Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt

Manchmal kann es sehr befreiend sein, gesellschaftlich konstruierte Rituale – wie bestimmte Feste und religiöse Anlässe – aufzubrechen und sich die Freiheit zu nehmen, selbst zu definieren, was und wie mensch feiern und leben möchte. Unsere Autorin Lisa berichtet in ihrem Text über ihre Erfahrungen.

Rituale sind so eine Sache. Manche brauchen das. Manche lieben das. Rituale abzuhalten kann sehr schön sein, es kann das Leben strukturieren und erleichtern. Sie geben dem Jahr einen gewissen Ablauf, (nicht nur) den Kindern Orientierung durch ihre immer währenden Wiederholungen und fast immer haben sie auch einen spirituellen Hintergrund. Wenn man tief genug hinschaut, findet sich meistens irgendein Bezug zu Vorgängen der Natur (Frühlingsbeginn/ Fruchtbarkeit, Herbst/ Erntezeit, Sommersonnenwende etc.), der dann im Laufe der Jahrhunderte so lange religiös und kulturell überformt wurde, bis man den Hintergrund kaum mehr erkennen kann.

In der kürzeren Vergangenheit wurden diese Rituale noch um einen kapitalistischen Aspekt ergänzt und etwas daraus gemacht, das man konsumieren muss und für dessen Verwirklichung man in der Regel Geld braucht. Die Rituale werden interessanterweise oft wenig (oder gar nicht) hinterfragt durchgeführt und die Teilnahme daran stellt die Norm in unserer Gesellschaft dar. Der Mangel an Hintergrund(wissen oder Interesse generell) tut der Begeisterung für die gesellschaftlichen Rituale aber keinen Abbruch und so feiern die meisten Menschen diese Feste. Bei Kindern haben die meisten Rituale heute etwas mit Geschenken zu tun, bei Erwachsenen mit Alkohol.

Den meisten erscheinen die Rituale als immer da gewesener Teil ihrer Kultur und etwas Universelles – und daher universell Wichtiges und Gültiges, wenngleich die meisten Rituale schon von Region zu Region leichte Unterschiede zeigen und sich weltweit stark unterscheiden. Gesellschaftliche Rituale stärken das Gemeinschaftsgefühl und erschaffen Gemeinsamkeiten – sowie Abgrenzungen zu anderen, die neben vielen anderen Faktoren auch durch ihre Unkenntnis der gesellschaftlichen Rituale und Feste als weniger kompetent erlebt werden. Soweit eine sehr verkürzte Zusammenfassung zu klassischen gesellschaftlichen Ritualen – und nun dazu, wie ich die meisten gesellschaftlichen Rituale empfinde.

Ich mag keine Sachen machen, weil alle sie machen, ohne mich zu fragen, warum ich das tun sollte – und dahinter einen mir nachvollziehbaren Sinn zu erkennen.
Ich mag keine Sachen mit religiösem Hintergrund machen, weil ich nicht religiös bin (und keinen nachvollziehbaren Sinn dahinter erkennen kann).
Ich mag nichts machen, was sich doppelmoralisch anfühlt (wie zum Beispiel Nächstenliebe feiern, während rundherum Menschen krepieren und es fast allen egal zu sein scheint (oder ist?).
Ich mag nicht auf eine Art und Weise feiern, wo ich dabei die Natur und die Tiere schädige (z.B. durch Raketen).
Ich mag nichts feiern, was zum Zweck des Konsums erfunden wurde und wo ich dabei gezwungen werde, etwas zu kaufen und zu zahlen.
Ich mag nicht mal Blumen geschenkt bekommen, weil es mich traurig macht, dass irgendjemand sie abgeschnitten hat und ich jetzt ihre dahin welkenden Leichen auf meinem Tisch stehen habe (wo sie dann zu 99% auch noch von meinen Katzen gegessen werden).
Und ich habe bestimmt keinen Bedarf nach der Stärkung eines Gemeinschaftsgefühls zu einer Gesellschaft, von der ich mir öfter denke, dass ich gar nicht so unbedingt stolz darauf bin, Teil davon zu sein.

