Kleine große Nebenbei-Rituale im Alltag mit Kindern

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Kinder brauchen Rituale. Aber wenn Eltern im Alltag streckenweise wie vor einem fahrenden Zug dahinhetzen, um irgendwie weitermachen zu können. Wenn abends die Energie nicht mehr zum Buch-Vorlesen reicht oder wenn das Zähneputzen vom liebevollen Ritual zum Kräftemessen wird. Ja, dann kann das Wissen um die Bedeutung von Ritualen im Leben von Kindern ganz schön Druck aufbauen. Unsere Autorin macht sich in ihrem Text gemeinsam mit unseren Leser_innen auf die Suche nach den vielen kleinen Ritualen, die trotz allem da sind, auch wenn sie sich in ihrer Individualität oder Beiläufigkeit ziemlich gut verstecken.

von Cornelia

Der Druck auf Eltern kommt manchmal mit dem Vorschlaghammer daher. Und manchmal schleicht er sich ganz leise auf Zehenspitzen an und sammelt sich im Laufe der Zeit schwer auf unseren Schultern. Besser gesagt, auf den meinen. Rituale sind meine Achillesferse. Ich mag sie sehr und hätte gerne mehr davon. Besonders für mein Kind. Aber dann gibt es Tage und Wochen und Monate, an denen wir ständig im Ausnahmezustand sind. Es ist ein Gehetze und Organisieren. Ein Streiten und ein Ächzen. Es gibt kaum gemeinsame Mittagessen, eine Netflix-Serie zum Einschlafen und schnelles Duschen statt gemeinsames Bad-Geplantsche. Und auch wenn sich das nicht zwangsläufig schlecht anfühlt und ich manchmal die vollen Tage mag, schleicht sich in dunkleren Momenten das schlechte Gewissen mit seiner bitteren und unnachgiebigen Fratze an. Aber. Aber. Kinder. brauchen. Rituale. Hämmert es mir dann stumm ins Ohr.

Anstrengender Ritual-Imperativ

Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, erinnere ich mich an viele Rituale. Die Gedanken daran wärmen mein Herz. Auch jetzt im Erwachsenenalter. Kinder brauchen Rituale. Ja, ich stimme diesem Stehsatz unbedingt zu. Als meine umstandslos-Kolleginnen und ich diese Ausgabe geplant und vorbereitet haben, merkten wir im Gespräch, wie anstrengend dieser Ritual-Imperativ auch sein kann. Nämlich dann, wenn man – so wie manche von uns – das Gefühl hat, dass in dem eigenen Alltagsdurcheinander kaum Platz und Nerven für ritualisierte Abläufe ist. Nicht selten gehen die klassischen Rituale wie Zähneputzen, Gute-Nacht-Geschichte oder Verabschiedungsmomente in Gezanke, Hektik, Gereiztheit und Stress unter. Für große Rituale wie gemeinsame Mahlzeiten ist zumindest an Wochentagen kaum Platz.

Wenn (beide) Eltern berufstätig und abends müde sind, bleibt als Struktur leider oft nur die Kinderbetreuungsorganisation. Oder? Nicht ganz.

Wir haben ein bisschen genauer hingeschaut und im Austausch entdeckt, wie viele kleine Rituale unseren Alltag mit Kind(ern) trotzdem prägen. Das gemeinsame Blumengießen, das Geplauder während des Toilettengangs, die immergleichen Begrüßungsdialoge beim Aufwachen, das gemeinsame Sendung-mit-der-Maus-Schauen am Sonntagabend. All das sind auch Rituale, die „zählen“. Sie geben Halt und schaffen Kontakt. Es sind genauso Rituale, die Ängste reduzieren können, Ordnung und Orientierung schaffen und bei der Bewältigung von Krisen helfen können.

Kleine und große Rituale. Bekannte und unbekannte.

