Lilium Rubellum. Über den Verlust eines Kindes.

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von Catherine

 

Kathrin Schadt hat ein Buch über ein schwieriges Thema geschrieben. Genauer über mehrere schwierige Themen. Sie erzählt in Lilium Rubellum von einer ungewollten Schwangerschaft, die zu einer gewollten wird, um dann im Tod des anhand von pränataler Diagnostik als nicht lebensfähig eingestuften Kindes zu enden. All das schildert sie in einer poetischen, ganz eigenen Sprache.

Wir begleiten die Protagonistin des Buches dabei, wie sie und ihr Partner langsam und zaghaft eine Beziehung zum werdenden Wesen im Mutterleib aufbauen, sich tastend mit der Idee vertraut machen, von nun an drei zu sein und nicht mehr zwei. Und wir begleiten sie dabei, wie die Idee dieses Drei-Seins in der 2o. Schwangerschaftswoche jäh zerschmettert wird bei einem Vorsorgetermin, bei dem klar wird, „dass etwas nicht stimmte“ (S.46).

Die Autorin beschreibt in Folge drei mögliche Szenarien vom Umgang mit der Diagnose, mit einem schwer behinderten Kind schwanger zu sein, die alle mit dem Tod des Kindes enden. Gemeinsam ist diesen Szenarien das Gefühl der Protagonistin allein zu sein mit ihrer Entscheidung, gleich welcher. Verzweiflung, Ratlosigkeit und Entfremdung von Partnerschaft, Welt und sich selbst prägen nach der Diagnose Gefühl und Verortung der Schwangeren. Auf sich selbst zurückgeworfen sucht sie Antworten, Hinweise für das, was richtiges Verhalten angesichts einer unmöglichen Entscheidung sein könnte, und findet sie nicht. Dass ein Kind, so klein, schon so krank sein kann, dass es nicht überleben wird, ist falsch; fühlt sich immer falsch an. Und auch, dass das Leben nach einem solchen Kind nicht mehr das alte ist, beschreibt Kathrin Schadt, dass da stets jemand neben einem ist, der fehlt. Dass die Welt kein sicherer Ort ist und aus den Fugen geraten.

Lilium Rubellum schildert all diese Erfahrungen und Erlebnisse in einer zarten, bildreichen, huschenden Sprache. Manche Bilder sind redundant, weil meiner Meinung nach nicht stark genug, um so oft aufgegriffen zu werden. Trotzdem ist es ein wunderbares, wichtiges Buch. Es stellt Fragen über den Wert medizinischen Fortschritts, über den Umgang mit Tod und Trauer, darüber, welchem Leben die Gesellschaft Platz gewähren möchte und welchem nicht. Und es tut das alles, ohne den Anspruch zu haben, Antworten liefern zu können. Indem die Erzählerin so nah bei der Schwangeren ist, wird ihr und ihrem Gedankenkarussell Raum gegeben, ohne, dass das Buch diskursiv wird. Indem verschiedenen Möglichkeiten für den Umgang mit der schweren Diagnose aufgezeigt werden, wird gleichzeitig klar, dass es hier keine richtigen und falschen Entscheidungen gibt, aber auch, dass diejenige Person, die dennoch entscheiden muss, dies meist ganz ganz allein tun muss.

Dass der Roman dennoch einen aufklärerischen Impetus hat, wird trotzdem deutlich. Er will enttabuisieren, benutzt medizinisches Vokabular, zeigt die einzelnen Schritte, die erfolgen, wenn ein Kind stirbt. Im Mutterleib oder außerhalb. Den Umgang mit dem toten Leben. Ein Glossar am Ende des Buches erklärt wichtige medizinische Begriffe, aber auch einige der von der Autorin gewählten Bilder. Literatur- und Filmverweise geben die Möglichkeit, sich weiter in bestimmte Aspekte des Themas zu vertiefen. Sich zu wappnen oder in Kontakt zu treten.

 

Kathrin Schadt: Lilium Rubellum. Edition Voss im Horlemannverlag. 2014

Ein kostenloses Rezensionsexemplar wurde umstandslos vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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Erschienen in: weiter.machen

Umschlagbild: Verlag Horlemann. Rahmen umstandslos

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