Grenzen.los?

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von Kristin

Es wackelt, kracht und sortiert sich neu: Pubertät ist ein wenig so, als würden sich die Kontinentalplatten verschieben, mit ähnlichen Konsequenzen für alle Beteiligten. Kristin macht sich Gedanken zu den neuen Herausforderungen für die Familie, wenn Kinder zu Teenagern werden.

„… aufpassen, dass wir sie nicht verlieren…“ „… jetzt noch Grenzen setzen…“ „… noch nicht von der Leine lassen… Grenzen… Grenzen…“  Ich lächle und nicke. Das ist die eine Sache, die sich wohl nie ändern wird. Auch in der Pubertät wissen alle anderen ganz genau, was am besten ist für dein Kind. Dabei scheint der Verlust einer engen Beziehung und das Abrutschen in wasauchimmer (Drugs, Sex & Rock’n’Roll) eine sehr große Bedrohung darzustellen. Das Versagen der Erziehung.

Ich könnte diese Aussagen natürlich werten als fehlendes Vertrauen in mich und was das Kind und ich aufgebaut haben, aber die wenigsten wissen, was das Kind und ich aufgebaut haben. Sie projizieren ihre eigenen Ängste & Vorurteile einfach pauschal auf (vor allem) Menschen, die als Mütter gelesen werden. Besonders natürlich wenn diese alleinerziehend sind.

Pubertät ist wie eine Art Bestandsaufnahme. Und die meisten Eltern sind zu diesem Zeitpunkt leider nicht zufrieden und beginnen mit einer Art Turboerziehung, um es in den letzten Minuten richtig zu machen. Das ist nicht nur furchtbar, das ist unfair und es funktioniert vor allem nicht. – Jesper Juul

Zu erörtern, was genau unter guter Erziehung verstanden wird, welche Vorstellungen es für den Werdegang für Kinder gibt, die Entwicklung zum Erwachsensein und was das mit der kapitalistischen, leistungsorientierten Gesellschaft zu tun hat, würde jetzt den Rahmen sprengen. Dennoch: Es wackelt, kracht und sortiert sich vieles neu: Pubertät ist ein wenig so, als würden sich die Kontinentalplatten verschieben, mit ähnlichen Konsequenzen für alle Beteiligten. und obwohl ich das Wort Erziehung nicht mag und Ratgeber mindestens genauso wenig, hat der Herr Juul an dieser Stelle nicht ganz unrecht. Auch ohne die ungefragten Ratschläge anderer fing ich an, mich als Elter noch mal ganz neu zu hinterfragen:

Ich schaue meiner Tochter dabei zu, wie sie sich im Spiegel betrachtet. Sie ist groß für ihr Alter und so schön. Mir macht das manchmal Sorgen, aber ändern kann ich es ja sowieso nicht. Ein schwarzes Mädchen in einer rassistischen und sexistischen Welt. Ich kann nur versuchen sie darauf vorzubereiten, was kommt. „Ich weiß, dass ich schön bin.“ Zum Glück. Ich hoffe, das bleibt so. Sie weiß viel & doch habe ich manchmal Angst, ich habe nicht rechtzeitig angefangen.

„Ich beruhige mich damit, dass ich auch als normkonformer Mensch peinlich für sie wäre.“

Ich denke an meine eigene Pubertät zurück und wie furchtbar sie war. Wie sehr ich damals diesen empowernden Teil des Internets, so wie er heute ist, gebraucht hätte. Ich war schüchtern, introvertiert und fühlte mich unwohl in meinem Körper. Warum, kann ich noch nicht genau nachvollziehen, aber mir fehlte der Zugang und so bin ich selbst erst spät zur Feministin geworden. Da war meine Tochter bereits 5. Das sind 5 Jahre, in denen die weiße patriarchale kapitalistische Gesellschaft ihr Spiel treiben konnte. Natürlich wacht eins nicht auf & ist von einem Tag auf den anderen feministisch & antirassistisch, es ist eine Entwicklung und die hat selbstverständlich früher angefangen und dauert bis heute an, aber dass ich dieses Wissen als Mutter nicht von Anfang an hatte, macht mir sehr oft noch ein schlechtes Gewissen. Als wäre ich allein verantwortlich für diese Gesellschaft.

Tatsächlich hat das Kind diese Entwicklung ja aus nächster Nähe miterlebt & das ist vielleicht auch gar nicht so schlecht. Jetzt bin ich jedenfalls laut & sehe komisch aus. „…anders als die anderen Mütter“ sagt das Kind. Verständlicherweise manchmal gar nicht so leicht für sie, die sowieso schon viel kämpfen muss – weil sie nämlich genauso schön laut ist und Rassismus ein Monster – aber mir ist es wichtig, dass ich ihren Rücken stärken, sie beschützen und Menschen und Medien, die sie diskriminieren, in Frage und zur Rede stellen kann. Ich beruhige mich damit, dass ich auch als normkonformer Mensch peinlich für sie wäre.

