Leben im Kampfmodus

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Kind, Uni, Lohnarbeit, Trans*Elternschaft und Neurodiversität – Noams Text erzählt von einem Leben mit dunklen Stunden und schweren Lernprozessen, aber auch von der Freude darüber, weitergemacht zu haben. 

von Noam

Wie viele andere in meinem Leben kämpfe ich hauptsächlich mit depressiven Episoden, manchmal rutscht meine Stimmung jedoch auch in das genaue Gegenteil. Ich werde sehr energetisch und halte mich selbst für einen der spannendsten Menschen, der auf Erden wandelt. Meist sind diese Phasen leicht genug, so dass sie mir vor allem das Leben erleichtern. Manchmal führen sie aber auch dazu, dass ich zu viele Projekte anfange und alle davon sind wichtiger als meine eigentlichen Verpflichtungen.

Ich bleibe danach ausgebrannt zurück, da ich mir keine Ruhezeiten gönne bzw. glaube, keine zu brauchen. Richtig anstrengend wird es jedoch, wenn Energie und Depression aufeinander treffen. Die Gedanken sind zu laut und zu schnell, gefüllt mit Albträumen. In meinen schlimmsten Zeiten hatte ich das Gefühl nur noch in meinen Gedanken zu existieren, während sich darin fünf Menschen miteinander stritten. Unkontrollierbar und nicht zu entkommen.

Wie eine kalte Hand mein Herz umfasst hat, als ich erfahren habe, dass dieser Bauch, den ich angeschrien und geschlagen hatte, Leben enthält, werde ich nie vergessen.

Wegen dieser Schwankungen studiere ich nun schon seit neun Jahren das gleiche Fach. Im Bachelor. Gerade zu früh aus dem Urlaubssemester wegen Depressionen zurück, fast wieder im Unialltag angekommen, werde ich auch schon ungeplant schwanger. Mir hat früher niemensch gesagt, dass ich wegen meiner Essstörung eine Schwangerschaft übersehen könnte, aber wer denkt auch an so etwas. Genauer gesagt: Ich war es inzwischen gewohnt, dass meine Periode alles andere als periodisch kam und Körperveränderungen, vor allem wenn sie einen wachsenden Bauch beinhalten, mussten aus Selbstschutz ignoriert werden. Wie eine kalte Hand mein Herz umfasst hat, als ich erfahren habe, dass dieser Bauch, den ich angeschrien und geschlagen hatte, Leben enthält, werde ich nie vergessen.

So schön die restliche Schwangerschaft selbst war, so furchtbar war die erste Zeit danach. Hatte ich noch in meinem Glück der Geburt gedacht, mich hätte die postnatale Depression verschont, da holte sie mich auch schon ein. Zusammen mit der Anorexie und einer Wucht an Energie, die kaum auszuhalten war. Ich wollte mein Kind möglichst nah und möglichst fern von mir zugleich haben.

In der Zeit vor der Schwangerschaft musste ich entdecken, dass ich einige Traumata mit mir herumschleppe. Allerdings musste ich wegen der Schwangerschaft und dem daraus resultierenden Umzug auch meine Therapie abbrechen. Ich hatte einen heftigen Ekel vor den intensiven Berührung, die ein Baby fordert, vor diesem ständigen Körperkontakt. Ich fühlte mich gefangen, wollte schreien und meine körperliche Autonomität zurück.

Ich klammerte mich an den Gedanken an eine andere Zukunft (…) zurück an die Uni zu gehen und einen Job zu suchen. Beides war kein Garant für ein besseres Leben, aber es war eine Veränderung und das war wichtig.

Heute glaube ich, dass dieser Ekel und die heftigen emotionalen Reaktionen auf diese Abhängigkeit teilweise von den frisch geöffneten Traumawunden kamen. Was tun, wenn eins von einem Moment zum anderen von „Kuscheln ist nett“ zu „Fass mich nicht an“ schwankt? Wie das einem wenige Monate altem Kind erklären? So konnte das doch nicht ewig weitergehen? Ich klammerte mich an den Gedanken an eine andere Zukunft, reiterierte immer wieder den Plan, zurück an die Uni zu gehen und einen Job zu suchen. Beides war kein Garant für ein besseres Leben, aber es war eine Veränderung und das war wichtig.

Jetzt bin ich zurück an der Uni und ich habe einen Job. Je nach Stimmungslage stemme ich das neben Kind und Therapie ganz locker, oder schaffe nichts davon wirklich. Dank eines sehr flexiblen Vertrags kann ich mir viele Stunden anhäufen, wenn ich hypomanisch bin und dann mit besserem Gewissen weniger arbeiten, wenn die Depression winkt. Dass ich mir heute überhaupt erlaube, deswegen frei zu nehmen, ist eine große Errungenschaft für mich.

Sich nicht alleine fühlen ist eine große Kraftquelle.

