Über die Abwesenheit von Ritualen

Wie geht eins damit um, wenn religiöse Rituale für Freund*innen sehr wichtig sind, während eins selbst Atheist*in ist? Und wie reagieren Kinder, in deren Leben der Glaube an einen Gott nie eine Rolle gespielt hat, auf die kirchlichen Rituale? In ihrem Text erzählt unsere Autorin von ihren Erfahrungen.

von Eva

Eine gute Jugendfreundin ließ ihre Kinder katholisch taufen. Ich fuhr mit meinem fünfjährigen Sohn R. übers Wochenende hin. Die Taufe fand in einer schönen alten Kirche in einem schönen alten Dorf statt. Es war Vorfrühling, die Sonne schien, und neben den Erwachsenen waren Scharen von kleinen Kindern gekommen.

Wir setzten uns in eine der hinteren Reihen. Warum? R. ist nicht groß im lange Stillsitzen. Und dann hatten wir noch dieses Gespräch auf der Hinfahrt:

R: Mama, was ist eigentlich eine Taufe?

Ich: Leute, die an den christlichen Gott glauben, wollen damit zeigen, dass ihre Kinder auch zur christlichen Kirche gehören. Die wollen, dass ihre Kinder dann auch an ihren Gott glauben. Dazu schütten sie den Kindern ein bisschen Wasser über den Kopf.

R: Aber es gibt gar keinen Gott! Das ist doch nur eine Quatschgeschichte! So wie der Weihnachtsmann! Wenn die daran glauben, sind die ganz schön doof!

Ich: Äh – stimmt, es gibt keinen Gott. Aber wenn andere Menschen daran glauben, dass es einen gibt, musst du mit ihnen respektvoll umgehen. Verschiedene Leute glauben halt verschiedene Sachen. Wenn wir auf der Taufe sind, darfst du auf keinen Fall etwas Gemeines über Gott und den Glauben sagen! (In Gedanken: Oje, wir setzen uns lieber ganz nach hinten, wer weiß, was das Kind sonst dem Pfarrer erzählt.)

Mein Mann und ich sind beide ungläubig, wenn auch mit unterschiedlicher Festigkeit der Überzeugung. Der christliche Glaube, und damit christliche Rituale, kommen bei uns zu Hause nicht vor. (Weihnachten und ähnliches begehen wir ganz säkular.) Ich habe mit den Kindern zwar mal eine Kinderbibel gelesen und versuche, ihnen die Basics darüber zu vermitteln, wie das mit der Kirche funktioniert. Aber die üblichen Rituale, die eine christliche Familie hätte – kirchliche Hochzeit, Taufen, Kommunion oder Konfirmation, regelmäßige Besuche von Gottesdiensten, sind ihnen völlig fremd.

Ich selbst kenne das alles aus meiner eigenen Kindheit, da meine Mutter bis zu meiner Konfirmation mit mir das volle evangelische Programm durchgezogen hat. Passend zur Zeit der Konfirmation verlor ich völlig meinen Glauben. (Aus mehr oder minder feministischen Gründen – ich fand, an einen Gott, bei dem Frauen nicht in wichtigen Positionen vorkommen: Gott, Gottes Sohn, Jünger, …, brauche ich nicht zu glauben. Und mit irgendwelchen anderen Gött_innen habe ich nie angefangen. Das Konfirmationsfest habe ich letztlich nur meiner Mutter zuliebe und für die Geschenke mitgemacht, im Rückblick ziemlich schräg.) Auf die weiteren Übergangsriten-mäßigen kirchlichen Rituale habe ich verzichtet: Geheiratet habe ich nicht-kirchlich und mit Minimalaufwand aus rein rechtlichen Erwägungen; an Taufe nie gedacht; Kommunion oder Konfirmation steht ganz klar nicht auf dem Plan. Für mich ist diese Abwesenheit von Großritualen stimmig. Zum einen sagt mein Bauchgefühl dazu „spießig!“; zum anderen fände ich es nicht authentisch, nicht dran zu glauben, aber die christlichen Rituale mitzunehmen.

Ein komisches Zwischenresultat ist, dass beide Kinder extrem wenig Verständnis oder Einfühlungsvermögen gegenüber gläubigen Menschen haben, und das, obwohl ich mit ihnen darüber spreche, dass sie bei diesem sensiblen Thema rücksichtsvoll sein müssen. Meine Tochter drückt zum Beispiel ihren christlich-gläubigen Freundinnen aufs Auge, dass es gar keinen Gott geben kann. Denn sonst müssten wir ja seine Wäscheleinen im Himmel sehen. Ich finde mich in der Position, ihr erklären zu müssen, dass sie, genauso wie ihre Freundinnen, ziemlich unreflektiert das übernimmt, was ihre Eltern ihr als die Tatsachen vorsetzen. (Und so funktioniert das bisher erstaunlicherweise tatsächlich: Keines der beiden Kinder macht Anstalten, die Existenz irgendeiner Göttin oder irgendeines Gottes in Erwägung zu ziehen.)

R. und ich saßen also relativ weit hinten, und ich stellte mich darauf ein, ihn in der nächsten Stunde regelmäßig ermahnen zu müssen, damit er die Taufe nicht stört. Das war aber gar nicht nötig. Zwischen dem Verlesen des „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“ und den üblichen Fürbitten wurde es immer wieder spannend: Für jedes einzelne Kind hatte der Pfarrer den/die passende/n Namensheilige_n herausgesucht, und jedes Kind durfte sich melden, wenn sein/e Heilige_r genannt wurde. Das Taufwasser wurde geweiht mit gefühlt zehn Minuten filmreifem Singsang. Am Ende durften die Kinder bei der Taufe helfen und R. durfte zu seiner großen Freude das Handtuch zum Abtrocknen der getauften Kinder halten. Daher dachte er auch gar nicht mehr daran, sich über die komischen Christen zu wundern. Ich für meinen Teil war fasziniert von diesem Gottesdienst zum Anfassen und Mitmachen – vielleicht lag es daran, dass der Katholizismus (angeblich) weniger verkopft ist als der Protestantismus? Die Tauffeier danach war auch sehr schön. Insbesondere sah ich einige meiner engsten Jugendfreundinnen wieder, die ich sonst vielleicht noch einmal im Jahr zu Weihnachten treffe, und wir nutzten die Chance, uns gründlich auszutauschen.

Wie gut ist es dann in der Gesamtbilanz, auf die großen christlichen Rituale zu verzichten? Gleichzeitig klar zur eigenen atheistischen Überzeugung und Praxis zu stehen und die Kinder zu Respekt gegenüber anderen Lebensweisen zu erziehen, ist eine Herausforderung, die sich aber, glaube ich, meistern lässt. Doch es gibt weitere Kosten: Die alte Freundin, die ihre Kinder taufen ließ, ist die einzige aus unserem Freundeskreis, die groß geheiratet und Taufe gefeiert hat. Alle anderen haben darauf verzichtet (so sie überhaupt geheiratet oder Kinder bekommen haben). Dementsprechend war ich ziemlich selten auf solchen Festen. Es fehlt mir diese Gelegenheit, alte Freund_innen unkompliziert, da im Rahmen fester Rituale wiederzusehen. Stimmig oder nicht, das scheint mir der größte Verlust beim Verzicht auf die christlichen Großrituale zu sein.


Beitrag erschienen in: rituale.

Beitragsbild: © Anna Lisa Chang

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