Trans* und Elternschaft

von Rix

Foto von twitter.com/ruehrtofu Kunstdruck „smash the cistem“ von twitter.com/kraehenherz

Foto (c) twitter.com/ruehrtofu
Kunstdruck „smash the cistem“ von twitter.com/kraehenherz

Das Thema Trans* und Elternschaft ist ein Thema, welches bisher kaum Beachtung gefunden hat, leider auch nicht im Kontext von Debatten zu feministischen Perspektiven auf Elternschaft. Trans* Eltern mitzudenken ist noch weit weg von selbstverständlich sein. Oftmals gibt es in Sammelbänden, Magazinen, Blogs, usw. – wenn überhaupt – die „Quoten- trans* Person“ oder den „Quoten-Artikel“ zu trans* und alle anderen Texte dürfen dann ruhig weiter cis-sexistisch sein, weil die Quote ist ja erfüllt.

Positiv-Beispiele gibt es aber auch: Queerulant_in hat mit der Ausgabe 8 einen wundervollen Themenschwerpunkt zu Trans*und Elternschaft herausgegeben [1] und im Sammelband „O mother where art thou“  gibt es einen sehr guten Beitrag von Joke Janssen [2] (auch wenn dieser wieder den Eindruck des „Quoten-Beitrags“ über trans* Themen vermittelt). Meiner Ansicht nach kritisiert Joke in diesem Artikel zu Recht, dass die Begriffe trans* und queer in feministischen Texten zu Elternschaft oft nur am Rande geschehen, als Ergänzung oder Aufzählung von Diversität, aber nicht ernsthaft Beachtung finden.

Und nicht nur das. Gerade wenn es um Mutterschaft geht, sind die Biologismen nicht weit. Sehr oft passiert leider die Gleichsetzung von „weibliche Körper“ oder „Frauenkörper“ = Schwangerschaft/ Stillen. So als ob trans* oder queer sein als eine Art Freizeitspaß wahrgenommen wird, aber sobald Kinder ins Spiel kommen, wird’s ernst und plötzlich scheint es doch wieder okay, von „biologischen Müttern“ oder „biologischen Vätern“ zu sprechen [3]. Nun, es ist nicht okay. Überhaupt nicht. Mir ist unklar, wie hunderte Seiten lang Mutterschaft und Muttermythen dekonstruiert werden können, um dann am Ende doch wieder eine Rolle an bestimmte Körper zu binden. Nicht alle Personen die gebären sind Mütter, und nicht alle Mütter können (oder wollen) gebären. Get over it.

Ich bin selbst auch trans* Elter. Ich habe weder einen weiblichen Körper, noch bin ich die Mutter meiner Kinder. Dennoch war ich schwanger und habe die Kinder geboren. Dass ich trans* bin, war mir zum Zeitpunkt der Geburten aber noch nicht so richtig bewusst. Sowohl die Kinder als auch mein gesamtes Umfeld haben mich fälschlicherweise als Mutter/Mama kennengelernt. Welche Zuschreibungen und Anforderungen passieren, sobald eine Person als Mutter gelesen wird, werde ich hier nicht noch einmal aufschreiben. Dazu gab und gibt es inzwischen glücklicherweise sehr viele, auch sehr gute Artikel, Blogbeiträge usw.

Was passiert allerdings, wenn ich mich dieser zugeschriebenen Rolle (mit der ich mich übrigens nie wirklich identifizieren konnte) wieder entziehen will? Im Folgenden werde ich etwas von meinen persönlichen Erfahrungen berichten. Das bedeutet aber auch, dass hier nur eine bestimmte Perspektive, nämlich die eines non-binary trans* Elters (weiß/ abled/ working-class academic), sichtbar wird. Wie Joke Janssen schon treffend bemerkte, ist es ein Privileg, vor einer Schwangerschaft nicht öffentlichen oder medizinischen Zugriffen auf den eigenen Körper ausgesetzt gewesen zu sein. Ein Privileg, welches schwarze, behinderte, kranke, inter* oder trans* Körper in der Regel nicht haben.

Ich persönlich habe auch das Glück, nicht die Zeit als trans* Person erlebt zu haben, in der eine Namens- und Personenstandsänderung mit einer Zwangssterilisation einherging (bis 2011 war das der Fall! [4]). Was aber bleibt, ist der Eintrag auf der Geburtsurkunde der Kinder. Dort werde ich immer die Mutter bleiben, sogar mit altem Namen. Ein entsprechendes Urteil wurde 2014 gefällt, als einem trans Mann nicht bewilligt wurde, als Vater auf die Geburtsurkunde seines Kindes eingetragen zu werden [5]. Das bedeutet in der Konsequenz, dass ich immer dann, wenn es zu Behördengänge wegen der Kinder kommt, einem Zwangs-Outing unterlegen bin. Und es bedeutet auch, dass in der Geburtsurkunde der Kinder eine Person als Mutter eingetragen ist, welche nicht existiert.

