Bedürfnisse – meine!

von Antonia

Hier ist es also wieder, dieses Gefühl die eigenen Bedürfnisse permanent verteidigen zu müssen und in bestimmten Situationen besonders aufpassen zu müssen, sie von außen nicht komplett abgesprochen zu bekommen.

Geht es mir gut, geht es mir gut.

Vor drei Monaten habe ich mein zweites Kind bekommen. Und neben der unfassbaren Freude, die so ein Baby ins Haus bringt, finde ich es nicht einfach es zu betreuen und dabei selbst nicht ganz auf der Strecke zu bleiben. So habe ich es in den Anfangsmonaten mit meinem ersten Kind empfunden und so geht es mir auch jetzt. Eltern, und meistens sind es in den ersten Monaten die Mütter, die die Säuglingsbetreuung übernehmen, sollten sich diese Aufgabe so angenehm wie möglich gestalten können. Und zwar nicht in erster Linie, weil das auch für das Kind gut ist. Dieses Motto „Geht es der Mutter gut, geht es dem Baby gut“ behagt mir irgendwie nicht. Es betont diese symbiotische Beziehung, die es definitiv ist, noch einmal besonders und ist auch stark geschlechtsbezogen, oder kennt ihr den Zugang „Geht es dem Vater gut, geht es dem Baby gut“?

Nein, ich möchte mir bitte selbst am nächsten bleiben, als Mutter und als Nicht-Mutter und deshalb sage ich: „Geht es mir gut, geht es mir gut.“

Ich bin also wachsam und aufmerksam und äußere meinen Widerstand, wenn mir Bedürfnisse abgesprochen werden. Nicht immer bin ich so schnell, das gleich zu verstehen, oder in der Lage meine Bedürfnisse direkt zu äußern, aber ich lerne!

Entscheidungsmacht über den eigenen Körper

Anfangen tut das Ganze ja schon in der Schwangerschaft. Plötzlich gibt es ganz viele Menschen, die meinen für die Bedürfnisse des Wesens in meinem Bauch eintreten zu müssen und mitreden zu dürfen. Das klingt stark nach der Ideologie von Abtreibungsgegner*innen und kommt in der Rhetorik auch oft sehr ähnlich daher. Die Entscheidungsmacht über den eigenen Körper wird einer schneller abgesprochen als frau einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand hält.

Nehmen wir das Beispiel Schwangerschaftsübelkeit. Ich habe in meiner ersten Schwangerschaft ein paar Mal versucht von Ärzt*innen Hilfe diesbezüglich zu bekommen und mehrmals zu hören gekriegt: „Dem Baby geht es gut. Wollen Sie, dass ich einen Ultraschall mache? Aber dem Baby geht es bestimmt gut. Wenn Ihnen so schlecht ist, ist das sogar ein gutes Zeichen für die Entwicklung der Schwangerschaft.“ Nun ja, wenn ich mich an Ärzt*innen wende, weil ICH mich schlecht fühle, dann möchte ich, dass man sich um meine Bedürfnisse kümmert und meine Beschwerden nicht einfach ignoriert, auch während einer Schwangerschaft nicht.

Hauptsache gesund

Ähnlich schwierig finde ich es, wenn Frauen von verletzenden, vielleicht traumatischen Geburtserfahrungen erzählen und die Reaktion darauf häufig ist: „Na Hauptsache gesund.“ Hauptsache gesund? Offenbar ja nicht. Die Frau hat doch gerade erzählt, dass sie eben nicht gesund aus dem Ganzen hervorgegangen ist. Empathie ist anders.

Stillen und eigene Bedürfnisse

Eine besondere Herausforderung, wenn es um das Hintanstellen eigener Bedürfnisse geht, ist auch die Stillzeit. Neulich habe ich einen Artikel gelesen, in dem es darum ging, wie sich Mütter das nächtliche Stillen so angenehm wie möglich gestalten können. Darin fanden sich so tolle Ideen wie, sich den Laptop mit der Lieblingsserie neben das Bett zu stellen, oder eine Lieblingsschokolade zu kaufen, die eine immer nur beim Stillen in der Nacht isst. Oder dem Partner/der Partnerin eine „Schicht“ mit abgepumpter Milch oder Fertigmilch zu überlassen. Großartige Ideen finde ich. Für mich war alleine schon die Perspektive überraschend. Wenn ich Google frage, welche Möglichkeiten es gibt, den nächtlichen Stillrhythmus meines Babys von derzeit maximal zwei Stunden etwas zu verlängern, finde ich in erster Linie Ratschläge wie „Tun sie das nicht, es wird die Stillbeziehung zerstören.“, „Ihr Baby hat sicher seinen Grund, warum es so oft trinken will. Vielleicht hat es gerade einen Entwicklungsschub.“ etc. Nun gut, vielleicht habe ich auch einen Grund warum ich schlafen will.

Kaffee!

Wenn ich dann nach diesen Nächten, in denen ich nie länger als ein bis zwei Stunden am Stück geschlafen habe ins Kaffeehaus gehe und mir einen Kaffee bestelle, meinte ein Kellner neulich doch glatt mit Blick zum Baby: „Sind Sie sicher?“ Ja, ich bin sicher. Ich bin sicher, dass ich sowohl als Mutter als auch als Nicht-Mutter weiterhin selber über meine Bedürfnisse entscheiden möchte und von meinem Umfeld erwarte, dass diese auch gehört werden. Und dass ich irgendwann einmal in meinem Erwachsenenleben mit einem Kellner darüber verhandeln muss, ob ich einen Kaffee trinken darf oder nicht, hätte ich mir auch nicht erträumen lassen.

giphy_coffee

Erschienen in widerständig.

GIF source: imgur by Beitragsbild (c) Fabrizio Maestroni via flickr CC BY 2.0

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6 Kommentare

  1. pitz

    Der Kellner braucht einen Entwicklungsschub.

  2. ❤ Wir sollten wieder einmal auf einen Kaffee gehen. Oder auf zwei.

  3. Ein schlichter, schöner, wahrer Text – ich bin froh, dass es ihn und euch gibt. ❤️

  4. Angelika Armbrust

    Juppiii!!!! Endlich mal jemand, der mir aus der Seele spricht. Schade, dass meine Schwiegermtter bei Dir nicht in der Schule war. Sie hat mir das Kind im Restaurant sogar auf die Toillette nachgebracht, da das Kind zur Mama wolle. Zeit für mich war Zeit im Aldi, welche sie immer mit „Was????!!!! Du gehtst ohne das Kind einkaufen???? Wie soll Dein Mann das packen???“ kommentiert hat. Duschen oder Haushalt machst Du halt Abends wenn das Kind schläft….Ja und als ich eine Lungenentzündung hatte. §Wie es Dir geht interessiert mich nicht. Mich interessiert nur mein Enkel und mein Sohn. Hauptsache Ihnen geht es gut…“. Klasse gell?!Heute stehe ich zum Glück drüber. Ich nahm mir irgendwann vor. Für jedes fiese kommentar einen Monat nicht anzurufen und bin nun auf 10 Jahre befreit. Sie ruft auch nie an und so habe ich meine Ruhe.

  5. Pingback: Linkschau #13 – Coincidence

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