Doing Family. Oder: Die Mutter, das Janus-Wesen

In der eigenen Mutterrolle ankommen und sich darin zuhause fühlen kann eine Herausforderung sein. Besonders dann, wenn diese Rolle permanent von außen definiert und geformt wird und eine Lücke zwischen den eigenen Erfahrungen und den konstruierten Idealbildern klafft. Cornelia reflektiert in ihrem Text, wie ihr feministische Positionen zu Mutterschaft und feministische Mütter bei diesem Ankommen geholfen haben und warum sie Mütterblogs zwar schätzt, jedoch argwöhnisch beobachtet, wie dadurch ein neues Mutterideal geformt wird, das ihr selbst nicht immer gut tut.

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von Cornelia

I glimpsed a huge beyond when I became a mother, the immensity of an abyss, or the opposite of an abyss, the idea of complete fullness, small gods everywhere. But now all that the world wants to hear from me is how I juggle children and career, how I manage to get the kids to eat their veggies, how I lost the weight.

(Samantha Hunt – In: A Love Story)

Vielleicht ist Angela Merkels alte Spottname „Mutti“ schuld. Während es der deutschen Kanzlerin gelungen sein mag, sich vom abwertenden Beigeschmack des Etiketts (s. Zurück zu Mutti) zu befreien und es für ihre politischen Zwecke zu instrumentalisieren (s. Die Mutti aller Schlachten), empfinde ich meine eigene argwöhnisch-umarmende Aneignung des Begriffs manchmal als gescheitert. Zumindest im Moment. Mutti? Nein, mit mir hat das nichts zu tun.

Das Mutter-Sein fühlt sich bisweilen janusköpfig an. Es ist Ausgangspunkt von etwas eng mit mir verknüpftem Neuem und gleichzeitig stets präsente Stätte von etwas (angeblich) Altem, dessen Last mal mehr mal weniger spürbar ist.

Was ich damit meine?

Mutter – das ist zum einen kein für sich allein stehendes Attribut, sondern die Beschreibung einer Beziehung zu einem ganz bestimmten anderen Menschen. Oder mehreren Menschen. Diese Beziehung ist etwas sehr Individuelles und unterliegt einem ständigen Aushandlungsprozess. Was brauchst du? Was brauche ich? Wie funktioniert unser Miteinander, damit es uns allen damit gut geht? Das ist oft fordernd und anstrengend. Es ist manchmal so intensiv, dass die Rolle das ganze Ich zu vereinnahmen droht. Aber es kann auch befreiend und erfüllend sein. Es macht glücklich und unglücklich. Vielleicht in einigen Momenten sogar beides zugleich.

Mutter – das ist zum anderen befüllt mit zusammengebauschten und verdichteten Mythen  und konstruierten Idealen von gesellschaftlichen Erwartungen, Bildern, Narrativen und Normen. Dies wird begleitet und befeuert von (konservativer) politischer Einflussnahme sowie von medialen Bildern, die längst nicht mehr der gelebten Praxis von Familie entsprechen. Mutter wird als Geschlechtsidentität eng in Zusammenhang mit Natürlichkeitsdiskursen (u. a. jenem, dem ein binäres Geschlechtermodell zugrunde liegt) inszeniert. Das war nicht immer so, was aber durch die Vorstellung von Mütterlichkeit als ahistorisches Faktum (s. dazu: Barbara Vinken, Die deutsche Mutter) unter den Teppich gekehrt bleibt.

Konflikte, Schubladen und feministische Auswege

Der Konflikt zwischen eigener Wahrnehmung und der auf vielen Ebenen stattfindenden Konstruktion von Mutterschaft lässt eine ganz eigene, missverständliche und mehrdeutige Gefühlswelt entstehen und beeinflusst (vielleicht oft auch unbewusst) mein persönliches „doing family“. Dieser Konflikt trägt auch dazu bei, dass ich mich im Mutter-Sein manchmal so ganz und gar nicht zuhause oder angekommen fühle. Wer hat sein Leben schon gern schubladisiert?

Aber ob eine* will oder nicht. Das Mutter-Attribut ist ein recht hartnäckiges – die Kommentare, Bewertungen, Rückschlüsse und Bevormundungen gibt es frei Haus. Aussehen, Ess-Gewohnheiten, Freizeit-Gestaltung, Berufsentscheidungen, Freundeskreis … gefühlt das ganze Leben wird in Relation zur Mutter-Konstruktion gesetzt.

Feministische Positionen zu Mutterschaft und verschiedene individuelle Erfahrungen dazu halfen mir in meiner Schwangerschaft und danach, meine Abneigung gegenüber dieser semantischen Zusammenfassung meiner Rolle in spe zu verstehen und zu reflektieren. Sie halfen mir auch dabei, die Misogynie darin zu erkennen (s. Deine Mudda). Nach und nach gelang es mir, mich dieses ablehnenden Gefühls zu bemächtigen und mich gleichzeitig mit der Mutter-Zuschreibung anzufreunden. Mutter-Sein bekam durch die Einbettung in feministische Kontexte etwas Kämpferisches. Ich entdeckte feministische Mütterblogs, las Hedwig Dohm und Élisabeth Badinter, dekonstruierte und ent-normalisierte für mich Muttermythos und Kleinfamilien-Idyll und setzte mich mit queer-feministischen Positionen zu Elternschaft auseinander.