Während mein Einfluss täglich sinkt, wächst der ihrer Freund_innen und die Außenwahrnehmung auf die Kinder verändert sich. Sie sollen plötzlich keine Kinder mehr sein, werden aber genauso wenig ernst genommen als wären sie noch welche.
Teile der Jugendkultur bieten immer noch viel Problematisches und es ist schwer dagegenzuhalten wenn es doch alle(tm) machen. Es scheint, als würde in der Pubertät diese heteronorme, patriarchalische, cis sexistisch, kapitalistische Gesellschaft noch mal so richtig zuschlagen oder jetzt erst recht? Ein Mensch, der versucht sich selbst zu verorten und mit den Veränderungen im eigenen Körper und der Aussenwelt klarkommen muss, ist eine einfache Angriffsfläche. Erwartungen, Zuschreibungen, Stereotype und Vorurteile werden manifestiert.

Meine Strategie ist es, dem Kind alles nicht jugendgefährdende zu erlauben, aber das Gesehene, Gelesene, Gehörte zu hinterfragen, Diskriminierungen immer wieder aufzuzeigen & ihr entsprechende Alternativen zur Norm anzubieten. Es ist nicht ganz einfach zu ertragen, wenn sie dann „Ich weiß“ sagend die Augen verdreht, es gar nicht hören will oder zu anderen Schlüssen kommt als ich, aber auch das gehört dazu. Sie muss ihre eigenen Erfahrungen machen, sich unabhängige Meinungen bilden und Strategien finden.

„Es wird laut und manchmal knallen Türen und ja, das ist anstrengend, aber ich glaube, es ist die Sache wert“

Wer ein selbstständig denkendes Kind erzieht, muss damit rechnen, dass dieses auch und vor allem als erstes die Elter in Frage stellt. Und selbst wenn es – so albern wie das klingen mag – nur darum geht, den Teller in die Spülmaschine zu räumen. Ich finde es wichtig, nicht alles Verhalten auf die Pubertät(tm) zu schieben, sondern sich anzuschauen welche Gefühle (positiv wie negativ), Ängste und Sorgen möglicherweise dahinter stecken. Dann wird eben diskutiert, es wird laut und manchmal knallen Türen und ja, das ist anstrengend, aber ich glaube, es ist die Sache wert. 

Wenn du als Elter plötzlich und viel zu oft nur noch zuschauen oder auffangen kannst, fühlt man sich hilflos, aber dann ist es wichtig nicht zu vergessen, dass Kinder auch mit 14, 15 und 16 noch Kinder sind und vor allem Unterstützung und vertraute und vertrauende Menschen brauchen, sichere Orte, zu denen sie zurück kehren können, jemand, der ihnen zuhört, auch wenn sie Fehler machen. Wurzeln. Auf Grenzen stoßen sie nämlich genug.


Beitrag erschienen in: übergänge.

Beitragsbild © Kristin, Rahmen: umstandslos

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4 Kommentare

  1. Pingback: Grenzen.los? – me, myself & child

  2. Ein toller Text. Meine Tochter wird jetzt erst vier Jahre alt, aber ich frage mich jetzt schon, wie das wohl später in der Pubertät zu werden wird. Meistens freue ich mich drauf, manchmal habe ich Angst, alles in allem habe ich sehr viel Respekt vor dieser Zeit. Ich hoffe, ich schaffe es dann, so stark zu sein, wie du es in diesem Text vermitteln kannst.

  3. Pingback: Linkschau #14 – Coincidence

  4. Eva

    Ich finde ja, dass Du die Pubertät viel zu negativ schilderst. Natürlich, Unsicherheit und Ausgeschlossenwerden, Schwierigkeiten mit der eigenen körperlichen Veränderung gibt es. Aber, zumindest in meiner Erinnerung, war es doch auch eine Zeit, in der ich neues ausprobiert habe, mir selbst ganz neu erlebt habe, Grenzen überschritten habe. Und das sind doch auch super positive Aspekte. Mein Vorsatz dafür ist jedenfalls, das nicht aus den Augen zu verlieren, wenn meine Kinder zu Jugendlichen werden. Und ich hoffe, ich behalte mein Vertrauen darein, dass die Kinder kompetente und an der Basis solide Wesen sind, die auch ein bisschen Kontinentalplattenverschiebung heil überstehen werden.

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