Daheim. Innen und Außen

Ein Zuhause kann verloren gehen oder geraubt werden. Aber es kann auch neu gedacht und selbst erschaffen werden. Findet unsere Autorin

 

Daheim_Katja

 

Von Katja

Als ich mit meinem Sohn ein Kinderbuch über die Freundschaft zwischen zwei Tieren gelesen habe, von denen eines ganz weit wegzieht und danach mal eine Runde heulen musste, war mir klar, dass das mit dem Umzug vor 24 Jahren doch noch nicht gegessen ist. Daheim war lange ein Wort, dass mir Schmerz bereitete.

Als ich 10 Jahre alt war, zogen meine Eltern um. Sie hatten ein Haus gebaut. Der Umzug stand immer im Raum. Jahrelang verbrachten wird die Wochenenden auf der Baustelle. Nichts Überraschendes. Unter der Woche spielte ich meist mit den zwei Kindern unserer Nachbarin. Sie passte – soweit ich mich erinnern kann – an 3 oder 4 Nachmittagen auf mich auf, da meine Eltern nachmittags arbeiteten. Von der Schule ging ich direkt zur Nachbarsfamilie. Es gab Mittagessen, ihre Kinder waren wie meine älteren Geschwister, manchmal durfte ich auch übernachten. Das war das absolute Highlight. Ich erinnere mich an die große Bettbank im Esszimmer, auf der wir zu dritt oft saßen und irgendwas im Fernsehen anschauten. Das Haus war in den 1970ern gebaut worden. Dementsprechend waren die Fenster riesig, die Fensterbank tief. Die Bettbank stand direkt am Fenster. Darauf war meist eine Schüssel, in der Kresse wuchs. Einmal beim Übernachten durfte ich zwischen meinen älteren „Geschwistern“ auf der Bettbank liegen und wir schauten „Pizza, Pizza. Ein Stück vom Himmel“ an; mit Julia Roberts. Ein anderes Mal „Herbstmilch“ und eine Folge von Kommisar Rex, bei der ein Kind ertrunken im Pool aufgefunden wurde. Es war nicht immer alles altersadäquat, aber ich fühlte mich unglaublich wohl zwischen den beiden. Ich war einfach Kind und kuschelte mich dazwischen.

Am letzten Schultag der Volksschule räumte meine Mutter den Kühlschrank aus und wir fuhren weg und kehrten nie wieder zurück. Zumindest in meiner Erinnerung. Ich verabschiedete mich nie von meinen Wahlgeschwistern. Ich fühlte mich wie ein Eisbär, der auf seiner Eisscholle davontreibt. 10 km. Keine*r der Erwachsenen hatte des Gefühl, er*sie müsse mich besonders darauf vorbereiten. Immerhin stand der Umzug seit 4 Jahren fest. Ich konnte ebenso wenig artikulieren, was ich brauchte.

Es war ein Einschnitt. Gemessen an dem, wo wir vorher gewohnt hatten, kam ich aus der Stadt und zog aufs Land. Ich hörte Popmusik, meine Schulkolleg*innen Volksmusik. Ich würde einmal auf die Uni gehen, von meinen Klassenkameradinnen niemand. Sie gingen zum Ministrieren, als es für Mädchen möglich war, ich nicht. Ich hatte eine Schwester mit mehrfacher Behinderung, kein*r von ihnen. Ich vermisste mein altes Zuhause, ihre Familien lebten seit Generationen im selben Dorf. Meine Volkschulfreundin zog ebenfalls um. In die andere Richtung. Ihre Eltern ließen sich scheiden, weil er wohl Mutter und Kinder geschlagen hatte. So genau wurde mir das nicht erzählt. Der Kontakt verlor sich. Ihre Festnetznummer von damals weiß ich heute noch. Mittlerweile sind wir auf facebook befreundet.