Dann explodierten die Muttiblogs …

… und es passierte dasselbe, wie ein paar Jahre davor: Ich spürte, wie ich mich vom Ausdruck „Mutter“, der im modernisierten Kleid im Netz revitalisiert aber über weite Strecken hinweg wieder nur als altruistisch-intuitives Stereotyp reproduziert wurde, erneut zu distanzieren begann.

Von Müttern und Blogs

So wie ich Gruppenbildung, die über Frau-Sein definiert wird, skeptisch gegenüberstehe, geht es mir auch mit jener, die über Mutter-Sein entsteht. Aus dem Mädelsabend ist eine Mütterrunde (oder wahlweise eine Bad-Mom-Clique) geworden. Ich will meine Identität aber nicht auf ein Geschlechtsmerkmal oder eine Betreuungsverantwortung verkürzt haben. Interessen und Leidenschaften verbinden mich mit Menschen. Sympathie. Humor. Aber nicht das gemeinsame Kinder-Haben.

Oder doch?

Was auf individueller Ebene funktioniert, ist auf feministischer wiederum keinesfalls so einfach – denn die Mutterschaftskonstruktion hat für viele Mütter und Eltern sehr viele sehr schlechte Konsequenzen, die sich manchmal ähneln, manchmal aber grundverschieden sind (s. dazu: umstandslose Muttertagsforderungen).

Um die verschiedenen Positionen erfahren zu können, muss man zuhören. Warum Mütterblogs von feministischer Bedeutung sind, habe ich an anderer Stelle so argumentiert:

Es geht nicht darum, jede Polemik über den zu wenig am Haushalt beteiligten Partner und jeden rant der Alleinerzieherin zum politischen Akt hochzustilisieren. Doch Elternblogs und ihre Kommentarspalten sind öffentliche Orte, an denen bestehende Machtverhältnisse kritisiert werden können. So wird das Private öffentlich(er) – und nicht selten kann online mitverfolgt werden, wie Elternblogger*innen (und mit ihnen auch ein Teil ihrer Leser*innenschaft) durch das Teilen dieser Erfahrungen überhaupt erst politisiert werden.

In: My Blog, my Choice

In den sozialen Medien erzählen ganz viele Mütter aus ihrem Alltag. Vereinbarkeit und Betreuungslücken werden hier zwischen Kochrezepten und Nacherzählungen von Kindergeburtstagen selbstverständlich verhandelt. Privatpolitisch. Politischprivat. Theoretisch für alle sichtbar. Praktisch hören jedoch ohnehin nur die zu, die es sonst auch tun: Mütter. Gleichzeitig fehlen ganz viele Stimmen (oder werden übertönt), die ein differenzierteres Bild von Mutterschaft zeichnen würden. Es bleiben Streiflichter.

Das hat einen fahlen Beigeschmack und tut die Frage auf, ob und wenn ja, inwiefern Mütterblogs dazu beitragen, bestimmte Mutterschaftsbilder zu verstärken und/oder möglicherweise selbst (neue) Maßstäbe setzen. Nicht zuletzt gibt vor allem eine bestimmte demographische Gruppe (hetero, weiß, akademisch gebildet/bürgerlicher Hintergrund, verheiratet, sehr OKe finanzielle Verhältnisse) Einblicke in ihr Leben.

Leise, weniger etablierte und marginalisierte Positionen werden dadurch in den Hintergrund gedrängt, geraten aus dem Blickfeld oder werden lediglich bemitleidet. Für schwere, differenzierte, schmerzhafte, düstere, wütende und missgelaunte – aber so wichtige! – Gedanken ist wenig Platz an der Sonne. Nichtsdestotrotz sind all diese Erzählungen (An-)Teile von Mutterschaft – MÜTTER. SIND. KEINE. HOMOGENE. GRUPPE. und Mutterschaft ebenso wenig eine zu vereinheitlichende Erfahrung.

Mutterschaft als Lifestyle

Besonders durch kommerzialisierte Mamablogs hat Mutterschaft in den letzten Jahren eine weitere Facette erhalten, im Rahmen der neue Mutterschaftsideale mit durchaus emanzipatorischen Zügen entstehen und vermarktet werden. Die janushafte Mutterfigur hat neuerdings einen dritten Kopf: Mama-Sein avancierte im Netz zum coolen und/oder alternativen Lifestyle-Statement.

Auch hier ist gut sichtbar, dass die feministische Selbstverortung in Zeiten der erfolgreichen popkultureller Vermarktung von Feminismus („marketplace feminism“ wie es Andi Zeisler in „We Were Feminists Once“ nennt) längst kein Hinweis mehr auf die Verhandlung feministischer Inhalte ist, sondern – und das gilt mittlerweile auch für Mamablogs – lediglich Erkennungsmerkmal für „neue Mütter“ (in Analogie zu den „neuen Vätern“). Der Fokus liegt am individuellen Ich oder einer ähnlichen In-Group, wodurch schnell klar wird: Feministische Lösungen oder politische Forderungen werden so nicht formuliert.