In der Kita der Kinder bin ich bisher so halb geoutet. Es ist bekannt, dass ich einen neuen Namen hab, und ich schätze die Kids haben auch über mich geredet (da meine Identität in den letzten Monaten öfter Thema war). Aber ich habe bisher keine Lust gehabt, mich mit dem Kita-Personal zwischen Tür und Angel über mein Geschlecht zu unterhalten. Insbesondere, weil ich eben als nicht-binäre Person wahrscheinlich noch viel weiter mit Erklärungen ausholen müsste, wenn ich bei der Wahrheit bleiben will. „Einfach kein Bock“ Ist auch eine Strategie von Selbstschutz. Und trotzdem: ich zucke jedes Mal zusammen, wenn das Kita-Personal mich anderen Eltern als „die Mama von …“ vorstellt.

Den Kids gegenüber versuche ich so ehrlich wie möglich zu sein, aber auch alles kindgerecht zu erklären. Nach einiger Zeit konnten sie akzeptieren, mich nicht mehr „Mama“ zu nennen. Aber ich weiß auch, dass sie das „nur“ mirzuliebe tun; gerade beim Telefonieren bekomme ich öfter mal mit wie über mich geredet wird. Von den Kindern werde ich ständig misgendert. Das tut weh, aber ich kann es aushalten und bin unermüdlich am korrigieren, immer in der Hoffnung dass sie es genau wie bei dem Namen auch irgendwann hinbekommen. Schlimmer ist es, wenn sie andere trans* Personen aus meinem Umfeld in deren Beisein misgendern oder gemeine Dinge sagen. Es ist so viel Erklär-Arbeit nötig, aber die Verletzung ist bereits passiert. Das führt leider dazu, dass ich einerseits immer unter psychischen Stress stehe sobald die Kids auf befreundete trans* Personen treffen und ich andererseits glaube, dass jene Freund_innen Besuche vermeiden, wenn die Kids bei mir sind (was ich absolut verständlich finde).

Doch dabei glaub ich, andere Lebensrealitäten kennenzulernen wäre super wichtig für die Kindern. Denn leider erfahre ich aus meiner Herkunftsfamilie und von meinem Ex-Partner, dem Vater der Kinder, keinerlei oder nur kaum Unterstützung bzw. bekomme sogar Barrieren in den Weg gelegt. Das führt dazu, dass die Kinder von allen Bezugspersonen – außer mir – viel transfeindlichen und cis-sexistischen Scheiss lernen. Wie oft ich in den letzten Monaten gehört hab: „Papa sagt, Männer können keine Kinder bekommen!“ oder „Du bist komisch“, um nur ein paar der noch „netteren“ Sachen zu nennen. Es ist schwer den Kindern meine Lebensrealität zu vermitteln, wenn gefühlt die ganze Welt dagegen hält. Meine Eltern warfen mir vor, ich würde nicht an die Kinder denken, ich wäre selbstsüchtig. Mein Vater hat mich sogar gebeten „das ganze um 10 Jahre zu verschieben“, damit ich die Kinder nicht „damit“ belasten würde. Sehr häufig wurde mir vorgeworfen, ich würde den Kindern die Mutter wegnehmen. Das ist natürlich Quatsch. Denn zum einen bin ich ja immer noch da, aber eben bitte ohne die Bezeichnung „Mama“ oder „Mutter“. Und zum anderen impliziert diese Aussage, dass die Anwesenheit einer Mutter unablässig sei für Kinder (schwule Väter lassen grüßen, nur so als ein Gegenbeispiel).

Die Gesellschaft hat ein vermeintliches Interesse am Kindeswohl, welches absurderweise durch die Transition in Gefahr gesehen wird. In unserer Gesellschaft werden trans* Personen dann am ehesten akzeptiert, wenn sie erstens „passen“ (also entweder eindeutig als „Mann“ oder „Frau“ gelesen werden) und zweitens „niemanden schaden“. Da aber Familie und Kinder im Besonderen als Allgemeingut verhandelt werden, ist eine Stigmatisierung durch eine Abweichung von dieser Norm vorprogrammiert. Sich offen als trans* Elter zu präsentieren, birgt also immer die Gefahr, von zum Teil völlig fremden Menschen die Kompetenz des Elternseins abgesprochen zu bekommen.

