Über Mütter

uebermuetter

von Sarah

Seit ich weiß, dass ich schwanger bin, mache ich mir Gedanken darum, wie und wo ich mir am besten vorstellen kann, ein Kind zu bekommen und die erste Zeit mit ihm zu verbringen. Mein Freund wohnt in einer anderen Stadt, bisher sehen wir uns nur am Wochenende und im Urlaub. In dieser anderen Stadt wohnen auch meine und seine Herkunftsfamilie. Ich bin direkt nach dem Abitur vor 13 Jahren weggezogen und lebe seitdem mal mehr, mal weniger weit entfernt. Seit sieben Jahren ist mein Zuhause eine Stadt ungefähr zwei Stunden weit weg, hier habe ich einen engen und für mich sehr wichtigen Freund_innenkreis aufgebaut, den ich auch Familie nenne.

Als Mutter weiter ich sein können

Die Vorstellung, ein Kind zu bekommen, wirkt weniger zu groß und bedrohlich, wenn sich für mich damit nicht alles auf einmal ändern würde. Sprich: wenn ich in meinem gewohnten Umfeld bleiben kann, meine Freund_innen weiterhin täglich sehen kann, nicht umziehen muss, mich weiterhin in selbst gewählter Schwesternschaft geborgen fühlen kann. Oder andersherum: die Vorstellung, in die andere Stadt zu ziehen, wo nicht nur meine, sondern auch seine Familie sind, erzeugt ein Gefühl der Enge in meinem Brustkorb, die ich durch tiefes Seufzen wegatme. Ich habe das Gefühl, dort nicht ich sein zu können, weil ich dort Freundin, Tochter, Schwester und Schwiegertochter bin. Alles Rollen, die mit extrem hohen Erwartungen einhergehen. In meiner Stadt bin ich ich, weil ich mir alles hier selbst aufgebaut und gewählt habe. Wenn ich Mutter werde, möchte ich trotzdem weiterhin ich sein können und ich möchte nicht allein sein.

Mythos Mutterliebe

In einem Telefonat mit meiner Mutter deute ich diese Überlegungen an und spreche von meiner Angst, allein mit der riesigen Überforderung Kind in einer fremden Umgebung zu sitzen, während für meinen Freund das allermeiste weitergeht, wie zuvor. Ich hätte wissen müssen, dass das ein Fehler war, denn die Geschichten meiner Mutter über ihre Erfahrungen des Mutter Werdens und Seins kenne ich seit frühester Kindheit zur Genüge: die fünf Jahre, die sie wegen meiner Schwester und mir zuhause war, waren die beste Zeit ihres Lebens, sie hat nichts vermisst und kann überhaupt nicht verstehen, wie manche Frauen nicht so lange zuhause bleiben möchten, sondern lieber arbeiten gehen. Mit der Erzählung des Mutter-Sein-ist-das-Beste-was-einer-Frau-im-Leben-passieren-kann bin ich aufgewachsen, inklusive der Allround-Keule: das kannst du erst verstehen, wenn du selbst Kinder hast. Entsprechend ihre Reaktion in unserem Telefonat: ja, sagt sie, das mit der Planung sei schön und gut, aber meist entwickle sich dann doch alles anders und „man“ fände mit Kind dann doch anderes wichtig, zum Beispiel brauche „man“ dann eben seine eigene Mutter sehr. Sie zum Beispiel sei glücklich darüber gewesen, so viel Zeit allein mit uns zuhause zu sein, ihr habe nichts gefehlt, sie habe komplett in sich geruht und keine anderen Menschen um sich herum gebraucht. „Das kann man sich eben vorher nicht richtig vorstellen“ schließt sie ihre Bevormundung. Ich merke wie ich wütend werde und sage etwas zu streng: aber ich kann ja nur davon ausgehen, was ich mir im Moment wünsche und wie ich es gern hätte. Dass ihre Reproduktion des Mythos der uneingeschränkten, aufopferungsbereiten und märtyrerhaften Mutterliebe mich ankotzt, sage ich nicht. Dann wäre ich wieder das distanzierte, akademisch-verkopfte Kind, das schon noch sehen wird, wie das mit Kind so ist: nämlich genau wie bei ihr.