The plague of perfectionism on parenting blogs is rancid. Alice in Wonderland birthday parties; Spanish-speaking nannies; healthy children harvesting perfect blue chicken eggs from the back-yard coop; homeschooled wonders who read by age three; flat, tight bellies; happy husbands; cake pops; craft time; quilting projects; breast pumps in the boardroom; tenure; ballet tights; cloth diapers; French braids; homemade lip balm; tremendous flat pans of paella prepared over a beach campfire. What sort of sadist is running these Internets? And, more important, how do these blogs not constitute acts of violence against women?

(Samantha Hunt – In: A Love Story)

Perfektion wird auf diesen Blogs explizit verfehlt. Davon hat man sich (zum Glück!) befreit. Wäsche wird nicht gebügelt, sondern gefaltet. Wenn man keine Lust auf Kochen hat, gibt’s auch mal Pommes. Am Wochenende wird nicht geputzt, sondern mit den Kindern im Wald getobt. Das Motto lautet: Good Moms have sticky floors, dirty ovens, and happy kids.

Perfekt ist dort trotzdem ziemlich viel. Es ist eine neue Perfektion, mit der es sich verhält wie mit dem „Messy Bun“: Sieht gerade wegen seiner Schlampigkeit superlockerlässig aus, anders als der Name suggeriert steckt dahinter aber trotzdem Arbeit (und klappt mit meinen Haaren praktisch nie). Gleichzeitig wird außer Acht gelassen, dass es sich nicht jede Mutter (unter gesellschaftlichem Applaus) leisten kann, ihren Kindern Pommes anzubieten oder einen lockeren Zugang zur Hausarbeit zu pflegen (ich denke dabei an Fat-Shaming und Klassismus: s. dazu u. a. Mit Fett-Aktivismus gegen die Norm „weiß, mager und makellos“, Ve-Klassismus).

Zementierung eines konservativen Ideals

Bitte versteht mich nicht falsch. Das ist alles legitim! Egal und unabhängig davon, wie authentisch oder inszeniert das Dargebotene ist. Ich finde es falsch, an Mütter- und Elternblogs anderer Maßstäbe als an andere Blogs anzulegen. Wenn die Präsentation von Care-Arbeit oder einem bestimmten Lebensalltag, zu dem auch Kinder gehören, Geld einbringt, wertet das diese Art von Leben(sstil) im Sinne einer kapitalistischen Logik auf – die ich weißgottnicht gutheiße, dabei aber mit meiner Kritik bestimmt nicht bei kommerzialisierten Mütterblogs ansetze (hallo G20!).

Fakt ist: Das Netz quillt regelrecht über mit Inszenierungen der Vater-Mutter-Kind(-Kind)-Konstellation: Für diese Erkenntnis reicht ein Blick in die Liste der bei Brigitte MOM aufgelisteten 2.275 Blogs … darunter nur zehn Blogs in der Kategorie „Politik“, 49 in der Kategorie „alleinerziehend“ und 205 Blogs der Kategorie „Vatergefühle“. Unter dem Stichwort „Feminismus“ findet man lediglich einen Blog.

Diese Repräsentation von Elternschaft, so scheint mir, zementiert einen idealisierten Ist-Zustand durch seine permanente mediale Imagination doppelt und dreifach.

Aus Übersättigung, aber auch für meinen persönlichen Seelenfrieden habe ich deshalb aufgehört, in Blogs mit glatten Erzählungen und schönen Fotowelten zu stöbern, in denen sich andere Mütter lediglich beim perfekt unperfekten Ausführen von Tätigkeiten entlang der klassischen Mutterrolle beobachten lassen (Ausnahmen bestätigen die Regel) und dadurch abertausende Bilder der bürgerlichen Kleinfamilie reproduzieren.

Mütterblogs geben Impulse für die feministische Betrachtung von Mutterschaft und erlauben, den Ambivalenzen, die diese Rolle in westlichen Gesellschaften mit sich bringt, nachzuspüren. Gleichzeitig kreieren sie selbst in ihrer Gesamtheit ein neues Mutterideal, von dem ich mir noch nicht sicher bin, inwiefern es nicht lediglich ein neues Mutterschaftskorsett darstellt.

Manchmal fühlt es sich zumindest danach an.


Beitrag erschienen in: sommer. Oder: daheim/nicht-daheim.

Beitragsbild: Nationaal Archief (Harry Pot) | Rahmen und Zuschnitt: umstandslos | Motiv:  Dutch women’s rights movement group „Dolle Mina“. The Netherlands, 1970

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2 Kommentare

  1. Linda

    Kluger Text, danke! Ich kann jetzt das diffuse Unwohlsein beim Konsum von diversen Seiten, Zeitungen oder in „Mütterrunden“ besser einordnen.

  2. Henrijet

    Danke. Für mich scheint nun nochmal klarer woher ein Teil meiner beklemmungen kommt wenn ich mich mit der Frage ‚mutter-sein ja nein?’auseinander setze.

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