Von Einhörnern und Kakao

EinhornWie leben, wenn das Kind vor der Geburt gestorben ist? Wie umgehen mit Schmerz, Trauer, Wut und Alltag? Weitermachen. Sagt unsere Autorin.

 

Von M.

Das Einhorn und das Herz

Ich habe mir ein Einhorn tätowiert. Auf meinen Bauch. Dort, wo vor einem Jahr mein Sohn gestorben ist. Ich habe mir auch ein Herz tätowiert, aufs Herz:

I carry your heart with me, I carry it in my heart“

Erinnerungsorte auf dem eigenen Körper. Wie geht das Weitermachen, wenn das Kind stirbt, in mir drinnen? Wie meinen unfassbar niedlichen kleinen J. auf die Welt bringen und wissen, dass es bei der Geburt still sein wird?

Ich bin jetzt hier, in meinem Zimmer, in unserer Partnerschaft, in meinem Job, mit den Mitbewohner*innen, ein Jahr danach. Ich hab weitergemacht. Ich hab weder meine Beziehung noch mein privates oder berufliches Umfeld in die Luft gesprengt in den harten Tagen an denen ich außer mir war vor Trauer. Ich hab die ganz finsteren Stunden überstanden ohne wahnsinnig zu werden oder mich aus dieser Welt zu verabschieden. Irgendwie war immer was. Ich musste vom Weinen husten, das Telefon hat geklingelt, die Elstern auf dem Balkon haben ein riesen Theater gemacht, meine Mitbewohnerin wollte mit mir rauchen. So Leben halt.

Schönes suchen. Auch Banales

In den ersten Tagen und Wochen habe ich mich am Schönen festgehalten. Am Anfang hatte ich nur die Kraft, das Schöne im Kleinen zu sehen. Der Sternenhimmel, ein Sonnenaufgang, eine Katze im Fenster des Cafès, der schlafende Liebste neben mir. Ich habe mich mit schönen Dingen umgeben, Blumen, immer brannten Kerzen, ich hab zum ersten Mal den Schmuck meiner Großmütter getragen. Wir haben die Geburt so schön es im Krankenhaus eben geht gestaltet, mit einem Zimmer voller blühender Blumen, mit schönen Gedanken, mit Liebe. Die Aufbahrung des Körbchens war wunderschön, ein blühender Garten der ersten Frühlingsblumen. Die Erinnerungen sind traurig, aber auch sehr schön. Es hatte etwas sehr tröstliches, dass wir alles so persönlich und schön gestalten durften zwischen Tod und Einäscherung. Ich habe mich dabei wieder handlungsfähig gefühlt; noch etwas Schönes für mein Kind tun zu können.

Und dann, als die ersten Wochen überstanden waren hab ich mich auch an harmlosem Quatsch festgehalten. Einhorn-Salzstreuer kaufen, Gilmore Girls gucken, Katzen-gifs, Twilight-Saga lesen. Ich habe gelernt, dass Ablenken mit trivialem Käse okay ist. Ich muss nicht den ganzen Tag entweder in Trauer außer mir sein oder Anforderungen von Beziehungen, Beruf und politischem Selbstanspruch genügen. Ich kann mich einfach mit Kakao in den Sessel lümmeln, gnadenlos Vampir-Bücher lesen und generell klarkommen.

Wie macht man weiter, wenn man ein Kind erwartet und sich auf Elternzeit und Kindergebrüll gefreut hat und nun vor dem Nichts steht?

Trauer nimmt sich ihren Raum

Mir war vorher nicht klar, wie hart so ein Trauerjahr sein kann, aber auch wie schön, lustig und banal. Ich hatte krasse Tiefs, aber ich hatte auch sehr viele wunderschöne und sehr lustige Momente, und ziemlich viele ziemlich normale. Ich hab gelernt, das zu akzeptieren. Ich darf weinend auf dem Boden liegen, aber ich darf dann auch lachen, wenn mir die Tränen in die Ohren laufen. Und ich darf auch genervt sein, wenn der Putzplan mal wieder hakt oder ich mit einkaufen dran bin. Wenn ich besonders schöne Dinge sehe wie einen wilden Wasserfall mit Regenbögen, dann muss ich an mein Kind denken und werde traurig. Aber der Moment und der Gedanke an J. ist auch schön, was mich dann traurig und glücklich gleichzeitig macht. Und dann macht mein Gehirn „AAAAaaah“ und ich singe mit dem Lieblingsmenschen zu 90’er Trash-Songs aus dem Radio.

