit auseinander wohnt).

Meine Mutter hatte trotz diesem Nahverhältnis natürlich auch immer noch genug Bereiche, in denen sie eindeutig eine klassische Alleinerziehende war und mit den klassischen Problemen von Alleinerziehenden zu kämpfen hatte. Und mein Vater war – auch wenn er direkt nebenan war – natürlich auch ein Patchworkpapa, der mit den verschiedenen Bedürfnissen aller jonglieren musste und gleichzeitig mit dem Ungleichgewicht zwischen den kleinen Kindern daheim und den Trennungskindern nebenan umgehen musste.

Ich denke nach Trennungen, in die Kinder involviert sind, ist es nie leicht und manche Probleme und Schwierigkeiten kommen dadurch unausweichlich.
Aber ich weiß, wir haben uns alle sehr viel erspart und viel gewonnen, weil sich meine Eltern fair und freundschaftlich getrennt haben und die Erwachsenen es geschafft haben, alle in diesem Haus wohnen zu bleiben.

Party! Party!

Als ich 20 Jahre alt war, passierte wieder etwas Ungewöhnliches – mein Vater und seine Frau zogen mitsamt den Kindern aus und meine Schwester und ich übernahmen das Haus.
Vollkommen planlos, wie, was und warum etwas zu tun ist in so einem Mietshaus, tasteten wir uns vor, ließen nach und nach immer mehr Freund_innen in leer werdende Wohnungen einziehen und bauten einen Proberaum im Keller, bis es irgendwann ganz und gar unser Haus geworden war.
Die Party Jahre hier im Haus vergingen wie im Flug – immer wieder zogen Freund_innen aus und wieder Neue ein, es probten viele verschiedene Bands im Keller, es schliefen duzende Bands unterwegs auf Tour in unserer Wohnung und wir feierten die Feste, wie sie gerade fielen.
Es gab kein Konzept, keinen Plan, keine Utopie, wie es hier sein sollte – wir waren einfach viele junge Menschen, die gerade hier waren und je nachdem, wie es passte, machten wir das Beste draus.

Natürlich war auch das nicht immer nur lustig und einfach. Manche Mieter_innen zogen aus und waren danach keine Freund_innen mehr.
Immer wieder wohnten hier liebe Menschen, für die unser Haus nur ein kurzer Zwischenstopp war und die sich danach quer über die Welt verstreuten.
In einem Haus, in dem sich so viel bewegt, ist die Vergänglichkeit ein ständiger Begleiter. Ich habe hier gelernt, Abschied zu nehmen und ziehen zu lassen, was auch immer ziehen möchte – mit der Melancholie, die das mit sich bringt und mit der Freude über das, was war und über das ständig Neue, das kommt.
Außerdem kann ich dank diesem Haus mittlerweile viele praktische Dinge. Ich weiß mittlerweile, was bei einem Rohrbruch oder einem Brand zu tun ist, habe die Nummer der Stadtwerke für Strom Notfälle eingespeichert, kenne mich recht gut mit Renovierungen aus und würde behaupten, ich kann ziemlich gut ausmalen.

Baby-Days

Dann kam mein erstes Kind und alles wurde schleichend anders. Die WG löste sich auf und wurde Familienwohnung, der Proberaum konnte abends nicht mehr lange bespielt werden und die Bands darin wurden immer weniger.
Immer mehr Freunde zogen aus. Während ich mich noch fragte, was das nun alles bedeuten würde und ob jetzt alles schlechter werden würde (und gleichzeitig dank dem Baby sowieso keine Zeit hatte, mich mit irgendetwas davon wirklich zu beschäftigen und mich immer wieder alleine fühlte, da ich in die alten Zusammenhänge nun nicht mehr so gut hinein passte mit dem geänderten Alltag), passierte etwas Wunderbares – das Rad hier im Haus drehte sich ganz automatisch weiter in eine neue, tolle Richtung.