Von Bevormundungen und Einmischungen

Dabei schließe ich überhaupt nicht aus, dass sich Prioritäten verschieben, wenn erstmal ein Kind da ist, dass ich vielleicht doch gern mehr Zeit allein mit ihm zuhause hätte und mir das mit-Baby-Sein vollkommen genügt. Was mich so nervt, ist die universalisierende Verallgemeinerung: das ist eben so, „man“ kann sich das nur vorher nicht vorstellen. Ich empfinde das als Bevormundung und Einmischung, weil es nämlich meine Gefühle und Gedanken nicht ernst nimmt. Anders wäre das Gespräch verlaufen, hätte sie gefragt, was ich mir wünsche und weshalb mir das wichtig ist, und hätte dann von ihren Erfahrungen erzählt. Denn was so zurück bleibt, sind vorprogrammierte Schuldgefühle: wenn ich nicht, wie sie, vollkommen in der Mutterrolle aufgehe, ist irgendwas falsch mit mir. Das äußert sich ja jetzt schon darin, dass ich nicht in die andere Stadt ziehen möchte und stattdessen auf meinem selbst geschaffenen Umfeld bestehe. Schuld empfinde ich deshalb schon jetzt: weil ich meinen und seinen Eltern das zukünftige Enkelkind vorenthalte, weil es mir wichtiger ist, meine Freundinnen um mich zu haben. Und so ist er schon fleißig am Werk, wo das Ding in meinem Bauch erst knapp fünf Wochen alt und so groß wie eine Himbeere ist: der Muttermythos.

Sarah ist Anfang dreißig und zum ersten Mal schwanger. Neben ihrer Promotion denkt sie gerade viel über selbst gewählte Schwesternschaft, feministisches Schreiben, die eigene Stimme und über Feminismus und Schwangerschaft/Mutterschaft nach.

erschienen in: widerständig

Beitragsbild (c) idccollage via flickr

CC BY-SA 2.0

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11 Kommentare

  1. Ich sitze 400 km von der Herkunftsfamilie entfernt allein mit Kind in meiner Stadt, weil mein Mann beruflich unter der Woche auch weg ist. Diese Stadt habe ich mir auch selbst ausgesucht und mein Leben hier gelebt. Ich kann nur sagen: Deine Freundinnen werden dir das Kind nicht regelmäßig und verlässlich abnehmen und auch nicht für dich kochen, wenn du es aufgrund chronischer Überforderung bis Mittag nicht geschafft hast, zu duschen und was für dich zu essen zu machen. Und die Anfangszeit mit Kind ist, sorry, kein Zuckerschlecken, auch wenn das in diversen Magazinen anders dargestellt wird…Blood is thicker than water…Aber die Entscheidung umzuziehen kann man auch noch im Wochenbett treffen, falls Du es erstmal versuchen willst.

  2. Ich muss mich meiner Vorrednerin leider anschließen. Es ist schwieriger regelmäßig Freundinnen zu akquirieren, die dich unterstützen, als Großeltern zu fragen, die sich meist ohnehin darum reißen, dass Enkelchen mal betreuen zu dürfen. Das muss nicht ausschlaggebend sein, man kann auch alleine mit gutem Netzwerk in einer Stadt klar kommen, aber ich glaube, dass es schwieriger ist. Und ich behaupte, dass man mit der Elternschaft reift. Jede Mutter muss ihre Rolle selbst definieren, heraus finde, wie sie ihr Kind so erziehen kann, dass es ihr und dem Kind gut geht. Da wird es relativ schnell unwichtig, was die Oma vom Erziehungsmodell hält, denn die muss schließlich nicht in der Nacht 6 mal aufstehen. Das Leben wird existenzieller 😉