Mit 14 habe ich zu Weihnachten eine Geschichte geschrieben, in der zwei obdachlose, arme Kinder in einem Abbruchhaus zu Weihnachten erfrieren, während die restliche Welt in ihrem beheizten Wohnungen Nächstenliebe feiert und sich gegenseitig beschenkt und habe diese Geschichte als mein Weihnachtsgeschenk an alle Familienmitglieder verteilt. Kurz darauf habe ich Weihnachten für mich Stück für Stück abgeschafft. Innerlich und rundherum.

Seit ich kein Kind mehr bin, habe ich mich generell immer mehr gegen alle gesellschaftlichen Rituale verweigert, bis nichts mehr übrig geblieben ist, außer Geburtstage. Die finde ich nämlich super. Zu feiern, dass ein Mensch geboren wurde/ da ist, ist eine wunderbare Sache, diesen Menschen zu beschenken, weil man sie_ihn gern hat, ist eine schöne Geste. Wobei ich auch hier dazu übergegangen bin, etwas zu schenken, wenn ich etwas finde, das ich dieser Person gerne schenken möchte. Das ist meistens direkt am Geburtstag, kann aber auch einige Monate davor oder danach passieren – weil ich eben nicht des Schenkens wegen etwas schenken möchte, sondern der Person etwas schenken möchte, das zu ihr passt und von Herzen kommt.

Soweit, so klar. Ich lebte jahrelang ohne die typischen Feste und Rituale und es fehlte mir nichts.

Und dann wurde mein erstes Kind geboren und alles wurde anders, weil sich ganz neue Fragen aufdrängten. Was sollten wir mit ihr feiern – und was nicht? Und warum – oder warum nicht? Was könnte ich feiern, ohne mit meiner eigenen Moral zu kollidieren? Welche Geschichten erzählen, welche Märchenfiguren auftauchen lassen (wie Osterhase, Christkind und Co.) oder sollten wir darauf verzichten? Was mochte ich als Kind selbst davon ganz gerne? Und was bedeutet es an sich, in erster Linie christliche Feste in einer sehr christlichen (wenn auch säkulären) Gesellschaft zu feiern, wenn man selbst absolut nicht christlich ist?

Zu Beginn hat sich alles in mir verweigert und ich fand die Vorstellung, auch nur irgendwie zurück in diese Rituale zu müssen, sehr beengend. Andererseits war klar – spätestens im Kindergarten kommt die Konfrontation damit sowieso. Und irgendeine Position dazu musste ich nun beziehen, die kindertauglich ist.

Den Kindern alles zu verweigern, kam mir genauso blöd vor, wie plötzlich jedes Ritual traditionell mitzumachen oder die Wohnung passend zu dekorieren, weil „man das eben so macht“. Und nicht nur ich selbst, auch die restliche Umwelt schien sich damit zu beschäftigen. „Darf man denn überhaupt christliche Feste feiern, wenn ich nicht zu dieser Religion gehören will?“ wurde ich zum Beispiel gefragt.

Diese Frage finde ich eigentlich im Grunde sehr vermessen – wo doch die meisten klassischen Rituale aus heidnischen Religionen übernommen, christlich überformt und schlussendlich kapitalisiert wurden. Wie viele Leute wissen denn überhaupt, warum welche Feste gefeiert werden oder haben tatsächlich Interesse an diesem Wissen? Und wie viele religiöse Traditionen werden in erster Linie wegen der Geschenke gefeiert und nicht mit einem tiefen, spirituellen Hintergrund? 

Irgendwann stand ich gedanklich an und begann, mir diese Fragen aus einem vollkommen anderen Blickwinkel zu stellen. Weit weg von den gesellschaftlichen Erwartungen, dem Druck, den Zweifeln und dem Zwang, jetzt etwas zu müssen, was ich gar nicht will.