Grillerei in Lisas Haus

Gemeinschaft – nur, wenn mensch sie will oder braucht. (Foto: Lisa)

Meine Brüder waren nun alt genug und zogen wieder zurück ins Haus (ohne ihre Eltern) und machten unser Haus wieder zu einem Familienhaus, in dem aktuell alle meine Geschwister, meine Mutter und einige liebe Freunde in unterschiedlichen Wohnungen wohnen. Es wohnt hier schon so lange niemand Fremdes mehr, dass ich mir das gar nicht mehr vorstellen kann.
Wir proben immer noch im Keller (nur nicht mehr so lange und so oft), wir feiern die Feste immer noch wie sie fallen (nur nicht mehr so lange und so oft) – und gleichzeitig gibt es hier eine große (Wahl)Familie, die sich gegenseitig unterstützen und helfen kann.

Das Konzept der Kleinfamilie

Ich kann mit diesem Konzept, dass eine Kleinfamilie sich einen gewissen Raum umrundet von Fremden teilt, nicht viel anfangen.
Wenn ich höre, dass manche ihre direkten Nachbarn nicht kennen, dann ist das für mich schwer nachzuempfinden.
Ich kenne jeden Winkel in unserem Haus und so gut wie alle Menschen, die im Laufe der vielen Jahre hier gewohnt haben. Viele waren (und die meisten sind immer noch) Freund_innen, viele sind Familie, manche Alten sind gestorben.

Wenn in der Wohnung unter mir laut Musik gehört wird, ärgert mich das nicht (wenn ich nicht gerade die Kinder niederlege – und dann kann ich eine SMS schreiben und das problemlos lösen). Ich weiß, da unten sitzt ein Freund und hört sich eine gute Platte an. 
Manchmal höre ich in der Wohnung die Musik aus dem Proberaum und spitze die Ohren, um herauszufinden, ob ich es schaffen werde, eine Melodie heraus zu hören. Manchmal bohrt jemand in einer Wohnung oder hat abends viele Leute zu Besuch. Alleine die Tatsache, dass ich bei jedem Geräusch die Verursacher_innen und deren Intentionen kenne, macht es schon fast unmöglich, sich darüber zu ärgern.

Und es ist in Städten eigentlich generell selten möglich, selbst relativ stresslos laut zu sein.
Ich weiß, wir sind auch sehr laut. Wir haben zwei kleine Kinder, die von früh bis spät durch die Wohnung rennen und ich habe einen ausgeprägten Fersengang. Unter mir wohnt aber nicht irgendjemand, der oder die unendlich genervt von den Kindern der Nachbarsfamilie sind und uns dafür hasst. Unter mir wohnt meine tolle Schwester und ihr lieber Mitbewohner. Und die finden uns zwar auch laut, aber wir lieben und bemühen uns.
Und das macht alles viel leichter.

Ein Haus als ein Stück gelebte Utopie

Natürlich ist es auch immer wieder anstrengend hier im Haus, aber hauptsächlich finde ich es schön. Das hat sicher zu einem großen Teil damit zu tun, dass wir generell sehr ungezwungen miteinander leben. Hier haben alle ihren privaten Platz und manchmal ergibt es sich, dass ich manche hier im Haus über viele Wochen gar nie sehe.

Utopie

Ein Haus mit viel Potenzial. Wie es weitergeht? Es wird sich bewegen – wie es sich immer bewegt hat. (Foto: Lisa)

Das hier ist kein geplantes Hausprojekt, es gibt kein Konzept und immer nur dort Gemeinschaft, wo wir es gerade wollen oder auch brauchen. Denn manchmal braucht man die anderen – zum Katzenfüttern, zum Siedeln, um den kaputten Computer zu retten, zum Babysitten oder um die restlichen Muffins aufzuessen, weil die sonst weg geworfen werden müssten.
Und oft ist es einfach schön, wenn wir uns sehen.

