Der Wunsch, der nicht weggeht

Elefantenherde (c) Anna

Anna wünscht sich ein Kind. Dafür in einer romantischen Zweierbeziehung zu leben möchte sie nicht. Warum es nicht so einfach ist alleine ein Kind zu bekommen und welche Hürden sie diesbezüglich erlebt, beschreibt sie in ihrem Text, der erstmals im Sommer 2016 auf umstandslos erschien.

Annas Text habe ich für unsere golden-Ausgabe ausgewählt, weil er für mich sehr gut zeigt, wie schnell es schwierig wird, wenn eine, die nicht in der gesellschaftlichen Norm „Kleinfamilie mit heterosexuellen, zusammenlebenden Eltern“ leben kann/möchte, ein Kind bekommen will. Abgesehen davon finde ich es wichtig, dass auf umstandslos auch die Perspektiven von (noch) kinderlosen Frauen präsent sind. (Antonia)

von Anna 

„Es sollte eine Mütter-WG geben“, sagte sie. „Am Besten hier im Haus.“ Ich stimmte ihr enthusiastisch zu, es war ein schönes Haus mit offenen Gängen, über die Kinder gut toben könnten, mit Platz für Hängematten und freilaufenden Katzen. Ich erzählte ihr, dass ich an diesem Artikel saß und mir das Schreiben schwer fiel. Viele der Menschen, die ich kenne haben bereits Kinder, viele sind gerade schwanger.

Ich dagegen sitze da mit einem schwer erfüllbaren Kinderwunsch und Panikwortschlangen im Hinterkopf, denn jeder Schritt, jeder Aspekt des Kinderwunsches ist für mich mit Bedenken, Gegenargumenten, Angst behaftet. Meine Mutter konnte die Dinge, die sie für ihre zukünftigen Kinder gekauft oder gemacht hat als „Arbeitsmaterialien“ verbuchen, da sie mit Kindern arbeitete. Ich verstecke meine in einer Schublade meiner Kommode und schäme mich dafür, dass es sie überhaupt gibt. Jedes Mal, wenn ich sie heraushole, so wie für die Bebilderung dieses Artikels, werde ich traurig.

Ich wollte immer Kinder, aber erst nach 30. Jetzt habe ich die Mitte der 30er passiert, bin aus verschiedenen Gründen seit fast 10 Jahren Single und habe zwar gelegentlich Lust diesen Zustand zu ändern, aber wenn ich dann konkret darüber nachdenke, legt sich die Beziehungslust wieder. Aber ich würde gerne ein Kind beim Aufwachsen begleiten und zwar nicht nur als Tante, Freundin oder Kinderhüterin. Warum muss ich dafür unbedingt in einer romantischen Zweierbeziehung sein?

Aber ein Kind ohne Partner_in? Gespräche mit Freund_innen, feministischen Podcasts und die Interviewreihe #ohnevaeter von @frau_naijn zeigten mir, dass viele Menschen über diese Option nachdachten bzw. ihre Pläne auch schon umgesetzt hatten. Dieselben Quellen und unzählige Tweets, Blogposts und Artikel zeigten mir auch, dass Alleinerziehen ohne Unterstützung sehr hart ist. M., eine liebe Freundin, und ich führten immer wieder Gespräche über das Kinderkriegen – und schließlich fanden wir: Wir sollten gemeinsam ein Kind kriegen und es abwechselnd betreuen. Oder so. Sehr fortgeschritten sind die Gespräche noch nicht, die Idee ist da, aber wie das konkret gehen soll, welche Schritte notwendig sind, was für Erziehungsansichten wir haben, etc., das haben wir noch nicht besprochen.

Kinderteller

Klar ist, dass ich das Kind austragen würde – Schwangerschaft und Geburt sind die Aspekte, die mich am wenigsten beunruhigen. M. möchte das nicht. Ich möchte dafür keinen Sex haben müssen um schwanger zu werden und ich möchte nicht, dass der_die Samenspender_in irgendwelche Möglichkeiten hat, sich in das Leben des Kindes einzumischen. Deshalb wäre die Option eines Pflegekindes für mich auch eher nichts – obwohl die Stadt Wien auch Einzelpersonen erlaubt, Pflegekinder aufzunehmen. Außerdem weiß ich nicht, wie gut das Modell, das M. und mir vorschwebt, nämlich nicht gemeinsam zu wohnen, eigentlich für ein Pflegekind wäre, das vielleicht eher Stabilität braucht – und ob das von offizieller Seite überhaupt so ginge. Wenn wir überhaupt ein Pflegekind zugesprochen kriegen würden, schließlich leben wir beide eher prekär.