In den sozialen Netzen (Facebook und Twitter) haben wir euch nach den täglichen Ritualen mit euren Kindern gefragt und eure Antworten gemeinsam mit denen von unseren Autor*innen und uns selbst gesammelt, um sichtbar zu machen, was manchmal ganz selbstverständlich passiert.*

  • Wir versuchen jeden Morgen gemeinsam zu frühstücken. Auch an den Tagen, an denen ich früher los muss, versuch ich mich zumindest eine Minute da hinzusetzen und einen Saft/Kakao/Tee zu trinken.
  • Jeden Tag läuft die Verabschiedung im Kindergarten so ab:
    • Kind 1: „Du kommst uns holen?“
    • Ich: „Ja, ich komm euch dann holen.“
    • Kind 1: „So früh wie möglich.“
    • Ich: „Genau, so früh wie möglich.“
  • Gemeinsames baden und waschen am Abend mit mir, meinen Mann und dem Baby im Badezimmer!
  • Bei jedem Klogang leise ein „Ich hab dich lieb“ geflüstert bekommen.
  • Gemeinsam zu Schnipo Schranke tanzen und neue Wörter entdecken (erklären und möglicherweise auf die „nicht so toll für den Kindergarten“-Liste setzen).
  • Mit heruntergeklapptem Handschuhfach-Deckel morgens gemeinsam mit dem Copilot im „Jet“ zum Kindergarten.
  • Lauthals bei Led Zeppelin mitgrölen.
  • „Ich seh‘, ich seh‘, was du nicht siehst“ in der Bim spielen.
  • Am Weg in den Kindergarten alle Motorräder kommentieren.
  • Wenn wir zu Fuß unterwegs sind: vom Kindergarten nach Hause immer eine Stunde lang schlendern und alles intensiv besprechen.
  • Dienstags immer gemeinsam auf den Bauernmarkt gehen.
  • Die Hand halten beim Klogehen und das „Gaga“ besingen.
  • Beim Heimkommen „wer sich als ersters ausgezogen hat“ spielen.
  • Das Kind darf die Zahnpasta selbst auf die Zahnbürste geben.
  • Zum Schlafengehen wortwörtlich ins Bett hüpfen.
  • Der/die Erwachsene legt sich beim Bettbringen gemütlich am Bodenbett zum Kind und erzählt noch etwas von den Fantasie-Freund_innen und was die tagsüber so erlebt haben.
  • Morgens die Blumen am Fensterbrett begrüßen.
  • Ein freundliches „Guten Morgen“ und fragen, wie der Schlaf war.
  • Gemeinsames Frühstücken und besprechen, was wir an diesem Tag vorhaben.
  • Ein Bussi zu jedem Abschied.
  • Verschiedene Zöpfe flechten und ihnen Fantasie-Namen geben. Aktueller Hit: der 3D-Zopf von Astrid aus „Drachen zähmen leicht gemacht“
  • Hintereinander am Randstein vom Kindergarten bis heim balancieren.
  • Guten Morgen sagen, Zähne nachputzen, Gesicht eincremen, singen, gemeinsam Tischdecken, Klo putzen, vorlesen, Gute-Nacht-Kuss …
  • Jeden Abend gemeinsam vor dem Einschlafen überlegen, was heute am schönsten war. Lässt alle zufriedener den Tag beenden.
  • Am Weg zum Einkaufen gemeinsam über jede Linie am Gehsteig hüpfen.
  • Nach einem Streit im Zuge der Versöhnung das jeweils unterschiedlich große und schwere „Wut-Monster“ aus dem Fenster katapultieren.
  • Jeden Abend ins Bett kuscheln und lesen. Jeden Morgen und Abend gemeinsam am Tisch essen.
  • Absurde und lustige Kosenamen durch Abänderung der letzten Silben vom Namen füreinander erfinden.
  • Dem Kind beim Abschied eine unsichtbare Mega-Menge Bussis in die Jackentasche stecken, damit es genug für den Tag hat.
  • Jeden Abend wird noch (mindestens) ein Buch gelesen und wir bleiben neben dem Bett sitzen, bis der Zwerg schläft. Und jeden Morgen krabbelt er zum Kuscheln zu uns ins Bett. Er ist auch meist derjenige, der das Licht anmacht, weil genug gekuschelt wurde und ‚alle wach‘ sind.
  • Beim Einkaufen gibt es für das Kind meistens eine Breze/Weckerl/Banane.
  • Beim Abendessen besprechen wir den Tag.
  • Diskutieren 🙂
  • Morgenkuscheln.
  • Jeden Tag „noch einmal drücken“ beim Abgeben im Kindergarten.
  • Beim Einschlafen, kuscheln  die Hand halten und ein „Ich hab dich lieb“.
  • Gemeinsam „Don’t stop believin'“ hören.
  • „Das kleine Ich bin Ich“ zum Einschlafen vorlesen. Das Kind schläft immer pünktlich zum Papagei ein.