Eines der wichtigsten Dinge, die ich für mich gelernt habe ist, mich nicht mehr zu verstecken. Heute suche ich bewusst den Kontakt mit Menschen, denen es ähnlich geht wie mir. Sich nicht alleine fühlen ist eine große Kraftquelle. Aber auch im Alltag gehe ich inzwischen mit vielem offener um, sei es das trans Thema oder aber meine Neurodivergenzen. Für mich persönlich ist Verstecken so viel anstrengender (geworden?) und ich sehe inzwischen einfach nicht mehr ein, warum mich das so viel Energie kosten sollte. Natürlich muss auch abwägen ob es mich z.B. meinen Job kosten könnte, aber soweit es geht, versuche ich offen und ehrlich zu sein.

Mein Leben war für mich zum großen Teil ein Kampf. Das bedeutet auch, dass ich konstant in einem unterschwelligen Kampfmodus bin und nie richtig zur Ruhe komme. Ich habe schlicht verlernt, nicht zu kämpfen. Darum fordere ich heute Alleinzeiten für mich ein. Ganz alleine, nur ich mit mir selbst. In dieser Zeit ist alles erlaubt. Egal ob ich hungere, alles esse, Serien schaue oder die Wohnung schrubbe. Um genug Kraft zu haben weiterzumachen, muss ich auch manchmal das Weitermachen pausieren. Gleichzeitig ist es sehr schwierig die richtige Balance zu finden.

Einem Bild der perfekten Kleinfamilie kann ich nicht entsprechen. Dafür bringe ich zu viel Ballast mit. Ich versuche nur meinem Kind, so weit wie möglich, das nicht alles aufzulasten. Ich möchte es aber auch nicht völlig davon auszugrenzen. Es ist okay, wenn Kinder lernen, dass manche Menschen mehr mit sich kämpfen als andere – wichtig ist aber vor allem, dass es nicht der Kampf des Kindes wird. Ich möchte möglichst ehrlich zu meinem Kind sein, ohne die Verantwortung abzuwälzen. Vielleicht ist es ja auch okay, wenn mein Kind sieht, wie es auch in schwierigen Zeiten Methoden gibt, sich selbst über Wasser zu halten.

All diese Kämpfe sind anstrengend und fühlen sich manchmal so unglaublich unfair an. Aber sie gehören zu mir. Sie machen mich zu der Person, die ich heute bin.

Uni ist für mich mit vielen Trauma verknüpft. Jede Klausurphase bedeutet für mich mindestens einmal Panikattake oder Nervernzusammenbruch. Wenn die Klausur hinter mir liegt, sehe ich wieder, dass der Stress nicht im Verhältnis steht, dass für ein Feedbackgespräch zu einem Projekt gebeten zu werden kein Grund für einen Meltdown ist. Während des Semesters kann ich mit der Anspannung, ständig Triggern ausgesetzt zu sein, noch umgehen, aber zum Ende des Semesters wird es einfach zu viel. Das ist jedes Mal eine Belastung für die ganze Familie. Was mir hier durchhilft, ist zum einen mein Trotz, aber auch der Gedanke, dass ich mein Studium jederzeit beenden kann. Noch eine Klausur, noch ein Semester. Wenns nicht klappt, kann ich ja immer noch aufhören. So hangel ich mich Stück für Stück durch, ohne wirklich noch an meinen Abschluss zu glauben.

All diese Kämpfe sind anstrengend und fühlen sich manchmal so unglaublich unfair an. Aber sie gehören zu mir. Sie machen mich zu der Person, die ich heute bin. Wenn ich mich in meinem Leben umschaue, bin ich froh immer weitergemacht zu haben. Ich bin froh, mein Kind kennen gelernt zu haben und es beim Erwachsenwerden begleiten zu dürfen. Ich bin froh, um all die tollen Menschen, die mein Leben inzwischen bereichert haben, die mir gezeigt haben, dass ich mich nicht verstecken muss.

Wenn ich so zurückschaue, sehe ich auf einmal, wie weit ich schon gekommen bin.

NOAM: 1988 geboren, überraschend aber glücklich Elter* seit 2013, neuroqueer und würde gerne Comics machen, hat aber nur Zeit für Skizzen auf kuchen, kex und krümel.


Beitrag erschienen in: weiter.machen

Beitragsbild: Ausschnitt aus „Erstaunlich“ von  Margret Hofheinz-Döring (Rahmen und Beschneidung: umstandslos)

 

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2 Kommentare

  1. Eva

    Danke für den superinteressanten Text und viel Kraft zum Weitermachen! Ich wollte vor allem sagen, dass ich deine Comics gerade gelesen habe und ganz toll finde. Ich finde, du solltest sie richtig ausarbeiten und als Buch veröffentlichen. Ich würde sie sofort kaufen!

  2. Pingback: Doing Family. Oder: Die Mutter, das Janus-Wesen | umstandslos.

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