Planlos : Zeit nehmen

Bild von einem Flachmann auf dem "Bad Habits" steht, einer Planze und einem Plattencover auf einem Regal.

Um Rituale, selbstbestimmte Tagesabläufe und langfristige Pläne für das eigene Leben festlegen zu können, braucht eins erst Mal die Ressourcen dafür. Kristin beschreibt, wie sie sich als alleinerziehendes Elter mit Depression durchmanövriert zwischen umgeschmissenen Plänen, Selbstständigkeit, Zeit für sich und das Kind finden, Neues beginnen und Altes abschließen.

von Kristin

Es ist der Morgen nach der Deadline für diesen Text, eigentlich war der Plan ihn schon am Montag fertig zu haben, stattdessen sitze ich jetzt hier und fange einfach noch mal von vorne an. Ein paar Textfetzen hatte ich schon, aber das führte ins nichts. Also Neustart. 7.44 Uhr, das Kind hat gerade das Haus verlassen. Um 10 Uhr bin ich selbst schon wieder verabredet. Und da sind wir eigentlich auch schon bei der Crux der Sache:

Tagesabläufe von Alleinerziehenden sind in der Regel ziemlich straff durchstrukturiert, ob wir nun berufstätig sind, studieren oder zu hause spielt da eigentlich kaum eine Rolle. Wir brauchen in der Regel auch keinen selbst ausgedachten Plan. Der ist nämlich meistens fremdbestimmt: Arbeitszeit, Kita, Schule etc. geben vor, wann wir wo wie zu sein haben. Da ergeben sich bestimmte Rituale von selbst, für andere bleibt einfach keine Zeit und_oder Energie. Zum Beispiel Zeit für Dinge die mir gut tun.

Ich muss inzwischen immer ein bisschen lachen wenn ich irgendwas von Tagesstrukturierung, Wochenplanung und Langzeitzielen lese – wenn wir ehrlich sind, geht es dabei meistens auch weniger darum sich selbst zu lieben, als ein funktionierender Teil der Norm zu sein/ bleiben.

Ich denke dann an all die Wochenpläne und Vorsätze für ‚me time‘, die ich mir gemacht habe, während ich erschöpft auf der Couch liege und mich frage, wann ich wohl mal wieder die Energie habe ein Bild zu malen…

Trotzdem habe ich Anfang des Jahres so etwas wie ein Bulletjournal angefangen. Ich hab mich da wohl mitreisen lassen. Irgendwas mit Instagram… durchgehalten habe ich bis Mitte Februar, im März irgendwann habe ich noch mal einen neuen Versuch gestartet und jetzt trage ich maximal noch Termine und ein paar To-Dos ein.

Das Problem daran ist nämlich, dass schon die kleinste Abweichung der Tagesplanung uns Alleinerziehende für Wochen aus der Bahn werfen kann. und wenn ich ehrlich bin tut das zumindest mein Leben ständig. Pläne umschmeissen. Das macht es schwierig Rituale für mich überhaupt zu solchen werden zu lassen. Zum Beispiel: Sport machen. Ich mache gerne Sport aber ich schreibe das während mir die Augen beim Tippen zufallen, weil ich gestern Abend nicht rechtzeitig ins Bett gegangen bin, weil ich die eine Stunde Ruhe für mich genießen wollte, obwohl ich da eigentlich schon allein zum Serie schauen zu müde war.

Sobald ich mich dafür entscheide eine Sache zu tun, bleibt eine andere liegen. Das ist jetzt keine große Weisheit dafür setzt man sich eben Prioritäten, aber wenn ich das wirklich so machen würde, dass es meiner Gesundheit gut täte, hätte ich weder Zeit für meinen Job noch mein Kind.

Na, ja und ob ich wirklich Zeit habe für mich hängt sowieso immer davon ab, ob jemanden anderes Zeit hat für mein Kind. Kinderfrei, heißt ja auch nicht automatisch, dass ich Zeit für mich habe.

Es ist übrigens bei weitem nicht so, dass ich nicht unglaublich viele Dinge geschafft habe in den letzten Jahren, nur das langfristige Planen meiner eigenen Zeit gebe ich jetzt einfach auf. In dieser Hinsicht hat das Bulletjournal vielleicht sogar geholfen, weil es mich hat erkennen lassen, wie es für mich am besten funktioniert. Ich nehme sie mir, die Zeit für mich, wäge die Konsequenzen ab und kommuniziere wenn ich sie brauche. Ich habe gelernt Nachrichten gnadenlos zu muten und Arbeit dann zu erledigen wenn ich kann. Ich entschuldige mich oft dafür aber eigentlich tut es mir nicht mehr leid. Das ist gar nicht so einfach in unserer Leistungsgesellschaft. Niemand hat etwas davon wenn ich am Ende nicht mehr aufstehen kann. Vielleicht ist das auch der Grund warum ich mich jetzt endlich selbstständig mache (ganz ohne Kapitalismus geht es ja im Kapitalismus nicht).

Ich bin alleinerziehendes Elter mit Depressionen, ich hab mich lange versucht anzupassen, aber ich glaube es ist jetzt einfach mal Zeit, dass andere sich an uns anpassen…

Erschienen in: Rituale

Foto (c) Kristin, Rahmen umstandslos

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