Über das tägliche Scheitern

karin_scheitern_rahmen

von Karin

Karin beschäftigt sich in ihrem Text mit dem Versuch, die Realität mit der eigenen Idealwelt in Einklang zu bringen. Auch wenn sie dieses Scheitern oft als frustrierend empfindet, versucht sie ihren Fokus auf das zu lenken, was gelungen ist.

Ich lebe in zwei Welten. Die eine Welt besteht aus meinen Idealen, meinen Prinzipien, meinen Werten, an was ich glaube, was ich mir wünsche, für mich, meine Familie und darüber hinaus.

Und es gibt diese zweite Welt, die Realität. Diese reale Welt prallt regelmäßig mit einer Heftigkeit auf meine Idealwelt, dass es mich schaudert.

Meine Idealwelt

Ich brauche meine Idealwelt, sie gibt mir Hoffnung, Zuversicht und den Willen jeden Morgen aufzustehen. Gerade in Zeiten wie diesen, wo so viele Herausforderungen auf mich einwirken, dass ich öfters tief durchatmen und innerlich auf „Reset“ drücken muss, um dem Geforderten Stand halten zu können.

Die Realität frustriert mich. Oft. Sie zeigt mir mein Scheitern auf.

In meiner Idealwelt leben wir vier auf einer Ebene zusammen, die sich aus Wohlwollen und Unterstützung gestaltet. Jede/r kann seinen Interessen und Bedürfnissen nachgehen und es geht jeder/m Einzelnen in dem Familiengefüge gut.

Die Realität ist, dass dieser Zustand für uns so ungemein schwer umzusetzen ist, für vier Menschen. Entweder die Kinder sind mehr im Vordergrund und wir Erwachsene treten dadurch mit unseren Bedürfnissen nach freier Zeit, Arbeit und Projekten, Hobbies oder Sozialkontakten in den Hintergrund, oder die Kinder treten mehr zurück und dafür können wir mehr von dem tun, was wir neben der Familie sehr lieben.

Beides zur selben Zeit ist im Alltag nicht wirklich vorhanden. Es bleibt das Gefühl der Zerrissenheit zwischen Arbeitszeit und Kindern oder das Gefühl im Elternsein zu verschwinden.

Gesellschaftliche Erwartungen

Ich fühle mich durch gesellschaftliche Erwartungen an mich als Frau und Mutter sehr eingeschränkt und sehe, dass noch ein weiter Weg vor mir liegt, bis ich mich davon lossagen kann.

Ich fühle häufig ein schlechtes Gewissen, wenn ich Dinge für mich tue, die nichts mit Erwerbsarbeit zu tun haben (wobei ich auch fürs „immer noch studieren“ ein schlechtes Gewissen habe).

Ich wünsche mir, mehr den Fokus auf einzelne Bereiche in meinem Leben legen zu können. Es gibt so viel, dass ich gerne mit meinen Kindern basteln, erleben, lesen möchte und ich würde gerne so viel mehr Yoga praktizieren, endlich wieder laufen gehen, mein Foto-Projekt vorantreiben, meine Masterthesis konkret formulieren, mit Freundinnen frühstücken gehen, mit meinem Mann in die Therme fahren (die Liste lässt sich endlos weiterführen).

Der Tag lässt nur einen sehr kleinen Teil von allem zu und so sehe ich enttäuschte Kinderaugen, wenn für so vieles keine Zeit bleibt. Sport, Projekte, Treffen, Urlaube werden gefühlt ewig nach hinten verschoben und am Ende des Tages fühle ich mich wieder ein bisschen mehr gescheitert an dem was mir wichtig wäre.

Den Fokus auf das setzen was gelungen ist.

Ich habe gelernt dieses Scheitern zu akzeptieren, ein Blog nennt sich „Glücklich Scheitern“ und das ist meiner Ansicht nach ein guter Weg mit dem täglichen Scheitern umzugehen. Ändern kann ich es nicht, frustrierend ist es trotzdem. Jedoch kann ich meinen Fokus auf das setzen, was gelungen ist. Auf alles worin ich erfolgreich war, was gut war an diesem Tag. Es ist nicht einfach, aber drei Kleinigkeiten pro Tag reichen schon: – Yoga praktiziert – Text gelesen – die Sonne genossen. Die positive Psychologie nennt das „the little pieces of happiness“.

Mir hilft diese Methode dabei meine Perspektive zu verändern und einen Ort zwischen meinen beiden Welten zu finden, ein Dazwischen, an dem ich meinem täglichen Scheitern voller Gelassenheit das Gelungene entgegensetzen kann.

Erschienen in Übergänge.

Beitragsbild (c) Maxim Paukov via flickr CC BY-NC-SA 2.0

Rahmen und Zuschnitt: umstandslos

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2 Kommentare

  1. madameflamusse

    Ja das ist so ne Sache mit der Realität einerseits und dem was man sich wünscht oder gern hätte oder was sollte, andererseits. Ein Riesenübungsfeld für jeden find ich. Und eben weit weg von den Glückutopien die eindem dauernd überall präsentiert werden. Glücklich scheitern find ich nen tollen „Begriff“ 😉

  2. Gabi

    „Wenn ich erst 15 Kilo abgenommen habe, dann bin ich glücklich!“ Schade, dass man oft soviel will und so wenig geht. Selbst wenn man keine Familie hätte, könnte man nicht all die schönen Dinge schaffen, die man so gerne machen würde, all die Bücher, Filme, Reisen, Erlebnisse, irgendwie Dinge, die einem auf der Seele brennen. Das Leben ist einfach zu kurz.
    Wir können nur versuchen anzunehmen und im Jetzt zu leben, statt verpassten besseren „Zukunften“ nachzutrauern.
    Soweit so leicht daherzuschreiben… aber wie wird man zufrieden mit dem was man hat statt sich einem individuellen Erlebniskonsum hinzugeben?
    Auf der Suche… vielen Dank für deine inspirierenden Gedanken!

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