Ich begreife dieses Haus als ein Stück gelebte Utopie, einen geschützten Rahmen und eine große Menge Potenzial, auf dessen weitere Entwicklungen ich selbst gespannt bin, weil ich keine Ahnung habe, wie es weiter gehen wird. Aber eines weiß ich bestimmt – es wird sich bewegen, wie es sich immer bewegt hat. Das wird manchmal traurig sein und Abschied bedeuten und gleichzeitig eine neue, schöne Türe öffnen.


Erschienen in: utopien.

Erschienen in: golden.

Beitragsbild: Lisa (Rahmen und Bearbeitung: umstandslos)

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3 Kommentare

  1. madameflamusse

    So schön! Hat die Mutter denn die ganze Zeit dort gewohnt? Auch in der Partyphase? Mir ist so etwas auch sehr wichtig. Und ich wohnte mal in einem Haus wo das in diese richtung ging und ich vermisse es immer noch sehr. Die Nachbarn wirklich zu kennen und eine Verbindung zu haben bedeutet viel Geborgenheit und auch Sicherheit. Grade gestern habe ich hier festgestellt, und ich wohne jetzt nach sehr sehr vielen Umzügen unglaubliche 5 Jahre hier, das ich nicht weiß wer hinter all den Türen wohnt. Es gab da auch Wechsel aber manche hat man nie kennengelernt. Und manchmal ist das komisch in unserem Viertel hier wenn dann da Leute an der Haustür stehen wo ich nicht weiß wollen die Fahrräder klauen, in unseren Hof pinkeln oder wohnen die hier.
    Ich hab mal versucht bei Freunden das Thema anzusprechen, weil die Familien sich doch dann immer sehr absondern und einfach ein Gefüge sind das so recht scheinbar niemand mehr ranlassen will..und ja so richtig ins gespräch kommt man darüber nicht. Die eine Lieblingsfamilie ist auch schon wieder in einer anderen Stadt, und die nächsten überlegen noch. Ess cheitn da wenig Offenheit zu geben, was ich sehr traurig finde. Ich stelle mir das so wie in diesem Haus genial vor, wirklich traumhaft. Eine Gemeinschaft wo trotzdem jeder seinen eigenen Platz hat.

  2. was für eine wunderbare erzählung!

  3. Eurem Haus merkt man diese Geschichte auch an! Selbst als vollkommen Fremde, die nur mal eben schnell Kinderschuhe holen kam, dachte ich mir: Tolle Atmosphäre! Hier würde ich auch gern wohnen.

    Ich habe bisher in einigen Häusern gewohnt, meist gab es wenige Parteien und trotzdem kannten sich die Nachbar_innen untereinander kaum oder gar nicht. Dann zogen wir in ein Hochhaus mit 44 Wohnungen. Von Anfang an merkte ich da einen gewissen Zusammenhalt. Viele Bewohner_innen leben hier schon seit 40 Jahren oder sogar mehr (der Altersdurchschnitt im Haus liegt wohl irgendwo zwischen 70 und 80, wobei er langsam sinkt – viele Menschen leben mit hier mit einer 24-Stunden-Pflege) und es gibt ein gewisses, nicht aufdringliches Interesse an einander.
    Vor kurzem ist eine Nachbarin schwerkrank und nach langem Kampf allein klar zu kommen ins Altersheim gezogen, viele Nachbar_innen waren sie dort besuchen und alle sehr betroffen, als sie nach nur wenigen Wochen dort verstarb. Letzte Woche war die Beerdigung, es gab Fahrgemeinschaften zum Friedhof und eine Gruppe fuhr gemeinsam mit dem Bus.
    Eigentlich würde ich gern in eine andere Wohnung ziehen, aber diese Hausgemeinschaft möchte ich nicht missen, weil ich weiß, dass sie nicht selbstverständlich ist. Ich fühle mich hier ungemein geborgen, weil ich weiß, dass ich an viele Türen klopfen kann, wenn ich Mehl brauche oder ein Notfall eingetreten ist.

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