Geborgen gebären. In der alten Heimat.

 

geborgengebären_Onkel in spe wartet auf ein boxen_MJK

Onkel in spe wartet auf ein Boxen. (Bild: privat/Josi)

Eine Geburt ist ein aufregendes, unvorhersehbares Erlebnis. Ein Grund nach Hause zu kommen, findet Josi und erzählt in ihrem Text, warum sie ihr Kind nicht in der vorübergehenden Wahlheimat Mexiko, sondern in ihrer alten Heimat in Europa zur Welt bekommen möchte.

von Josi

Eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung in Mexiko, die sollte es zur Belohnung geben. Eine kleine Mexikanerin gebären, eine Green Card für die ganze Familie. Ein eigenes Ferienhäuschen in der Sonne, Karibik in der Rente. Was verlockend klingt, hat für mich einen bitteren Beigeschmack. Als ich von meiner Schwangerschaft erfahre, liege ich eingekugelt auf dem Sofa in meinem Zuhause. Mexiko. Es braucht da nichts schönzureden, kotzübel war mir, ständig und überall. Aber das war nicht alles.

Während der ersten Monate meiner Schwangerschaft fühle ich mich unausgeglichen. Aber nicht (nur) Hormonchaos bedingt. Eine tiefe Unruhe zwickt mich nachts in die Seite, verwandelt mich in ein weißes Gespenst mit tiefen Augenringen. Ob ich den mexikanischen Geburtshelfer_innen keine Geburt zutrauen würde? Ganz im Gegenteil: Die Geburtenrate lässt ahnen, dass Erfahrung im Kinder-zur-Welt-bringen mehr als vorhanden ist. Ob ich ihre Methoden [1] nicht unterstützen würde? Mag sein: Denn zynisch formuliert, ein Kaiserschnitt ist wirtschaftlicher als eine vaginale Geburt. Maximales Resultat bei minimalem Zeitaufwand. Unter diesem Gesichtspunkt, nicht so mein Ding.

Meine innere Balance finde ich erst wieder, als ich mich entschließe, mein Kind in Deutschland zu bekommen. Es wird mir erst später klar, dass diese Entscheidung die Rückkehr meiner inneren Ruhe bedeutet hat. Im Nachhinein sieht fra* [2] klarer. Wir denken, vier Wände und schön eingerichtete Zimmer reichen, um ein Haus zu unserem Zuhause werden zu lassen. Wir fühlen uns wohl. Aber Geborgenheit ist das nicht.

Ich dachte hier geht es um mich?

Unvorhersehbar ist eine Geburt. Vor allem, wenn es die erste ist. Dass wir uns dabei wohl in unserer Haut fühlen und unserer Umwelt vertrauen, wird uns an jeder Ecke ans Herz gelegt. So auch im mexikanischen Geburtsvorbereitungskurs. „Ein Kind kommt in Mexiko gleich zur Welt wie in Deutschland. Deine kleine Maus wird den Unterschied schon nicht merken“, heißt es augenzwinkernd, oder: „Stell dir mal vor, deine Tochter wird eine kleine Mexikanerin. Wie aufregend. Bestimmt wird sie jeder beneiden in der Schule!“

Stopp.

Das mit den vielen Ratschlägen kenne ich ja mittlerweile – kennt wahrscheinlich jede Schwangere, diese „nett gemeinte“ Bevormundung. Aber in mir keimen Zweifel auf. Bin ich jetzt schon eine egoistische Mutter, obwohl ich noch nicht mal wirklich Mutter bin? „Warum sich hochschwanger dem Stress einer Flugreise aussetzen, nur, um in Deutschland dasselbe zu machen, das du hier auch tun würdest. Und die Rückreise mit Neugeborenem erst. Das arme Würmchen …“, bohrt die Kursleiterin. Mehr Verständnis zum Glück von Seiten des Papas. Das Thema wird eigentlich nicht groß diskutiert in unserer Beziehung. Ich möchte nach Hause? Laptop wird gestartet und nach Flügen gesucht.

Wenn es um das Thema Geburt geht, dürfen doch wohl die Gebärenden entscheiden, wie und wo diese sein sollte! Wenn sich die Evolution weiter entwickelt und cis Männer das irgendwann können, werde ich die letzte sein, die versucht, diesen vorzuschreiben, wo sie ihr Kind zu bekommen haben (kurzer Zwischenruf: Würde sich das ein Mann überhaupt gefallen lassen?). Genauso wenig sollte die Wahl von Schwiegereltern, Bald-Urgroßeltern, Kolleg_innen oder Vierfach-Eltern-Bekanntschaften beeinflusst werden. Meistens sind die Wünsche sowieso ganz einfach: lieber zu Hause als im Krankenhaus, lieber eine Wassergeburt als ein Kaiserschnitt. Muss ja nicht immer gleich ein Flug über den Atlantik sein.