  3. Sophie

    Ich weiß zwar seit der Geburt unseres Kindes die Nähe der Schwieger-Familie auch mehr zu schätzen als vorher (in unserem Fall wirklich eine enorm große Unterstützung, aber das ist sicher auch nicht überall so), andererseits sind auch meine Freund*innen extrem wichtig für mich… allein schon das Gefühl, dass sie in der Nähe sind, wenn ich sie brauche… Ich kann jedenfalls verstehen, warum du eigentlich nicht in die Herkunftsstadt zurückziehen magst! Meiner Erfahrung nach reißen sich beim ganz kleinen Baby eh noch mehr Freund*innen darum, mitzubetreuen… Bei uns ist es außerdem so, dass die Schwiegereltern auch 2 Stunden entfernt wohnen – das gilt in diesem Fall als Nähe – und trotzdem regelmäßig zu uns kommen. Falls es eine Gesprächsebene gibt, auf der ihr sowas besprechen könnt, könnt ihr vielleicht darüber reden, ob Oma/Opa sich vorstellen könnten, regelmäßig für einen ganzen Tag zu euch zu kommen oder auch mal über Nacht, oder ob Du/ihr mit Kind regelmäßig in die Herkunftsstadt fahrt und dort dann alleine was machen könnt……Oder was es sonst für Formen gibt, wie sie euch unterstützen und eine Beziehung zum Kind aufbauen können. Alles Gute!! 🙂

  4. MiraLi

    Ich lebe (weiter) in einer größeren WG, auch mit mittlerweile 13 Monate altem Kind. Eine Stunde von meiner Herkunftsfamilie entfernt, (manchmal leider) sehr nahe bei meiner „Schwiegerfamilie“. Bei meinen Freund_innen fällt es mir leichter, tatsächlich meine Bedürfnisse aufzuzeigen und Hilfe dahingehend zu erbitten. Die Familie sieht klassischer -das-Baby- und -die-Mutter-. Ich hätte gerne die Möglichkeit, wieder mehr zu arbeiten – meine alte Stelle war befristet und ich bekomme derzeit nur Absagen. Die Vorstellung, die 13 Monate bis hier hin hauptsächlich mit meinem Kind allein verbracht zu haben, macht mir Angst. Dann hätte das Kind definitiv schon eher in außerhäusliche Betreuung gemusst. So, wie es jetzt ist, unterstützen mich meine Freund_innen.
    Ich finde es schade, aus den bisherigen Kommentaren herauszulesen – „Und irgendwie hat deine Mutter doch recht…“ – Ich finde mich da nicht wieder. Mütter sind Menschen sind unterschiedlich. 🙂

  5. Sophie

    Ich wollte nicht die Botschaft vermitteln, dass „deine Mutter irgendwie doch recht hatte“ – ich seh das wie MiraLi: Menschen sind unterschiedlich! Wir leben übrigens auch in einer WG; macht es nicht immer nur einfacher, aber oft schon und ich würds gerade nicht missen wollen.
    Ach ich habe gerade einen Haufen Gedanken im Kopf – wie das so ist, wenn andere Eltern ihre eigenen Erfahrungen als DIE allgemeingültigen Erfahrungen setzen…. Und wie es so ist, die eigene mütterliche Identität (mir fällt gerade kein besserer Ausdruck ein) zu finden – zwischen Ablehnung des Muttermythos und trotzdem alles richtig machen wollen…. Und das ganze in den eigenen familiären Dynamiken….
    Jedenfalls danke für Deinen wirklich schön geschriebenen Text, Sarah!

    • Sarah

      Ich danke euch für die Kommentare und Gedanken zu meinem Text. Vor allem über die letzten drei bin ich sehr froh, denn die ersten beiden haben mich schon ein wenig deprimiert. Denn in meinem Text geht es ja nicht vor allem um die Frage, wer das Kind mitbetreut, sondern um meine eigene „Betreuung“, mein Umfeld, meine Bedürfnisse und den Wunsch nicht nur Mutter zu sein. Die Kommentare in die Richtung „blood is thicker than water“ haben mich daher schon überrascht, vor allem hier.