Meine Kinder sind in diese Gesellschaft geboren, in der gewisse gesellschaftliche Rituale vorherrschen, die das Jahr gut strukturieren und gewisse Vorteile für die Kinder haben (ich denke in erster Linie Freude an Geschenken und der Spaß daran, Feste zu feiern). Das den Kindern ganz vorzuenthalten, bedeutet für sie wahrscheinlich spätestens ab dem Kindergartenalter Irritationen und vielleicht auch Enttäuschungen. Unkenntnis macht sie schnell zu Außenseiter_innen. Und keine Geschenke zu bekommen, wenn andere beschenkt werden und feiern, fänden sie bestimmt auch öd.

Damit war klar – wir werden zeitgleich mit den Anderen etwas feiern. Wenn wir das tun, werden wir erklären, was die Anderen gerade feiern (und nicht nur die christliche Perspektive davon, sondern auch die anderen Traditionen dahinter). Und gleichzeitig werden wir das feiern, was uns passend vorkommt.

Wir können dieselben (oder andere) Phantasiefiguren einführen, uns einen Baum in die Wohnung stellen (oder auch nicht) und Lieder singen (traditionelle oder komplett andere) – oder auch nicht.

Damit machen wir uns die Welt, wie sie uns gefällt.

Zu Weihnachten feiern wir, dass wir uns lieb haben und beschenken die Kinder (wir Erwachsenen schenken uns nichts). Bei den Großeltern gibt es Christbäume mit Kerzen und Weihnachtsliedern. Bei uns gibt es das nicht, aber einen Adventkalender, weil der sehr geliebt wird. Und einige Kerzen und winterliche Deko, weil sie das ab einem gewissen Alter aktiv eingefordert haben. Allerdings – die Deko ist winterlich. Etwas einer Jahreszeit entsprechend zu gestalten, damit kann ich leben. Engel und christliche Symbole aufzustellen käme für mich hingegen nicht in Frage.

Zu Ostern ist der Osterhase gekommen, weil die Kinder das wollten.

Die Sache mit dem Krampus wiederum habe ich komplett unterschlagen, weil ich dieses „Kinder durch Angst und Androhung von Gewalt zu bravem Verhalten zwingen“ vollkommen ablehne. Heuer haben sie den Krampus aber zum ersten Mal mitbekommen (nicht wegen mir) und da sah ich mich gezwungen, dieses Ritual zu erklären und begann automatisch, richtig über diese Tradition zu schimpfen und den Kindern klar zu sagen, was für ein dummer Sch… das für mich ist.

Insbesondere, weil beide Kinder sofort Alpträume vom Krampus bekamen.

Manchmal feiern wir auch etwas, das andere nicht feiern. Einfach, weil es gerade passt und schön ist. Den ersten warmen Frühlingstag zum Beispiel.

Oder wir backen gemeinsam einen Kuchen, dekorieren schön und feiern uns selbst. Oder wir feiern ein Verkleidungsfest. Einfach weil die Kinder sich gerne verkleiden – vollkommen unabhängig von Fasching.

Das Tolle ist, dass jede_r von uns zu jeder Zeit etwas feiern kann. Ich habe das Gefühl, Kinder können das besonders genießen und wertschätzen, weil sie noch viel mehr im Moment leben und das Besondere im Kleinen sehen können. Kinder sind auch noch viel freier darin, Feste zu interpretieren oder verschiedene Perspektiven zu einer Sache normal zu finden.

Der ganze „das ist normal und gehört so und so gemacht“ Sozialisationsprozess ist noch nicht so weit internalisiert, dass es für sie genauso normal ist, etwas vollkommen anders zu machen. Das hat es uns im Grunde dann schlussendlich doch sehr leicht gemacht. Wir feiern, weil feiern schön ist. Wir erklären und entscheiden selbst. Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Und die Kinder erleben viele Blickwinkel und Perspektiven, kennen sich aus und dürfen mitbestimmen.

Und wenn uns ein Ritual nicht mehr gefällt, wie wir es handhaben, dann ändern wir es eben (wie die Menschen es im Grunde schon immer getan haben).


Beitrag erschienen in: rituale.

Lisa, Mama von 2 (bald 3) Kindern, Soziologin, Geschlechterforscherin, In-Frage-Stellerin und Grenzgängerin

Beitragsbild: © Lisa, Rahmen: umstandslos.
Bilder im Beitrag: © Lisa

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Ein Kommentar

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