Ich hab gelernt, dass ich zwar keine Kontrolle über Leben und Tod und die Trauer habe, aber dass ich den Rahmen selbst gestalten kann. Wir standen von einem Moment auf den anderen vor einem leeren Jahr, in dem wir nicht mit Kind reisen oder im Familienbett Windeln wechseln werden. Das Bild von diesem Jahr als schwarzes Loch war beängstigend. Aber was wäre, wenn das Jahr ein weißes Blatt Papier wäre? Wir haben versucht, so viele schöne Dinge und auch lustige leichte Dinge wie mögliche zu planen und zu machen, denn die schwarzen Löcher kommen ganz von selbst, die Trauer nimmt sich ihre Momente. In den ersten Tagen waren es Spaziergängen in der Sonne, dann nach der Trauerfeier ein Wochenende am Meer mit Schmerz herausschreien am Deich und Besuch der Seehund-Station, ein Trip nach Südeuropa als Trauerzeit und zum Delfine-gucken. Zum ersten Jahrestag von J.‘s Tod/Geburt waren wir auf einer Insel, haben am Meer an unseren Sohn gedacht und am Kamin wilde Kniffelduelle ausgetragen.

Aushalten, weitermachen, Netflix, aushalten, weitermachen, Vampirbücher. Ich hab viel Kraft und Zeit für dieses Jahr gebraucht, einen Halbtagsjob statt Vollzeit und einen Netflix-Account. Niemand kann die Trauer und den Schmerz wegmachen, aber es wird einfacher. Die Zeit ist meine Verbündete. Sie hat dem Schmerz im letzten Jahr die spitzen Kannten abgeschliffen, wie das Meer mit der Zeit aus einer gefährlichen Glasscherbe einen schönen bunten Stein schleift. Wenn ich an die erste Zeit denke, wenn ich an unser Leid denke, schneidet es mir nicht mehr so tief in die Brust, dass ich schreien möchte. Ich erinnere mich inzwischen gern an die vielen schönen und lustigen Momente. Davon gab es von Anfang an einige, und sie sind immer mehr geworden, je mehr Zeit und neue schöne Erlebnisse dazugekommen sind. Ich schaue auf meinen Bauch und sehe nicht mehr all die schlimmen Momente vor mir sondern ein Einhorn und dann denke ich an all das Schöne und die Liebe und dass es okay ist.

 

Durch die eigene Geschichte erzählen mir viele Menschen über ihre Verluste und die Verluste ihrer Freund*innen und Freunde. Ich möchte jede einzelne trauende Eltern* in den Arm nehmen und sagen, dass es besser wird. Dass Trauer sich verändert, einfacher zu ertragen wird mit etwas Zeit und Raum. Und dass manchmal, wenn weitermachen nicht mehr geht, das Aushalten okay ist. Einfach aushalten, nicht dagegen ankämpfen, weinen bis alles leer ist. Und dann einen Kakao holen und einfach eine Wohlfühlserie schauen und sich in den Arm nehmen lassen. Nichts leisten wollen, nichts machen müssen. Und ich möchte sagen, dass es Hilfe gibt, dass es fast in jeder Stadt Menschen gibt, die bei Verlusten helfen können. Sei es eine Hebamme, eine Trauerbegleitung, etwas spirituelles, etwas psychologisches, whatever. Jede braucht etwas anderes, aber es gibt Hilfe.

Ich wünsche mir, dass alle Frauen* und Männer* den Raum, das Verständnis und das Vertrauen bekommen, dass sie für sich einen Weg finden können, wie sie weitermachen wollen und können.

 

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Erschienen in: weiter.machen.

Illustration: Die Autorin. Rahmen: umstandslos.

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Ein Kommentar

  1. So ein schöner, positiver, lebendiger Text voller Liebe zu eurem Kind und zu euch und dir – eine (Charakter-) Stärke, dieses Schicksal aktiv anzunehmen und Teil des Lebens werden zu lassen.

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