  6. Sarah

    Ich danke euch für eure Kommentare und Gedanken zu meinem Text! Vor allem die letzten drei Kommentare haben mich erleichtert, denn in meinem Text geht es ja nicht vor allem um die Frage, wer das Kind mitbetreut, sondern um meine eigene „Betreuung“ – mein Umfeld, meine Bedürfnisse und den Wunsch, nicht nur Mutter zu sein. Das sehe ich einfach in einem selbst geschaffenen und selbst bestimmten Umfeld eher verwirklichbar. Deshalb haben mich die ersten zwei Kommentare à la „blood is thicker than water“ doch verwundert, vor allem auf dieser Plattform. Es geht mir außerdem nicht um ein Entweder-Oder: natürlich möchte ich gern, dass mein Kind eine Beziehung zu seinen Großeltern aufbauen kann und auch ich werde ihre Hilfe brauchen. Das aber zu meinen Bedingungen zu gestalten – und dazu gehören Freund_innenschaft und andere Bezugspersonen für das Kind unbedingt dazu – wäre mir wichtig. Ich bin gespannt, wie das gelingen wird.

  7. Eva

    Ich möchte kurz einen Kommentar von oben aufgreifen: Besonders wichtig finde ich es, für sich selbst verschiedene Optionen offen zu halten. Wenn du dich bei deinem guten Freund_innenkreis am besten aufgehoben fühlst, sehe ich erstmal keinen Grund, in die andere Stadt zurückzuziehen. Schon gar nicht, dass es vielleicht (???) nach der Geburt so oder so einfacher sein könnte. Dennoch fand ich es bei mir selbst schwer, im Vorhinein einzuschätzen, wie es mir dann mit Baby im Haus wirklich geht (und auch wie gut meine Freund_innen mich unterstützen würden – da gab es aber auch welche, die ganz toll waren). Daher im Kopf offen bleiben. Aber nicht, damit du die beste Mutter wirst, sondern damit du dein Leben so organisierst, wie es für dich am besten ist.

  8. Hannah

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Beziehung zu meiner Mutter nicht einfacher geworden ist, seit ich selbst Mutter bin und wäre bisweilen froh über eine größere räumliche Distanz. Ich denke nicht, dass es gut wäre der (Angst vor) Spannungen zum Trotz in die Nähe der Herkunftsfamilie zu ziehen, weil die Spannungen im Zweifelsfall wohl eher schlimmer würden?! Gerade wenn die Vorstellung von Kontinuität nicht unbedingt ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt…

  9. Liebe Sophie, ich bedauere, dass du die Aussagen deiner Mutter als Bevormundung empfindest.Mir scheint, als läge da tiefergründig etwas im Argen. Ich wünsche Dir, dass du in der Zeit deiner ersten Schwangerschaft im Jetzt leben kannst, nicht in der Zukunft. Diese Gedankenspiralen…manchmal lassen die einen nicht mehr los und verhindern, dass es uns gut geht. Das ist eine allgemeine Aussage, ob sie zu dir passt, entscheidest du selbst. Vielleicht entscheidest du dich, deine Schwangerschaft durch eine Hebamme oder Doula begleiten zu lassen? Solch eine Begleitung kann ein gutes Netz sein, um sich abzusichern, physisch und psychisch. Alles Gute für dich und dein Kind.

  10. Liebe Sarah, ich kann dir nur raten, deinen eigenen Instinkten zu trauen. Gerade wenn es nahe an die Geburt geht und erst recht, wenn das Kind dann da ist, wirst du so viele Kommentare und Ratschläge und auch schlicht und einfach Bevormundungen erfahren (sehr auch durch die Großeltern beider Seiten), dass du deine eigene Stimme gar nicht früh genug entwickeln kannst. Und lernen, sie durchzusetzen! Ansonsten bereust du hinterher die vielen Kämpfe und Überlegungen, die dir in einer Zeit, in der man ohnehin ständig müde ist, auch noch das letzte bisschen Kraft geraubt haben. Also Fazit: Überlege, was du willst, traue dir, lasse keine Diskussionen über deine Entscheidungen zu und setze sie durch. Und wenn du dann merkst, dass sich die Situation verändert hat und du doch lieber wieder in die Stadt deiner Eltern ziehen möchtest, dann – Überraschung! -kannst du deine Meinung immer noch ändern. 🙂
    Alles Liebe,
    Sara

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