Sonn!tag. Eine autobiographische Skizze

 

Angelika

Mit ihrem literarischen Beitrag, einer kleinen autobiographischen Skizze über einen Sonntag zuhause am Land, macht Angelika den Anfang unserer umstandslos-Sommerausgabe zum Thema „daheim/nicht-daheim“ – ein Sonntag im Garten zwischen Familie, Erholung, Arbeit, Alltag und (feministischer) Reflexion über deren Verwobenheit. 

von Angelika

Da waren Bienen im Garten. Da sang George Ezra im Radio.
Ihr Kollege wollte ihr am Sonntag eine Mail schreiben. Unter der Woche hatte sich eine Frage über das seltsame Verhalten eines Projektmitarbeiters ergeben und unter der Woche konnte er dieses Problem nicht lösen. Also verschob er es wie viele Arbeiten auf das Wochenende. Wer eine anspruchsvolle Arbeit hat, ist immer im Dienst. Sogar Sonntags vormittags. Deliah ging es nicht anders. Nur mit drei Kindern mehr. Am entspanntesten konnte sie Sonntag morgens im Schlafanzug arbeiten, wenn die Kinder in ihren Zimmern spielten und Deliah nicht wissen wollte, was sie machten.
Robert verbrachte diese Zeit mit Manuskripten lesen. Eine typische Intellektuellenfamilie auf dem Lande waren sie.
Mittagszeit: Brennnesseln aus dem eigenem Garten mit Bechamelsauce. Wurzelbrot. Espresso.
Dann kam die angekündigte Mail.

Tisch abräumen. Spülmaschine einräumen. Frauentag im Radio. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Manuskripte lesen. Manuskripte schreiben.
Pierre machte die gleiche Arbeit wie sie eine Gehaltsklasse höher. Sie war promoviert. Er hatte noch kein Thema.

Robert reizt derweil die Sonne zu einem Spaziergang. Amélie, das Nesthäkchen, soll mit. Singend verlässt sie mit ihrem Vater das Haus. Rebecca und Sally sind in ihren Zimmern. Abgemeldet, pubertierend.
Die Mail. Antworten.

Sonnenschein, Stille, nur Gesumme von Bienen …
Deliah war irritiert. Kein Radio, keine vorbei brummenden Autos, keine Drängeleien Amélies, keine lauten Dialoge mit Puppen.
Und eine Antwort auf ihre Mail.
Herzklopfen.
Nein, keine sofortige Antwort.
Noch immer Windstille. Wolkenloser Himmel. 21 Grad. Deliah wühlt im Kleiderschrank. Der neue Bikini. Angezogen. Die Planken auf dem Balkon sind warm. Hinlegen, Musikhören. George Ezra ist zu romantisch. La Primavera. Sonnencreme aus dem letzten Urlaub aufgetragen. Augen zu, geträumt.
Es ist warm, die Sonne auf dem Körper ungewohnt.
Die Spülmaschine ist durch. Ideale Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Die Familie ist abwesend. Summende Bienen und eine Spülmaschine, die mit ihrem Programm durch ist. Sonntag Nachmittag. Nun könnte Deliah eine Antwort schreiben.

Vier Mails sind in den letzten zwei Stunden gewechselt worden.
In Deutschland verdienen die Frauen durchschnittlich 17% weniger als die Männer. Demnächst wird der BGH das Kopftuchverbot für Frauen im öffentlichen Dienst aufheben. Warum wird Frauen diktiert, was sie zu tun und zu lassen haben? Teewasser aufsetzen. Zum Laptop gehen, die Bienen summen. Keine Antwort.
Teewasser aufschütten. Ein Blick auf das Laptop: Eine Antwort.
Deliahs Blick streift das Bücherregal. Emma Goldman: Das Tragische an der Emanzipation der Frau. Laurie Penny stellt inzwischen fest, dass Feminismus die Vorstufe zur Anarchie ist. Frauen hören nicht auf ihr Herz, beklagt Goldman, da Feminismus eine ökonomische Angelegenheit sei und Frauen nur ökonomisch partizipieren zu lassen, sei zu wenig. Wirtschaftliche Teilhabe allein sei keine Emanzipation. Und dies sei tragisch. Deliah seufzt.

Eine neue Mail.
Als sie Rebecca morgens das letzte Mal stillte, sollte sie nachmittags einen Vortrag in

Berlin halten. Am späten Nachmittag spannten ihre Brüste. Zweifellos war sie aufgeregt, ein Vortrag vor der Charlottenburger Gesellschaft, die Gästeliste war voll mit Prominentennamen. Sie hatte sich vom Veranstalter ausgebeten, zwei Berliner Freundinnen einzuladen, die das Thema ihres Vortrags auch interessierte, aber noch wichtiger war ihr, diese Freundinnen zu sehen. Nach dem Vortrag beschlossen sie ein wenig in das Kreuzberger Nachtleben einzutauchen. Nachts um eins konnten Deliah die Schmerzen in der Brust kaum noch aushalten und war unendlich – so erschien es ihr – müde. Für das Clubleben schien sie nicht mehr gemacht zu sein. Anastasia und Vicky zuckten mit dem Achseln. Sie waren (noch) kinderlos.

Amélies Abstillen war ähnlich: ein Kongress in Lyon. Eine Intervention auf Französisch. Ein Grund abzustillen, was sie auch so verkündete. Nach diesem Vortrag lag sie abends im Hotelbett und weinte. Der Druck war kaum auszuhalten. Sie rief Robert an. Zuhause sei alles gut. „In Lyon nicht“, ergänzte sie im Stillen. Nach einer Woche stillte sie Amélie das letzte Mal. Das Kind war verdutzt.

Inzwischen hatte sie eine Halbtagsstelle angetreten und ihre Chefin mochte sie nicht auf die Mutterschutzregelungen für stillende Mütter ansprechen, auch etwas Tragisches an der Emanzipation der Frau.
17.40 Uhr. Eine letzte Mail. Deliah lächelt. Dann hört sie das Klappern von Schlüsseln an der Haustür. Robert und Amélie erwarten Abendbrot.

Als sie mit Amélie schwanger war und es noch nicht wusste, stieg sie am Muttertagsmorgen aus dem Flugzeug von Paris kommend, Umstieg in Frankfurt. Rosa Herzen fixierten ihren Blick in den Auslagen der Bäckereien auf dem Frankfurter Flughafen. Sie hatte Hunger. Im Flugzeug hatte sie kaum gegessen, war seit sechs Stunden unterwegs. Blaß war sie und hatte Krämpfe. Das rosa beblümte Gebäck machte sie aggressiv. Robert erwartete sie am Bahnhof, denn sie musste zu einer Ausstellung. Sehen und gesehen werden.

Heute summten Bienen im Garten und George Ezra sang sehr sexy.

Angelika: 51 Jahre alt, promoviert, Auslandsstudienaufenthalte, öffentlicher Dienst, drei Töchter (20, 18, 9) und seit der Schulzeit Feministin!


Text erschienen in: sommer. Oder: daheim/nicht-daheim.

Beitragsbild (Ausschnitt): age 

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