Familienarbeit essen Kunstarbeit auf

 

susikrautgartner

Kindumsorgen und Kreativarbeiten schliessen sich gegenseitig aus, findet Susi Krautgartner. Und es ist die fehlenden Ruhe zum Arbeiten, die unzufrieden macht.

 

von Susi Krautgartner

 

Meistens wache ich schon wütend auf mit tief eingegrabenen Sorgenfalten und denke mir: „Verdammt! Meine Ideen versickern im Äther des Nirgendwos!“ Das ärgert mich so sehr, dass ich meine Grummellaune und mich gleich hinter dem Laptop mit einem Napf Müsli und einer Tasse Jasmintee verstecke. Zum Glück übernimmt den Frühstücks-Service unseres Kleinkinds mein Mann – ich bin vor dem Frühstück nämlich eine Art Halbmensch – halb Mensch, halb Schatten meiner Selbst. Nach dem Frühstück nehme ich mir jeden Tag vor heute das perfekte System zu erfinden, wie man künstlerische Ideen konservieren kann für den Tag X. Wie ein Bündel Eizellen, die in eisiger Frische auf Ihren großen Auftritt warten.

Zum Kreativarbeiten brauchts Ruhe. Und Zeit.

Mit meinen Ideen ist so etwa wie mit einem Tetris-Spiel. Die fallenden Steine gehören sortiert und gedreht und in das Gefüge der bestehenden Ideen eingegliedert. Alles andere ist höchst unbefriedigend. Das Gefühl die einfallenden Ideen nicht bearbeitet zu haben ist in etwa so als hätte man ständig wichtige Gegenstände verlegt ohne sich an die Gegenstände selbst zu erinnern. Das erzeugt ein permanentes schlechtes Gewissen und das Gefühl etwas tun zu müssen, ohne zu wissen was. Früher oder später blockiert auch alles und der nichtgepflückte Tetrissalat führt unweigerlich zum Game over – Tonne voll – Kanne leer – Tilt. Wirklich nur die manchmal so genial guten Momente mit meinem Kind und meinem Lebensmenschen hintern mich daran nicht vollends aus der Haut zu fahren im Angesicht dieses scheußlichen Zustands der Ideenvergeudung.

Familienarbeit nervt

„Warum coachen Sie sich nicht selber in eine daseinsoptimierte, achtsam-lustvollere Lebenssituation, gute Frau?“ Zugegeben Zynismus ist schon ein schönes Laster, aber selbst das macht keinen Spaß, wenn man sich aus Panik vor dem künstlerischen Exitus plötzlich selbst ernst nimmt. Die Ursache für mein Staudammsyndrom? Lebensführungsarbeit, Beziehungsstress, Erziehungsbemühungen, unendlich viele Kleinkramerledigungen, Rechnungen, Arzttermine, Steuern und so weiter und so weiter. Dabei bin ich so weit von Perfektion im Haushalt entfernt wie nur möglich, das alltägliche Leben treibt mich dennoch vor sich her. Sisyphos par excellence oder Hamsterrad deluxe und die scheinbare Unmöglichkeit mir neben dem ganzen Wahnsinn noch Zeit freizuschaufeln für die Ideen, die mir im wahrsten Sinn „ein-fallen“.

Leider bin ich nicht die Art Künstlerin, die mit Kaffeehäferl in der Hand, Kind in der anderen, Telefon in der einen und Pinsel in der nächsten … Moment mal … ja eben, ich bin eben nicht die geborene Gleichzeitigcheckerin, das macht mir fahrig und schlampig, auch wenn schlampige Kunst ja oft gut ist, so arbeite ich halt nicht. Der Versuch in ein paar Restminuten in einen komplexen künstlerischen Arbeitsprozess einzutauchen gleicht der Jämmerlichkeit einer kurzen Schnorchelexpedition, während der schillernde und mit Schätzen gespickte Boden des Meeres nur mit Tiefseetauchen erkundet werden kann. Bin ich dazu bestimmt die nächsten Jahre anderen zuzusehen, wie sie ihre Arbeit weiter vorantreiben während ich kaum schaffe mein Werk zu verwalten, geschweige denn eine neue Richtung einzuschlagen?

Hoffen auf außerhäusliche Betreuung

Ich stelle mir vor, dass es unweigerlich zu entweder einer großen Explosion kommen wird, wo ich einem scharfen Kotzstrahl gleich alles aus mir rausschießen muss, was sich da die letzten beiden Jahre angestaut hat. Das zweite Szenario ist die Implosion, die zum schwarzen Loch führt und meine künstlerischen Persönlichkeitsanteile für immer in den letzten Winkel meiner Seele verfrachtet. Die Zeit wird zeigen ob ich durch funktionierende außerhäusliche Betreuung diese beiden zugegeben etwas dramatisch skizzierten und durchaus malerischen Szenarien verhindern kann – es gibt genug gescheiterte KünstlerInnen-Existenzen. Ich wünsche mir halt sehnlichst endlich wieder in einen Arbeitsmodus zu finden, der mich rund macht! Eine gute Freundin und großartige Künstlerin rät mir stark zu möglichst baldiger, verlässlicher und langer außerhäuslicher Betreuung. Sie ist sich sicher, dass das meine Situation drastisch verbessern wird und hier die Ursache allen Übels liegt, dass es nicht an mir liegt und ich bin geneigt ihr absolut zu glauben! Diesen unbefriedigenden Ist-Zustand werde ich jedenfalls nie vergessen und ich hoffe auf eine Megaideenwelle, sobald das mit der Betreuung klappt, auf der ich durch meine nächste Schaffensphase reiten kann. Ich schicke euch dann von da oben eine Postkarte, versprochen.

 

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Erschienen in: weiter.machen

Susi Krautgartner ist auch zu finden auf facebook und hier

Bild: Susi Krautgatner (mit allen Rechten). Rahmen umstandslos

 

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2 Kommentare

  1. Ich kann es soo gut nachempfinden. Alleinerziehend, beruflich selbstständig und dazu chronisch krank – ich hatte irgendwann eine körperlich schmerzende Sehnsucht nach meiner Kunst.

  2. Hat dies auf Dr.Mama.Arbeitstier. rebloggt und kommentierte:
    Ja, ja und ja …

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