So gut es ging, schloss ich Freundschaften. Jemand der meine Gefühlswelt nachvollziehen konnte war allerdings nicht darunter. Ich war nicht mehr jemandes kleine Montag-bis-Donnerstag -Schwester. Ab unserem Umzug war ich ausschließlich große Schwester; gefühlt war ich Mutter. Ich zählte die Jahre, bis ich wieder in die Stadt konnte, um ins Gymnasium zu gehen und später in die Großstadt.

Für die Zeit im Dorf nutzte ich, was an sozialen Kontakten möglich war und verbrachte viele Nachmittage mit der katholischen Jungschar und ging im Winter tagelang Sternsingen. Das machte ziemlich Spaß. Als der Tag der Firmung näher rückte und damit der Übertritt in die katholische Jugend, war der Spaß vorbei. Die „Jugend“ verbrachte mir zu viel Zeit im Buschenschank bei unzähligen Gläsern Spritzwein, die freiwillige Feuerwehr und die Musikkapelle waren auch nicht meins. Bei den Schulkolleg*innen im Gymnasium fühlte ich mich schon eher zuhause. Kein Tag, an dem ich nicht gern die 45 Minuten mit dem Zug zurück legte – einmal hin und einmal retour.

Mit 16 war ich alt genug für den Mopedführerschein. Ein Stück Freiheit. Durch meine Cousine, die in einer anderen Gemeinde wohnte, kam ich zu einer alternativen „katholischen Jugend“; ob wir wirklich so katholisch waren bezweifle ich. In jedem Fall fühlte ich mich pudelwohl. Ein Zuhause, eine Clique. Wir mit unseren Mopeds gegen den Rest der Welt.

Mit 18 zog ich in die Großstadt fürs Studium. Die Clique nicht. Mein damaliger Freund und ich waren die einzigen, die auf die Uni gingen. Kein Daheim. Dort nicht, wie da nicht. Die Cliquen-Pärchen hielten noch ein Weilchen an, lösten sich aber mit der Zeit ebenfalls auf. Das Student*innenheim – kein Daheim. Die gemeinsame Wohnung mit dem Freund – kein Daheim. Das Zimmer bei den Eltern – kein Daheim. Es war okay, es war schon schön, ich schlief gut, aber angekommen, verwurzelt? Fehlanzeige.

Mit 26 packte ich meinen Rucksack und flog nach Bangkok. Später schrieb ich darüber:

Achtzehn Kilo am Rücken, fünf vorn. Eine Warmluftwelle schwabbt über mich, die Haare kleben mir im Nacken. Die Hitze drückt mir gefühlte 38 Grad und 70 % Luftfeuchtigkeit ins Gesicht. Mit dem Handrücken wische ich mir den Schweiß von der Stirn.

Der Flughafen ist gigantisch. Umringt von riesenhaften Stahlträgern und Betonbrücken lasse ich mich auf einer Bank vor der Ausgangshalle erschöpft nieder. Ich bin in Bangkok. Unglaublich. Eine riesige Last bröckelt plötzlich von meinen Schultern – hundert Mal schwerer als mein Gepäck. Und ich fühle mich seltsam erleichtert…und frei. Was es ist, kann ich nicht genau sagen. Aber ich bin frei.

Ich war zuhause. Nicht in Bangkok, sondern in der Welt. Sechs Monate bereiste ich ein paar Kontinente und fühlte mich so lebendig und angekommen wie noch nie zuvor. Ganz egal, wo ich meinen Rucksack abstellte, ich hätte überall bleiben können. Das Tempo war genau meins. Umso schlimmer der Kulturschock beim Zurückkehren. Fast zwei Jahre versuchte ich durchs Schreiben aufzuarbeiten, wo diese Dissonanz herkam. Gleichzeitig begann ich mich in Graz erstmals richtig einzuleben, zog in meine erste WG und fühlte mich zuhause. Das möblierte Zimmer, das ich bezog mit der roten Wand, das große Bett nur für mich, Single-Dasein – zwar nur für einen Moment – aber trotzdem: Feels like home, baby.