Auch der Zugang zu Samenspenden gestaltet sich eher komplex. Alleinstehenden Frauen ist in Österreich der Zugang zu Samenspenden und künstlicher Befruchtung verboten, Leihmutterschaft ebenso, also haben schwule Paare Pech. Lesbische Paare haben seit Anfang 2015 das Recht, beides in Anspruch zu nehmen, doch gibt es eine Reihe an Auflagen und Bestimmungen, die beachtet werden müssen. Die Kosten belaufen sich – wenn keine gesundheitlichen Gründe für eine In-vitro-Fertilisation (IVF) vorliegen – nur für die Insemination mit Fremdsamen z.B. in dieser Klinik  auf über 1700 Euro und weitere Kosten kommen noch dazu. Allerdings müssen die lesbischen Paare nicht verpartnert sein – wie bei Heteropaaren kann die nichtschwangere Person das Kind anerkennen. Dazu muss allerdings vor der künstlichen Befruchtung eine notarielle Erklärung abgegeben werden – und die Schwangerschaft muss von Ärzt_innen unterstützt werden, sonst muss eine sogenannte Stiefkindadoption durchgeführt werden.

Ziemlich schockierend finde ich, dass laut dem Antwortenkatalog, den Familien Andersrum Österreich erstellt hat, zwar die Partner_innen ihre Kriterien auf einem Spenden-Anforderungsprofil vermerken können, die endgültige Auswahl der Spender_innen aber durch Ärzt_in bzw. qualifizierte Mitarbeiter_innen erfolgt. In einer Privatklinik ist das möglicherweise anders, aber sehr wahrscheinlich teurer. Spender_innensamen kann zum Gebrauch in einer Klinik auch im Ausland bestellt werden bzw. ist eine Reise in die Niederlande, nach Großbritannien oder Skandinavien für Singlepersonen, die sich eine solche leisten können eine der Optionen, ohne Sex schwanger zu werden.

All das klingt teuer und erschöpfend und entmutigt mich, dabei befinde ich mich noch in einer privilegierten Position. Ich wünsche mir, es wäre einfacher. Ich wünsche mir, dass wir den Zwang zur Vater-Mutter-Kind-Familie schon überwunden hätten, dass Alleinerziehende Unterstützung kriegen, statt Verachtung und systematische Diskriminierung, dass Schwangerschaften und Abtreibungen ohne großen Aufwand und große Kosten zugänglich sind, ich wünsche mir vieles. Besonders ein Leben mit Kind. Der Wunsch geht einfach nicht weg.

 

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Erschienen in: Sommeredition

Erschienen in: golden

Bilder: Anna. Zuschnitt: umstandslos.

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Ein Kommentar

  1. Koukou

    Irgendwie lese ich nur was du haben willst, nicht was du bereit bist zu geben.
    Fast jeder Hampel kann problemlos, auch unbeabsichtigt, schwanger werden ohne Hürden und scheinbar ist da jemand, der es sich wirklich wünscht, aber bist du auch bereit dafür? Wenn du es wirklich willst – tu es.
    Ansonsten ist es vielleicht nur eine Möglichkeit sich die Gedanken von der Seele zu schreiben und von einem Wunsch Abschied nehmen zu können.
    PS: Ich frage mich, was dich daran hindert eine Paarbeziehung einzugehen? Was wäre bei einer Beziehung zu einem Kind anders?

    Und mal ganz persönlich, ich denke, alternative Lebensformen, yeah, why not, und Umbrüche sind immer auch Wagnis und bedürfen Mut zu Fehlern. Es sind zu wenig Infos um über deine Situation zu urteilen, aber Kinder sind nicht nur romantisch, sondern bedürfen eines guten Netzwerks.

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