Widerständig leben mit Kindern

Von Lisa

Früher – vor den Kindern – war ich gefühlt widerständiger.

Oder anders formuliert – ich war öffentlich widerständiger, soweit man das in dieser Gesellschaft überhaupt sein kann.

Die Frage, ob es überhaupt möglich ist, widerständig gegen ein System zu sein, das Widerstände effektiv zur Abgrenzung und zur Definition der eigenen Normen nützt, habe ich für mich selbst mittlerweile übrigens meistens zur Seite gelegt. Ich habe viel darüber nachgedacht, ob ich wirklich etwas an bestehenden Verhältnissen verändern kann, oder ob jede Aktion von mir zu einer Gegenreaktion (oder zu gar keiner Reaktion?) führt – die nicht unbedingt etwas besser machen muss und vielleicht sogar Bestehendes verfestigt.

Ich habe diese Frage zur Seite gelegt, weil es für mich irrelevant ist. Es gibt Bereiche, da kann ich gar nicht anders, weil mein moralischer Kompass sagt, dass das jetzt so sein muss und nicht anders.

Und nichts tun hat auch tatsächlich sowieso noch nie irgendwas verbessert.

Schweigen oder Resignation können keine Antwort sein.

Noch nie. Und vor allem auch nicht jetzt. Mitten in Zeiten der Umweltkrisen, Systemkrisen und der Erstarkung der rechten Parteien weltweit.

Der Backflash im Denken und in den Worten ist überall spürbar und das macht mir Angst.

Vor den Kindern war ich mehr unterwegs, auf Veranstaltungen, auf Demos und immer auch selbst am Organisieren und Tun auf unterschiedlichsten politischen Ebenen.

Dann kamen die Kinder und alles wurde anders. Zu Beginn hatte ich das Gefühl, es wird schwieriger. Entpolitisiert Windeln wechseln und sich plötzlich über so viele Alltagsdinge den Kopf zerbrechen müssen, dass die „Weltrettung“ oder auch nur die Alltagspolitik weit dahinter zurück stecken mussten.

Ich glaube, in der Schreibabyzeit habe ich nicht einmal Zeitung gelesen. Ich war so beschäftigt damit, mich um das Baby zu kümmern und wenn es mal einen Moment der Pause gab, dann wollte ich eigentlich nur schlafen.

Beim ersten Kind wusste ich das noch nicht und habe mich daher selbst manchmal furchtbar unpolitisch und passiv gefunden – aber diese Selbstzweifel waren vollkommen deplatziert.
Es gibt Phasen, die sind so dermaßen intensiv (und für die meisten Menschen ist die Säuglingszeit so eine Phase – auch ohne Schreibaby), dass die Welt rundherum fast stillsteht. Stillstehen muss. Weil die eigene, kleine Welt sich gerade so rasend schnell bewegt und das ist anstrengend genug.

Doch diese Zeit ging vorbei und die restliche Welt hat wieder mehr Bedeutung hier bekommen. Und es stellt sich die Frage – auf welche Art kann man mit Kindern widerständig gegen ein System sein, in dem (meiner Meinung nach) so einiges komplett schief läuft?

Vor den Kindern hatte ich nicht einmal eine vage Vorstellung, wie ich mein oft von gesellschaftlichen Normen abweichendes Sein und die Erziehung von Kindern unter einen Hut bringen könnte. Ich fragte mich, ob ich mich dazu mehr anpassen müsste (was ich nie wollte). Mittlerweile weiß ich, das muss ich sowieso nicht.

Ich muss eigentlich nur ich selbst sein und gut erklären können – was – warum – und warum nicht.

Ich finde mittlerweile, der tiefste Kern eines abweichenden Lebens mit Kindern besteht ganz oft einfach darin, so zu leben, wie man es für richtig hält – das auch laut zu sagen und zu verteidigen, wenn das nötig wird. Alternativen zu finden und den Kindern viel Selbstbewusstsein mit auf den Weg zu geben, diesen Weg mitgehen zu können (bzw. bis zu einem gewissen Alter müssen, Eltern kann man sich nicht aussuchen), sie zu stärken und auf Momente der Konfrontation vorzubereiten.

Das Tolle an Kindern ist, sie haben einen ganz feinen moralischen Kompass, der noch nicht von gesellschaftlichen Normen so verändert wurde, dass ihnen gar nicht auffällt, dass das, was sie tun, eigentlich komplett scheiße ist (wie zum Beispiel andere Leute niederbomben. Oder Menschen ausschließen, nur weil sie anders sind, als man selbst, oder künstlich gezeugte und speziell gezüchtete Tiere unter unwürdigsten Bedingungen zu mästen und zu töten, als wären es seelenlose Produkte, etc. etc.).

Kindern muss man das Meiste nur kurz beschreiben und dann ist es klar. Dass der homosexuelle Prinz zum Beispiel natürlich den anderen Prinzen heiratet, weil sie verliebt und glücklich sind. Ohne die ganzen gesellschaftlichen Normen im Hintergrund ist das nämlich der einzig logische Schluss.

Zwei sind verliebt und glücklich – also sollen sie so leben. Punkt.

Oder dass ein Babyschwein gerne Mamamilch von seiner Mama trinken will und mit seiner Familie gemeinsam über eine Wiese laufen können.

Oder dass die Natur kaputt wird, wenn wir alles zumüllen.

Und wenn man zu ihnen sagt, der Eine ist gemein zu einer Anderen, weil er glaubt, er selbst ist besser, weil er eine andere Hautfarbe hat – dann schauen die Kinder groß und verstehen das nicht. Das kann man auch nicht verstehen. Denn es ergibt einfach keinen Sinn.
Aus dieser Perspektive betrachtet haben mir die Kinder eine Art von Widerständigkeit gezeigt, die ich vor ihrer Geburt nicht am Radar hatte: Dass das Herunterbrechen von vermeintlich komplexen Erwachsenenthemen auf eine klare und kurze Erklärung meistens dazu führt, dass auch andere Erwachsene (und nicht nur Kinder) aufhorchen und sich selbst fragen müssen – wie absurd ist das eigentlich.

Und das verändert tatsächlich oft mehr, als eine hochkomplexe Streitdiskussion.

Das gibt mir Hoffnung für die Zukunft, auch und trotz Zeiten wie diesen.

Wir können eine andere Welt machen, indem wir sie einfach machen und uns nicht entmutigen lassen.


Bild: (c) Lisa. Rahmen umstandslos.

Erschienen in: widerständig

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