Es folgten weitere Phasen der Raumaneignung, wieder eine Pärchenwohnung, die zur Familienwohnung wurde. Grundsätzlich schön, grundsätzlich zuhause, aber natürlich immer wiedermal mit optischen Abstrichen. Denn wo ein Partner, da auch partnerhafter Krempel, den ich unschön fand.

Mittlerweile wohne ich alleine mit Kind. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit großem Balkon. Alles ist genauso, wie ich es mir wünsche. Bis auf den Saustall, aber für den bin ich selbst verantwortlich. Jedes Detail hier ist meine Entscheidung. Was ich aufhänge, was ich rumliegen lasse, was ich wegschmeiße, was ich verräume. An den kinderfreien Tagen sitze ich oft im Hängesessel und blicke hinaus auf den Himmel, die riesigen Kastanienbäume und seufze. Seit zwei Tagen baumle ich auch in der Hängematte am Balkon und winke dem Grazer Schlossberg entgegen. Meins, alles meins. Beim Balkongärtnern spähe ich rüber auf die Terrasse meiner alten WG, in die ich nach der Weltreise gezogen bin. Vor der Trennung letztes Jahr dachte ich mir noch, ich würde so gerne noch einmal wieder in der Innenstadt wohnen, in diesem von vielen ungeliebten Bezirk, den ich doch sehr schätze. Jetzt bin ich wieder da. An heißen Tagen überschlagen sich die Gerüche nach Kebab und Straße vor der Tür und vermischen sich mit unterschiedlichen Sprachen. Es fühlt sich an wie Urlaub in einer größeren Stadt im Süden. Der nahe Eissalon hat noch offen, wenn es längst finster ist. Samstags schlendern wir oft zum Markt, genießen das Gewusel bei Hollundersaft und Kaffee.

Wenn wir mehr frische Luft brauchen, fahren wir raus an den Fluss baden, oder auf den Berg wandern. Wir genießen das Grün anderswo und freuen uns wieder auf unser Daheim im Herzen der Stadt. „Wir sind die coolsten, wenn wir cruisen, wenn wir durch die City düsen“, singt mein 4-Jähriger, wenn er auf seinem Laufrad zum Kindergarten fährt. Ich liebe die Innenstadt und auf meinem Balkon wächst Vergissmeinnicht, wie damals in dem Garten, in dem ich aufgewachsen bin. Ich bin daheim.

Die Trennung liegt hinter mir und ich probiere meine neuen Freiräume aus. Co-Parenting fühlt sich fabelhaft an. Wochenenden allein oder mit Freund*innen zu verbringen und intensiv in diese Freundschaften investieren zu können, ist ein Geschenk. Tanzen zu gehen bis zum Morgengrauen, lange ausschlafen und das Geschirr einfachmal stehen lassen, fühlt sich wie Freiheit pur an. Die Zeiten mit meinem Sohn genießen und mich intensiv auf ihn einlassen können, ist mal unglaublich bereichernd und dann wieder unglaublich herausfordernd. Ich wachse daran und werde zu der Mutter, die ich sein will, mit der ich mich in mir wohlfühle. Meine Haare sind rosa, meine Nase neuerdings gepierct. Ich schaue in den Spiegel und fühle mich komplett. Daheim in meinem eigenen Körper.

Zum ersten Mal seit Jahren feiere ich meinen Geburtstag. Meine eigene Party, nur für mich, in meiner eigenen Wohnung. Das Leben ist gerade so schön, dass ich es kaum aushalten kann, weil gerade alles passt. „Das Leben kann so schön sein wie eine zwölfstöckige Torte“ sagt der Wock im Kinderbuch „Der Zapperdockel und der Wock.“ Genau. Ich fühl‘ mich das erste Mal rundum daheim. 

 

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Erschienen in: Daheim/Nicht-daheim

Bild: Katja. Rahmen umstandslos.

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2 Kommentare

  1. Jani

    Vielen Dank für den wunderbaren Text, der mich tief berührt hat.

  2. Pingback: Linkschau #23 – Coincidence

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