Let’s Overcome – von Ritualen in verschiedenen Lebensphasen

Löwenzahn blüht auf Asphalt

Familiäre Rituale und der Blick auf sie verändern sich mitunter in verschiedenen Lebensphasen. Übergänge von einer Lebensphase in die nächste bringen neue, sich verändernde Rituale mit sich. Martina beschreibt, wie sie die Bedeutung und Gestaltung von Ritualen in ihrer Kindheit, dann später mit ihren eigenen Kindern und jetzt mit ihren Enkelkindern erlebt.

von Martina

„Sag/mach das nochmal“ – so soll mein Vater zu meiner Schwester gesagt haben, wenn sie ihn mit ihrem Verhalten gereizt hatte und er signalisierte damit den Anfang einer Prügelszene. Meine Schwester habe stur wiederholt, was sie davor gesagt/getan hatte und dann wurden Türen geschlossen und drinnen knallten Ohrfeigen und das Geräusch von umfallenden Möbeln war zu hören.

Erst hier setzt meine Erinnerung ein. Ich stand dann im Flur/im Treppenhaus und hörte und erlebte wortlos dieses Unheimliche, das ich als lebensbedrohlich empfand. Schließlich hörte ich ja auch nach unendlich langer Zeit dann meine Mutter rufen, „H….   Du bringst sie ja um“. – Kein Beispiel gelebter Courage. Aber mein intuitives Beispiel für ein Ritual.

Rituale in meiner Kindheit

Auch andere Rituale meiner Kindheit stehen im Zusammenhang mit Bedrohung und Angst. Bei Gewitter wurden Kerzen und Taschenlampen bereitgelegt für den Fall eines Stromausfalls und die Kiste mit den Dokumenten aus dem Schrank genommen. Wortlos. Ulla Hahn hat im ersten Teil ihrer Biographie etwas Ähnliches beschrieben, und ich war erleichtert, mit wie viel Witz und Situationskomik sie diese Szene beschrieb.

Ich glaube, meine Eltern,  geboren in den 1920ern, waren mit dem vielen Bedrohlichen überfordert. Die Rituale, an die ich mich als erstes und spontan erinne, sind auch für mich mit Bedrohung verbunden und ersetzen nur schlecht das Fehlen von Bezogenheit, Sprache, Vertrauen.

Auch und gerade religiöse Rituale – meine Eltern waren streng katholisch – gehörten dazu. Meine Tante schlief Tage vor der Fronleichnamsprozession nicht, weil die Prozession an ihrem Haus vorbei führte und sie sich verantwortlich fühlte, einen ehrwürdigen Blumenteppich zu gestalten – auf die Idee, dass Blüten sammeln und Blätter streuen etwas Schönes und Sinnliches ist, bin ich erst später gestoßen. Und, ja: Dass es wunderbare Ausflüge gab, zu denen ein spezieller Tee gekocht und Vesperbrote gepackt wurden, dass wir Kinder mit der Mutter  Lieder gesungen haben, das kommt mir erst in den Sinn, wenn ich bewußt nachdenke über „Ausnahmen“. Und ich erwische mich dabei, dass ich dem dann ein „aber …..“ anfügen möchte, erzählen, was dann doch schief lief.
So sind Rituale für mich zunächst ein schlechter Versuch, mit einer schwierigen Situation zurechtzukommen und sind mit Vereinzelung und „abgeschnitten-sein“ von der Welt um mich herum verbunden.

Mit meinen Kindern gab es eine gebrochene Ritual-Tradition.

Ihr Vater wollte am liebsten gar keine Rituale, er fühlte sich unwohl und reagierte belustigt bis sarkastisch, wenn er Ritualen ausgesetzt war. Unsere Hochzeit feierten wir z.B. „spontan“, ohne lange Vorplanung und wie eine Wohnungseinweihung. Ein „offizielles“ Foto gibt es nicht, auf dem einzigen Foto von diesem Tag, das dann doch nach insistieren eines Freundes entstand,  schaut er mit Belustigung, distanziert.

Es entwickelten sich dann ohne Plan Rituale mit den Kindern im Alltag, die nicht so richtig verlässlich waren. Und die “ klassischen“ Rituale, zum Geburtstag, Weihnachten, Silvester blieben mit Ambivalenz und meist von Streit, Beziehungsabbruch Türenschlagen, Weggehen, gezeichnet und nur holprig gestaltet.

In der heutigen Rückschau, die durch das Thema angeregt ist, sehe ich eine lange Tradition, dass Rituale in meinem Leben in wichtigen Momenten auftauchen und auf ein Bedürfnis hinweisen,  das nach Sicherheit und Verbundenheit und Zuversicht (schon das Erste, und einmal abgesehen von der Dramatik zwischen Schwester und Vater: Wie finde ich Orientierung bei heftigen Gefühlen, wer erklärt, löst auf, was ist mit meinen Schuldgefühlen, dass ich „die Liebe“ war und nicht verprügelt wurde?) – und dabei eine schmerzhafte Lücke aufzeigen. Dass ich mich eben gerade NICHT eingebunden und getröstet fühle, sondern eher Zeugin von Verstörendem bin.

NEUE Erfahrungen haben mir meine Kinder vermittelt. Als erstes: sie waren es, die mir eine Art Talisman gebastelt haben, damit ich bei meinen Nachtdiensten im Krankenhaus nicht zu aufgeregt bin. Da waren sie im Grundschulalter! Es entstanden später, als wir nicht mehr als Familie zusammenwohnten mit ihnen Feiertage, die nicht bedeutungsschwanger waren, sondern mit Zusammensein, Fokussierung auf das Ziel „einfach nur heute“ einen entspannten Besuch zu haben und mit gemeinsamer Planung entmystifiziert werden und dadurch heiterer und leichter werden.

Neue Rituale entstehen

Und so kamen auch von mir neue Rituale dazu: Als ich während meiner Krebserkrankung durch eine Phase von  Chemotherapien ging, wurde am Abend vor der Chemo gut gekocht und mit Leuten gemeinsam gespeist, angestoßen wurde „auf das Leben“ oder wir sagten uns „Gracias a la vida“ und in meinem Kopf lief das Lied, von Mercedes Sosa gesungen, eine Weile auf Endlosschleife. Das war Auftanken und verschob das Augenmerk, von der Behandlung auf Handlung. … und auf Mit-Tragen.

Wir haben es gut zusammen

Wenn ich erlebe, wie die beiden Enkelkinder ihren Abendablauf haben, wie sie dann ganz zufrieden zum Schlafen gehen, werde ich manchmal sentimental. Ich bin froh, dass die Eltern und Kinder das so hinkriegen. Und immer wieder stelle ich mir Szenen vor, wie es mit den Enkelkindern Rituale gibt, in denen ich mal mit, mal ohne meinen Partner, Sicherheit und einen guten Rahmen biete und das in Rituale eingebunden ist – eine wiederkehrende Form von gemeinsamen Urlaubstagen, Geschichten, Büchern, Spielen, Gerichten, die speziell mit mir und mit „wir haben es gut zusammen“ verbunden sind.  –  Da kann sich noch manches festigen, aber ich bin/wir sind dran …

Erschienen in Rituale

(c) Beitragsbild: sammydavisdog via flickr CC BY 2.0 Rahmen und Zuschnitt umstandslos

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