Hex Hex – Mutter sein mit Behinderung

 

Von Elisabeth Löffler

Ja, ich will“, antwortete ich schnippisch, um die eigene Unsicherheit und Angst nicht hochkommen zu lassen und der Frage meiner Mutter, warum ich mir das auch noch antun möchte, keine weitere folgen zu lassen. Die Reaktion meiner Mutter hat mich weder verwundert noch kam sie unerwartet.

Ich war damals 39, körperlich behindert ohne Aussicht auf eine längerfristige Partnerschaft oder Alimente und außerdem gewollt, geplant und glücklich schwanger.

Seit vielen Jahren wünschte ich mir ein Kind und als sich bis Ende 30, keine Beziehung ergeben hatte, in der ein Kind auch seinen Platz finden konnte, entschied ich mich für einen eher unkonventionellen Weg, und mit einiger Planung und viel Glück, konnte ich mir den Wunsch nach einem Kind erfüllen (Video).

Meine Tochter ist mittlerweile 6 ½ Jahre alt und weiß, was Barrierefreiheit bedeutet, besonders wenn diese nicht gegeben ist. Denn dann müssen wir warten, bis eine „richtige U-Bahn kommt“ – eine, wo die Mama auch hinein kann. Dann zaubern wir gemeinsam wie Bibi Blocksberg, aber das funktioniert nicht immer.

HEX, HEX möchte ich sagen

Dann gibt es sie, die bedarfsgerechte, bundesweit einheitliche Persönliche Assistenz für alle Menschen mit Behinderung. Vielleicht wird daraus auch ein Persönliches Budget, natürlich.

Die unterstützte Entscheidungsfindung löst die Sachwalterschaft ab und auch Frauen mit Lernschwierigkeiten können sich für eine Mutterschaft entscheiden. Und bevor ich als unrealistische Träumerin abgestempelt werde, möchte ich auf die UN-Behindertenrechtskonvention, Artikel 23 verweisen, die Sozialminister Dr. Erwin Buchinger im März 2007 unterzeichnet hat.

Der Artikel 23 der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet die Vertragsstaaten wirksame und geeignete Maßnahmen zu treffen, um die Diskriminierungen von Menschen mit Behinderungen auf der Grundlage der Gleichberechtigung mit anderen in Fragen der Ehe, Familie, Elternschaft und Partnerschaft zu beseitigen.

Die rechtliche Lage ist klar – es geht jetzt nur noch darum, diese Rechte auch umzusetzen.

Wer ist für Sie zuständig?“

In Internetforen finden sich einige wenige Artikel von Müttern mit Behinderung. Auffallend ist dabei, dass diese oft einem bestimmten Schema folgen.

Am Beginn der Kinderwunsch der Frauen, die Kraft dieser Frauen, sich diesen Wunsch, trotz mehr oder weniger offener Widerstände zu erfüllen.

Dann eine kurze Beschreibung der anfänglichen Schwierigkeiten – wobei es weniger um die persönlichen als um bauliche und Unsicherheiten sowie Unwissenheit der nichtbehinderten Mehrheit geht – und wie sie und ihre Kinder diesen im Kindergarten- und Schulalltag mit Wort und Tat entgegen wirken.

Schließlich das HAPPY END: Glückliche Mutter, glückliches Kind und ein verständnisvolles Umfeld.

Dabei wird in Wirklichkeit das Wohl des Kindes gern vorgeschoben, um die Rechte der Mutter mit Behinderung zu ignorieren.

Eine meiner größten Ängste war, dass mir das Spital oder das Jugendamt das Kind wegnehmen wird. Daraus folgte der innere Druck, die beste, perfekteste Mutter mit dem gesündesten Kind sein zu müssen, sonst passiert das Befürchtete.

Und tatsächlich war gleich die erste Frage der Sozialarbeiterin, als ich wegen Komplikationen früher als geplant, ins Spital musste: „Wer denn für mich zuständig sei und sich um das Kind kümmern würde, wenn wir wieder zu Hause sind“.

So landete ich wieder einmal in der Rolle der „Lehrbeauftragten“, die über Selbstbestimmt Leben, Persönliche Assistenz und Menschenrechte referiert.

Doch zurück zum Wunsch, der Mutter der Tat!

Mein Kinderwunsch stand schon in sehr jungen Jahren fest, die reale Möglichkeit, ihn mir auch unabhängig vom Einverständnis oder Wohlwollen anderer zu erfüllen, rückte erst durch das Leben mit Persönlicher Assistenz in greifbare Nähe.