In feministischen Diskursen ist es meistens nicht offene Feindseligkeit, dafür aber um so häufiger die Unsichtbarmachung und Ignoranz, mit der ich konfrontiert bin.  Diesen Artikel hier zu schreiben fiel mir deswegen auch nicht leicht, ist es doch ein Blog zu feministischer Mutterschaft – nicht Elternschaft. Und das Thema trans* Elternschaft ist auf diesem Blog deutlich unterrepräsentiert, wie eine schnelle Suchanfrage offenlegt. Letztlich schreibe ich diesen Artikel aber doch (wie unschwer zu erkennen ist), denn ich möchte gerne die Reichweite der Plattform nutzen, um auf dieses Thema und die damit verbundenen Problematiken aufmerksam zu machen. Und hoffe gleichzeitig, dass meine Worte nicht auf Abwehr stoßen, sondern mögliche Reflektionsprozesse anregen.

Momentan schreibe ich an meiner Master-Thesis zum Thema Trans* und Elternschaft. Hierfür habe ich mich mit anderen trans* Eltern unterhalten. Auch wenn unsere Familien-Konstellationen sehr unterschiedlich sind, so haben wir doch ähnliche (schlechte) Erfahrungen machen müssen, was die Reaktionen auf das „Coming Out“ betreffen. Ich möchte gerne unsere Geschichten teilen; Aufmerksam machen. Ich möchte mein Dasein als Politikum verstehen, denn meine Existenz ist schon Teil meines Trans* Aktivismus.

Am 06. Februar stelle ich in Göttingen erste Ergebnisse aus meiner Master-Arbeit vor. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen. (Link zur Facebook Veranstaltung: https://www.facebook.com/events/1065309106925574/)

Rix ist 28 Jahre alt und Elter* von zwei kleinen Menschen (4 und 6 Jahre alt). Bis vor 2 Jahren wohnten die Kids bei Rix, jetzt wohnen sie bei ihrem Vater.

Wie Rix in diesem Text schreibt, sind Texte zum Thema Trans* und Elternschaft auf umstandslos unterrepräsentiert. Wir können diese Kritik gut nachvollziehen und bedanken uns bei Rix für die Bereitschaft bei uns zu veröffentlichen. Wir möchten in Zukunft Trans*Eltern noch expliziter und gezielter zum Mitschreiben einladen und nicht nur darauf bauen, dass sie sich in unseren allgemeinen Aufrufen angesprochen fühlen. Deshalb auch an dieser Stelle der Hinweis: wenn du einen Text zu Trans*Elternschaft geschrieben hast oder schreiben möchtest, freuen wir uns sehr auf deine Kontaktaufnahme! redaktion@umstandslos.com

[1] Die ganze Ausgabe gibt es zum Lesen und sogar zum Hören ❤  http://www.queerulantin.de/?page_id=796

[2] Joke Janssen (2016): In meinem Namen. Eine trans*/queere Perspektive auf Elternschaft. In: Dolderer/ Holme/ Jerzak/ Tietge: O Mother where art thou? (Queer-)Feministische Perspektiven auf Mutterschaft und Mütterlichkeit. Dampfboot Verlag

[3] Danke an Grantel für die deutlichen Worte: http://grantel.blogsport.eu/bei-schwangerschaft-hort-der-queere-spas-aber-auf/

[4] Vgl. dazu das TSG § 8 z.b. hier http://www.gesetze-im-internet.de/tsg/__8.html

[5] http://www.queer.de/detail.php?article_id=22811

erschienen in: Übergänge

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5 Kommentare

  1. Elise

    Danke für diesen Beitrag, der hoffentlich nur ein Anfang ist, ein Schritt in die richtige Richtung. Mach weiter so!

  2. pitz

    Gerne gelesen, vielen Dank!

  3. Danke für die anregenden Gedanken!!!

  4. Pingback: Text zu Trans* und Elternschaft | fuckermothers

  5. Eva

    Danke für den Nachdenken herausfordernden Beitrag.
    Was mich besonders berührt/traurig macht, ist die Sache mit deinen Kindern. Ich meine damit, dass du schilderst, dass es öfter Situationen gibt, in denen du oder trans*Personen, mit denen du befreundet bist, durch Dinge, die die Kinder sagen, verletzt werden. Ich glaube fest daran, dass unsere Kinder es schaffen, über die Vorurteile unserer Gesellschaft hinauszuwachsen, wenn wir ihnen die richtigen Denkanstöße geben und Vorbilder sind. Deshalb wünsche ich dir ganz viel Zutrauen in deine Kinder!

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