„Meine Mutter war eine starke Frau“

Von Pitz

Je älter ich werde, je mehr ich gelesen habe, desto mehr fällt mir ein seltsamer Gemeinplatz in Interviews auf. Dort fällt manchmal gönnerhaft der Satz: „Wissen Sie, ich bin unter starken Frauen großgeworden“ oder „Sie müssen dazu wissen: meine Mutter war eine starke Frau“. Davon gibt es noch eine Handvoll Abwandlungen, zum Beispiel mit den Verben „aufwachsen“ und „prägen“. Eine illustre Sammlung folgt unten (1)Ähnlich charmante Äußerungen sind: „Da müssen Sie meine Frau fragen“ und „Meine Frau hält mir den Rücken frei“.

Ich fand das immer ein bisschen rätselhaft, mittlerweile macht es mich sogar einigermaßen wütend und ich halte es für eine prächtige Idee, hier ein wenig zu sortieren, was es mit dieser Redewendung auf sich hat. Eines soll noch vorausgeschickt werden: Um die zitierten starken Mütter* und Frauen* selbst geht es mir gar nicht – was weiß ich schon über die. Mir geht es einzig darum zu verstehen, was es bedeutet, wenn in der Presselandschaft solche Tropen blühen. Die starken Frauen*, bei denen aufgewachsen wurde, haben einen als positiv geschilderten Effekt auf die interviewte Person gehabt, sie sind Teil des Grundes für den Erfolg dieses Menschen, und der Erfolg führt wiederum dazu, dass Interviews angefragt werden. Diese Redeweise wird lobend, mutter- oder frauenpreisend eingesetzt und bewegt sich damit auf dem Feld der Affirmation des Mütterlich-Weiblichen, das deutlich in der Komfortzone des Mutterschaftsdiskurses liegt.

„Starke Mütter“ – schwache Mütter*?

Die Erwähnung von „starken Müttern“ impliziert, dass es auch andere gibt – das sind dann schwache. In welcher Hinsicht werden sie so klassifiziert? Meistens geht es um inspirierende Willensstärke, eine Eigenschaft, die sich leider schlecht messen lässt und dem leidigen Zufall unterliegt. Es hat nicht jede einen dicken Kopf (und einen dicken Kopf haben auch manche Männer* und Dackel*). Die willensschwachen, nachgiebigen, zögerlichen, die, die gute Gründe haben, sich nicht durchzusetzen, die fallen durchs Raster des Zeitungslobs. Was könnte noch dazu führen, dass eine Mutter* als stark charakterisiert wird?

Ein mittelmäßig ausführlicher Blick in alle möglichen online verfügbaren Interviews von Prominenten zeigt, dass Meinungs- und Urteilsstärke hervorgehoben werden, ferner finanzielle Unabhängigkeit, Geduld und Durchsetzungskraft auf Arbeit, Kompetenz. Diese Punkte betonen die Bildung, die nervliche Stärke und die wirtschaftliche Selbständigkeit der „starken Mutter“, wobei der schwierigere Zugang zu Bildung, das Kleinmachen von Mädchen*, Frauen* und insbesondere Müttern* und strukturelle Probleme bei der Erwerbsarbeit von Müttern* nur implizit mitschwingen, aber nicht deutlich benannt werden. Der Fokus der Redeweise von der „starken Mutter“ liegt dann nur noch auf ihrer Person, die hinderlichen Umstände des Patriarchats, mit denen sie sich diesen Titel erworben hat oder sogar erwerben musste, fallen in den meisten Interviews ziemlich hinten runter – logo, das sind keine Feel-good-Themen. Weitere Merkmale der „starken Mutter“ sind folgende: sie übt Einfluss auf ihr später prominent gewordenes und über sie redendes Kind aus, sie ist verlässlich, umgänglich und vermittelt dem Kind ein als besonders empfundenes Wissen. Das sind, nun ja, ganz klassische Merkmale für eine Bilderbuchmutter.

Die „starke Mutter“ ist dann die, die – man kann vor Verblüffung kaum atmen – die Erwartungshaltung an eine Mutter* erfüllt. Was ist mit den anderen Müttern*? Die finanziell abhängig sind, den Mund nicht aufkriegen, depressiv werden, keinen Kinderbetreuungsplatz ergattern können, ungebildet und/oder inkompetent und sperrig im Umgang sind? Mit denen kann man dann nicht angeben, falls man mit derart schwachen Müttern*, denen man wenig verdankt, überhaupt prominent und zum Interview gebeten wird.

Mutterlob macht Mutterideal

Diese Mütter*, und ich befürchte, das ist die unglamouröse Mehrheit, haben im Zusammenhang mit der „starken Mutter“ eine einzige, große Freiheit: Über sie wird nicht in Interviews geurteilt, ohne dass sie selbst etwas dazu sagen könnten. Das Mutterlob dient der Mutterbeurteilung und der Mutterunterscheidung. Ohne das Patriarchat gäbe es diese Technik des divide et impera nicht. Müttern* wurde und wird durch gewisse strukturelle Umstände die Erziehungsarbeit als Hauptbeschäftigung aufgedrückt, und dann schaut man, wie sie sich so anstellen.