Meine praktische, jahrelange Erfahrung mit selbstbestimmtem Leben mit Persönlicher Assistenz, sowie die Bestärkung durch einzelne Personen in meinem privaten Umfeld gaben für mich letztlich den Ausschlag, diesen Weg zu wagen.

Auch gegen den Widerstand von anderen, weit weniger unterstützenden Personen, gegen die meist von GeherInnen ausgedrückte „Skepsis“.

Verwandte, beste FreundInnen, aber auch entferntere Bekannte, bis hin zu Unbekannten auf der Straße – alle fühlten sich berufen, mir zu erklären, wie schwierig es doch sein würde, und immer wieder die Frage: „Wieso willst du dir das auch noch antun?“

Ja, der Alltag mit Kind und mit der eigenen Behinderung kann schwer sein – und ja, selbstverständlich sind solche Schwierigkeiten zu bewältigen. Passende Unterstützung ist dafür ein Schlüsselelement – Persönliche Assistenz das praktische Modell dazu.

Die Fragen bleiben – der Rechtfertigungsdruck auch

Bist du sicher, dass du das schaffst?“ „Wer soll sich wirklich um das Kind kümmern?“ „Hat er dich verlassen?“ „Bist du vergewaltigt worden?“ „Willst du das Kind behalten?“- all diesen Fragen wollen wir Einhalt gebieten, und treten deshalb öffentlich so auf, als würden wir alles schaffen.

Wir können das, und wir sind auch immer glücklich dabei. Zweifel können da keinen Platz finden, nicht zuletzt, weil es ja nicht mehr nur um uns geht: Spielplätze, Kindergärten und Schulen, die nicht barrierefrei sind, zeigen auch unseren Kindern: Da passt was nicht.

Sie hören: „Deine Mama ist arm, die ist im Rollstuhl.“ Ich helfe dir gern in der Sandkiste, deine arme Mama kann ja nicht dazu.“ Ganz ehrlich, welches Kind hat gern eine arme Mama?

Inklusion heißt auch, dass meine Tochter nicht erklärt bekommt, dass ihre Mama arm sei, sondern dass die Erwachsenen ihre eigenen Bilder von Glück und Unglück beiseite stellen und sich von ihr und anderen Kindern von Müttern mit Behinderung erklären lassen, wie cool es sein kann, mit einer Mama im Rollstuhl an all den anderen vorbei zu flitzen.

Inklusion heißt auch, dass das Konzept der Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen konkreten Niederschlag in den Ausbildungen von KindergartenpädagogInnen, LehrerInnen, Gesundheitspersonal, SozialarbeiterInnen, MedizinerInnen etc. findet.

Wir wollen nicht mehr hexen müssen

Meine Tochter hext, und ich versuche, die Zauberkraft in die politischen Kämpfe mitzunehmen. Ich fordere, gemeinsam mit anderen AktivistInnen der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung, Persönliche Assistenz.

Kann nicht fassen, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten noch immer von dieser Unterstützungsform ausgeschlossen sind, und dass für sie die Möglichkeit oder gar das Recht auf Elternschaft damit noch weiter in die Ferne rückt.


Elisabeth Löffler ist Performancekünstlerin und Lebens- und Sexualberaterin in Wien. Hat die Peer-Beratungsstelle Zeitlupe von Ninlil mitaufgebaut und war die erste Leiterin. Sie ist Vorstandsmitglied bei BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben.

Grafik: (c) Judith Klemenc. Rahmen umstandslos.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der Zeitschrfit AEP-Informationen 3/2016 des Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft. Außerdem ist er erschienen bei BIZEPS.

Erschienen in: widerständig.

 

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2 Kommentare

  1. Eva

    Danke für den schönen und informativen Beitrag! Ich habe mir über dieses Thema vorher noch keine Gedanken gemacht und finde es (auch nach dem Schauen des Videos) toll, dass Du gegen gesellschaftliche Widerstände so entspannt und zugleich bestimmt Deinen Weg gehst.

  2. Anna

    Danke für diesen wunderbaren Artikel! Wir arbeiten zu dem Thema mit Menschen mit Beeinträchtigung und unterstützen sehr gerne bei Entscheidungsfindungen. Ein Vorbild wie das dieser Frau hilft bestimmt weiter, dass wir uns der Inklusion im vollen Umfang nähern! Gratuliere und DANKE …..Verein Senia, Linz

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