Und was sind eure kleinen Rituale? Vielleicht erzählt ihr uns davon in den Kommentaren?


Beitrag erschienen in: rituale.

Foto: University of the Fraser Valley

* Die Kommentare wurden sorgfältig redigiert und bei Bedarf gekürzt/vervollständigt/usw.

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5 Kommentare

  1. – Morgens kitzelnd wecken
    – Unser selbst ausgedachtes Zahnputzlied (seit 3 Jahren jetzt bei JEDEM Zähneputzen) – argh!
    – Beim Kindergarten-Abschied vom Kind mit Anlauf rausgeschubst werden.

    • Sophie

      Wie geht das Zahnputzlied? 🙂

      • „Wir sind Karius und Baktus und wir haben einen Kaktus
        Wir feiern eine Party mit der lieben, lieben Kati
        Und wir machen noch und nöcher in die Zähne schöne Löcher
        Guck, ich hab hier Würste!
        Autsch, da kommt die Bürste, aua, aua!“ 😀 😀 😀

  2. Das klingt sehr lieb. Ich bin selbst mit fast keinen Ritualen aufgewachsen und habe das immer sehr Schade gefunden. Noch habe ich keine Kinder, aber sollte das eines Tages so sein, so hoffe ich, dass ich solche oder ähnliche Rituale einführen kann, da ich glaube das sie eine wichtige Rolle spielen.

  3. Klingt für mich alles nach einer schönen Liste, warum der Alltag mit Kindern voll Spaß macht ❤

    Bei uns gehört (noch in der Elternzeit) dazu: ein gemeinsames Morgenschläfchen; das laute 1-2-3 bevor die Manduca auf den Rücken geschwungen wird; der gemeinsame Apfel beim Frühstück; der "shake the baby"-Tanz, wenn es in der Manduca rumort, das gemeinsame Zähneputzen natürlich…

    Und dann gibt es ja noch die Rituale, die das Baby einführt, und die vielfach so mittel toll oder gar verboten sind, aber nicht weniger wichtig (und auch süß): An der Lichterkette rütteln, bis die Dekokugeln runterfallen; von jeder Zimmerpflanze einige Blätter abrupfen; die Waschmaschine eingehend untersuchen; beim in die Manduca gepackt werden an Mamas Haaren ziehen; das kämpferische Auflachen, wenn die Brust (endlich) zu haben ist; einmal auf das Handy beißen, wenn es zu erwischen ist; Lebensmittel, die man nicht mehr braucht, auf den Boden werfen; sich kurz vor dem Schlafen gehen immer wieder in die Kissen fallen lassen; nach Hause kommende Elternteile mit breitem Lachen begrüßen und sich so groß wie möglich machen; eine Mahlzeit damit zu beenden, auf den Tisch zu krabbeln…

    …mir scheint, wir machen uns alle zu viele Sorgen. Die Kinder sorgen schon für ihre Rituale 🙂

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