Dass viele der unten zitierten ihr Mutterlob sehr liebevoll intendieren, wirkt wie der Zucker in einer Speise, deren Schimmelgeschmack durch kein herzliches Nachsüßen überdeckt werden kann. Denn die Wendung von der „starken Mutter“ entlarvt einmal mehr, dass Carearbeit an der Generation der derzeitigen interviewgebenden Leistungsträger_innen fast ausschließlich von Frauen* erledigt wurde. Jetzt bin ich nur gespannt, wann die ersten Interviews mit einflussreichen Frauen* erscheinen, in denen sie zu ihren starken Vätern* befragt werden.

 

(1) Dazu gibt es im sueddeutsche magazin, Heft 41/2013 eine hübsche Sammlung.

Stephanie Nannen über Henri Nannen, 2013: „Henri war mit starken Frauen aufgewachsen, sie führten ihn, sie prägten ihn, er verließ sich auf sie.“

Lenny Kravitz, März 2012: „Aber für mich muss ich im Hinblick auf das weibliche Geschlecht sagen: Ich bin unter starken Frauen aufgewachsen, meine Großmutter, meine Tanten, meine Mutter haben mich großgezogen, und all dies in Zeiten, die nicht leicht waren. Die Frauen waren immer die Felsen in meinem Leben.“

George Clooney, August 2011: „Ich bin mit starken Frauen aufgewachsen, meine Mutter ist stark, so wie auch meine Schwester und meine Tante Rosemary Clooney. Ich habe mich in der Gesellschaft von Frauen immer wohl gefühlt. Ich habe ein paar wirklich tolle weibliche Freunde und die Freundschaft ist dabei absolut unromantisch.“

Michelle Obama über Barack, November 2011: „Barack ist mit starken Frauen aufgewachsen. Er wuchs in einem Haushalt auf, in dem seine Großmutter die Haupternährerin war. Er sah, wie sie sich von einer Banksekretärin in eine Leitungsposition hocharbeitete. Seine Mutter war alleinerziehend. Er kennt die Kämpfe also, die Frauen durchstehen müssen, und er weiß, dass es da Ungleichheit gibt.“

Ryan Gosling, August 2012: „Ich bin in einer Familie mit starken Frauen aufgewachsen. Jegliche Fähigkeiten, Frauen zu verstehen, verdanke ich meiner Mutter und meiner großen Schwester“.

Cornelia Scheel über Mildred Scheel, 2015: „Meine Mutter war eine starke Frau und fragte nicht nach seiner [des Kindsvaters] Unterstützung. Und durch ihren Kampf, der mit sehr viel Arbeit verbunden war, spürte ich deutlich, dass es dabei um uns ging. Sie tat das alles für sich und ihre Tochter, und so entstand das enge Band zwischen uns“.

Diane von Fürstenberg, November 2015: „Meine Mutter war eine starke Frau. Sie wurde als junge Frau nach Ausschwitz ins Konzentrationslager gebracht und überlebte die 18-monatige Tortur. Nach ihrer Rückkehr wog sie nur noch 29 Kilo. Meine Großmutter und mein Vater kümmerten sich um sie und halfen ihr Stück für Stück wieder zu Kräften zu gelangen. Meine Mutter wünschte sich dann nichts mehr als ein Baby zu bekommen, doch der Arzt hatte ihr aufgrund ihres schlechten körperlichen Zustands verboten in den nächsten fünf Jahren schwanger zu werden. Es sei eine Gefahr für sie und das Baby würde nicht normal zur Welt kommen, meinte der Arzt. Neun Monate später kam ich zur Welt. Und war tatsächlich nicht normal! (lacht)“

Jonathan Franzen, November 2014: „[…] Als Schriftsteller will man ja irgendwie die Welt erfassen, und da es nun mal um die Hälfte der Menschheit geht, sollte man sich schon etwas anstrengen, deren Sichtweise nachzuempfinden. Und ich hatte viel Erfahrung [mit vielschichtigen Frauen als Vorlage für vielschichtige Frauenfiguren in qualitativ hochwertiger Prosa]. Meine Mutter war eine starke Frau, mit der ich viel Zeit verbracht habe, und mit einer ebenso starken Frau bin ich mit 23 eine Ehe eingegangen, die hielt, bis ich 35 war. In meinen ersten drei Lebensjahrzehnten habe ich mehr Zeit mit Frauen verbracht als mit Jungen und Männern.“

 


 

Bild: wikipedia commons über die library of congress. Rahmen: umstandslos

Erschienen in: widerständig.

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3 Kommentare

  1. Danke für diese spannenden Reflexionen! Ein Gedanke, der mir gerade kam, ist, wie oft mit „starker Mutter“ indirekt auf einen abweisenden oder sonst wie für die eigene Biografie destruktiven Vater hingewiesen wird und die Mutter gewollt oder nicht eine Doppelrolle ausfüllt.

  2. Pingback: Reblogged: „Meine Mutter war eine starke Frau“ – mexikanisch geplant

  3. Pingback: … und wenn es der Mutter schlecht geht? – aufZehenspitzen

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