Home is where your heart is … oder so ähnlich

Ich möchte mich eigentlich nicht erklären müssen; ich könnte es überhaupt nicht. Es ist ein Gefühl und kein Ergebnis ein Pro- und Kontra-Rechnung. Unser Zuhause ist Mexiko. Nicht für immer, nicht für lang. Wir sind (noch) zu zweit und sind glücklich. Es ist nur ein Gefühl, ein dicker Knoten im Magen, wenn ich an eine Geburt in Mexiko denke. Oder vielleicht liegt genau da das Problem: Ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Leere. Da kommt nichts. Wenn ich dann aber an die kleine Provinzstadt denke, von der ich mich immer so bald wie möglich losnabeln wollte, dann wird mir – wohlwissend wie kitschig das jetzt klingt – so richtig kuschelig warm ums Herz.

Ist doch eine schöne Vorstellung, so kurz bevor fra* selbst Mutter wird, nochmal schnell eine Intensivkur bei der eigenen Mama zu machen: Jeden Tag ein großes Stück von Bald-Omas leckerem Apfelkuchen essen, abends ein ordentliches Vesper mit Laugenbrötchen und Fleischsalat. Oh ja, Liebe geht durch den Magen.

geborgengebären_letzter Tierparkbesuch vor dem großen Termin_MJK

Letzter Tierparkbesuch vor dem großen Termin. (Bild: privat/Josi)

 

Vertrauen ins Vertrauten

Angekommen in der Heimat melde ich mich in einem kleinen ländlichen Krankenhaus für die Geburt an. Sogar das Familienzimmer ist frei. Ganz familiär sieht es hier aus – die Problematik mangelnder Beleghebammen in (Groß-)Städten ist weit von hier entfernt. Hier fühle ich mich wohl. Ich kenne meine Krankenkassenleistungen, ich kenne den Ablauf der Wochenbettstation, ja, ich kenne sogar das Stillzimmer und auch einige Kinderkrankenschwestern erinnern sich an mich. Jahre ist es her, als ich als junge Schülerin fremde Neugeborene gewickelt habe. Hier fühle ich mich geborgen und ich stelle mir vor, wie es ist, wenn meine kleine Bauchbewohnerin schlüpft, wie Großeltern, Urgroßeltern und Freund_innen uns besuchen kommen werden. Entspannt streichle ich über meinen Bauch und fühle, wie sich das Kind gegen meine Handinnenfläche drückt. Auch wenn es eine dieser „Über-24-Stunden-nicht-enden-wollende“ Geburt werden sollte, ich freue mich zum ersten Mal richtig darauf. Ich bin daheim.

 

Josi: Kind der 90er, Mutter, Bloggerküken auf mexikanischgeplant.wordpress.com

[1] Die Kaiserschnittrate in Mexiko lag 2013 bei 49 Prozent (Dt. Bundestag/Parlamentsnachrichten). Mehr Info: „Access to care is restricted in many ways, and to such an extent that certain members of the population have access to forms of care and choices that others do not. There are private healthcare institutions available for those who can afford them, and large public health institutions which can provide care without costs to those eligible to be enrolled in their programs. In 1987 more than 80% of births in Mexico took place under the care of traditional midwives and empirical midwives.“ und „There is an 80.2% rate of institutional delivery, with 46.2% of births being C-section. In more traditional births, women are allowed to birth in whichever position is most comfortable for them, with many opting for a squatting position. In some cases, the spouse will hold the birthing woman as she pushes.“ In: Sylvia Bortin, Interviews with Mexican Midwives. Journal of Nurse-Midwifery. 1993/3, 38, 170–177 und X. C. Camey et al., Traditional birth attendants in Mexico: Advantages and inadequacies of care for normal deliveries. Social Science and Medicine. 1996/2, 43, 199–207 via Wikipedia

[2] Anm.: *fra hat eine sehr gute Freundin von mir erfunden. Es steht für „irgendjemand“ oder generalisierend für eine bestimmte Gruppe von Personen. Es wird geschlechtsneutral verwendet. Früher (besser) bekannt als man. Feminismus durch Sprachwandel!


Text erschienen in: sommer. Oder: daheim/nicht-daheim.

Beitragsbilder: Josi

Advertisements

4 Kommentare

  1. madameflamusse

    ich möchte gern auf die Göttin Man verweisen (Sprachwurzel des viel benutzten man) http://www.artedea.net/man/
    Alles Liebe und Gute!

    • Liebe Mademeflamusse,
      das ist ja echt eine interessante Perspektive! Kannte ich vorher nicht, jetzt hast du mich ein bisschen schlauer gemacht 😉
      Der Worthersprung von „man“ ist das leider nicht, oder? Das hat mich so interessiert, dass ich es noch mal googlen musste und da heißt es, dass es vom mittel-/althochdeutschen kommt (man = irgendeiner, jeder beliebige (Mensch) vgl. Duden und dwds.com).
      Aber wirklich, super Gedanke: Immer an eine Göttin denken wenn fra „man“ hört!
      Lieben Gruß

      • madameflamusse

        🙂 ich mach das jetzt so .. viel der weiblichen Geschichte wurde ja auch versteckt, verboten und negiert…

  2. Pingback: Irgendwas zwischen #regrettingmotherhood und stay-at-home-mommy – mexikanisch geplant

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: