Paddy Kelly in einer mit Mousse au Chocolat gefüllten Wanne – Strategien für schlechte Tage

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Es gibt gute Tage. Und manchmal gibt es schlechte Tage. Anne stellt Strategien vor, wie man diese quälenden und schwierigen Stunden mit und trotz Kinderbetreuungspflichten bewältigen kann.

von Anne

Es gibt sie, diese grauen Tage, durchzogen von schwarzen Schlieren und manchmal auch grellroten Blitzen. Dann habe ich schon morgens um 8 Uhr keine Lust mehr auf den Tag, manchmal auch gegen 6 Uhr, selten bereits kurz nach 4 Uhr. Die Gründe sind äußerst vielfältig: Häufig ist es Müdigkeit, manchmal sind es finanzielle Sorgen, Stress wegen irgendwelchen Fristen oder Terminen, Streit mit einer mir nahestehenden Person … und gar nicht mal so selten schlicht und ergreifend schlechte Laune.

Einfach so.
Weil deshalb.

Am besten täten mir dann Ruhe, Zeit für mich, Raum zum Trübsal-Blasen und Sinnieren.
Mit Kindern um mich herum und an mir dran ist das schwierig. Immer wieder aufstehen, abwischen, aufwischen, schmieren, füllen, leeren, weitermachen. Stunde um Stunde, der Blick wandert regelmäßig zur Uhr, ich zähle die Stunden, bis ich mich wieder unter die Bettdecke zurückziehen kann.

Um diese Zeit zwischen dem schlechten Erwachen und dem meist viel zu späten Einschlafen einigermaßen würdevoll hinter uns zu bringen, besitze ich einige Strategien. Manchmal wirkt schon eine davon, manchmal auch keine. Hier also eine unvollständige Sammlung meiner Ideen um mich mit den Kindern durch graue Tage zu wursteln, weil Aufgeben ja nun mal keine Option ist.

1. Stressfaktoren ausschalten
Das Fiese: Sie sind nicht immer offensichtlich, aber manchmal hilft auch deren bloße Enttarnung ungemein. Wenn der anstehende Besuch nervt, sage ich ihn ab. Weil, deshalb.
Hatte ich Streit, versuche ich mir zu überlegen, ob es Lösungen geben könnte oder ich es für mich einfach beilegen kann – einfach für gerade jetzt, wo ich ohnehin nichts an der Tatsache ändern kann. Manchmal schreibe ich auch einen Brief oder eine Nachricht. Rant. Abschicken muss ich diese verbale Explosion meist gar nicht mehr. (Falls mein Partner jemals meinen „Notizen“-Ordner auf dem Handy liest, wird er anschließend vermutlich drei Wochen wimmernd in der Zimmerecke verbringen.)

2. Ausheulen
Egal, bei wem. Ich bin in der glücklichen Position einen Partner zu haben, dem ich fernmündlich über den Tag verteilt jede klitzekleine Katastrophe mitteilen kann – das hilft mir gegen den Lagerkoller. Je nach Thema splitte ich allerdings auch und klage mein Leid sämtlichen anderen Handy-Kontakten, dafür sind sie doch da, oder? Auch bei Instagram, Facebook, StudiVz und so weiter lassen sich Mitgefühl und Zuspruch einheimsen. Es gibt zudem etliche, nie veröffentlichte Blog-Einträge. Hauptsache das Ich-allein-gegen-die-Widrigkeiten-des-Alltags-Gefühl wird abgepuffert.

3. Slow down
Beziehungsweise ich slowe die Kinder down. Gibt’s heute keinen fröhlichen Spaziergang mit anschließendem heißen Kakao und Bücher lesen, sondern „Snow Patrol“ bis die Augen tränen. Kakao geht ja trotzdem immer. Viel, für alle. Ein Tag Tiefkühl-Pizza bringt kein Kind an den Rand des Nährstoffmangels und von drei Tagen ohne sternförmig geschnitzter Apfelstücke gibt es noch kein Skorbut. (Das zur Sicherheit vielleicht nochmal googlen.) Unterschätzt wird in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung eines Lieferservices. (Mein Dan Danielo nimmt Bestellungen sogar per Whatsapp entgegen, so muss ich nicht mal mit jemandem sprechen! Whoop whoop!) Pädagogisch wertvoll? Isses.
Weil Vorbild im Eigene-Ressourcen-Wahren, zudem bedürfnisorientiert. Vor allem, wenn die Alternative eine T-Rex-mäßig brüllende Mutter wäre, die das gute Bio-Essen gegen die Wand klatscht.

4. Akzeptanz
Ich nehme meine Laune hin und weihe die mich heute zu ertragen habenden Menschen ein: „Sorry, ich habe heute schlechte Laune weil [das und das] oder ich weiß ja auch nicht, warum. Das hat nichts mit dir zu tun, echt nicht. Daher gibt es heute nur das Sparprogramm, ich brauche Zeit um vor mich hinzumuffeln.“ Das stößt je nach Alter meines Gegenübers natürlich auch mal auf komplett desinteressierte Spuckeblasen oder wird mit „Mami, weißt du eigentlich, dass Dinosaurier Steine gefressen haben?“ beantwortet. Immerhin übe ich mich dadurch wieder im vorbildhaften Gefühle benennen.

5. Körperkontakt
Die Sache mit dem Oxytocin und so. Wenn wilder, heißer Sex keine Option ist (soll vorkommen), lässt sich vielleicht wenigstens ein Hund kuscheln (Zur Not im Park auf die Lauer legen!). Meine Kinder lassen sich auch hervorragend ganz bewusst lange drücken, abknutschen und nicht zuletzt sind sie auch wunderbar im Trösten.

6. Verzeihen
Häufig macht es mich wütend, dass ich schlechte Laune habe und so völlig entgegen meiner Idealvorstellungen mit meiner belebten Umwelt interagiere. Das ist natürlich wenig zielführend und ein elender Teufelskreis. Ich gebe, was ich kann. Manchmal ist das vielleicht nicht sonderlich viel, aber mehr ist da anscheinend gerade nicht in mir drin. Das ist okay, weil ich ein Mensch bin und das Sprichwort mit dem benötigten Dorf zum „Kinder in die Länge ziehen“ stimmt. 
Ich verzeihe mir meine begrenzten Kraftreserven und entschuldige mich bei meinen Kindern. Ich kann jederzeit wieder neu anfangen, schlimmstenfalls halt erst morgen.

7. Gönn dir
Die Wäsche darf heute in der Maschine bleiben und morgen nochmal ’ne Runde drehen. Oder auch übermorgen. Auch, wenn das erhöhte Strom- und Wasserkosten von 1,50 Euro mit sich bringt. Oder ich starte eine Retail-Therapy, indem ich mir je nach finanzieller Situation Blumen, den teuren Jogurt oder das Buch, auf das ich schon ewig scharf bin, schenke. Weil ich es mir wert bin und so.

8. Let it go
Manchmal (!) hilft mir äußeres Entrümpeln um meinem inneren Chaos Herrin zu werden.
Aussortieren, wegschmeißen, online verkaufen. Einen Versuch ist es wert. Zumindest mal die Mülltüte in die Hand nehmen und losgehen, wenn es mich nach 10 Minuten nervt, kann ich ja immer noch aufhören. Manchmal ist aber auch hier Akzeptanz die bessere Lösung. Das Chaos in der Wohnung besteht aus Dingen, die am Boden liegen und/oder herumstehen. Sie sind mobil und dieser Zustand nicht unabänderlich, sondern ich könnte jederzeit etwas dagegen tun, Und wenn nicht, ist das halt gerade so. Mir das wieder und wieder zu sagen, nimmt dem Chaos seinen Schrecken.
Auch Glaubenssätze loszulassen kann ungemein entspannend sein. Was passiert ernsthaft, wenn ich [das oder das] nicht tue, weil wir es heute nicht schaffen? Eine Mahngebühr, mehr Fruchtfliegen oder vielleicht auch einfach Nichts? Dann ein Abwägen, ist es mir die 5 Euro Mahngebühr wert, meine Kinder und mich im Schweiße unseres Angesichts sowie eventuell unter Tränen noch auf den letzten Drücker zur Bibliothek zu schleppen? Oder könnte ich diese 5 Euro zur Wahrung einer guten Beziehung zu meinen Kindern anderswo einsparen und dann hier investieren? 
Gegen Fruchtfliegen helfen handelsübliche Fliegenfänger.

9. Raus
Die Wohnung verlassen, manchmal auch nur in einen anderen Raum wandern kann helfen. Auf den Spielplatz, zu Ikea (DER kostenlose Indoor-Spielplatz), eine Freundin besuchen, irgendeine Veränderung der Umstände hilft mir häufig, meine schlechte Laune etwas hinter mir zu lassen. Netzwerke sind dafür günstig, vielleicht lässt sich ja mit einer Kita-Freundin ein gemeinsames Abendessen organisieren, so, dass zumindest erwachsene Gesellschaft andere Gesprächsthemen möglich macht. Wenn, ja wenn, da nur das leidige Anziehen nicht vor dem Verlassen der Wohnung wäre. Wenn das großes Konfliktpotenzial birgt, lässt sich bei uns aber manchmal zumindest noch die Oma heranbeordern.

10. It’s all in your head
Jetzt haltet euch fest, denn ich hatte neulich DIE Erleuchtung: Schlechte Laune gibt es nur in meinem Kopf. Sie ist kein Schnupfen, kein gebrochenes Bein, nicht unabänderlich, keine Naturgewalt. Wow. Das muss jetzt erstmal sacken, oder? Aber mal im Ernst: Ich habe an solchen grau-schwarzen Tagen eher das Gefühl völlig fremdbestimmt zu sein, ein willenloses Opfer meiner Launen. Es scheint aussichtslos, nichts und niemand kann mir helfen, ich werde ewig die schlecht gelaunte Scheiß-Mama sein. Ich weiß auch nicht, warum es so ewig gedauert hat, bis obige Erkenntnis wirklich und wahrhaftig bei mir einsetzte, aber mir hilft es, mir immer wieder klar zu machen: Das ist alles in meinem Kopf. Ich könnte (!) das jederzeit sofort ändern. Genauso könnte eine Veränderung der Umstände Wunder wirken: Ein spontaner Besuch von Paddy Kelly – mit einem Geldköfferchen und einer großen Schüssel Mousse au Chocolat – würde meine Stimmung recht sicher verbessern. Zumindest ein bisschen. Ich kann versuchen, mir ein ähnliches High zu schaffen und sei es nur zu „An Angel“ mit dem großen Kind über die Matratzen zu rocken, während das Baby sprachlos daneben liegt.

Anschließend Kakao mit nobler Sprühsahne für alle.

Körperliche und psychische Gründe für Stimmungstiefs abklären!
Bei dem ganzen Thema ist natürlich langfristige Prävention durch Schaffung von Entlastung und Notfall-Sicherheitsnetzen das A und O. Auch körperlich sollte bei häufigen Stimmungstiefs mal abgecheckt werden, ob da eventuell etwas optimiert werden könnte, zum Beispiel im Hinblick auf den Vitamin-D-Spiegel oder die Schilddrüse.
Wenn du vermutest, in eine Depression zu rutschen, gibt es hier zum Beispiel erste Anlaufstellen: Deutsche Depressionshilfe

Und jetzt bin ich gespannt auf eure Ideen und Strategien, was hilft euch beim Weitermachen? Mit den Kindern Mandalas malen, den höchsten Legoturm im Block bauen oder einen Kuchen backen? Zusammen baden oder Fahrrad fahren?

Erzählt doch mal.

ANNE, 1985 am Rande der damaligen Noch-Nicht-Hauptstadt geboren, jetzt dort lebend mit zwei Kindern und Mann. Halb-studierend-freiberuflich arbeitend-bloggend

ZUM WEITERLESEN: Manchmal geht das mit dem Weitermachen nicht ganz so, wie eins sich das wünschen würde. Und manchmal schaut Weitermachen auch nicht wie Weitermachen aus. In dem Text Ich habe nicht weitergemacht erzählt Anne auf ihrem Krähenmutter-Blog eine persönliche Erfahrung damit.


Beitrag erschienen in: weiter.machen

Beitragsbild: Anne

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6 Kommentare

  1. Mel

    Super. Danke für deine tollen Tipps! Zusammen Baden hat mir und meiner Tochter schon über viele Tiefs geholfen. Das ist lustig oder aber sie war allein mit dem Schaum und Plantschen beschäftigt und ich konnte durchatmen. Und: es vergeht viel Zeit dabei 🙂 Gemeinsam kochen ist auch sowas. Es vergeht Zeit und tut uns beiden gut. Rausgehen ist oft schwierig an soclhen Tagen. Aber wenn wir es schaffen, ist es immer toll. Was ich dabei mag: wir spielen gerne Geheimgänge-entdecken, d.h. immer dort abbiegen, wo wir noch nie waren und wo es am spannendsten ausschaut. Wenn all das zu mühsam ist: Fernseher an und netten Film aussuchen.

    • Das mit den Geheimgängen hört sich ganz toll an, das werde ich jetzt auch regelmäßig vorschlagen.
      Wenn, ja wenn, wir es denn überhaupt raus schaffen.
      Das ist ja doch bei einigen immer mal wieder ein Problem.

      Vielen Dank für deinen lieben Kommentar!

  2. Pingback: Linkschau #16 – Coincidence

  3. sabrinaR

    die „rabenmutter“ lässt ihr kind dann und wann an schlechten (oft auch an überarbeiteten) tagen vor den tv oder das tablett, zum schauen und/oder spielen. total verpönt, muss auch sein.

  4. Vielen Dank für den tollen Beitrag, musste so lachen 🙂 Rausgehen ist eigentlich super, wenn diese Übergangsphase nicht wäre, bis alle fertig sind und man auch alles dabei hat, alle nochmal auf dem Klo waren: „Nein, Mama ich muss jetzt nicht aufs Klo“ – eine halbe Stunde später, natürlich kein Klo mehr in der Nähe: „Mama ich muss mal Pippi!“ – Ansonsten genieße ich es immer wenn wir einfach raus gehen. dann freue ich mich auch wenn meine Freundin mit ihren Kindern spontan vor der Tür steht und mich mitzieht 😀

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